Laudatio auf Hanns Grössel 

von Brigitte Große 


Bensberg, 26. 1. 2002 


Der Hieronymusring, den ich heute mit großer Freude an Hanns Grössel weitergebe, ist ja eine zweischneidige Auszeichnung. Es ist eine hohe Ehre, ihn verliehen zu bekommen, da durch ihn die Übersetzer sich selbst würdigen. Die andere Seite ist: Man kriegt kein Geld, aber eine hohe Verantwortung aufgebürdet: Man muß ganz allein seinen Nachfolger wählen. Und man hat kein ganzes Leben dafür Zeit, wie beim Ifflandring, sondern bloß zwei Jahre.



Anfang 2001 dachte ich: Jetzt muß ich damit anfangen. Aber wie? Wie sollte ich unter den unendlich vielen Übersetzungen die Richtige finden? Die Preiswürdigste? Und vor allem: Was bedeutet das, die Richtige? Nach welchen Kriterien? Es gibt keine Satzung, in der die Vergabekriterien niedergelegt wurden, und die Geschichte des Rings besteht aus mündlich tradierten Geschichten. Er wurde 1979 erstmals an Susanna Brenner-Rademacher verliehen, weil sie als verdiente Übersetzerin noch nie einen Preis bekommen hatte. Sie übersetzte u. a. Thomas Wolfe, William Faulkner und Malcolm Lowry. Der Übersetzerverband hatte die Idee, und Rowohlt stiftete den Ring, zur Würdigung der Ungewürdigten. Was aber gewürdigt werden soll, darunter scheint jeder Preisträger, der den Ring nach zwei Jahren an einen von ihm bestimmten Nachfolger weitergibt, etwas anderes verstanden zu haben.

Der nächste Preisträger war 1981 Kai Molvig, der ebenfalls aus dem Englischen übersetzte, u. a. Hubert Selby, John Updike, Philip Roth und Tennessee Williams. Ihm folgten 1983 und 1985 Inge von Weidenbaum und Christine Koschel, die gemeinsam Oscar Wilde, Djuna Barnes und G. B. Shaw übersetzten, Inge von Weidenbaum übersetzt auch aus dem Italienischen, u. a. Giorgio Manganelli und Diuseppe Ungaretti, Christine Koschel verfaßt selbst Lyrik, beide sind auch als Herausgeberinnen tätig.

1987 ging der Ring an Ilma Rakusa weiter, die aus dem Russischen, Serbokroatischen, Französischen und Ungarischen übersetzt, u. a. Zwetajewa, Kiš, Duras, Kertész, außerdem Kritikerin und Schriftstellerin ist. 1989 erhielt Sylvia List den Ring. Sie übersetzt aus dem Russischen, Englischen, Französischen und Jiddischen, u. a. Joseph Brodsky und Israel J. Singer.

1991 folgte Andreas Klotsch, der aus fünf romanischen Sprachen übersetzt, u. a. Balzac, Jorge Amado, José Saramago. 1993 wurde Ruth Achlama ausgezeichnet, die aus dem Hebräischen übersetzt, 1995 Hartmut Fähndrich, der aus dem Arabischen übersetzt.

1997 erhielt Stefanie Schäfer den Ring, die aus dem Niederländischen, Afrikaans, dem Französischen und Englischen übersetzt, nicht nur Belletristik, sondern auch Bildbände, Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher. Sie gab ihn schließlich an mich weiter. Nach welchen Kriterien die Preisträger ihre Wahl getroffen haben, läßt sich daraus nicht erschließen. Und wahrscheinlich ist eben das die Bestimmung des Rings: Zu würdigen, was Übersetzer würdigenswert, aber zu wenig gewürdigt finden.

Ich mußte mir also meine eigenen, subjektiven Auswahlkriterien schaffen. Das erste stand schnell fest: Mein Nachfolger sollte ein Lyrikübersetzer sein. Lyrik zu übersetzen ist m. E. die schwerste, am wenigsten gewürdigte und am schlechtesten bezahlte Tätigkeit. Wahrscheinlich auch die beglückendste, sofern sie glückt. Eine Aufgabe für Liebhaber. Außerdem sollte es ein Berufsübersetzer sein, möglichst unbekannt und ohne Preise. Vor allem aber keiner, den ich kannte.

