| Anfang 2001 dachte ich: Jetzt muß ich
damit anfangen. Aber wie? Wie sollte ich unter den unendlich
vielen Übersetzungen die Richtige finden? Die Preiswürdigste?
Und vor allem: Was bedeutet das, die Richtige? Nach welchen
Kriterien? Es gibt keine Satzung, in der die Vergabekriterien
niedergelegt wurden, und die Geschichte des Rings besteht
aus mündlich tradierten Geschichten. Er wurde 1979 erstmals
an Susanna Brenner-Rademacher verliehen, weil sie als verdiente
Übersetzerin noch nie einen Preis bekommen hatte. Sie
übersetzte u. a. Thomas Wolfe, William Faulkner und Malcolm
Lowry. Der Übersetzerverband hatte die Idee, und Rowohlt
stiftete den Ring, zur Würdigung der Ungewürdigten.
Was aber gewürdigt werden soll, darunter scheint jeder
Preisträger, der den Ring nach zwei Jahren an einen von
ihm bestimmten Nachfolger weitergibt, etwas anderes verstanden
zu haben.
Der nächste Preisträger war 1981 Kai Molvig, der
ebenfalls aus dem Englischen übersetzte, u. a. Hubert
Selby, John Updike, Philip Roth und Tennessee Williams. Ihm
folgten 1983 und 1985 Inge von Weidenbaum und Christine Koschel,
die gemeinsam Oscar Wilde, Djuna Barnes und G. B. Shaw übersetzten,
Inge von Weidenbaum übersetzt auch aus dem Italienischen,
u. a. Giorgio Manganelli und Diuseppe Ungaretti, Christine
Koschel verfaßt selbst Lyrik, beide sind auch als Herausgeberinnen
tätig.
1987 ging der Ring an Ilma Rakusa weiter, die aus dem Russischen,
Serbokroatischen, Französischen und Ungarischen übersetzt,
u. a. Zwetajewa, Ki, Duras, Kertész, außerdem
Kritikerin und Schriftstellerin ist. 1989 erhielt Sylvia List
den Ring. Sie übersetzt aus dem Russischen, Englischen,
Französischen und Jiddischen, u. a. Joseph Brodsky und
Israel J. Singer.
1991 folgte Andreas Klotsch, der aus fünf romanischen
Sprachen übersetzt, u. a. Balzac, Jorge Amado, José
Saramago. 1993 wurde Ruth Achlama ausgezeichnet, die aus dem
Hebräischen übersetzt, 1995 Hartmut Fähndrich,
der aus dem Arabischen übersetzt.
1997 erhielt Stefanie Schäfer den Ring, die aus dem
Niederländischen, Afrikaans, dem Französischen und
Englischen übersetzt, nicht nur Belletristik, sondern
auch Bildbände, Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher.
Sie gab ihn schließlich an mich weiter. Nach welchen
Kriterien die Preisträger ihre Wahl getroffen haben,
läßt sich daraus nicht erschließen. Und wahrscheinlich
ist eben das die Bestimmung des Rings: Zu würdigen, was
Übersetzer würdigenswert, aber zu wenig gewürdigt
finden.
Ich mußte mir also meine eigenen, subjektiven Auswahlkriterien
schaffen. Das erste stand schnell fest: Mein Nachfolger sollte
ein Lyrikübersetzer sein. Lyrik zu übersetzen ist
m. E. die schwerste, am wenigsten gewürdigte und am schlechtesten
bezahlte Tätigkeit. Wahrscheinlich auch die beglückendste,
sofern sie glückt. Eine Aufgabe für Liebhaber. Außerdem
sollte es ein Berufsübersetzer sein, möglichst unbekannt
und ohne Preise. Vor allem aber keiner, den ich kannte.
Da diese letzte Voraussetzung die einzige ist, die auf Hanns
Grössel tatsächlich zutrifft, will ich sie kurz
begründen. Das Problem ist nicht, daß ich Übersetzungen
von Leuten, die ich mag, gut finde, und von solchen, die ich
nicht mag, schlecht. Das Problem ist, daß ich ihre Stimme
höre, die womöglich die des Autors übertönt.
Daß ich eine Wendung, einen Tonfall wiedererkenne, je
nachdem reizend finde oder degoutant, schien mir, könnte
meine Unvoreingenommenheit beeinträchtigen, weil Lyrikübersetzungen
besonders individuell und subjektiv sind und durch sie die
Stimme des Übersetzers besonders vernehmlich spricht.
