Am Mittwoch, 21. September 2011 wurde in Biberach der 17. Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis an Burkhart Kroeber verliehen. Hier seine Dankesrede, die wir mit freundlicher Genehmigung des Preisträgers veröffentlichen.

 

Für einen schönen Preis bedankt man sich immer gern, aber dieser erfüllt mich aus zwei Gründen mit besonderer Freude: erstens, weil ich ihn für die Übersetzung eines Buches von Italo Calvino bekomme, und zweitens, weil es nicht irgendein Buch von Calvino ist, sondern eines, um dessen Übersetzung ich mich besonders lange und intensiv bemüht hatte, nämlich alles in allem gut zwanzig Jahre. Der Fall ist so außergewöhnlich, daß ich diese schöne Gelegenheit heute benutzen möchte, um ihn in aller gebotenen Kürze zu erzählen und ein bißchen über meine Erfahrungen mit Calvino zu sprechen.

Wer Italo Calvino war, was er geschrieben hat und welche Rolle er in der italienischen und internationalen Literatur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gespielt hat, kann ich hier nicht ausbreiten, ich empfehle allen, die es genauer wissen wollen, einmal den Wikipedia-Artikel über ihn zu lesen, den ich größtenteils selber verfaßt habe und regelmäßig kontrolliere (was man bei Wikipedia ja tun muß, damit nicht irgendwelche Besserwisser oder Vandalen den Artikel verunstalten). Ich habe in diversen Radio-Interviews und anderen öffentlichen Gesprächen nie einen Hehl daraus gemacht, daß mir Calvino von meinen Autoren immer der liebste war – und das sage ich in voller Übereinstimmung mit meinem berühmtesten und produktivsten Autor, Umberto Eco, denn der schrieb nach Calvinos plötzlichem Tod am 19. September 1985 in einem sehr schönen Nachruf auf ihn schlicht und ergreifend: „Era quello che amavo di più – Er war derjenige, den ich am meisten liebte.“

Meine große Liebe zu Calvino begann, als ich 1982 seinen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht übersetzen durfte (wie es dazu kam, ist eine eigene Geschichte, die auch etwas mit dem Welterfolg von Ecos Name der Rose zu tun hat). Wer Calvinos höchst originellen und hinreißenden „Meta-Roman über das Lesen“ gelesen hat (der im Spiegel unter der Überschrift „Hinein ins Vergnügen!“ rezensiert worden ist), wird meine spontane Verliebtheit unschwer verstehen – solange er nicht zu denen gehört, die das Buch frustriert in die Ecke geworfen haben, da es aus lauter Geschichten besteht, die immer am spannendsten Punkt abbrechen …

Persönlich kennengelernt habe ich Calvino erst zwei Jahre später, als ich die siebenundzwanzig pedantisch durchnummerierten Texte (bei Calvino muß man sich immer auf den allgemeinen Ausdruck „Texte“ zurückziehen, da es so schwer ist, seine literarischen Hervorbringungen genauer zu definieren) des schmalen Bandes Herr Palomar übersetzte. Es war in Wien, wo er 1984 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur verliehen bekam. Ich traf ihn am Vorabend der Verleihung im Hilton Hotel, wir beschnupperten uns ein bißchen verlegen, während ein freundlicher junger Redakteur des Österreichischen Rundfunks unsere Begegnung mit geschickten Fragen erleichterte und auf seinem Tonbandgerät aufzeichnete, bis schließlich Calvinos argentinische Ehefrau Chichita dazukam und uns munter in ein Wiener Beisl entführte, wo wir dann locker den ganzen Abend lang bis ein Uhr nachts plauderten.

