Feuilleton

Homer und der Panzergeneral

DALLAS, im November

Der Nasher-Skulpturenpark im Museumsquartier von Dallas ist nicht arm an spektakulären Ausstellungsstücken. Das spektakulärste stammt von Jonathan Borofsky und zeigt eine lebensgroße Gruppe von Frauen und Männern, die auf einer aus dem Boden ragenden dreißig Meter langen Stahlstrebe einfach losmarschieren. Scheinbar ungehindert von jeder Schwerkraft, stürmen sie direkten Wegs in den Himmel.

Borofsky müssen für seine Skulptur literarische Übersetzer Modell gestanden haben. Ähnlich losgelöst von allen Fesseln ihres eher niederschmetternden Alltags präsentierten sich jedenfalls die rund 250 Literaturübersetzer, die zur dreißigsten Tagung der American Literary Translators Association, kurz Alta, nach Dallas gekommen waren. Schon die Wahl des Tagungsortes in Texas zeugt von Mut und einer Portion Galgenhumor. Die Einstellung der Einheimischen spiegelt sich treffend in dem alten Witz zur Frage des Fremdsprachenunterrichts an texanischen Schulen: „If English was good enough for our Lord Jesus Christ, it's good enough for Texas.“ Doch was übersetzte Bücher ausländischer Autoren angeht, müsste nicht nur an texanischen, sondern an allen amerikanischen Buchhandlungen ein Aufkleber mit der Aufschrift prangen: „Wir müssen leider draußen bleiben.“

Versprechung der Versprecher

Man kann auch anders in Texas. Dafür hat nicht zuletzt Alta-Gründungspräsident Rainer Schulte gesorgt. Aus dem deutschen Lehrersohn, geboren 1937 im Hunsrück, wurde in den siebziger Jahren ein Amerikaner und in den Achtzigern aus dem an Lyrik interessierten Literaturwissenschaftler Schulte ein interdisziplinär arbeitender Professor für translation studies. Schulte versteht seine Disziplin keineswegs als linguistische Hilfswissenschaft, sondern sieht im literarischen Übersetzen den Königsweg zur Interpretation schlechthin. Erst wer die Frage „Was meint der Text?“ um die produktivere Frage „Wie meint der Text?“ erweitere, so Schulte, könne einem literarischen Kunstwerk Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Dieser Ansatz hat die University of Texas in Dallas überzeugt. Gerade wegen ihrer naturwissenschaftlichen Ausrichtung begierig auf eine geisteswissenschaftliche Orchidee, richtete die Universität Schulte 1980 ein Zentrum für Übersetzungsstudien ein. Das Center for Translation Studies ist die Heimat von Alta, dort erscheint die Zeitschrift „Translation Review“, und dort plante man auch den opulenten Kongress zum Dreißigsten der literarischen Himmelsstürmer.

Vier Tage herrschte Babel in Texas. Dank dreier paralleler Programmschienen mit zweisprachigen Lesungen, Paneldiskussionen, Filmvorführungen und Konzerten hatte die grimme Wirklichkeit des amerikanischen Buchmarkts zeitweilig ihr Recht verloren – eine Wirklichkeit, in der übersetzte Literatur eine weitaus geringere Rolle spielt als etwa im deutschen. Der transatlantische Transfer der Literaturen ist in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr zur Einbahnstraße geworden; so stehen heute über 3500 jährlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Büchern gerade mal beschämende achtzig Titel gegenüber, die den umgekehrten Weg finden: eine schockierende Zahl, die noch größere Bestürzung auslösen muss, wenn man bedenkt, dass sie Belletristik, Sach- und Fachliteratur umfasst. Für die anderen großen europäischen Sprachen fällt die Bilanz ähnlich düster aus: Trotz größerer geographischer Nähe sind auch Lateinamerika und Asien im Buchhandel der Vereinigten Staaten so gut wie nicht existent, und ein Blick in die Kinderbuchregale offenbart endgültig die trostlose Tyrannei der Monoglottie.

Niemand weiß das besser als die amerikanischen Literaturübersetzer. Deshalb war ihr Treffen von zwei Elementen geprägt, die sich in der Regel ausschließen: intellektueller Passion und Ironie. Ob zu Letzterer allerdings auch der Vorschlag einer aus Marokko angereisten Übersetzerin zu zählen war, in ihrem Heimatland Kontakte zu preisgünstigen Druckereien für Übersetzungen ausländischer Literatur herzustellen und diese von dort in die Vereinigten Staaten zu importieren, blieb am Ende offen. Am eindringlichsten zu spüren war beides, Passion und Ironie, im Vortrag des Mediävisten Dennis Kratz. Ausgehend von Homers Sirenen, die Odysseus nicht mit Erotik, sondern mit Weisheit lockten, sprach er über Übersetzung als Versuchung und landete bei einer Meditation über die Frage, ob das spanische „estúpido“ wirklich als angemessene Wiedergabe des jiddischamerikanischen Slangausdrucks „putz“ gelten könne. Etwas von jenem quecksilbrigen Wortwitz blitzte auch in einer Einlassung des in Deutschland lebenden Kanadiers Robert Elsie auf, der albanische Literatur ins Englische übersetzt und sich über seine britischen Lektoren beschwerte, die seine „pants“ stets in „trousers“, seine „sidewalks“ in „pavements“ und seine „diapers“ in „nappies“ korrigierten.

