| Warum Valery Larbaud? Weil er
einer der besten Prosakünstler des 20. Jahrhunderts ist
- ein Prosakünstler als Erzähler und als Essayist,
ein Prosakünstler nicht minder als Übersetzer. Weil
Valery Larbaud, wie er Hieronymus nachrühmt, "sein
ganzes Leben hindurch die originale Produktion und die Übersetzung
zugleich betrieben" und weil er all seine literarischen
Tätigkeiten im Geiste des Hieronymus ausgeübt hat.
Um seinen Lebensunterhalt brauchte er sich nicht zu sorgen.
Valery Larbaud war das einzige Kind eines reichen Mineralwasserkaufmanns
aus Vichy, wo er am 29. August 1881 geboren wurde. Seine Geldquelle,
die Larbaud-Quelle in Saint-Yorre südlich von Vichy,
sprudelt noch heute. Sie ermöglichte ihm, ganz seinen
literarischen Neigungen zu leben, jedes Buch zu kaufen, das
ihn reizte, und jederzeit aufzubrechen, wohin es ihn gelüstete.
Wollte man alle Ortswechsel im Leben Valery Larbauds als
Striche in eine Landkarte Europas einzeichnen, es entstünde
ein Netz dichter als Spinnweb und ein Inbild des literarischen
Weltbürgertums, das Valery Larhaud durch zahlreiche vermittelnde
Brückenschläge praktiziert hat. Schwerpunkte dabei
waren England, Spanien und Italien. Valery Larbaud hat die
Hauptwerke von Samuel Butler übersetzt, Texte von Ramón
Gómez de la Serna und von Italo Svevo. Nicht zuletzt
hat Valery Larbaud umfassenden Anteil an der französischen
Übersetzung des Romans Ulysses von James Joyce,
mit dem er befreundet war. Übersetzervermerk und Verlagsangabe
lauten wörtlich: Traduit de l'anglais par Auguste Morel,
assisté par Stuart Gilbert. Traduction entièrement
revue par Valery Larbaud, avec la collaboration de l'auteur.
Paris, la Maison des Amis des Livres, Adrienne Monnier, 1929.
Auf diese wenigen Namen beschränke ich mich, weil ich
nicht in Aufzählungen verfallen will. Außerdem:
Nicht die Vielzahl der Sprachen, aus denen er übersetzt,
macht den guten Übersetzer aus, sondern die Verbindung
von philologischer Genauigkeit mit künstlerischem Feingefühl,
und beides besaß Valery Larbaud in höchstem Maße.
Auf ihn paßt, was Rainer Maria Rilke über den französischen
Romantiker Félix Arvers geschrieben hat: "Er war
ein Dichter und haßte das Ungefähre".
Wie sehr Valery Larbaud das Ungefähre haßte, bezeugt
auf jeder Seite das Buch, das er dem Übersetzen gewidmet
hat: Sous l'invocation de Saint Jerôme, Unter
Anrufung des heiligen Hieronymus. Es ist 1946 erschienen,
und Valery Larbaud behandelt darin auf ebenso geistvolle wie
praxisnahe Weise alle Aspekte des Übersetzens, einschließlich
so heikler Fragen wie der, ob ein Übersetzer Textteile
austauschen oder gar weglassen darf. Es ist für Valery
Larbaud bezeichnend und wirft ein Licht auf Seine stupende
Belesenheit, daß er dieser Frage anhand einer Übersetzungskritik
aus fremder Feder nachgeht; sie steht in Joseph de Maistres
Soirées de Saint-Petersbourg aus dem Jahre 1821
und betrifft Pierre Costes französische Übersetzung
von John Lockes Versuch über den menschlichen Verstand
aus dem Jahre 1689. Coste hat an einer Stelle aus Nüssen
Aprikosen gemacht, hat an einer anderen Stelle den Namen Cajus
durch den Namen Titus ersetzt und eine dritte Stelle ganz
weggelassen - alles aus rein ästhetischen Gründen,
die de Maistre ausdrücklich billigt.
Valery Larbaud referiert den Fall, erklärt dann aber
mit Entschiedenheit: "nous nous refusons à le
suivre aussi loin: le sentiment de notre responsabilité,
et pour tout dire notre honneur de traducteur nous l'interdit."