Am nächsten Abend, bei der feierlichen Preisverleihung im hochbarocken Ignaz-Seipel-Saal, vor der ganzen Wiener Kulturprominenz mit schwarzberockten Botschaftern und Präsidenten in der ersten Reihe, mußte ich den Anfangstext von Palomar auf deutsch vorlesen, und zwar noch bevor Calvino selbst seine italienische Originalfassung vortrug (er hatte es so gewollt – damit, wie er sagte, die Zuhörer wüßten, worum es ging, und nicht bloß dem „schönen Klang“ des für sie unverständlichen Italienisch lauschten). Die Übersetzung dieses knapp sieben Seiten langen Textes – Herr Palomar steht am Strand und versucht, eine einzelne Welle zu beobachten – hatte ich erst am Nachmittag im Hotel verfaßt, denn sie war mir beim Lesen des Buches so schwer vorgekommen, daß ich sie vorläufig weggelassen und mit dem zweiten Text begonnen hatte. Nun mußte ich sie ad hoc anfertigen, weil Calvino auf der Vorlesung gerade dieses Textes bestand. Irgendwie habe ich mich durchgewurschtelt, beim mündlichen Vortrag kann man ja manche Ungenauigkeit vertuschen. Ich weiß noch wie heute: Während ich meine kaum drei Stunden alte Übersetzung vorlas, schaute ich ab und zu aus den Augenwinkeln auf den neben mir sitzenden Calvino und sah, wie er mit einem Stift in der Hand skandierend von links nach rechts über die Zeilen seines Buches fuhr. Ich wußte, daß er kein Deutsch konnte, und als ich ihn hinterher schüchtern fragte, was er denn da gemacht habe, erklärte er mir: Ho controllato il ritmo – er habe „den Rhythmus kontrolliert“. Das war typisch für seine Vorstellung von einer guten Übersetzung: Der Rhythmus muß stimmen. Auch in seinem eigenen Schreiben war ihm der Rhythmus immer sehr wichtig, er pflegte an seinen Sätzen, die auf den ersten Blick immer so leicht und locker klingen, immer sehr lange zu feilen – und das mußte er auch, denn mündlich, beim Sprechen, war er keineswegs locker und leicht, eher ein bißchen gehemmt und stotterig.

Nach dieser Begegnung in Wien habe ich Calvino nur noch einmal kurz in Rom getroffen, im Frühjahr 1985 in seiner Wohnung, wo er von zwei deutschen Romanisten interviewt wurde, die mich dazugebeten hatten. Diese zweite Begegnung ist mir jedoch nur als knapp und fast etwas kühl in Erinnerung. Ein halbes Jahr später war Calvino tot, und ich bekam einen Anruf aus Graz, wo er beim Steirischen Herbst hätte auftreten sollen: ob ich für ihn einspringen und etwas über ihn sagen könne. Ich nutzte die Gelegenheit, um dem Publikum dieses renommierten Literaturfestivals vor Augen zu führen, was für eine außergewöhnliche Figur der Autor Calvino in seiner Heimat Italien gewesen war: Er hatte nach einem Gehirnschlag zwei Wochen im Koma gelegen, und die italienische Presse hatte sein Sterben mit größter Aufmerksamkeit verfolgt: Täglich hatten die Zeitungen detaillierte ärztliche Bulletins über seinen Zustand gebracht, als handle es sich um eine Persönlichkeit wie – was weiß ich – der Papst oder der Staatspräsident, und am Tag nach seinem Tod erschienen die meisten Blätter mit mehreren Seiten voller Würdigungen und Nachrufe. Die römische Zeitung La Repubblica hatte ganze acht Seiten nur für das Thema „La scomparsa di Calvino“ freigeräumt (dort war auch der oben erwähnte Nachruf von Eco erschienen), und ich weiß noch, wie ich diese acht Zeitungsseiten vor dem Grazer Publikum hochhielt, um ihm vor Augen zu führen, wie hoch, wie geradezu himmelhoch der doch so leise Autor Calvino in seinem Lande geschätzt worden war und wurde. (Als Heinrich Böll fast auf den Tag genau zwei Monate vorher gestorben war, standen in den deutschen Feuilletons die üblichen zweispaltigen Nachrufe, und das war’s . . .)

