Friederike Hausmann
Übersetzen: Die Notwendigkeit der Illusion
- Laudatio auf Sigrid Vagt
Mit dem diesjährigen Paul-Celan-Preis wird die Übersetzung
eines Werkes mit einem irgendwie gewalttätigen Titel
geehrt: Das Massaker der Illusionen, im italienischen Original:
La strage delle illusioni. Das Wort strage ruft
bei jedem italienischen Leser unweigerlich die Erinnerung
an die bis heute nachwirkenden, bis heute teilweise ungesühnten
Attentate der Nachkriegsgeschichte wach, und das hat der italienische
Verlag und/oder der Herausgeber, Mario Andrea Rigoni, zweifellos
beabsichtigt. Ob der deutsche Titel Ähnliches evoziert,
sei dahingestellt. Sicher ist jedoch, daß die Übersetzerin
die Wahl des deutschen Titels nicht zu verantworten hat, denn
sie setzt in ihrem Text immer dort, wo im Italienischen strage
vorkommt, andere Formulierungen. Es ist statt von Massaker
beispielsweise von den Verheerungen jener Vernunft
die Rede, die die Illusionen zunichte machen.
Bereits im Titel der preisgekrönten Übersetzung
klingt also einiges von den Fährnissen des übersetzerischen
Fährmannsdienstes und deren glücklicher oder zumindest
heimlicher Überwindung an, von denen hier die Rede sein
soll.
Das Massaker der Illusionen ist eine Auswahl
aus dem Zibaldone Leopardis. Dieses wunderschöne
Wort könnte man mit Sammelsurium oder Durcheinander wiedergeben.
Die Tausende handschriftlicher Seiten der tagebuchartigen
Notizen, die Leopardi von 1817 bis 1832 festhielt, wurden
in Italien erst zum 100. Geburtstag des Dichters veröffentlicht.
Ins Deutsche sind sie nie vollständig übertragen
worden und das wird wohl auch so bleiben. Leopardi ist hierzulande
wenn überhaupt bekannt als der Dichter der Canti,
schwermütiger, sehnsuchtsvoller Gedichte von strenger
Schönheit und freiester Form.
Das umfangreiche Prosawerk des Dichters, der nur neununddreißig
Jahre alt wurde, ist weitgehend unbekannt geblieben. Um so
verdienstvoller war es von Hans Magnus Enzensberger, dem Herausgeber
der Anderen Bibliothek, diese 1992 in Italien erschienene
Auswahl in deutscher Übersetzung herauszubringen. Aus
dem breitgefächerten Themenbereich der Aufzeichnungen
Leopardis, die von Gedanken zur Dichtung und Literatur bis
hin zu kleinen Alltagsbeobachtungen reichen, hat der italienische
Herausgeber diejenigen Stellen versammelt, die sich
im weitesten Sinne mit Geschichtsphilosophie befassen.
Eine solche Zuspitzung auch in deutscher Übersetzung
zu veröffentlichen, war in zweifacher Hinsicht legitim.
Zum einen liegen ältere Auswahlbände vor, die die
ganze Themenbreite des Zibaldone zumindest andeuten. Zum anderen
hat Leopardi selbst seine Gedanken zu einem Themenkreis, nämlich
Ethik und Gesellschaftsmoral zusammengefaßt. Sie sind
postum unter dem Titel Pensieri, Gedanken, erschienen.
Walter Benjamin hat diese Pensieri in einer Rezension
der deutschen Übersetzung von 1928 ein Handbuch,
eine Kunst der Weltklugheit für Rebellen genannt,
und diese Charakterisierung wird zu Recht auch auf den ganzen
Zibaldone bezogen. In seiner Besprechung hatte Benjamin sich
nicht zur Übersetzung geäußert. Auf die Nachfrage
des Übersetzers Richard Peters gab er dafür folgende
Begründung: Hier ist das Werk von überragendem
Interesse; die Übersetzung, in der es vorliegt, eine
ausgeglichene, unproblematische Arbeit.
Solange eben
ein internationales Fachblatt für Übersetzungen,
das dringend zu wünschen ist, aussteht, wird in den meisten
Fällen der Grundsatz Qui tacet consentire videtur sein
Recht behalten. Das Desiderat Benjamins ist nach wie
vor nicht realisiert, und leider haben auch bei dem Buch,
um das es heute geht, die meisten Rezensenten zur Übersetzung
einfach geschwiegen oder sich mit den handelsüblichen
Halbsätzen von der überwiegend sicheren und
gut zu lesenden Übersetzung begnügt. Liegt
hier also tatsächlich eine ausgeglichene, unproblematische
Arbeit vor? Ist diese Preisverleihung vielleicht ein
Mißverständnis?