Gegen das, was man die Versuchung des heiligen Hieronymus
nennen könnte, war Valery Larbaud gefeit. Sie tritt dann
an den Übersetzer heran, wenn er eine mittelmäßige,
eine schlechte Vorlage wiederzugeben hat. Da gerät er
in Versuchung, nachzubessern, aufzuschönen, kurzum: seinem
eigenen Text eine Qualität zu verleihen, die das Original
nicht hat. Und da der Übersetzer in einer Phase seiner
Arbeit Analytiker und Kritiker ist, entgehen ihm Schwächen
seiner Vorlage selten, als da sind: überflüssige
oder schiefe Beiwörter, unstimmige Metaphern, schludrige
Überleitungen und Wiederholungen ohne Funktion. Auch
dann, wenn er dieser Versuchung des heiligen Hieronymus erliegt,
wird der traduttore zum traditore.
Ich habe von Valery Larbauds großer Belesenheit gesprochen.
Bei ihm steht das Lesen mit dem Übersetzen in so enger
Wechselbeziehung wie bei keinem anderen neueren Schriftsteller.
Valery Larbaud hat mehrere Bände mit Artikeln und Aufsätzen
zur englischen und zur französischen Literatur veröffentlicht
und sie unter den Sammeltitel Ce vice impuni, la Lecture
gestellt: Lesen, dies ungestrafte Laster. Die Formel stammt
aus dem Prosagedicht Consolation von Logan Pearsall
Smith. Aber durch ständige Assoziation ist sie allmählich
auf Valery Larbaud übergegangen, und für wen wäre
diese Lasterhaftigkeit wünschbarer als für einen,
der Übersetzen als höchste Tätigkeitsstufe
des Lesens betreibt? Valery Larbaud selber freilich faßt
das in bescheidenere, ja zurücknehmende Worte; 1913 schreibt
er: "Ma traduction ne veut être qu'interprétation
personnelle... C'est l'enchantement d'une lecture que je vous
apporte: c'est une aventure..."
Die Mehrstufigkeit des literarischen Tuns ist es, was Valery
Larbaud als Vorzug auch an Hieronymus hervorhebt. Er tut es
im ersten Teil von Sous l'invocation de Saint Jérôme,
einem perspektivenreichen Essay über Leben und Werk des
heiligen Hieronymus, der am 30. September 420 in Rom gestorben
ist. Vor allem betont Valery Larbaud, mit welcher Begeisterung,
welcher Leidenschaft Hieronymus am Werke war. "Er hat
'aus Liebe' übersetzt", schreibt er über ihn,
"das heißt, weil er sich für gewisse Arbeiten
seiner Vorgänger oder seiner Lehrer in der Exegese begeisterte.
Er hat übersetzt, um Leuten nützlich zu sein und
Freunden Freude zu machen. Er hat übersetzt, um sich
zu trösten über seinen Verdruß und seine großen
Kümmernisse. (...) Er hat sogar 'gegen' andere übersetzt,
nämlich um dem lateinischen Publikum die Plagiate seiner
Gegner anzuzeigen (...), indem er auf diese Weise seine Übersetzungskunst
seinem Zorn und seinem Groll als Polemiker dienstbar machte."
In einem Brief, dem Brief Nr. 57 an Pammachius, hat sich
Hieronymus über Die beste Art zu übersetzen
geäußert, De Optimo Genere Interpretandi.
Valery Larbaud geht auf diesen Brief nur kurz ein und hält
daraus den Grundsatz fest: "Nicht das Wort durch das
Wort, sondern den Sinn durch den Sinn ausdrücken"
- Non verbum e verbo, sed sensum exprimere de senso, wie Hieronymus
schreibt. Mehr noch liegt Valery Larbaud daran, Hieronymus
als großen Sprachkünstler herauszustellen - "diese
Festigkeit, diese Grösse, diese majestätische Einfalt
des Stils und des Ausdrucks" -, und das übersetzerische
Hauptwerk des Hieronymus, die Vulgata, nennt Valery Larbaud
"das Werk eines Genies".
Im August 1935 erleidet Valery Larbaud einen Gehirnschlag,
der halbseitige Lähmung und Aphasie zur Folge hat; trotz
langer logopädischer Übungen wird er bis zu seinem
Tode am 2. Februar 1957 nur noch über einen sehr begrenzten
Wortschatz verfügen. Ende 1934 hatte er seinen Freunden
eine Glückwunschkarte zum Jahreswechsel geschickt, darauf
ein Gedicht mit Wörtern und Wendungen aus elf - nach
anderen Interpreten: aus neun - Sprachen und dem französischen
Titel La Neige, Der Schnee. Der Blick des Lesers wird
über das verschneite Europa gelenkt, das bis zu den Karpaten
reicht. Und dann heißt es, an den Schnee gewandt:
Doch in loco nullo more
te colunt els meus pensaments
Quam in Esquilino Monte,
ove della nostra Roma
Corona de plata eres
Ins Deutsche übersetzt:
Doch an keinem
ändern Ort verehren meine Gedanken dich mehr
Als auf dem Esquilin,
wo du unseres Roms
Silberne Krone bist.
