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Rosemarie Tietze
nominiert für Lew Tolstoi: Anna Karenina
Für Tolstoi hat sie sich bis vor wenigen Jahren nur am Rande interessiert, ihre Vorliebe galt eher den zeitgenössischen Autoren, und als sie vor ein paar Jahren gefragt wurde, ob sie eine Neuübersetzung der Anna Karenina machen wolle, hat sie zunächst eine Weile gezögert. Doch je länger sie sich dann in diesen Roman vertiefte, desto mehr sind ihr Tolstois Stil und seine Figuren buchstäblich ans Herz gewachsen. So schreibt sie am Ende ihres lesenswerten Nachworts, sie habe sich „angefreundet mit Anna“, mit ihr „gestritten und gehadert“, „auf sie einzuwirken versucht und gebangt um sie“.
Davor hat Rosemarie Tietze seit 1978 so verschiedene Autoren wie Wassili Axjonow, Jewgeni Popow, Ljudmila Petruschewskaja, Vladimir Nabokov, Boris Schitkow und vor allem immer wieder Andrej Bitow übersetzt. Manche Texte mußte sie, bevor es ans Übersetzen gehen konnte, zur Zeit der Sowjetunion überhaupt erst in Rußland oder auch Sibirien entdecken und deutschen Verlagen schmackhaft machen, wozu ein hohes Maß an Geduld und Beharrlichkeit nötig war. Für all dies ist sie mehrmals ausgezeichnet worden, so 1990 mit dem Stuttgarter Literaturpreis, 1995 mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 2003 mit dem Übersetzerpreis der Stadt München und 2008 mit dem „Brücke Berlin“-Preis.
Daneben, als hätte sie mit dieser Literaturvermittlung im weitesten Sinne nicht schon genug geleistet, hat sich Rosemarie Tietze von Anfang an unermüdlich für eine nachhaltige Verbesserung der allgemeinen Übersetzungskultur engagiert, unter anderem als Leiterin selbsterfundener Workshops und Seminare im Kollegenkreis, als Erfinderin und Moderatorin öffentlicher Übersetzerauftritte – und am folgenreichsten als langjährige Präsidentin des von ihr maßgeblich mitbegründeten Deutschen Übersetzerfonds.
Burkhart Kroeber
Leseprobe:
Drunter und drüber ging es bei den Oblonskis. [...] Die Frau des Hauses kam nicht aus ihren Räumen, ihr Mann war den dritten Tag nie daheim. Die Kinder rannten wie verloren im Haus herum; die Engländerin hatte sich mit der Wirtschafterin zerstritten und schrieb einer Freundin ein Billett, sie möge sich nach einer neuen Stelle für sie umtun; der Koch hatte gestern das Weite gesucht, noch während des Diners; Küchenmagd und Kutscher baten um Auszahlung.
(Anna Karenina, München: Hanser, 2009, S. 7)
Все смешалось в доме Облонских. [...] Жена не выходила из своих комнат, мужа третий день не было дома. Дети бегали по всему дому, как потерянные; англичанка поссорилась с экономкой и написала записку приятельнице, прося приискать ей новое место; повар ушел вчера со двора, во время самого обеда; черная кухарка и кучер просили расчета.
(vom Anfang des Ersten Teils, 1. Kapitel)
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