Susanne Lange
Rede zur Übergabe des Hieronymus-Rings an Ulrich Blumenbach
am 6. 6. 2009 in Wolfenbüttel

Wenn ich mich recht erinnere, waren wir vor zwei Jahren bei den Löwen stehengeblieben. Beim Löwen des Hieronymus, der dem Übersetzerpatron zahm zu Füßen liegt, und beim Löwen des Don Quijote, der dem Ritter weniger zahm als träge den Hintern zuwendet und der auch mit den besten Worten nicht mehr aus seinem Käfig zu locken ist.

Nun gilt es, einen gewaltigen Sprung zu tun: Vom goldenen Zeitalter des Don Quijote bis ins 21. Jahrhundert des David Foster Wallace. Aber der Löwe kann ja bekanntlich sehr weit springen. Nun hat Ulrich Blumenbach als neuer Löwenbändiger ein besonders gewichtiges Raubtier herausgefordert, dessen Sprungweite sich nicht mehr bemessen läßt, denn es nennt sich "Unendlicher Spaß". Ich habe schon einen winzigen Vorgeschmack auf die Unendlichkeit bekommen – ein Privileg, das der Hieronymus-Ring mit sich bringt –, so daß ich um den langen Kampf weiß, den Ulrich Blumenbach in den letzten Jahren geführt hat. Als erprobte Marathonkämpferin kann ich mich gut in ihn hineinversetzen, auch wenn die Windmühlen und Ritterrüstungen bei Wallace zu einem Scharmützel mit den ausgefallensten Wörtern, mit Produktnamen oder Fachbegriffen geworden sind.
Wie bändigt man so einen Löwen? Gewiß nicht wie bei Monty Python, wo ein angehender Bändiger – ehemals Buchhalter – glaubt, ein Hut mit der Aufschrift Löwenbändiger reiche dazu aus. Am Ende stellt sich heraus, daß er gar keinen richtigen Löwen, sondern einen Ameisenlöwen im Sinn hatte und dann doch lieber bei der Buchhalterei bleibt. Beim Übersetzen ist es genau umgekehrt: Manch Leser denkt vielleicht, den Weg von einer Sprache in die andere zu finden sei kein größeres Kunststück, als mit einem Ameisenlöwen fertigzuwerden, während man es in Wirklichkeit mit dem wildesten aller Raubtiere zu tun hat. Und selbst wenn die Größe der Herausforderung und der Löwenmut des Übersetzers gewürdigt werden, kommt als Schwierigkeit hinzu, daß er den Eindruck erwecken muß, der Löwe sei gar nicht gebändigt, sondern noch so wild wie in der Savanne seiner Herkunft.

Die letzten Wehen eines Universalgeistes
Für eine solche Aufgabe hat es bestimmt nicht geschadet, daß sich Ulrich Blumenbach in früher Jugend mit Karatetraining auf den Nahkampf mit den Wörtern vorbereitet hat, der einem im Fall von Wallace auch physisch einiges abfordert. Ebenso war das Verbalkarate, in dem er sich bei seinen ersten Übersetzerschritten anhand von Passagen aus "Finnegan's Wake" üben konnte, zweifellos eine solide Grundlage. Doch in erster Linie zählt hier diese Wortbesessenheit, die auch den Erzähler im "Don Quijote" umtreibt, der leidenschaftlich alles liest, was er finden kann, selbst die Papierfetzen auf dem Boden.

Die Papierfetzen auf dem Pflaster, die Werbung an den Wänden, der Slang auf der Straße, Fachbegriffe aus den fernsten Bereichen, all dies ist für Ulrich Blumenbach das Material, aus dem er in seiner Übersetzerwerkstatt etwa Wortspiele oder den schnoddrig-natürlichen Ton der Figuren drechselt. Daß er sich außerdem auf der Jagd nach Wörtern gern in den verschiedensten Fachgebieten tummelt, war für die Übersetzung von Wallace gewiß ein unschätzbarer Vorteil, ebenso, daß die Wörterbücher zu seinen Lieblingslektüren zählen. Wenige sind so divers und abseitig gebildet wie die Übersetzer. Es ist herrlich, was für eine Unmenge an überflüssigem Wissen man dabei ansammeln kann – das geht von der Entomologie bis zur Phrenologie, von den obskuren bis zu den exakten Wissenschaften –, und somit darf man als Übersetzer noch die letzten Wehen eines Universalgeistes erahnen (auch wenn vieles davon wieder in der Schatzkammer des Gedächtnisses versinkt). Bei Wallace konnte Ulrich Blumenbach diesen weltumfassenden, enzyklopädischen Drang nach Herzenslust – und manchmal vielleicht auch mit einer Spur Herzensqual – ausleben. Ob es um Mathematik, Tennis, Werbeslogans, Drogen, Medien, Psychotherapie, Pharmakologie oder Medizin geht, immer muß der richtige Begriff zur Hand sein und vielleicht sogar noch in ein Wortspiel umgeschmolzen werden. Und dazu kommt die Vielstimmigkeit des Romanpersonals. Auch hier läßt sich ein Bogen vom "Don Quijote", als einem der ersten polyphonen Romane überhaupt, in die Gegenwart schlagen: Wie bei Cervantes redet bei Wallace jeder, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und bevorzugt vollbringt er dabei unzählige Fehlleistungen, die der Übersetzer ebenfalls in Fehlleistungen übertragen muß. Eine vertrackte Aufgabe, denn es gilt, sich Slang und Dialekte zu erfinden und die Figuren holpern und stocken zu lassen, wo sie es im Original tun. Auch Wortkrempeler, Zungendrescher und froschgoschige Schwatzmäuler, wie es Johann Fischart vor gut vierhundert Jahren genannt hätte, kommen hier also zum Zug. Und der Erzähler klammert sich ebenso fest ans Wort, so daß er eine Aversion gegen das Satzende zu haben scheint und sich in immer ausladenderen Perioden ergeht – bekanntlich eine Herausforderung für die deutsche Satzstruktur, der sich Ulrich Blumenbach beherzt stellt. Hätte ich versucht, meine Sätze hier in den Wallace-Stil umzuwandeln, wären wir jetzt vermutlich noch beim Anfangssatz und bei den Löwen und wären nie bei den Fischen angekommen, zu denen ich jetzt übergehen möchte.