Ich habe Menschen, deren literarischem Urteil ich traue,
um Empfehlungen gebeten, habe mir viele viele Lyrikbände
gekauft oder geliehen und im Sommer zu lesen begonnen. Bei
Übersetzern, denen ich davon erzählte, rief ich
meist die gleiche Reaktion hervor: Was, du hast XY nicht auf
deiner Liste? Den mußt du ungedingt auch lesen! Also
kaufte und lieh ich mir noch mehr Bücher und bemühte
mich, eine Wahl zu treffen. Aber wie? Ich versuchte es auf
alle möglichen Weisen. Las zuerst nur zweisprachige Ausgaben,
versuchte nach "objektiven" Kriterien vorzugehen:
ob Gereimtes gereimt war, der Rhythmus stimmte, lange Zeilen
lang, kurze kurz waren, zählte Silben, achtete auf die
Vokale usw. Las mehrere Übersetzungen ein und desselben
Dichters. Stellte fest, daß einmal all diese Kriterien
beachtet waren, aber dafür die Syntax so zerhackt, daß
man den Inhalt nicht begriff. Oder es fehlte der Schwung,
die Eleganz, das Melodiöse des Originals. Ein andermal
war der Applomb des Autors erhalten, aber die Verse waren
auseinandergerissen und mit modernistischem Schnickschnack
verziert. Dann habe ich auf "Objektivität"
verzichtet und einfach nur gelesen, gelesen, gelesen. (Es
war ein wunderbarer Sommer.) Fand Übersetzungen schön
oder nicht schön. Und war mir da meines Urteils erstaunlich
sicher. Es ging mir um Schönheit, nicht um gut oder schlecht,
das kann ich gar nicht beurteilen: Weder beherrsche ich alle
Originalsprachen, noch bin ich Linguistin. Und wenn ich versuchte
herauszufinden, wenn ich die Übersetzung am Original
überprüfte, schien mir immer eine große Genauigkeit
am Werk.
Hanns Grössel hat in einem Gespräch mir gegenüber
behauptet, es gebe keinen Unterschied zwischen Lyrik- und
Prosa-Übersetzen: Beides sei Arbeit an der Sprache. Damit
hat er zweifellos Recht, aber Dichte und Konzentration der
Sprache sind in der Lyrik wohl am größten. Und
damit die Zahl der Aspekte, die gleichzeitig beachtet werden
wollen: Klang, Fluß, Rhythmus, Reime, Wörter, Bilder.
Der Schmerz der Übersetzer ist es, glaube ich, nie alles
gleichermaßen berücksichtigen zu können: Man
muß auf etwas verzichten. Interlinearübersetzungen
beschränken sich auf die Worte, das ist am einfachsten,
aber auch am unbefriedigendsten. Viele Übersetzer, besonders
wenn sie selbst Lyriker sind, verzichten auf Reime: Weil sie
angeblich im Deutschen immer etwas komisch klingen oder altmodisch.
Ich glaube eher, weil man sich dann besser auf Rhythmus und
Klang konzentrieren kann. Nimmt man Rhythmus und Klang besonders
wichtig, ist man oft gezwungen, Worte zu wählen, deren
Sinn gegenüber dem Original verschoben ist, und verändert
damit die Bilder. Welche Schwerpunkte man setzt, hängt
vom Gedicht ab, aber auch von den eigenen Fähigkeiten
und Vorlieben. Und jede Entscheidung, die man trifft, beeinflußt
die folgenden. Deshalb gibt es gerade hier, wo die Sprache
am strengsten ist, die größten Unterschiede in
den Übersetzungen. Ich glaube, das Besondere eines Gedichts
hängt von dem Verhältnis all dieser Elemente zueinander
ab. Und die Schönheit bzw. Genauigkeit einer Übersetzung
ebenso, nur daß das Verhältnis jeweils ein anderes
ist, abhängig von der Sprache, aber vor allem vom Übersetzer,
von seiner individuellen Stimme.
Deswegen sagte Georges-Arthur Goldschmidt in seinem Vortrag
in Hamburg 1996: "Daß jeder Text immer neu übersetzt
werden kann und auch soll, daß an ihm immer etwas hängenbleibt,
ist ja gerade, was ihn als Text ausmacht: Sollte der Text
sofort und völlig in seine Übersetzung aufgehen,
dann wäre es keine Übersetzung mehr, dann wäre
an ihm nichts mehr zu entdecken."