Spurenelemente davon waren selbst noch in John Felstiners Vortrag zur Lyrik Paul Celans und Pablo Nerudas zu finden, berichtete Felstiner doch, wie ihm ausgerechnet die Versprecher der Dichter auf historischen Tondokumenten für seine Übersetzungen Lichter aufsteckten. Felstiner zitierte als Beispiel für die Grenzen des Übersetzbaren einen der seltenen Kalauer Celans. In einem Brief an einen österreichischen Freud, in dem von Nazi-Verbrechen die Rede ist, leitet Celan mit der Formulierung „Naja, Sch(m)erz beiseite“ zu einem anderen Thema über; Felstiner wusste mit „Well then, all choking/joking aside“ eine mehr als passable Lösung anzubieten.

Mitunter fühlte man sich unter den Übersetzern in Dallas an die Familiarität belächelter Subkulturen wie die von Modelleisenbahn-Freaks, Gamern oder des Science-Fiction-Fandoms erinnert. Doch während dort der Preis dieser Nestwärme eine nicht selten erstickende Weltfremdheit ist, verhält es sich bei der Wagenburgmentalität der amerikanischen Literaturübersetzer gerade andersherum: Gerade ihre Weltläufigkeit macht sie zu Sonderlingen, leben sie doch in einer Gesellschaft, in der 53 Prozent aller Erwachsenen einer Erhebung des National Endowment for the Arts zufolge im letzten Jahr kein belletristisches Buch in die Hand genommen haben, geschweige denn ein übersetztes.

Texte in vorderster Front

„Seid fruchtbar und mehret euch!“ – mit diesem Bibelwort schloss Steve Wasserman, der langjährige Literaturchef der „Los Angeles Times“, seinen apokalyptischen Vortrag darüber, wie eine Welt ohne Übersetzung aussähe. Wassermans kulturkritische Pointe bestand darin, dass er diese Welt längst für gekommen hielt, sie sei nämlich draußen vor der Tür des Tagungshotels in Dallas. Andererseits hatten sich die Programmmacher fest vorgenommen, die literarischen Übersetzer in Dallas auf keinen Fall nur im eigenen Saft schmoren zu lassen, und deshalb neben Wissenschaftlern und Essayisten, Lyrikern und Romanciers auch einige Paradiesvögel eingeladen, darunter zwei Pianisten und einen Panzergeneral.

Während Stefan Litwin in einer brillanten Darbietung erläuterte, wie Robert Schuman Motive aus Jean Pauls „Flegeljahren“ in Musik übersetzte und welche Übersetzungsleistung wiederum der Schumann-Interpret am Klavier leisten muss, entzündeten sich am Vortrag des mit seiner Panzerbrigade bei „Desert Storm“ und in Bosnien eingesetzten Gregory Fontenot die Gemüter der Übersetzer. „Translating in Support of Military Operations“ war als Vortragstitel wenig glücklich gewählt; die Mehrzahl der amerikanischen Literaturübersetzer wollte ihre Arbeit keinesfalls in den Dienst von Militäroperationen gestellt sehen. Einige Hitzköpfe forderten deshalb die umgehende Ausladung des ehemaligen Berufsoffiziers und heutigen Direktors der University of Foreign Military and Cultural Studies in Fort Leavenworth. Das wäre ein großer Verlust gewesen. Fontenots Ausführungen über das Faible amerikanischer Militärs für vage deutsche Fremdwörter („Auftrag“, „Schwerpunkt“, „Fingerspitzengefühl“), kulturelle Anthropologie und die Falle, im Fremden immer nur das eigene Spiegelbild erkennen zu können, zählten zum Höhepunkt dieser Alta-Tagung. Und seine Verachtung für die Fehler der aktuellen amerikanischen Regierung im Irak unterschied sich nur durch ihre Wohlbegründetheit von der der Protestierenden. So lehrte Fontenots Auftritt vor allem eines: Auch Literaturübersetzer sind nicht frei von der Angst vor dem Fremden.

DENIS SCHECK

(Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.11.07, mit freundlicher Genehmigung des Autors)