Da diese letzte Voraussetzung die einzige ist, die auf Hanns Grössel tatsächlich zutrifft, will ich sie kurz begründen. Das Problem ist nicht, daß ich Übersetzungen von Leuten, die ich mag, gut finde, und von solchen, die ich nicht mag, schlecht. Das Problem ist, daß ich ihre Stimme höre, die womöglich die des Autors übertönt. Daß ich eine Wendung, einen Tonfall wiedererkenne, je nachdem reizend finde oder degoutant, schien mir, könnte meine Unvoreingenommenheit beeinträchtigen, weil Lyrikübersetzungen besonders individuell und subjektiv sind und durch sie die Stimme des Übersetzers besonders vernehmlich spricht.

Ich habe Menschen, deren literarischem Urteil ich traue, um Empfehlungen gebeten, habe mir viele viele Lyrikbände gekauft oder geliehen und im Sommer zu lesen begonnen. Bei Übersetzern, denen ich davon erzählte, rief ich meist die gleiche Reaktion hervor: Was, du hast XY nicht auf deiner Liste? Den mußt du ungedingt auch lesen! Also kaufte und lieh ich mir noch mehr Bücher und bemühte mich, eine Wahl zu treffen. Aber wie? Ich versuchte es auf alle möglichen Weisen. Las zuerst nur zweisprachige Ausgaben, versuchte nach "objektiven" Kriterien vorzugehen: ob Gereimtes gereimt war, der Rhythmus stimmte, lange Zeilen lang, kurze kurz waren, zählte Silben, achtete auf die Vokale usw. Las mehrere Übersetzungen ein und desselben Dichters. Stellte fest, daß einmal all diese Kriterien beachtet waren, aber dafür die Syntax so zerhackt, daß man den Inhalt nicht begriff. Oder es fehlte der Schwung, die Eleganz, das Melodiöse des Originals. Ein andermal war der Applomb des Autors erhalten, aber die Verse waren auseinandergerissen und mit modernistischem Schnickschnack verziert. Dann habe ich auf "Objektivität" verzichtet und einfach nur gelesen, gelesen, gelesen. (Es war ein wunderbarer Sommer.) Fand Übersetzungen schön oder nicht schön. Und war mir da meines Urteils erstaunlich sicher. Es ging mir um Schönheit, nicht um gut oder schlecht, das kann ich gar nicht beurteilen: Weder beherrsche ich alle Originalsprachen, noch bin ich Linguistin. Und wenn ich versuchte herauszufinden, wenn ich die Übersetzung am Original überprüfte, schien mir immer eine große Genauigkeit am Werk.

Hanns Grössel hat in einem Gespräch mir gegenüber behauptet, es gebe keinen Unterschied zwischen Lyrik- und Prosa-Übersetzen: Beides sei Arbeit an der Sprache. Damit hat er zweifellos Recht, aber Dichte und Konzentration der Sprache sind in der Lyrik wohl am größten. Und damit die Zahl der Aspekte, die gleichzeitig beachtet werden wollen: Klang, Fluß, Rhythmus, Reime, Wörter, Bilder. Der Schmerz der Übersetzer ist es, glaube ich, nie alles gleichermaßen berücksichtigen zu können: Man muß auf etwas verzichten. Interlinearübersetzungen beschränken sich auf die Worte, das ist am einfachsten, aber auch am unbefriedigendsten. Viele Übersetzer, besonders wenn sie selbst Lyriker sind, verzichten auf Reime: Weil sie angeblich im Deutschen immer etwas komisch klingen oder altmodisch. Ich glaube eher, weil man sich dann besser auf Rhythmus und Klang konzentrieren kann. Nimmt man Rhythmus und Klang besonders wichtig, ist man oft gezwungen, Worte zu wählen, deren Sinn gegenüber dem Original verschoben ist, und verändert damit die Bilder. Welche Schwerpunkte man setzt, hängt vom Gedicht ab, aber auch von den eigenen Fähigkeiten und Vorlieben. Und jede Entscheidung, die man trifft, beeinflußt die folgenden. Deshalb gibt es gerade hier, wo die Sprache am strengsten ist, die größten Unterschiede in den Übersetzungen. Ich glaube, das Besondere eines Gedichts hängt von dem Verhältnis all dieser Elemente zueinander ab. Und die Schönheit bzw. Genauigkeit einer Übersetzung ebenso, nur daß das Verhältnis jeweils ein anderes ist, abhängig von der Sprache, aber vor allem vom Übersetzer, von seiner individuellen Stimme.