Eine Zusammenarbeit in Fragen des Übersetzens gab es bei Calvino freilich kaum (anders als bei Eco, mit dem ich bei jedem Buch eine ausgiebige Korrespondenz über allerlei sachliche und textliche Details geführt habe und der sich auch immer sehr für Übersetzungsprobleme interessierte). Calvino ließ mir zwar gleich zu Anfang über seinen Verlag mitteilen, ich könne mich jederzeit an ihn wenden, wenn ich Fragen hätte, aber ich fand seine Texte immer so klar, geradezu kristallklar, daß ich nie wußte, was ich ihn hätte fragen sollen. Das Problem war bei ihm nie das Verständnis seiner Texte, es gab darin auch kaum je verborgene Anspielungen oder Zitate (und wenn doch, dann relativ leicht auffindbare), das Problem war immer nur, wie man diese Texte möglichst adäquat – also nach Möglichkeit ebenso kristallklar – ins Deutsche bringt. Das gilt übrigens auch für die Übersetzungen in andere Sprachen und wurde von allen Calvino-Übersetzern so empfunden. Sein amerikanischer Übersetzer William Weaver, der auch die Romane von Eco übersetzt hat und nebenbei Musikkritiker und ein sehr guter Amateurpianist war, sagte mir einmal, als wir über den Unterschied zwischen Calvino und Eco sprachen: „Wenn ich Eco übersetze, spiele ich gerne Sachen von Beethoven oder Brahms, wenn ich Calvino übersetze, zieht es mich immer zu Mozart.“

Ein besonders gutes Beispiel für Calvinos kristalline Klarheit und filigrane Transparenz, sowohl in der Sprache wie im Denken, ist sein 1972 erschienenes Buch Die unsichtbaren Städte, für dessen Übersetzung mir jetzt der Wielandpreis zuerkannt worden ist. Was es mit diesem einzigartigen Buch auf sich hat, werde ich heute abend in der Lesung genauer erklären, hier nur soviel: Es handelt sich um 55 kurze, durch eine Rahmenerzählung verbundene Texte, die man, wollte man sie literaturkritisch definieren, vielleicht am ehesten als poèmes en prose, also Prosagedichte bezeichnen könnte. Knappe, fast minimalistische Skizzen, Sprachbilder, die an Zeichnungen von Paul Klee erinnern, so zart und zugleich präzise formuliert, daß es auf jedes einzelne Wort ankommt, ja auf jedes Komma – und eben auf den Rhythmus . . .

Genau den aber konnte ich, ehrlich gesagt, in der 1977 erschienenen Erstübersetzung von Heinz Riedt nicht recht erkennen, und so kam es, daß ich nach Calvinos Tod im Herbst 1985 den Hanser Verlag bat, mich eine Neuübersetzung der Unsichtbaren Städte versuchen zu lassen. Ein paar Proben, die ich vorlegte, wurden auch durchaus positiv beurteilt, und Michael Krüger machte mir Hoffnung auf eine Calvino-Gesamtausgabe „in den nächsten Jahren“, zum fünften oder zehnten Todestag oder so. Sie hatten halt noch ziemlich viele unverkaufte Exemplare der Erstausgabe auf Lager . . .

Einen Teil meiner Übersetzungsproben konnte ich Ende 1985 in einem Artikel über Calvino als politisch zu lesenden Autor in Wagenbachs „Freibeuter“ veröffentlichen, aber dann kamen mehrere nachgelassene Schriften von Calvino heraus, die rasch eine nach der anderen übersetzt werden mußten, und die Neuausgabe der Unsichtbaren Städte hatte zu warten. Zum Glück jedoch nicht ewig: Es vergingen nur lächerliche zwanzig Jahre, bis ich 2005 einen Anruf bekam: Jetzt wolle der Verlag das Buch machen, zwar nicht im Rahmen einer Gesamtausgabe, aber doch als Neuausgabe der Unsichtbaren Städte, und so kramte ich meine Proben wieder hervor und versuchte, den Ton und den Rhythmus wiederzufinden.

Geholfen hat mir dabei übrigens der erwähnte amerikanische Kollege Bill Weaver, dessen bereits 1974 erschienene Übersetzung Invisible Cities ich bei der Arbeit immer wieder konsultierte, weniger Rat als Bestätigung suchend, und die ich gleichsam als Metronom benutzt habe. Den Vergleich zwischen der Tätigkeit des Übersetzens und der des Musizierens habe ich schon öfter gezogen – in beiden Fällen muß eine gegebene Vorlage adäquat interpretiert und für ein Publikum verstehbar „aufgeführt“ werden –, aber nie war dieser Vergleich für mich so überzeugend wie beim Übersetzen der filigranen Prosagedichte in Calvinos Unsichtbaren Städten.

Daher habe ich mich naturgemäß ganz besonders gefreut, als ich erfuhr, daß ausgerechnet dieses Buch mir jetzt den Wielandpreis eingebracht hat. Ich danke der Jury und allen Beteiligten dafür von Herzen.