Dankesrede des Hieronymusringträgers Hanns Grössel


Bensberg, 26. 1. 2002

Liebe Brigitte Große, liebe Kolleginnen und Kollegen! Über den Hieronymus-Ring freue ich mich sehr. Zwei Jahre lang darf ich ihn tragen, und das verdanke ich einer völlig subjektiven, unverwässerten Entscheidung, wie eine mehrköpfige Jury sie nicht leicht zustandebrächte. Ebenso sehr freut mich, daß ich meinerseits allein entscheiden kann, wem ich den Ring weitergebe. Vorausblickende Spekulationen darüber mag ich nicht anstellen. Aber wem ich den Hieronymus-Ring im Rückblick gerne angesteckt hätte, werde ich freiheraus sagen: es ist Valery Larbaud.

Warum Valery Larbaud? Weil er einer der besten Prosakünstler des 20. Jahrhunderts ist - ein Prosakünstler als Erzähler und als Essayist, ein Prosakünstler nicht minder als Übersetzer. Weil Valery Larbaud, wie er Hieronymus nachrühmt, "sein ganzes Leben hindurch die originale Produktion und die Übersetzung zugleich betrieben" und weil er all seine literarischen Tätigkeiten im Geiste des Hieronymus ausgeübt hat.

Um seinen Lebensunterhalt brauchte er sich nicht zu sorgen. Valery Larbaud war das einzige Kind eines reichen Mineralwasserkaufmanns aus Vichy, wo er am 29. August 1881 geboren wurde. Seine Geldquelle, die Larbaud-Quelle in Saint-Yorre südlich von Vichy, sprudelt noch heute. Sie ermöglichte ihm, ganz seinen literarischen Neigungen zu leben, jedes Buch zu kaufen, das ihn reizte, und jederzeit aufzubrechen, wohin es ihn gelüstete.

Wollte man alle Ortswechsel im Leben Valery Larbauds als Striche in eine Landkarte Europas einzeichnen, es entstünde ein Netz dichter als Spinnweb und ein Inbild des literarischen Weltbürgertums, das Valery Larhaud durch zahlreiche vermittelnde Brückenschläge praktiziert hat. Schwerpunkte dabei waren England, Spanien und Italien. Valery Larbaud hat die Hauptwerke von Samuel Butler übersetzt, Texte von Ramón Gómez de la Serna und von Italo Svevo. Nicht zuletzt hat Valery Larbaud umfassenden Anteil an der französischen Übersetzung des Romans Ulysses von James Joyce, mit dem er befreundet war. Übersetzervermerk und Verlagsangabe lauten wörtlich: Traduit de l'anglais par Auguste Morel, assisté par Stuart Gilbert. Traduction entièrement revue par Valery Larbaud, avec la collaboration de l'auteur. Paris, la Maison des Amis des Livres, Adrienne Monnier, 1929.

Auf diese wenigen Namen beschränke ich mich, weil ich nicht in Aufzählungen verfallen will. Außerdem: Nicht die Vielzahl der Sprachen, aus denen er übersetzt, macht den guten Übersetzer aus, sondern die Verbindung von philologischer Genauigkeit mit künstlerischem Feingefühl, und beides besaß Valery Larbaud in höchstem Maße. Auf ihn paßt, was Rainer Maria Rilke über den französischen Romantiker Félix Arvers geschrieben hat: "Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre".

Wie sehr Valery Larbaud das Ungefähre haßte, bezeugt auf jeder Seite das Buch, das er dem Übersetzen gewidmet hat: Sous l'invocation de Saint Jerôme, Unter Anrufung des heiligen Hieronymus. Es ist 1946 erschienen, und Valery Larbaud behandelt darin auf ebenso geistvolle wie praxisnahe Weise alle Aspekte des Übersetzens, einschließlich so heikler Fragen wie der, ob ein Übersetzer Textteile austauschen oder gar weglassen darf. Es ist für Valery Larbaud bezeichnend und wirft ein Licht auf Seine stupende Belesenheit, daß er dieser Frage anhand einer Übersetzungskritik aus fremder Feder nachgeht; sie steht in Joseph de Maistres Soirées de Saint-Petersbourg aus dem Jahre 1821 und betrifft Pierre Costes französische Übersetzung von John Lockes Versuch über den menschlichen Verstand aus dem Jahre 1689. Coste hat an einer Stelle aus Nüssen Aprikosen gemacht, hat an einer anderen Stelle den Namen Cajus durch den Namen Titus ersetzt und eine dritte Stelle ganz weggelassen - alles aus rein ästhetischen Gründen, die de Maistre ausdrücklich billigt.