Was zum Teufel ist Wasser?
David Foster Wallace hat einmal eine berühmt gewordene Rede vor Studenten des Kenyon College gehalten, mit der er sie auf den Ernst des Lebens vorbereiten wollte und die er mit folgender Geschichte beginnt:
"Schwimmen zwei junge Fische daher und treffen auf einen älteren Fisch, der ihnen entgegenschwimmt, zunickt und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die beiden Jungfische schwimmen ein Weilchen weiter, bis der eine schließlich zum andern sieht und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“"
Während die Geschichte Wallace dazu dient, über das Bewußtsein der allgegenwärtigen, kleinen, oft als trivial oder banal empfundenen Realitäten zu reden, die man oft am schwersten erkennt, weil man ständig steuerlos in ihnen treibt, scheint sie mir äußerst geeignet zu sein, die verschiedenen Anforderungen deutlich zu machen, mit denen es ein Übersetzer zu tun hat. Manche Werke verlangen es, daß man sich dem Fluß der Sprache hingibt, sich in ihnen treiben lassen kann und auch der Übersetzer den Leser vergessen macht, daß er im Medium übersetzter Worte schwimmt, ihm sozusagen den Eindruck vermittelt, daß er trockenen Fußes ans andere Ufer gelangt. Eine schwierige Aufgabe, bei der die Wellenbewegung, der Rhythmus, exakt wiedergegeben werden müssen. Aber es gibt andere Werke, bei denen sich das Medium in den Vordergrund schiebt, sich immer wieder auffällig bemerkbar macht. Da hat man es mit Schlag- und Springwellen zu tun, und immer wieder spritzt einem die Wörtergischt um die Nase. Ein Platzregen von Wörtern geht über einem nieder, eine Art Partikelschauer, mit anderen Worten: der Leser wird naß – von allen Seiten. Und er muß naß werden, denn sonst würde ihm das Wesentliche des Werkes entgehen.

Schalks=Esperanto des Unterbewußtseins
Auch Wallace ist ein Autor, bei dem einem immer wieder die Wortoberfläche ins Bewußtsein gerückt wird. Das an sich selbstverständliche Medium der täglichen Kommunikation überschlägt sich auf einmal wie heranrollende Brecher; immer wieder wird da das Wasser aufgewühlt, so daß kein Fisch mehr behaupten kann, er wisse nicht, was das sei. Ulrich Blumenbach hat sich auf dieses Gewoge bestens vorbereitet, indem er sich schon zu Beginn seiner Übersetzerlaufbahn bevorzugt mit Sprachjongleuren wie Joyce, Thomas Pynchon oder Arno Schmidt auseinandergesetzt, selbst die ersten Schwimmübungen also in aufgewühlter See absolviert hat. Dazu gehört es, daß man das Wort niemals als selbstverständlich gegeben ansieht, sondern aus den verschiedensten Perspektiven betrachtet, mit der Lupe und mit dem Fernrohr. In "Zettels Traum", wo Arno Schmidt ein Alter ego mit einem Ehepaar, das gerade Edgar Allan Poe übersetzt, durch die Heide spazieren läßt, wird die harmlose Fangfrage gestellt: "<Was Worte sind, wißt ihr - ?>/" Und er fährt fort, "(sie nickten schnell:!) / (Glückliches Völkchen; mir wars nicht ganz klar)." Mit diesem Nicht-Wissen um die Worte muß man sich auch bei Wallace konfrontieren. In jedem Wort schwingt nämlich, wie Arno Schmidt meint, etwas mit, was er das "Schalks=Esperanto" des Unterbewußtseins nennt, das z.B. "Wort=Verwandtheiten ausnützt, um mehrere Bedeutungen gleichzeitig wiederzugeben". All dies bringt also die Wasseroberfläche zum Brodeln und will bei einem Autor wie David Foster Wallace mitübersetzt werden – eine Strömung, die man bis zu Cervantes zurückverfolgen kann, bei dem die Sprache immer wieder Kapriolen schlägt, dem Sprecher selbst in den Rücken fällt, mal in einem rauschenden Hofkleid mit Schleppe daherkommt, manchmal auf einem bockenden Esel und sich neben Ritter und Knappen als dritter Protagonist behaupten kann.
So ein Bogen über vierhundert Jahre ist natürlich weit gespannt, aber seine Rundung wird solide gestützt vom Hieronymus-Ring, den ich nun an Ulrich Blumenbach weitergebe.

Da ich selbst Don Quijote und Sancho Panza nach den fast sechs Jahren gemeinsamen Weges sehr vermisse, kann ich mir vorstellen, wie es Ulrich Blumenbach nun geht, da er sich allmählich vom "Infinite Jest", vom "Unendlichen Spaß", lösen muß. Aber trotz der schwer zu bändigenden Löwen und Wellen bin ich überzeugt, daß das Wortgetümmel genau das für ihn war: ein unendlicher Spaß.

 

 Info: Hieronymusring