Hans Meinke


Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreis 2004
der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung.

Laudatio auf den Preisträger
Juan José del Solar.

Aula der Stadt Calw
Freitag, 2. Juli 2004



V.r.n.l.: Dr. Eugen Schmied, Vorsitzender der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung,
der Preisträger Juan del Solar und dessen Freund und Laudator Hans Meinke

Sehr geehrter Herr Dr. Eugen Schmid,
sehr geehrte Mitglieder des Stiftungsvorstands und –kuratoriums,
sehr geehrte Freundinnen und Freunde des Werkes von Hermann Hesse,
und, aus dem Inneren meines Herzens, lieber Juan José:

Da mich mit Juan José del Solar etliche Jahre der Freundschaft und Zusammenarbeit in der Stadt Barcelona verbinden, möchte ich an diesem festlichen Tag, der zum Gedenken an Hermann Hesse und zu Ehren seines preisgekrönten Übersetzers veranstaltet wird, meine Worte mit der Erinnerung an eine Szene der Weltliteratur beginnen, die sich in Barcelona zuträgt. Es ist eine Szene aus dem 62. Kapitel des 2. Teils von Don Quijote de la Mancha, dem grossen Roman von Cervantes, der 1605 erschien und im kommenden Jahr seinen 400. Geburtstag feiern wird.

Don Quijote befindet sich als Gast von don Antonio Moreno, einem reichen Edelmann, in Barcelona und durchwandert die Stadt mit seinem Knappen Sancho Panza und zwei Dienern. Unversehens entdeckt er über einer Tür eine Beschriftung in grossen Buchstaben. Aquí se imprimen libros – Hier werden Bücher gedruckt lautet der Text, der ihn in freudige Erwartung versetzt. Er begibt sich mit seiner Begleitung in den Raum und entdeckt die erste Druckerei seines Lebens. Mit voller Bewunderung begegnet er dem Treiben einer modernen Druckanstalt mit ihren Setzern, Korrektoren, Druckern und Gehilfen. Er kommt ins Gespräch mit ihnen und trifft auf einen Mann von hoher Gestalt, gutem Aussehen und würdiger Haltung, der sich als Übersetzer aus dem Toskanischen zu erkennen gibt und der, wie sich herausstellt, gerade im Begriff ist, seine kastilische Übersetzung eines toskanischen Werks zum Satz und zum Druck zu geben.

Zwischen dem Übersetzer und Don Quijote kommt es zu einer regen Unterhaltung über die spanische Bedeutung einiger italienischer Begriffe. Am Ende stellt Don Quijote fest, dass es mit den Übersetzern von einer Sprache in die andere – mit Ausnahme der griechischen und lateinischen, die er als die Königinnen unter den Sprachen bezeichnet – sich ähnlich verhält wie mit einem flandrischen Wandteppich, den man von der Rückseite betrachtet: man sehe zwar Figuren, diese seien aber durch das Fadengewirr entstellt und nicht glatt und farbenfrisch wie das Original auf der Vorderseite. Für ihn beweise das Übersetzen aus nah verwandten Sprachen weder Geist noch Sprachgewandtheit, so wenig wie das Übertragen oder Abschreiben von einem Papier auf das andere. Mit dieser Äüsserung wolle er aber nicht behaupten, dass die Arbeit des Übersetzens keine löbliche sei, denn der Mensch könne sich mit noch schlechteren und weniger nützlichen Dingen beschäftigen. Und zwei berühmte Übersetzer müsse er ohnehin von dieser mittelmässigen Beurteilung ausnehmen, nämlich don Cristóbal de Figueroa und don Juan de Jáuregui, deren Übertragungen von Pastor Fido und Aminta so geglücktseien, dass sie daran zweifeln liessen, was die Übersetzung und was die Urschrift sei.

Hier haben wir’s also! Schon bei den ehrwürdigen Klassikern stossen wir auf die noch heute verbreitete Meinung über die Zunft der Übersetzer: es gibt, so lautete sie, viel Mittelmass unter ihnen und nur dann und wann eine echte Perle.

Liesse Cervantes seinen Don Quijote in jetziger Zeit nach Barcelona kommen oder heute an dieser Geburtstagsfeier von Hermann Hesse in Calw teilhaben, würde der edle Ritter der traurigen Gestalt – ich bin mir dessen ganz sicher – den peruanischen Übersetzer Juan José del Solar Bardelli zu jenen Ausnahmeerscheinungen zählen, bei deren glücklich gelungenen Arbeiten man die Übersetzung nicht vom Original unterscheiden könne.

