Sehr geehrter Herr Dr. Eugen Schmid,
sehr geehrte Mitglieder des Stiftungsvorstands und –kuratoriums,
sehr geehrte Freundinnen und Freunde des Werkes von Hermann
Hesse,
und, aus dem Inneren meines Herzens, lieber Juan José:
Da mich mit Juan José del Solar etliche Jahre der
Freundschaft und Zusammenarbeit in der Stadt Barcelona verbinden,
möchte ich an diesem festlichen Tag, der zum Gedenken
an Hermann Hesse und zu Ehren seines preisgekrönten Übersetzers
veranstaltet wird, meine Worte mit der Erinnerung an eine
Szene der Weltliteratur beginnen, die sich in Barcelona zuträgt.
Es ist eine Szene aus dem 62. Kapitel des 2. Teils von Don
Quijote de la Mancha, dem grossen Roman von Cervantes, der
1605 erschien und im kommenden Jahr seinen 400. Geburtstag
feiern wird.
Don Quijote befindet sich als Gast von don Antonio Moreno,
einem reichen Edelmann, in Barcelona und durchwandert die
Stadt mit seinem Knappen Sancho Panza und zwei Dienern. Unversehens
entdeckt er über einer Tür eine Beschriftung in
grossen Buchstaben. Aquí se imprimen libros –
Hier werden Bücher gedruckt lautet der Text, der ihn
in freudige Erwartung versetzt. Er begibt sich mit seiner
Begleitung in den Raum und entdeckt die erste Druckerei seines
Lebens. Mit voller Bewunderung begegnet er dem Treiben einer
modernen Druckanstalt mit ihren Setzern, Korrektoren, Druckern
und Gehilfen. Er kommt ins Gespräch mit ihnen und trifft
auf einen Mann von hoher Gestalt, gutem Aussehen und würdiger
Haltung, der sich als Übersetzer aus dem Toskanischen
zu erkennen gibt und der, wie sich herausstellt, gerade im
Begriff ist, seine kastilische Übersetzung eines toskanischen
Werks zum Satz und zum Druck zu geben.
Zwischen dem Übersetzer und Don Quijote kommt es zu
einer regen Unterhaltung über die spanische Bedeutung
einiger italienischer Begriffe. Am Ende stellt Don Quijote
fest, dass es mit den Übersetzern von einer Sprache in
die andere – mit Ausnahme der griechischen und lateinischen,
die er als die Königinnen unter den Sprachen bezeichnet
– sich ähnlich verhält wie mit einem flandrischen
Wandteppich, den man von der Rückseite betrachtet: man
sehe zwar Figuren, diese seien aber durch das Fadengewirr
entstellt und nicht glatt und farbenfrisch wie das Original
auf der Vorderseite. Für ihn beweise das Übersetzen
aus nah verwandten Sprachen weder Geist noch Sprachgewandtheit,
so wenig wie das Übertragen oder Abschreiben von einem
Papier auf das andere. Mit dieser Äüsserung wolle
er aber nicht behaupten, dass die Arbeit des Übersetzens
keine löbliche sei, denn der Mensch könne sich mit
noch schlechteren und weniger nützlichen Dingen beschäftigen.
Und zwei berühmte Übersetzer müsse er ohnehin
von dieser mittelmässigen Beurteilung ausnehmen, nämlich
don Cristóbal de Figueroa und don Juan de Jáuregui,
deren Übertragungen von Pastor Fido und Aminta so geglücktseien,
dass sie daran zweifeln liessen, was die Übersetzung
und was die Urschrift sei.
Hier haben wir’s also! Schon bei den ehrwürdigen
Klassikern stossen wir auf die noch heute verbreitete Meinung
über die Zunft der Übersetzer: es gibt, so lautete
sie, viel Mittelmass unter ihnen und nur dann und wann eine
echte Perle.
Liesse Cervantes seinen Don Quijote in jetziger Zeit nach
Barcelona kommen oder heute an dieser Geburtstagsfeier von
Hermann Hesse in Calw teilhaben, würde der edle Ritter
der traurigen Gestalt – ich bin mir dessen ganz sicher
– den peruanischen Übersetzer Juan José
del Solar Bardelli zu jenen Ausnahmeerscheinungen zählen,
bei deren glücklich gelungenen Arbeiten man die Übersetzung
nicht vom Original unterscheiden könne.
Zu ähnlicher Einsicht muss auch der Nobelpreisträger
von 1981 Elias Canetti gekommen sein, der am 18. Mai 1979
Juan José del Solar aus Zürich schreibt: „Ihre
Übersetzung ist angekommen. Ich lese mit grossem Vergnügen
darin und finde sie ausgezeichnet ...“ Canetti, der
aus seiner Kindheit das alte Spanisch der sephardischen Juden,
das „Ladino“, noch im Ohr hatte, fügt im
Brief hinzu: „... die Ehre der Übersetzung gebührt
Ihnen allein. Soweit ich diese kenne, hätte sie gar nicht
besser sein können als sie ist und ich möchte Ihnen
meinen tiefsten Dank für Ihre Arbeit aussprechen.“
Nach einem noch Jahre anhaltenden Briefwechsel zwischen dem
Autor und seinem Übersetzer über subtile Probleme,
die bei der Wortübertragung ins Spanische auftauchen,
schreibt Canetti am 15. September 1993: „... Natürlich
freue ich mich ganz besonders, dass Sie bereit sind, sich
der ‚Lektorierung’ der Gesamtausgabe anzunehmen.