Ganz im Gegenteil. Das Mißverständnis liegt in
der mangelnden Wahrnehmung der Übersetzung, und dies
bedeutet nicht nur eine Mißachtung der Leistung und
Person der Übersetzerin, sondern führt in letzter
Konsequenz dazu, nicht nur die Übersetzung, sondern auch
den Originaltext selbst gründlich zu verkennen.
Symptomatisch dafür ist, daß in den Rezensionen
häufig von der Kälte Leopardis die Rede
ist, vom angeblich kalten Herzen Italiens, das
in diesen geschichtsphilosophischen Überlegungen zutage
trete. Dabei wird auf Leopardis argumentative Nähe zu
Machiavelli hingewiesen. Aber noch weniger als auf Machiavelli
selbst läßt sich auf Leopardi der Begriff des Machiavellismus
anwenden. Auch dann, wenn er sich intensiv mit alten und neuen
Staatstheorien und den zu seiner Zeit neuen Themen der Gesellschaftslehre
auseinandersetzt, auch wenn er von seiner Theorie
oder seinem System spricht, wird Leopardi doch
nicht zum Theoretiker und schon gar nicht zum Philosophen
im modernen Sinn. Angesichts der durch und durch negativen
Bewertung zeitgenössischer Philosophie in seinem Denken,
wäre dies wohl das Letzte, was er gewollt hätte.
Leopardi ist und bleibt auch als Prosaschriftsteller in erster
Linie Dichter. Und Dichter bleibt Leopardi auch dann, wenn
er seine Gedanken nur skizziert, wenn er die Prosa seines
Zibaldone nicht bis ins letzte ausgefeilt hat.
Ist ein kalter Dichter denkbar? Wohl kaum. Mag Leopardi auch
von sich selbst behaupten, er besitze das kälteste
Gemüt so ist das gewiß mehr Wunsch als Wirklichkeit.
Was hinter dem scheinbar kalten, vorurteilslosen Blick steht
und diese Kälte zugleich verwandelt, ist die Sprache.
In ihr liegt die Leidenschaft, die tiefe Sehnsucht nach einer
Änderung der Verhältnisse und die tiefe Verzweiflung
darüber, daß davon weit und breit nichts zu sehen
ist. Leopardi entwickelt seine Gedanken nicht systematisch,
er entwirft und entwickelt kein Theoriegebäude, sondern
ringt mit den Dingen und Begriffen, als wolle er ihnen doch
noch einen Hoffnungsschimmer abgewinnen oder umgekehrt die
immer wieder aufkeimende Hoffnung niederkämpfen. Dabei
steht dem Denker Leopardi, auch wenn er seine Gedanken nur
skizziert, selbstverständlich das ganze Instrumentarium
lexikalischer, syntaktischer und rhetorisch-stilistischer
Mittel seiner Dichtkunst zur Verfügung. So entsteht eine
leidenschaftliche Prosa, die mit der kalten Logik ihrer Inhalte
hart kontrastiert. Denn wie Gustav Seibt einer der
wenigen Rezensenten, die auf die Sprache wenigstens des Originals
eingegangen sind - treffend beschreibt, hat das scharfsinnige
Kreisen dieser oft ellenlangen, die Argumente um- und umwälzenden
Perioden eine ganz eigene Expressivität: Leopardi schreibt
atemlose, jeden Gegeneinwand schon vorwegnehmende und dann
zermalmende Tiraden, so daß der Fluß der Sätze,
hat man sich erst an ihn gewöhnt, eine dringliche, überredende
Kraft gewinnt, deren seelisches Äquivalent freilich erschreckend
ist: ein Gefühl von Ausweglosigkeit.
Ist die Übersetzung einer derartigen Prosa als ausgeglichene,
unproblematische Arbeit denkbar? Wohl kaum. Eher könnte
man annehmen, in diesem Fall sei eine Übersetzung schier
undenkbar. Die Aufgabe, die vor Sigrid Vagt stand, hat sie
selbst in einem unveröffentlichten Text folgendermaßen
beschrieben: Zu leisten war [also] eine doppelte Übersetzung:
aus dem Italienischen ins Deutsche, aus einer fast zweihundert
Jahre alten in eine heute verständliche Sprache. Die
Begriffe mußten stimmen, Anachronismen galt es zu vermeiden,
künstliche Patina aber auch. Wichtig war mir, Leopardis
Expressivität, sein Tempo, seinen Rhythmus, sein kommunikatives
Interesse zu vermitteln. Nicht einem langweilig grauen Theoretiker
oder weitschweifigen Umstandskrämer, wie er mir aus anderen
Übersetzungen entgegentrat, wollte ich Ausdruck geben,
sondern dem kämpferischen jungen Mann, der Leidenschaft
seines Denkens und dem Scharfsinn seines Gefühls.