Zu ähnlicher Einsicht muss auch der Nobelpreisträger von 1981 Elias Canetti gekommen sein, der am 18. Mai 1979 Juan José del Solar aus Zürich schreibt: „Ihre Übersetzung ist angekommen. Ich lese mit grossem Vergnügen darin und finde sie ausgezeichnet ...“ Canetti, der aus seiner Kindheit das alte Spanisch der sephardischen Juden, das „Ladino“, noch im Ohr hatte, fügt im Brief hinzu: „... die Ehre der Übersetzung gebührt Ihnen allein. Soweit ich diese kenne, hätte sie gar nicht besser sein können als sie ist und ich möchte Ihnen meinen tiefsten Dank für Ihre Arbeit aussprechen.“ Nach einem noch Jahre anhaltenden Briefwechsel zwischen dem Autor und seinem Übersetzer über subtile Probleme, die bei der Wortübertragung ins Spanische auftauchen, schreibt Canetti am 15. September 1993: „... Natürlich freue ich mich ganz besonders, dass Sie bereit sind, sich der ‚Lektorierung’ der Gesamtausgabe anzunehmen. So weiss ich, dass sie in besten Händen ist und brauche nicht in Unruhe darüber zu sein.“
Diese Äusserungen und Vertrauensbeweise von Canetti sind eine grosse Ehre, ein wahrer Ritterschlag für den peruanischen Übersetzer und Herausgeber seines Gesamtwerks. Sie stammen nämlich von einem Autor, der in punkto Übersetzung sehr kritisch und penibel war, wie wir beispielsweise in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1961 erfahren (Die Provinz des Menschen, Aufzeichnungen 1942-1972, Fischer 1976). Dort sagt er:
„Übertragung von Gedanken, mit denen man sich mehr als zwanzig Jahre befasst hat, in eine andere Sprache. Ihre Unzufriedenheit, weil sie nicht in dieser Sprache entstanden sind. Ihre Kühnheit erlischt, sie weigern sich auszustrahlen. Sie schleppen Nichtzugehöriges hinter sich her und lassen Wichtiges auf dem Wege fallen. Sie erbleichen, sie ändern ihre Farbe ...“ Und weiter, ziemlich missmutig: „Demütigend zu denken, dass sie in eben dieser Reduktion, dieser Mässigung und Entmannung eher Verständnis finden werden!“
Dieser anspruchsvolle Canetti hatte aber gute Gründe für sein Vertrauen in Juan Josés Fähigkeit, die Gedanken des Meisters ohne Verlust ins Spanische zu übertragen. Hatte dieser doch nicht nur die sprachliche Bravourleistung erbracht, Werke wie Masse und Macht, Die Blendung, Die Fackel im Ohr, Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere, Die Stimmen von Marrakesh oder Das Gewissen der Worte grandios zu übersetzen, sondern auch das Kunststück gezaubert, für originelle Wortschöpfungen von Canetti, wie etwa Schönheitsmolch oder Pfauenhaftigkeit der Literaten phantasievolle spanische Entsprechungen zu erfinden wie calosaurio oder el pavorrealismo de los literatos.
Es hört aber bei Canetti nicht auf. Auch Franz Kafka, der in seinem zu Weltruhm gelangten Werk dem Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit des Daseins auf sensibelste Weise Ausdruck gab, hat in Juan José del Solar einen äusserst feinfühligen Interpreten gefunden. Diesem gelang nämlich, das zu Kafkas Lebzeiten erschienene Werk, dazu manche posthum publizierten Texte und die nur in Zeitschriften und Periodika erschienenen Arbeiten mit einer Präzision und Feinheit zu übersetzen, die an wahre Filigranarbeit erinnern. Kein Wunder, dass bei Erscheinen der Kafka-Gesamtausgabe im Verlag Galaxia Gutenberg in Barcelona der grosse mexikanische Autor Carlos Fuentes in der Presse begeistert äusserte: „Por fin podemos leer a Kafka en español (endlich können wir Kafka auf Spanisch lesen“).
Ein ähnlich glückliches Schicksal widerfuhr auch einer Vielzahl von Autoren und Büchern deutscher Sprache, deren Übersetzung Juan José del Solar von spanischen Verlagen anvertraut wurde. So zum Beispiel Alfred Kubin (Die andere Seite) und Joseph Roth (Beichte eines Mörders, Der stumme Prophet, Die Geschichte der 1002. Nacht), Thomas Mann (Tod in Venedig), Walter Benjamin (Einbahnstrasse) und Bertolt Brecht (Romane und Erzählungen), Robert Walser und Friedrich Dürrenmatt (Die Physiker, Der Besuch der alten Dame). Franz Werfel (Eine blassblaue Frauenschrift) und Ingeborg Bachmann (Malina, Simultan).
Aber auch klassische Texte fanden die liebevolle Zuwendung dieses begnadeten Übersetzers. So etwa Goethes Maximen und Reflexionen oder Lichtenbergs Aphorismen aus den Sudelbüchern. Ebenso die Historia von Doktor Johann Fausten, das Volksbuch von 1587 über die historisch-legendäre Faust-Figur, desgleichen Wilhelm Hauffs Märchen. Diese übersetzte er mit Hingabe im Stuttgarter Schriftstellerhaus während seines ersten Kontakts mit Schwaben. Bei dieser Gelegenheit übrigens lernte er die Schönheit der schwäbischen Landschaft und die Besonderheiten der hiesigen Sitten und Traditionen kennen. Auch Schwabens Küche und Esskultur lernte er schätzen – insbesondere die Maultaschen, die er für eine kulinarische Spitzenleistung hält, die Weltberühmtheit verdient wie ihre Enkel, die Ravioli.