Merkwürdig: warum sollte gerade auf einem der kleineren
Hügel Roms der Schnee am verehrenswertesten sein? Die
Antwort gibt Valery Larbaud in Sous l'évocation
de Saint Jérôme. Er erinnert seine Übersetzerkollegen
an den Todestag des Hieronymus, den 30. September, und führt
sie zu der römischen Kirche Maria Schnee, zu der liberischen
Basilika Santa Maria Maggiore. Dort ist unter den Reliquien,
den fünf Brettern der Krippe von Bethlehem, der heilige
Hieronymus begraben.
"Es genügt, den Namen des Hieronymus auszusprechen",
schreibt Valery Larbaud, "und der Geringste unter uns
fühlt sich alsbald gehoben und an die Pflichten und die
Ehre seines Berufes gemahnt. Unser sehr großer, sehr
heiliger Schutzpatron, an dessen Fest wir die Arbeit ruhen
lassen sollten. Es sei denn, wir wählten diesen Tag,
ganz nahe schon dem fleißigen Behagen des Oktobers,
um eine neue Übersetzung zu beginnen.
Bevor wir dann wieder unsere Wörterbücher aufschlagen
und in die Heiligkeit der Arbeit eingehen - unserer liebenden,
umsichtigen und mitfühlenden Übersetzungsarbeit
-, werden wir uns in Gedanken nach Rom versetzen und den Esquilin
besteigen. Die Stufen, sämtliche Stufen der liberischen
Basilika. Und in dem großen Haus von Maria Schnee werden
wir uns zu dem Presepio begeben. Rechter Hand liegt die Kapelle
des heiligen Hieronymus. Und dort in Gedanken kniend, werden
wir ihn bitten, uns in unserer Mühe beizustehen. (...)
Ein kurzes Gebet, das wir, zum Gebrauch unserer ganzen Zunft,
hier aufzusetzen versuchen wollen. (...)
"Preiswürdiger Lehrer, Leuchte der heiligen
Kirche, glückseliger Hieronymus, ich rüste mich
zu einem Geschäft voller Schwierigkeiten, und jetzt schon
bitte ich dich um deinen Beistand durch deine Fürbitten,
daß ich imstande sei, dieses Werk ins Deutsche zu übersetzen
in dem gleichen Geiste, in dem es verfaßt wurde."
Ich möchte nicht mit dieser Anrufung, sondern mit einem
Aufruf schließen. Soweit ich Valery Larbauds Sous
l'invocation de Saint Jerôme auf deutsch zitiert
habe, bin ich dem Text von Annette Kolb gefolgt. In ihrer
Übersetzung ist 1956 der erste Teil des Buches unter
dem Titel Sankt Hieronymus beim Kösel-Verlag in
München erschienen. Von den etwa 320 Seiten des Originals
ist das weniger als ein Sechstel. Außerdem liegen zehn
Abschnitte aus dem zweiten Teil als Manuskript übersetzt
vor. Sie sind in einer Arbeitsgemeinschaft entstanden, die
unser verstorbener Kollege Elmar Tophoven geleitet hat. Mit
dem Text von Annette Kolb zusammen entsprechen sie einem guten
Drittel des Buches von Valery Larbaud.
Es wäre höchst wünschenswert, daß es
davon einmal eine vollständige deutsche Übersetzung
gäbe. Dazu müßte sich ein einzelner oder eine
Gruppe von Übersetzern finden, ein koordinierender Redakteur,
ein Verleger und eine großzügige Finanzhilfe. Das
sind gleich vier Wünsche auf einmal. Aber vielleicht
gehört der Hieronyms-Ring ja zu jenen Ringen, die man
nur zu drehen braucht, und schon gehen selbst die kühnsten
Wünsche in Erfüllung. Wenn dem so wäre, hätte
ich einen weiteren gewichtigen Grund, mich darüber zu
freuen und dafür zu danken. |