In welch hohem Maße die Bewältigung dieser Aufgabe
gelungen ist, werden Sie, wenn Sie den Text bisher noch nicht
kennen, anhand der Stellen, die Sigrid Vagt, heute lesen wird,
vielleicht erahnen können. Ich möchte hier nur einige
Bemerkungen dazu machen, mit welchen Mitteln ihr dies gelungen
ist.
Wenn man die langen gewundenen Satzperioden des Originals
mit der Übersetzung vergleicht, sucht man immer wieder
verduzt nach dem Zaubertrick, mit der es die Übersetzerin
geschafft hat, all diesen Windungen zu folgen, ohne umständlich
zu werden, wie es die deutsche Syntax so häufig zu erfordern
scheint. Doch es sind keine Tricks, sondern die Verbindung
von Geduld und Kühnheit, die die Treue zur Gedankenführung
und zum Syntagma mit der Lesbarkeit im Deutschen verbinden.
Sigrid Vagt gibt nie der Versuchung nach, Gedankengänge
abzukürzen, zu zertrennen oder anders zu ordnen, auch
wenn sie dadurch systematischer oder logischer erscheinen
würden. Sie verfolgt geduldig die Um- und Umwendung der
Begriffe, den Aufbau von Kontrasten, ihre ständige Veränderung
und Neuanordnung. Sie behält das oft Vage, Skizzenhafte
und scheinbar Unlogische gewissenhaft bei. Innerhalb dieser
dynamischen Struktur, die die Emotionalität der Sprache
ausmacht, scheut sie sich dann aber keineswegs, kühn
zu verschlanken, rhetorischen Ballast abzuwerfen und auf Redundanzen
zu verzichten. Diese große Leistung hier auch nur an
einem Beispiel zu verdeutlichen, ist leider ganz unmöglich,
denn sonst liefe diese Laudatio Gefahr, in ein Übersetzungsseminar
auszuarten.
Neben die Geduld beim Verfolgen der Gedankenführung
und die Kühnheit beim Abwerfen von rhetorischem Ballast
tritt als drittes herausragendes Merkmal der Übersetzungsleistung
von Sigrid Vagt die Sorgfalt im Umgang mit Leopardis schwieriger
Begrifflichkeit. Zum einen hat der Dichter viele im Zuge der
Aufklärung neu entstandenen Begriffe aus dem Französischen
übernommen. Ihre Konturen waren noch keineswegs klar
bestimmt und Leopardi hat sie gegenüber älteren,
ähnlichen Begriffen nicht immer abgrenzt. Ein Beispiel
dafür sind etwa der damalige Neologismus civilizzazione
und die unscharfe Abgrenzung von società gegenüber
nazione oder popolo. Dazu kommt, daß sich Leopardis
ganzes Argumentieren aus Antithesen entwickelt, die er nie
im philosophischen Sinne definiert, sondern eher immer wieder
neu ertastet, umformuliert, erweitert oder auf eine andere
Ebene hebt bzw. senkt. Unauflösliche Widersprüche
bauen sich nicht nur aus gegensätzlichen Begriffen auf,
sie sind für Leopardi in den Begriffen und damit dem
Menschen selbst enthalten. Darin liegt der eigentliche Grund
für die Ausweglosigkeit und die kreisende Bewegung seiner
Gedanken.
Den zentralen Begriff des amore proprio übersetzt Sigrid
Vagt sehr präzise mit Eigenliebe und nicht mit Selbstsucht,
wie dies dem zeitgenössischen Gebrauch scheinbar eher
entsprochen hätte. Denn nur so kann das darin enthaltene
Positive dem ebenso vorhandenen Negativen, nämlich dem
Haß auf andere, gegenübergestellt werden. Daraus
entwic-keln sich eigene und eigentümliche Begriffe Leopardis,
die teilweise erst allmählich Gestalt gewinnen. Ein Beispiel
dafür ist der Gegensatz von società larga, dem
für den Menschen natürlichen Zustand, und società
stretta, dem Zustand der Moderne. Sigrid Vagt hat diese Antithese
meisterhaft als lose verbundene und festgefügte
Gesellschaft übersetzt und damit sowohl inhaltlich
als auch formal die Antithese genau herausgearbeitet. Beide
Begriffe werden nie ausführlich erklärt, sondern
eher umspielt, immer wieder neu betrachtet, in immer wieder
andere Entgegensetzungen eingefügt, bis sie manchmal
in ihr Gegenteil verkehrt zu sein scheinen. All diese Nuancen
hat Sigrid Vagt mit höchster Konzentration berücksichtigt,
und durch die Wortwahl dennoch stets die Zusammenhänge
kenntlich gehalten.
