Ulrich Blumenbach
Vom Glück des Übersetzens
Dankesrede zum Empfang des Hieronymusrings
Wolfenbüttel, 6. Juni 2009
Hieronymus, der Schutzpatron der Übersetzer, wird von Albrecht Dürer bekanntlich mit einem Löwen dargestellt, der, von der Frömmigkeit des Kirchenvaters angesteckt, friedlich in dessen Gehäus liegt und neben einem Hündchen schläft. Vielleicht dürfen wir Übersetzer im Vollgefühl unserer interkulturellen Unentbehrlichkeit aber auch annehmen, dass sich die Friedfertigkeit des Raubtiers dem zivilisierenden Einfluss des literarischen Wortes verdankt. In einer späten Wiedergeburt bekommt der Löwe es jedenfalls mit der Schweizer Kinderbuchfigur Globi zu tun. Wenn ich die dazugehörige Geschichte meinem Sohn vorlese, fällt mir immer eine Stelle aus Cervantes’ Don Quijote ein, auf die Susanne Lange in ihrer Dankesrede zu sprechen kam, als sie vor zwei Jahren den Hieronymusring erhielt und die Sie hier auf einer Illustration von Gustave Doré sehen:

Miguel de Cervantes Saavedra,
Leben und Thaten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha,
übersetzt von Ludwig Tieck, mit Illustrationen von Gustav [sic!] Doré, Berlin 1869, zweiter Band, S. 93.
Don Quijote begegnet einem Wagen mit einem Löwen, will gegen ihn kämpfen und zwingt die Löwenwärter mit seiner Lanze dazu, die Käfigtüren zu öffnen. Der Löwe streckt dem Ritter von der traurigen Gestalt aber nur das Hinterteil entgegen und bleibt im Käfig. Auf der vierhundertjährigen Reise aus Spanien in die Schweiz ist aus der Lanze eine Colaflasche geworden, und die Unheil abwehrende Geste hat das Subjekt gewechselt: Nicht der Löwe streckt mehr dem Ritter verächtlich den Hintern entgegen, sondern Globi schlägt den König der Tierwelt mit einem respektlosen Rülpsen in die Flucht.
Heiri Schmid (Zeichnungen) / Guido Strebel (Verse), Globi und die Bahn,
Zürich Globi-Publishing 2001, S. 56 f.
Herz- und hirnerweiternde Weltausdehnung
Zu David Foster Wallace und seinem Roman Infinite Jest bringt mich nun nicht der Löwe, sondern die Colaflasche: Der Pepsi-Konzern bewarb sein Produkt im Jahr 1984 mit dem Slogan The Choice of a New Generation. Dieser Slogan taucht in Infinite Jest, der neben vielem anderen auch die Satire auf einen völlig entfesselten Kapitalismus ist, verballhornt auf als The Choice of a Nude Generation. Aus der neuen Generation ist eine nackte geworden, und nackt ist sie, weil sie ihre Sprache verloren hat, weil sie in einer Gesellschaft lebt, deren „Potential für Phantasie, für Sprache und eigenständiges Denken Tag für Tag ausgezehrt wird“, wie Zadie Smith vor einem Dreivierteljahr anlässlich von Wallace’ Tod schrieb. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, heißt es bekanntlich bei Ludwig Wittgenstein, und wenn ich nicht gerade Infinite Jest übersetze, fühle ich mich oft genug wie der Jedi-Ritter Luke Skywalker, Prinzessin Leia Organa und der schlitzohrige Raumschiffpilot Han Solo, die sich in dem Science-Fiction-Film Star Wars plötzlich im Müllschlucker des Todessterns wiederfinden: Durch die massenmediale Sprachverhunzung, das Ramschdeutsch im Internet und den allabendlich aus der Glotze quellenden Worthülsenfruchtsalat bekam ich förmlich Platzangst, denn ich hatte den Eindruck, von allen Seiten kämen die Wände meiner Sprache und mit Wittgenstein damit eben auch die Grenzen meiner Welt auf mich zu. David Foster Wallace ist für mich der Han Solo der Literatur. Er bringt eine „Allergie gegen die einschränkenden Realitäten der Gegenwart“ mit, wie es im Unendlichen Spaß einmal heißt. Er stemmt sich gegen die Beklemmungen von Schlagwort und Klischee. Sein Roman stellt eine neue und kaum fassbare Ausweitung der Literatursprache dar, denn Wallace zündet im Müllschlucker des Todessterns eine Super-Nova, die den Raum der Sprache „herz- und hirnerweiternd“ (Zadie Smith) ausdehnt. Die Genauigkeit seines Stils ist kein selbstverliebtes, über Verständnisleichen gehendes öffentliches Schwierigtun, sondern dient der Welterweiterung, denn jeder Fachbegriff und jedes zusätzlich nuancierende Adjektiv erlauben Einblicke in neue Universen.