Deswegen sagte Georges-Arthur Goldschmidt in seinem Vortrag in Hamburg 1996: "Daß jeder Text immer neu übersetzt werden kann und auch soll, daß an ihm immer etwas hängenbleibt, ist ja gerade, was ihn als Text ausmacht: Sollte der Text sofort und völlig in seine Übersetzung aufgehen, dann wäre es keine Übersetzung mehr, dann wäre an ihm nichts mehr zu entdecken."

Ich will das an einem Gedicht verdeutlichen , das wahrscheinlich die meisten kennen. Ernst Jandl liest es mit seiner immer etwas grantigen, spöttischen, präzisen Stimme:

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops

otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt

ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Hanns Grössl hat mir erzählt, er habe aus Schmäh, wie ich sagen würde, bzw. aus didaktischen Gründen, wie er sagt, Ottos Mops ins Dänische übersetzt. Ich sagte: Das glaub ich nicht. Die Schwierigkeiten beim Übersetzen des Gedichts liegen auf der Hand: O ist der einzige vorkommende Vokal, alle Wörter, bis auf Otto, sind einsilbig. Das erste Problem war der Mops, der heißt auf Dänisch Moppe. Ich habe mir vorgestellt, wie der Übersetzer im Tierlexikon verzweifelt nach einer Hunderasse mit O fahndet, einsilbig noch dazu, dann alle Spitznamen und umgangssprachlichen Bezeichnungen für Hunde durchgeht, die Suche von Haustieren auf Säugetiere im allgemeinen erweitert, auch Gliederfüßer und Reptilien in Betracht zieht und am Ende feststellt: Es geht nicht. Das Feld auf die belebte Welt ausdehnt und schließlich auf das ganze Universum, das Universum der Sprache. Und plötzlich hat er eine kühne Idee: Es gibt ein einsilbiges Wort auf O, mit dem es funktioniert: mor, das heißt auf Dänisch Mutter. Die Geschichte ist dieselbe, nur der Mops ist fort. Dafür gewinnt das Gedicht durch die An- bzw. Abwesenheit der Mutter eine neue, psychoanalytische Dimension. Und das ist, finde ich, das Schöne am Übersetzen: daß es nicht nur den Schmerz des Verzichts hervorruft, sondern auch die Lust an der trouvaille, es erschließt immer eine neue Nuance, fügt eine neue Dimension hinzu, eröffnet eine neue Sichtweise.

"Eine Sprache ist die Zuflucht der anderen, ihre Sehnsucht nach dem, was sie selbst nicht ausdrücken kann", schreibt George-Arthur Goldschmidt in seinem Essay "Als Freud das Meer sah".

Aber zurück zu Hanns Grössel. Als ich bei Google seinen Namen eingab, stellte ich fest: Unbekannt ist er nicht. Preise hat er auch schon einige bekommen: Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1976, Übersetzerpreis Natur och Kultur der Schwedischen Akademie 1991, Petrarca-Übersetzerpreis 1993 und Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie (zusammen mit Inger Christensen) 1995.
Dabei ist er noch nicht einmal Berufsübersetzer: Nach einem Studium der Altphilologie, Germanistik und Romanistik in Göttingen war er sechs Jahre lang Lektor bei Fischer und Rowohlt und dann 30 Jahre lang Literaturredakteur beim WDR 3 Hörfunk (1996 erhielt er auch noch den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik).
Übersetzt hat er nebenbei: Prosa von Jean Cau, André Pieyre de Mandiargues, Paul Léautaud, Raymond Roussel, Jean-Paul Sartre aus dem Französischen, Klaus Rifbjerg, Leif Panduro, Villy Sørensen, Cecil Bødker und Sven Holm aus dem Dänischen.
Vor allem aber ist er seit 30 Jahren der Übersetzer von Inger Christensen aus dem Dänischen und überträgt seit 25 Jahren die Lyrik von Tomas Tranströmer aus dem Schwedischen.

Etwas unsicher, weil mein designierter Nachfolger so gar nicht meinen selbstdestillierten Kriterien entsprach, habe ich ihn angerufen. Und als ich seine Stimme hörte, eine leichte Stimme, melodiös modulierend, und vor allem sein Lachen, das eher ein Kichern ist und zum komplizenhaften Mitkichern verführt, habe ich Tomas Tranströmers deutsche Stimme wiedererkannt und wußte: Das ist er.
Weil die Gedichte Tomas Tranströmers zum Schönsten gehören, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Deshalb möchte ich den Hieronymus-Ring an Hanns Grössel weitergeben, für seine Übersetzung der Gedichte Tomas Tranströmers, aus denen er am Ende vorlesen wird.