Dankesrede der Celan-Preisträgerin Sigrid
Vagt
Sehr geehrte Damen und Herren!
Auf der Einladung zu dieser Veranstaltung gibt es zwischen
den Programmpunkten Preisverleihung und Lesung eine Leerzeile.
Und Sie haben sich vielleicht gefragt: Wofür steht diese
Leerzeile? Wird die Preisträgerin noch etwas sagen? Wenigstens
ein paar Worte des Dankes für diese Anerkennung ihrer
Arbeit? Worte des Dankes und der Freude über einen Preis,
der den großen Namen Paul Celans trägt? Warum von
all den mindestens ebenso verdienten Kolleginnen und Kollegen
heute ich hier stehe, das wissen die Juroren! Aber ich bin
sehr, sehr glücklich, daß mir gerade dieser Preis
zuteil wird, und ich könnte Ihnen erzählen, wie
der Name des Dichters aus Czernowitz mich in meine Schulzeit
in die fernen 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückkatapultiert
hat, in die Stadt, in der Celan 1958 seinen ersten - also
den Bremer - Literaturpreis bekam und in der damals - nicht
nur, aber auch - durch seine Gedichte mein Interesse an zeitgenössischer
Lyrik geweckt wurde. Ich könnte Ihnen erzählen,
wie mit diesen Gedichten ein fremder Blick sich öffnete
auf das, was noch ganz und gar nicht Vergangenheit war und
was damals in derselben Stadt einen jungen Lehrer umgetrieben
haben muß, der auch mit Viertklässlern schon Celans
Todesfuge las.
Vielleicht denken Sie aber auch, nachdem Friederike Hausmann
dem Genre der Lobrede gehorchend die Übersetzung
als gelungen gepriesen hat, könnte die Übersetzerin
nun vom fortwährend drohenden Schiffbruch beim Abenteuer
dieses Über-setzens berichten, vom Umherirren zwischen
den Ufern der Sprachen und der Zeiten, von der immer wieder
notwendigen Kurskorrektur, bis die Richtung stimmte, bis durch
immer neue Analysen der stilistischen Mittel, ihrer Motiviertheit
und ihrer unterschiedlichen Wirkung damals und heute, der
Ton für die deutsche Version gefunden war. Wobei die
Schiffbruchmetapher nicht nur Leopardi und Celan verbindet,
sondern auch Celan und von ihm übersetzte Dichter wie
Giuseppe Ungaretti und René Char. Und nebenbei könnte
ich als Anekdote einfließen lassen, wie Celan anläßlich
der Übersetzung einer Farce von Picasso seinen Verleger
bat, er möge doch bei der Honorierung nicht nur die Zeilen
sondern auch die Ruderschläge des Fährmanns beim
Über-setzen zählen. Der Verleger hatte Verständnis,
versicherte dem Dichter aber, so viel habe er noch keinem
Übersetzer gezahlt.
Jetzt denken Sie sicher - um auf die Leerzeile zurückzukommen
, hoffentlich verschont sie uns mit dem ewigen Übersetzergejammer
wegen der skandalösen Honorierung. Es weiß doch
inzwischen jeder, daß die üblichen Honorare gerade
mal ausreichen, den Text auf Deutsch abzuschreiben, die Syntax
ein wenig zurechtzurücken, den einen oder anderen Ausdruck
auszuwechseln und das Nötigste zu recherchieren. Dazu
braucht man nicht mehr als ein paar Fremdsprachenkenntnisse.
Aber eine gute Übersetzung ist kein Abklatsch des Originals.
Übersetzen ist kein Nachplappern. Übersetzer sind
keine Papageien. Wenn die eigentliche Arbeit am Text beginnt,
ist das Geld alle. Die Finanzierung der weiteren notwendigen
Durchgänge bleibt den Übersetzern überlassen.
Aber ich verschone Sie damit. Die Übersetzer haben inzwischen
aufgehört zu jammern. Sie werden in Zukunft klagen
wenn es sein muß auf angemessene Vergütung.
Es sei denn und das wäre doch in beiderseitigem
Interesse - die Verleger als redliche Kaufleute machen sich
endlich ehrlich, überwinden Trägheit und Phantasielosigkeit,
stellen ihre Kalkulation auf eine solidere Grundlage und suchen
sich andere Mäzene.