Dellen in die Wände des Müllschluckers gehämmert
Ich möchte noch einen weiteren Lieblingsfilm zitieren: In Ridley Scotts Blade Runner gibt es eine Szene, da sitzt Roy Batty, der letzte Replikant, im strömenden Regen auf einem Hochhausdach, hebt zu seinen letzten Worten an und sagt: „I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate.” – „Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel nahe dem Tannhäusertor.“ Ähnlich kann ich – mit nur wenig Übertreibung – nach Abschluss vom Unendlichen Spaß sagen: Ich habe in Infinite Jest Sachen gesehen, die mir selbst erfahrene Übersetzer kaum glauben würden. Ich habe labyrinthisch gewundene Sätze gelesen, die Thomas Mann oder Marcel Proust als kurzatmige Asthmatiker dastehen lassen. Ich habe in dieser Schatzkiste Wörter gefunden, die ich wahrscheinlich im ganzen Leben nicht noch einmal lesen werde, und ich habe sie gelegentlich durch Wörter ersetzen können, deren Gebrauch im Deutschen Wörterbuch letztmals für das Jahr 1702 belegt ist wie bei „unrüchtig“ oder die bei den Brüdern Grimm gar keinen eigenen Eintrag bekommen haben wie „Schallern“ (ein Helm des 15. Jahrhunderts). Ich habe gesehen, wie Wallace aus Münzen längst abgelöster Sprachwährungen wieder gültige Zahlungsmittel macht. Ich habe Wörter wie „Halluzinogenivore“ (also etwa ‚Rauschgiftesser’) oder „thalassofiziert“ (‚in Meer verwandelt’) erfunden, weil Wortneuschöpfungen zu Wallace’ stilistischen Merkmalen gehören, und ich habe damit selber ein paar Dellen in die Wände des Müllschluckers gehämmert und die Sprach- und Wortbildungsmöglichkeiten des Deutschen auszuloten und zu erweitern versucht. Ich habe bei Wallace vorsprachliche Gewißheiten ausformuliert gefunden, eine Überführung von Selbstverständlichkeiten in Verständlichkeiten, wie sie die Phänomenologie betreibt; die Wahrnehmung etwa, dass Männer dann Haare auf dem Rücken bekommen, wenn der Haaransatz über der Stirn zurückgeht. Oder: „Marathe gehörte zu den wenigen Menschen, die danach nicht den Inhalt des Taschentuchs inspizieren.“
Was ich in Infinite Jest nicht angetroffen habe, ist ein auktorialer Erzähler, dieses allseits beliebte brandheiße Kabel vom Nabel der Fabel. An seine Stelle tritt eine Vielzahl von Figuren, deren persönlichen Sprachgebrauch Wallace liebevoll auspinselt. Ein Mathematik-Freak spricht in Formeln. Ein unterprivilegierter schwarzer Teenager spricht das berüchtigte Black American English. Ein autobiographisch angelegter Jugendlicher hat das ganze Oxford English Dictionary verschlungen und verlegt sich auf „eine Art lexikalische Vergewaltigung“ des Lesers, wie es in einem Selbstkommentar des Buchs heißt. Ein Frankokanadier aus Québec stellte mich vor die Frage, wie ich im Deutschen nachahmen sollte, dass das Englisch dieser Figur teilweise der französischen Grammatik folgt. Ein Kokainsüchtiger lebt sprachlich über seine Verhältnisse und produziert mit furchtlos bildungswidrigen Aussprachemanieren einen Schnitzer nach dem anderen. Einige dieser Figuren traten nur kurz aus den Kulissen, andere standen im ganzen Romanverlauf im Rampenlicht. Sie wuchsen mir im Lauf der Jahre ans Herz. Wenn ich mich morgens wieder an die Tastatur begab, freute ich mich über das Wiedersehen mit alten Freunden. Ich war gespannt, welche Facette ihrer Persönlichkeit oder welche Begebenheit aus ihrem Leben sie mir nun wieder präsentieren würden. Jeden Tag aufs Neue setzte Wallace mir wieder so ein kleines Juwel vor, und wenn es nur Sätze in Kindersprache waren oder die Beschreibung von Photos im Vorzimmer eines Schulleiters. Ich habe, um Bilanz zu ziehen, jahrelang eine schier unglaubliche Vielfalt und Sinnlichkeit reinen Wortmaterials erfahren, und ich durfte wie nie zuvor aus der ganzen Fülle meiner Muttersprache schöpfen, um diese Vielfalt und Sinnlichkeit wiederherzustellen. Der Unendliche Spaß hat ganz einfach unendlich viel Leben gespeichert.
Vom Glück des Übersetzens
Und apropos Leben: Ich habe Roy Battys Schlussmonolog aus dem Blade Runner oben unvollständig zitiert. Nach der Auflistung der denkwürdigsten Augenblicke und überirdischsten Erfahrungen seines Lebens fährt er nämlich fort: „All those moments will be lost in time. Like tears in rain. Time to die.“ – „All diese Momente werden in der Zeit verloren gehen wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“ Hier möchte ich Einspruch einlegen – nicht gegen meine Sterblichkeit, wohlgemerkt; nach den bisher vorliegenden Daten hat die Menschheit eine Sterblichkeitsrate von 100%, und ich fürchte, ich werde da keine Ausnahme machen. Einspruch einlegen möchte ich vielmehr als leidenschaftlicher Bewohner der Gutenberg-Galaxis: Nein, nichts geht verloren. Mein über alles verehrter Mentor Fritz Senn sagte in seiner gestrigen Präsentation, die Welt sei nicht erschaffen worden, um Übersetzer glücklich zu machen. Wie es sich für anständige Vater-Sohn-Verhältnisse gehört, möchte ich widersprechen: Das Beglückende am Übersetzen ist gerade das Festhalten gutgefügter Wörter, ihr Aufschreiben und ihr Aufbewahren für die Nachwelt. Sprache mag ein flüchtiges Medium sein, aber jedes Mal, wenn der Paketbote mir die Belegexemplare einer Übersetzung in die Hand drückt, denke ich unwillkürlich: „Gott sei Dank, diesen Wörtern kann nichts mehr passieren!“ Was einmal gedruckt wird, ist mit Arno Schmidts fast schon geflügeltem Wort „immerfort mitlebend“. Wir mögen gehen – was bleibt, ist die von uns miterschaffene Literatur.