Wenn soviel Geduld, soviel Kühnheit und soviel Sorgfalt
im Umgang mit Leopardis Sprache in den Rezensionen weitgehend
unbeachtet blieb und damit nicht nur der Übersetzerin,
sondern letztlich auch dem Autor Unrecht getan wurde, dann
kann man wohl mit Fug und Recht von einem Massaker der
Illusionen sprechen. Überhaupt gerät Übersetzen
stets zu einem ähnlichen Dilemma wie dem, von dem bei
Leopardi die Rede ist. Wenn die Übersetzerin der Wahrheit
ihrer beruflichen und öffentlichen Situation ins Auge
sieht, dann müßte sie jegliche übersetzerische
Lebenskraft verlieren. Lange bevor sie sich in das Abenteuer
Leopardi stürzte, hat Sigrid Vagt in einem Vortrag im
Pekinger Goethe-Institut die Situation des Übersetzens
und der Übersetzer illusionslos analysiert. Bei dieser
Gelegenheit nannte sie unsere Berufsgruppe schlicht und einfach
die Sklaven des Literaturbetriebs. An diesem Tatbestand
hat sich inzwischen ein wenig, aber noch längst nicht
genug geändert. Sigrid Vagt hat sich und auch
dies muß heute hier gewürdigt werden durch
Beteiligung an berufspolitischen Aktionen und hartnäckige
Verhandlungen aktiv für unsere Belange eingesetzt und
dabei erhebliche persönliche Nachteile in Kauf genommen.
Doch Übersetzer sind nach wie vor seltsame Sklaven,
Sklaven, die sich immer wieder von Illusionen gefangennehmen
lassen, wie Sigrid Vagt schon in Peking sagte: Denn während
sie sich in die sprachlichen und literarischen Probleme
eines Werkes vertiefen, verlieren sie leicht die Zeit und
die Ökonomie aus dem Blick, bis das leere Konto sie wieder
in die harte Realität zurückholt. Kaum aber
wird der Übersetzerin ein neues Buch mit hohen sprachlichen
Anforderungen angeboten, dann taucht sie wieder auf: die Illusion
von der Wertschätzung und Notwendigkeit gut übersetzter
Bücher. Es ist allein diese Illusion, von der das Übersetzen
lebt, und die der Übersetzerin die Kraft gibt, sich in
immer neue Abenteuer zu stürzen und das nächste
Massaker nicht zu fürchten.
Für Sigrid Vagt verbinden sich in der preisgekrönten
Übersetzung die beiden Interessengebiete, die ihre berufliche
Biographie von Anfang an, aber zunächst abwechselnd bestimmt
haben: nämlich Sprache und Politik. Nach dem Romanistik-
und Germanistik-Studium und einem kurzen Intermezzo im Schulbetrieb
arbeitete sie im Kollektiv des Merve-Verlags und dort stand
zunächst die Politik im Vordergrund, der die Sprache
nur zu dienen hatte. Über die Arbeit an Filmen, aus der
bald ein weiteres Interessenfeld wurde, kam dann das eigentliche
literarische Übersetzen dazu und wurde bald das Hauptarbeitsgebiet.
Der Name Sigrid Vagt verband sich im Laufe der Jahre nicht
mit dem eines einzigen Autors oder einer Autorin und ebenso
wenig kam sie aus akademischer Vorkenntnis zu ihren Büchern,
sondern aus leidenschaftlichem Interesse an der Sprache. Sie
hat vor allem zeitgenössische, so sprachlich differenzierte,
aber auch unterschiedliche Autoren und Autorinnen übersetzt
wie Anna Maria Ortese, Dacia Maraini und Leonardo Sciascia
aus dem Italienischen, François Cheng, Marguerite Duras
und Jean Cocteau aus dem Französischen. Für diese
Arbeiten hat Sigrid Vagt bereits eine Reihe von Auszeichnungen
in Form von Stipendien und Förderungen erhalten.
In dieser langen Karriere ist es ihr nach eigener Aussage
zwar nicht immer gelungen, die Bücher angeboten zu bekommen,
die sie am liebsten übersetzt hätte, aber doch mit
der Zeit immer mehr diejenigen, die ihr wirklich liegen, bei
denen es sich wirklich lohnt, auf jeden Satz konzentriert
einzugehen und für die sprachliche Präzision des
Autors ein deutsches Äquivalent zu finden. In der heute
preisgekrönten Übersetzung verbinden sich solche
sprachlichen Qualitäten mit radikaler Gesellschaftskritik
und damit ist auch das politische Interesse der Übersetzerin
angesprochen. Leopardi ist deshalb ein Autor, der Sigrid Vagt
nicht nur liegt, sondern auch am Herzen liegt, und für
den sie mehr denn je bereit war, Zeit und Ökonomie,
solange es irgend ging, aus dem Blick zu verlieren. Dazu,
daß sie dieser notwendigen Illusion auch weiterhin gelegentlich
erliegen kann, wird der heutige Preis hoffentlich beitragen.
|