Aber hier sind wir zu Gast beim Literaturfonds. Und ich könnte
Sie und mich - für die Dauer einer Leerzeile - in der
Illusion wiegen, es ginge uns allen einzig und allein um die
Sprache, um die Literatur, um eine Literatur, die unser Denken
und unsere Wahrnehmung erweitert, eine Literatur, die nicht
aus sprachlichen und gedanklichen Fertigteilen besteht. Ohne
diese Illusion, ohne die Begeisterung und Leidenschaft für
diese Literatur könnten wir als Übersetzer unsere
Arbeit nicht tun. Diese Illusion brauchen wir, und zwar nicht
nur, damit wir zeitweilig die widrigen äußeren
Bedingungen außer acht lassen können, sondern mehr
noch aus einem inneren Grund: damit wir uns selbst vergessen.
Wie es Celan in seiner Meridian-Rede bezogen auf Büchners
Lenz ausgeführt hat: "Wer Kunst vor Augen und im
Sinn hat, der ist selbstvergessen. Kunst schafft Ich-Ferne.
Kunst fordert... eine bestimmte Distanz, einen bestimmten
Weg."
Selbstvergessenheit und Ich-Ferne als notwendige Schritte
also auf dem Weg der Kunst, nicht mißzuverstehen als
bescheidene Selbstlosigkeit, auch nicht als Ichlosigkeit,
wie eine bekannte Literaturkritikerin meinte, als sie in einer
mittlerweile eingestellten Fernsehsendung Übersetzer
als "identitätslose Wesen schlechthin" bezeichnete.
Nein, Selbstvergessenheit und Ich-Ferne als Schritte auf dem
Weg der Kunst, auch und gerade der Kunst des Übersetzens.
Nur so können wir auf das Fremde zugehen, das eigene
Ich befremden lassen und mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten
in die eigene Sprache zurückkehren. Und dann kann es
passieren: Wir schlagen unsere frischgedruckte Übersetzung
auf und zucken zusammen: Ist das wirklich von mir? Das ist
doch gar nicht mein Wortschatz, mein stilistisches Repertoire.
Hat sich da jemand eingemischt? Aber der Blick ins Manuskript
zeigt: Doch, das haben wir geschrieben. Das Fremde ist, in
diesem Sinn, auch eine andere Seite, ein anderer Ausdruck
von uns selbst.
Aber um auf die Leerzeile zurückzukommen: Bloß
nichts Imkopetentes über Celan, werden die Celan-Kenner
denken, auch nicht über Celan als Übersetzer. Da
gibt es schließlich den wunderbaren Marbacher Katalog
zur Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs, mit dem von
Celan selbst für einen Band seiner Übersetzungen
gedachten Titel "Fremde Nähe". Es gibt die
Celan-Studien von Peter Szondi, in denen er zeigt, warum es
gerechtfertigt und notwendig ist, alte Texte immer wieder
neu zu übersetzen, weil es nicht nur um die Unterschiede
zwischen den Sprachen und den historischen Sprachstufen geht,
sondern manchmal - wie im Fall von Celans Übertragung
der Shakespeare-Sonette sogar um Unterschiede in der
Sprachkonzeption.
Nein, auch darüber nichts, das kennen Sie oder können
Sie selbst nachlesen. Ich wollte Ihnen nur andeuten, was sich
alles hinter einer Leerzeile verbergen kann. Wir übersetzen
ja nicht nur Wörter und Zeilen sondern auch, was zwischen
den Zeilen steht. Das ist vielleicht sogar die größere
Kunst. Doch die Leerzeile und nur darauf wollte ich
Sie aufmerksam machen - ist vom Verschwinden bedroht. Sie
wird neuerdings nicht nur immer häufiger bei der Honorarabrechnung
herausgenommen, sondern gelegentlich auch schon aus Texten.
Wenn aber zum Beispiel Leerzeilen in einem Text jeweils einen
Zeitsprung markieren, entsteht - wie ich es erlebt habe -
durch ihre Weglassung ein neuer Text mit einer ganz anderen
Zeitstruktur. Und wir ahnen, welche Möglichkeiten sich
hier eröffnen: die einer Vermehrung von Texten, zu der
man keine Autoren und Übersetzer mehr braucht - diesen
lästigen Sand im Getriebe. Autonome computergenerierte
Textproliferation. Parthenogenese sozusagen, jungfräuliche
Geburt von Texten oder - aus der Sicht der Verlagsmanager
- unbefleckte Empfängnis. Deshalb - und nur das wollte
ich Ihnen zurufen - : falls Ihnen unsere gute alte Schöne
Literatur, eine von Menschen - von Autoren und Übersetzern
- geschaffene Literatur am Herzen liegt, dann: Retten Sie
die Leerzeile!
Ich danke dem Literaturfonds, ich danke Friederike Hausmann,
ich danke den Juroren, ich danke Ihnen allen.
Frankfurt 10. Oktober 2003 Sigrid Vagt |