In meinem Überblick habe ich die bedeutende und immer wieder aufgelegte spanische Übersetzung von Hermann Hesses Siddharta bewusst ausgelassen, weil Juan José selber darauf zurückkommen möchte. Nur eins sei von mir dazu gesagt: Bei Erscheinen der neuesten schönen Ausgabe des Buches im Verlag Edhasa aus Barcelona hat die Kritik den Text erneut als eine immer noch gültige literarische und moralische Bezugsgrösse des 20. Jahrhunderts gefeiert. Ich kann mir vorstellen, dass Hermann Hesse, wenn er von der kunstvollen Siddharta-Übersetzung von Juan José del Solar erfahren hätte, diesen gern nach Montagnola eingeladen hätte, um mit ihm geistvoll über die Freude des Menschen an der Schönheit der Sprachen und ihrer Übertragungen zu plaudern.

Für seine fruchtbare Übersetzungsarbeit ist Juan José del Solar mehrmals ausgezeichnet worden, so mit dem Übersetzerpreis des Aussenministeriums der Bundesrepublik Deutschland 1985, dem Nationalen Übersetzungspreis des spanischen Kultusministeriums 1995 und mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzer 1999. Diese Auszeichnungen sind die öffentliche Anerkennung seiner hohen Begabung und seines ausgeprägten Instinkts, um die Essenz, das Wesen der Wörter in ihrer Herkunftssprache zu erfassen und ihren Sinn, die wahrgenommene Bedeutung, präzise und schöpferisch in die Zielsprache zu übertragen – wobei schöpferisch heisst: unter Bewahrung des ihnen innewohnenden Rhythmus, ihres Pulsschlages, ihrer Dynamik und Musikalität.

Als Juan José del Solar mit 17 Jahren aus seinem Elternhaus in Lima und seiner Heimat Peru wegzog, um eine Ausbildung in Deutschland aufzunehmen, konnte er seine berufliche Zukunft gewiss nicht erahnen. Er war der einzige Junge und der Jüngste unter vier Geschwistern. In Deutschkursen am Goethe-Institut in Lima und mit Hilfe einer Freundin aus Wien, die ihm das Libretto der Zauberflöte erklärte, hatte er Deutsch gelernt. Es zog ihn nach Heidelberg, wo er Germanistik und Romanistik studierte, danach nach Paris, wo er das Studium abschloss. Seine Rückkehr nach Peru, um sich nach einer erfüllenden beruflichen Tätigkeit umzuschauen, war von kurzer Dauer. 1972 reiste er dann nach Barcelona, wo er sich für volle drei Jahrzehnte als Übersetzer niederliess.

In dieser Zeit hat er an Übersetzerseminaren in Deutschland, Österreich und der Schweiz teilgenommen, Fahrten durch Europa gemacht, Menschen kennengelernt, Sprachkenntnisse in anderen Sprachen dazuerworben und einen europäischen Freundes- und Kollegenkreis aufgebaut. Im fernen Peru waren zurückgeblieben seine Schwester Rosita del Solar – seine anderen beiden Schwestern sind nämlich verstorben – und mehrere Vettern und Cousinen, Neffen und Nichten, ausserdem seine Jugendfreunde, der Journalist und Musikdirigent Lucho Mesa, der Schriftsteller Alonso Cueto und sein Vetter Fernando del Solar.
Es kam dann der November 1998 und alle diese Menschen in Europa und in Peru wurden plötzlich zutiefst aufgeschreckt, als sie die Nachricht erfuhren, dass Juan José del Solar bei einem Aufenthalt im Übersetzerkolleg in Straelen am Niederrhein einen Schlaganfall erlitten hatte, mit der Folge einer Lähmung seiner linken Körperhälfte. Aber auch wenn sein Körper ihm zum Gefängnis wurde, kann er doch frei denken, sprechen, die rechte Körperhälfte bewegen und – wenn auch nur mühsam und mit Unterstützung – die nicht abgeschlossene Canetti-Ausgabe weiter betreuen.

Vor zwei Jahren, im Dezember 2002, ist Juan José del Solar aus Spanien nach Lima zurückgekehrt, in die vertraute Umgebung seiner Kindheit, wo er in seinem kleinen, freundlichen, sonnigen Haus in Miraflores lebt, nah der Küste des Malecón. Gestützt von Angehörigen, Freunden und Helfern (wie dem nach Calw mitgereisten Pepe) und in Gesellschaft seines Hundes Guayito kämpft und ringt er dort tagtäglich um – ich zitiere Hermann Hesse – „seiner Fragwürdigkeit immer wieder Herr werden und seinem Dasein immer wieder Sinn zuschreiben zu können“ (Hermann Hesse, Glück, 1949).

Möge Dich, lieber Juanjo, die Verleihung des Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreises 2004 in Deinem Ringen bestärken. Herzlichen Glückwunsch im Namen Deiner Freunde in Spanien.
Der Jury und der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung sei Dank für ihre Entscheidung. Und Ihnen allen für Ihre freundliche Aufmerksamkeit.

(Dr. Hans Meinke ist Leiter des Verlages Galaxia Gutenberg in Barcelona)