Valery Larbaud referiert den Fall, erklärt dann aber mit Entschiedenheit: "nous nous refusons à le suivre aussi loin: le sentiment de notre responsabilité, et pour tout dire notre honneur de traducteur nous l'interdit." Gegen das, was man die Versuchung des heiligen Hieronymus nennen könnte, war Valery Larbaud gefeit. Sie tritt dann an den Übersetzer heran, wenn er eine mittelmäßige, eine schlechte Vorlage wiederzugeben hat. Da gerät er in Versuchung, nachzubessern, aufzuschönen, kurzum: seinem eigenen Text eine Qualität zu verleihen, die das Original nicht hat. Und da der Übersetzer in einer Phase seiner Arbeit Analytiker und Kritiker ist, entgehen ihm Schwächen seiner Vorlage selten, als da sind: überflüssige oder schiefe Beiwörter, unstimmige Metaphern, schludrige Überleitungen und Wiederholungen ohne Funktion. Auch dann, wenn er dieser Versuchung des heiligen Hieronymus erliegt, wird der traduttore zum traditore.

Ich habe von Valery Larbauds großer Belesenheit gesprochen. Bei ihm steht das Lesen mit dem Übersetzen in so enger Wechselbeziehung wie bei keinem anderen neueren Schriftsteller. Valery Larbaud hat mehrere Bände mit Artikeln und Aufsätzen zur englischen und zur französischen Literatur veröffentlicht und sie unter den Sammeltitel Ce vice impuni, la Lecture gestellt: Lesen, dies ungestrafte Laster. Die Formel stammt aus dem Prosagedicht Consolation von Logan Pearsall Smith. Aber durch ständige Assoziation ist sie allmählich auf Valery Larbaud übergegangen, und für wen wäre diese Lasterhaftigkeit wünschbarer als für einen, der Übersetzen als höchste Tätigkeitsstufe des Lesens betreibt? Valery Larbaud selber freilich faßt das in bescheidenere, ja zurücknehmende Worte; 1913 schreibt er: "Ma traduction ne veut être qu'interprétation personnelle... C'est l'enchantement d'une lecture que je vous apporte: c'est une aventure..."

Die Mehrstufigkeit des literarischen Tuns ist es, was Valery Larbaud als Vorzug auch an Hieronymus hervorhebt. Er tut es im ersten Teil von Sous l'invocation de Saint Jérôme, einem perspektivenreichen Essay über Leben und Werk des heiligen Hieronymus, der am 30. September 420 in Rom gestorben ist. Vor allem betont Valery Larbaud, mit welcher Begeisterung, welcher Leidenschaft Hieronymus am Werke war. "Er hat 'aus Liebe' übersetzt", schreibt er über ihn, "das heißt, weil er sich für gewisse Arbeiten seiner Vorgänger oder seiner Lehrer in der Exegese begeisterte. Er hat übersetzt, um Leuten nützlich zu sein und Freunden Freude zu machen. Er hat übersetzt, um sich zu trösten über seinen Verdruß und seine großen Kümmernisse. (...) Er hat sogar 'gegen' andere übersetzt, nämlich um dem lateinischen Publikum die Plagiate seiner Gegner anzuzeigen (...), indem er auf diese Weise seine Übersetzungskunst seinem Zorn und seinem Groll als Polemiker dienstbar machte."

In einem Brief, dem Brief Nr. 57 an Pammachius, hat sich Hieronymus über Die beste Art zu übersetzen geäußert, De Optimo Genere Interpretandi. Valery Larbaud geht auf diesen Brief nur kurz ein und hält daraus den Grundsatz fest: "Nicht das Wort durch das Wort, sondern den Sinn durch den Sinn ausdrücken" - Non verbum e verbo, sed sensum exprimere de senso, wie Hieronymus schreibt. Mehr noch liegt Valery Larbaud daran, Hieronymus als großen Sprachkünstler herauszustellen - "diese Festigkeit, diese Grösse, diese majestätische Einfalt des Stils und des Ausdrucks" -, und das übersetzerische Hauptwerk des Hieronymus, die Vulgata, nennt Valery Larbaud "das Werk eines Genies".

