Preis der Leipziger Buchmesse 2010 in der Kategorie Übersetzung

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Hubert Witt

nominiert für Abraham Sutzkever: Wilner Diptychon
(Bd. 1: Wilner Getto 1941-1944; Bd. 2: Gesänge vom Meer des Todes)

Hubert Witt

Hubert Witt weiß nichts davon, dass er zu meinen Lehrern zählt. Wie auch? Habe ich doch das Übersetzen an keiner Schule gelernt und erkenne selber erst im Rückblick, nach über 30 Berufsjahren, die Zunftmeister, von denen ich mir mein Handwerk abgeschaut habe.

Geboren 1935 in Breslau, studierte Hubert Witt in Leipzig Germanistik, arbeitete von 1959 bis 1986 als Lektor beim Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig, lehrte dann bis 1993 am dortigen Literaturinstitut, initiierte 1990 den Leipziger Literarischen Herbst, leitete dieses Projekt viele Jahre lang, gehörte für eine Dekade dem ehrenamtlichen „Sächsischen Kultursenat“ an und ist neben all dem seit über sechzig Jahren als Herausgeber und Autor tätig. Vor allem aber ist er Übersetzer, vornehmlich von Lyrik, genauer noch, er ist der Übersetzer aus dem Mittelhochdeutschen und dem Jiddischen.

Besonders mit seinen in den sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahren in der DDR erschienenen Übersetzungen aus dem Jiddischen, etwa von Mendele Mojcher Sforims Fischke der Lahme oder von Scholem Alejchems Stempenju. Im wahrsten Sinne des Wortes Pionierarbeit leistete er mit der Anthologie Der Fiedler vom Getto, für die er als Herausgeber und Übersetzer verantwortlich zeichnet und die u. a. Gedichte von Jizchok Lejb Perez, Mordechaj Gebirtig, Jizchok Kaznelson, Jisroel Stern, Kadja Molodowski, Itzig Manger, Rajzel Zychlinski, Hersch Glik und Abraham Suzkever enthält. Nicht minder hoch zu rühmen sind indes seine Übertragungen aus dem Altdeutschen, etwa von Walther von der Vogelweide und Oswald von Wolkenstein, seine vielen klugen und erhellenden Nachworte, seine enorme Leistung als Herausgeber, etwa von Werken Bertolt Brechts, Joseph Roths, Arno Schmidts, Günter Bruno Fuchs’, Wolf Biermanns, Jürgen Tellers und Günter Kunerts. Und schließlich sind da noch ein gerüttelt Maß an „Nachdichtungen“, wie er selbst es nennt, von Gedichten, unter anderem von Carl Michael Bellmann, William Shakespeare (von dem er vier Sonette übersetzte), Louis Aragon, Ossip Mandelstam, Francesco Petrarca, Percy Byshe Shelley und Jannis Ritsos. Mit einem Wort: Hubert Witt ist Sprachkünstler, Philologe und Entdecker in einer Person, einer, der viele Schätze der Literatur für unser Weltverständnis geborgen hat, einer der großen Literaturvermittler unserer Zeit.

Mit Abraham Sutzkevers Gesängen vom Meer des Todes und seinem Bericht vom Wilner Getto 1941-1944 hat Hubert Witt uns 65 Jahre nach der Shoah Dokumente von erstaunlicher Ausdruckskraft und Sprachgegenwärtigkeit ans Herz gelegt und so ein monumentales Werk der jiddischen Literatur vermittelt und tradiert, dessen Größenordnung und Bedeutsamkeit ihresgleichen sucht, ein Monument der ersten Stunde, entstanden um 1945, dessen Unmittelbarkeit über all die Jahrzehnte hinweg in Witts Übersetzung gegenwärtig ist. Dass dieser authentische Ton, diese Satzfolgen aus der Erfahrung der künstlich, also vernichtungstechnisch konstruierten Hölle uns treffen und in uns nachwirken, ist auch und nicht zuletzt das Verdienst des großartigen Übersetzers Hubert Witt.

Christa Schuenke


Leseprobe:

ADERN-HEIM

[…]

O Gesang, du Klang, und so zerschunden,
wasch in meinen Adern deine Wunden,
wärm dein Zittern, komm, ich will dich betten,
will dich Waise vor den Hunden, vor den Schlägern retten.

Adern-Heim

(Bd. 2: Gesänge vom Meer des Todes, Zürich: Ammann, 2009, S. 167)


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