Ich will das an einem Gedicht verdeutlichen , das wahrscheinlich
die meisten kennen. Ernst Jandl liest es mit seiner immer
etwas grantigen, spöttischen, präzisen Stimme:
ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott
Hanns Grössl hat mir erzählt, er habe aus Schmäh,
wie ich sagen würde, bzw. aus didaktischen Gründen,
wie er sagt, Ottos Mops ins Dänische übersetzt.
Ich sagte: Das glaub ich nicht. Die Schwierigkeiten beim Übersetzen
des Gedichts liegen auf der Hand: O ist der einzige vorkommende
Vokal, alle Wörter, bis auf Otto, sind einsilbig. Das
erste Problem war der Mops, der heißt auf Dänisch
Moppe. Ich habe mir vorgestellt, wie der Übersetzer im
Tierlexikon verzweifelt nach einer Hunderasse mit O fahndet,
einsilbig noch dazu, dann alle Spitznamen und umgangssprachlichen
Bezeichnungen für Hunde durchgeht, die Suche von Haustieren
auf Säugetiere im allgemeinen erweitert, auch Gliederfüßer
und Reptilien in Betracht zieht und am Ende feststellt: Es
geht nicht. Das Feld auf die belebte Welt ausdehnt und schließlich
auf das ganze Universum, das Universum der Sprache. Und plötzlich
hat er eine kühne Idee: Es gibt ein einsilbiges Wort
auf O, mit dem es funktioniert: mor, das heißt auf Dänisch
Mutter. Die Geschichte ist dieselbe, nur der Mops ist fort.
Dafür gewinnt das Gedicht durch die An- bzw. Abwesenheit
der Mutter eine neue, psychoanalytische Dimension. Und das
ist, finde ich, das Schöne am Übersetzen: daß
es nicht nur den Schmerz des Verzichts hervorruft, sondern
auch die Lust an der trouvaille, es erschließt immer
eine neue Nuance, fügt eine neue Dimension hinzu, eröffnet
eine neue Sichtweise.
"Eine Sprache ist die Zuflucht der anderen, ihre Sehnsucht
nach dem, was sie selbst nicht ausdrücken kann",
schreibt George-Arthur Goldschmidt in seinem Essay "Als
Freud das Meer sah".
Aber zurück zu Hanns Grössel. Als ich bei Google
seinen Namen eingab, stellte ich fest: Unbekannt ist er nicht.
Preise hat er auch schon einige bekommen: Übersetzerpreis
der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1976,
Übersetzerpreis Natur och Kultur der Schwedischen Akademie
1991, Petrarca-Übersetzerpreis 1993 und Preis der Stadt
Münster für Europäische Poesie (zusammen mit
Inger Christensen) 1995.
Dabei ist er noch nicht einmal Berufsübersetzer: Nach
einem Studium der Altphilologie, Germanistik und Romanistik
in Göttingen war er sechs Jahre lang Lektor bei Fischer
und Rowohlt und dann 30 Jahre lang Literaturredakteur beim
WDR 3 Hörfunk (1996 erhielt er auch noch den Alfred-Kerr-Preis
für Literaturkritik).
Übersetzt hat er nebenbei: Prosa von Jean Cau, André
Pieyre de Mandiargues, Paul Léautaud, Raymond Roussel,
Jean-Paul Sartre aus dem Französischen, Klaus Rifbjerg,
Leif Panduro, Villy Sørensen, Cecil Bødker und
Sven Holm aus dem Dänischen.
Vor allem aber ist er seit 30 Jahren der Übersetzer von
Inger Christensen aus dem Dänischen und überträgt
seit 25 Jahren die Lyrik von Tomas Tranströmer aus dem
Schwedischen.
Etwas unsicher, weil mein designierter Nachfolger so gar
nicht meinen selbstdestillierten Kriterien entsprach, habe
ich ihn angerufen. Und als ich seine Stimme hörte, eine
leichte Stimme, melodiös modulierend, und vor allem sein
Lachen, das eher ein Kichern ist und zum komplizenhaften Mitkichern
verführt, habe ich Tomas Tranströmers deutsche Stimme
wiedererkannt und wußte: Das ist er.
Weil die Gedichte Tomas Tranströmers zum Schönsten
gehören, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Deshalb möchte ich den Hieronymus-Ring an Hanns Grössel
weitergeben, für seine Übersetzung der Gedichte
Tomas Tranströmers, aus denen er am Ende vorlesen wird.
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