Im August 1935 erleidet Valery Larbaud einen Gehirnschlag, der halbseitige Lähmung und Aphasie zur Folge hat; trotz langer logopädischer Übungen wird er bis zu seinem Tode am 2. Februar 1957 nur noch über einen sehr begrenzten Wortschatz verfügen. Ende 1934 hatte er seinen Freunden eine Glückwunschkarte zum Jahreswechsel geschickt, darauf ein Gedicht mit Wörtern und Wendungen aus elf - nach anderen Interpreten: aus neun - Sprachen und dem französischen Titel La Neige, Der Schnee. Der Blick des Lesers wird über das verschneite Europa gelenkt, das bis zu den Karpaten reicht. Und dann heißt es, an den Schnee gewandt:

      Doch in loco nullo more te colunt els meus pensaments
      Quam in Esquilino Monte, ove della nostra Roma
      Corona de plata eres

Ins Deutsche übersetzt:

      Doch an keinem ändern Ort verehren meine Gedanken dich mehr
      Als auf dem Esquilin, wo du unseres Roms
      Silberne Krone bist.

Merkwürdig: warum sollte gerade auf einem der kleineren Hügel Roms der Schnee am verehrenswertesten sein? Die Antwort gibt Valery Larbaud in Sous l'évocation de Saint Jérôme. Er erinnert seine Übersetzerkollegen an den Todestag des Hieronymus, den 30. September, und führt sie zu der römischen Kirche Maria Schnee, zu der liberischen Basilika Santa Maria Maggiore. Dort ist unter den Reliquien, den fünf Brettern der Krippe von Bethlehem, der heilige Hieronymus begraben.

"Es genügt, den Namen des Hieronymus auszusprechen", schreibt Valery Larbaud, "und der Geringste unter uns fühlt sich alsbald gehoben und an die Pflichten und die Ehre seines Berufes gemahnt. Unser sehr großer, sehr heiliger Schutzpatron, an dessen Fest wir die Arbeit ruhen lassen sollten. Es sei denn, wir wählten diesen Tag, ganz nahe schon dem fleißigen Behagen des Oktobers, um eine neue Übersetzung zu beginnen.

Bevor wir dann wieder unsere Wörterbücher aufschlagen und in die Heiligkeit der Arbeit eingehen - unserer liebenden, umsichtigen und mitfühlenden Übersetzungsarbeit -, werden wir uns in Gedanken nach Rom versetzen und den Esquilin besteigen. Die Stufen, sämtliche Stufen der liberischen Basilika. Und in dem großen Haus von Maria Schnee werden wir uns zu dem Presepio begeben. Rechter Hand liegt die Kapelle des heiligen Hieronymus. Und dort in Gedanken kniend, werden wir ihn bitten, uns in unserer Mühe beizustehen. (...) Ein kurzes Gebet, das wir, zum Gebrauch unserer ganzen Zunft, hier aufzusetzen versuchen wollen. (...)

"Preiswürdiger Lehrer, Leuchte der heiligen Kirche, glückseliger Hieronymus, ich rüste mich zu einem Geschäft voller Schwierigkeiten, und jetzt schon bitte ich dich um deinen Beistand durch deine Fürbitten, daß ich imstande sei, dieses Werk ins Deutsche zu übersetzen in dem gleichen Geiste, in dem es verfaßt wurde."

Ich möchte nicht mit dieser Anrufung, sondern mit einem Aufruf schließen. Soweit ich Valery Larbauds Sous l'invocation de Saint Jerôme auf deutsch zitiert habe, bin ich dem Text von Annette Kolb gefolgt. In ihrer Übersetzung ist 1956 der erste Teil des Buches unter dem Titel Sankt Hieronymus beim Kösel-Verlag in München erschienen. Von den etwa 320 Seiten des Originals ist das weniger als ein Sechstel. Außerdem liegen zehn Abschnitte aus dem zweiten Teil als Manuskript übersetzt vor. Sie sind in einer Arbeitsgemeinschaft entstanden, die unser verstorbener Kollege Elmar Tophoven geleitet hat. Mit dem Text von Annette Kolb zusammen entsprechen sie einem guten Drittel des Buches von Valery Larbaud.

Es wäre höchst wünschenswert, daß es davon einmal eine vollständige deutsche Übersetzung gäbe. Dazu müßte sich ein einzelner oder eine Gruppe von Übersetzern finden, ein koordinierender Redakteur, ein Verleger und eine großzügige Finanzhilfe. Das sind gleich vier Wünsche auf einmal. Aber vielleicht gehört der Hieronyms-Ring ja zu jenen Ringen, die man nur zu drehen braucht, und schon gehen selbst die kühnsten Wünsche in Erfüllung. Wenn dem so wäre, hätte ich einen weiteren gewichtigen Grund, mich darüber zu freuen und dafür zu danken.