So weiss ich, dass sie in besten Händen ist und brauche
nicht in Unruhe darüber zu sein.“
Diese Äusserungen und Vertrauensbeweise von Canetti sind
eine grosse Ehre, ein wahrer Ritterschlag für den peruanischen
Übersetzer und Herausgeber seines Gesamtwerks. Sie stammen
nämlich von einem Autor, der in punkto Übersetzung
sehr kritisch und penibel war, wie wir beispielsweise in seinen
Aufzeichnungen aus dem Jahr 1961 erfahren (Die Provinz des
Menschen, Aufzeichnungen 1942-1972, Fischer 1976). Dort sagt
er:
„Übertragung von Gedanken, mit denen man sich mehr
als zwanzig Jahre befasst hat, in eine andere Sprache. Ihre
Unzufriedenheit, weil sie nicht in dieser Sprache entstanden
sind. Ihre Kühnheit erlischt, sie weigern sich auszustrahlen.
Sie schleppen Nichtzugehöriges hinter sich her und lassen
Wichtiges auf dem Wege fallen. Sie erbleichen, sie ändern
ihre Farbe ...“ Und weiter, ziemlich missmutig: „Demütigend
zu denken, dass sie in eben dieser Reduktion, dieser Mässigung
und Entmannung eher Verständnis finden werden!“
Dieser anspruchsvolle Canetti hatte aber gute Gründe
für sein Vertrauen in Juan Josés Fähigkeit,
die Gedanken des Meisters ohne Verlust ins Spanische zu übertragen.
Hatte dieser doch nicht nur die sprachliche Bravourleistung
erbracht, Werke wie Masse und Macht, Die Blendung, Die Fackel
im Ohr, Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere, Die Stimmen
von Marrakesh oder Das Gewissen der Worte grandios zu übersetzen,
sondern auch das Kunststück gezaubert, für originelle
Wortschöpfungen von Canetti, wie etwa Schönheitsmolch
oder Pfauenhaftigkeit der Literaten phantasievolle spanische
Entsprechungen zu erfinden wie calosaurio oder el pavorrealismo
de los literatos.
Es hört aber bei Canetti nicht auf. Auch Franz Kafka,
der in seinem zu Weltruhm gelangten Werk dem Bewusstsein von
der Zerbrechlichkeit des Daseins auf sensibelste Weise Ausdruck
gab, hat in Juan José del Solar einen äusserst
feinfühligen Interpreten gefunden. Diesem gelang nämlich,
das zu Kafkas Lebzeiten erschienene Werk, dazu manche posthum
publizierten Texte und die nur in Zeitschriften und Periodika
erschienenen Arbeiten mit einer Präzision und Feinheit
zu übersetzen, die an wahre Filigranarbeit erinnern.
Kein Wunder, dass bei Erscheinen der Kafka-Gesamtausgabe im
Verlag Galaxia Gutenberg in Barcelona der grosse mexikanische
Autor Carlos Fuentes in der Presse begeistert äusserte:
„Por fin podemos leer a Kafka en español (endlich
können wir Kafka auf Spanisch lesen“).
Ein ähnlich glückliches Schicksal widerfuhr auch
einer Vielzahl von Autoren und Büchern deutscher Sprache,
deren Übersetzung Juan José del Solar von spanischen
Verlagen anvertraut wurde. So zum Beispiel Alfred Kubin (Die
andere Seite) und Joseph Roth (Beichte eines Mörders,
Der stumme Prophet, Die Geschichte der 1002. Nacht), Thomas
Mann (Tod in Venedig), Walter Benjamin (Einbahnstrasse) und
Bertolt Brecht (Romane und Erzählungen), Robert Walser
und Friedrich Dürrenmatt (Die Physiker, Der Besuch der
alten Dame). Franz Werfel (Eine blassblaue Frauenschrift)
und Ingeborg Bachmann (Malina, Simultan).
Aber auch klassische Texte fanden die liebevolle Zuwendung
dieses begnadeten Übersetzers. So etwa Goethes Maximen
und Reflexionen oder Lichtenbergs Aphorismen aus den Sudelbüchern.
Ebenso die Historia von Doktor Johann Fausten, das Volksbuch
von 1587 über die historisch-legendäre Faust-Figur,
desgleichen Wilhelm Hauffs Märchen. Diese übersetzte
er mit Hingabe im Stuttgarter Schriftstellerhaus während
seines ersten Kontakts mit Schwaben. Bei dieser Gelegenheit
übrigens lernte er die Schönheit der schwäbischen
Landschaft und die Besonderheiten der hiesigen Sitten und
Traditionen kennen. Auch Schwabens Küche und Esskultur
lernte er schätzen – insbesondere die Maultaschen,
die er für eine kulinarische Spitzenleistung hält,
die Weltberühmtheit verdient wie ihre Enkel, die Ravioli.
In meinem Überblick habe ich die bedeutende und immer
wieder aufgelegte spanische Übersetzung von Hermann Hesses
Siddharta bewusst ausgelassen, weil Juan José selber
darauf zurückkommen möchte. Nur eins sei von mir
dazu gesagt: Bei Erscheinen der neuesten schönen Ausgabe
des Buches im Verlag Edhasa aus Barcelona hat die Kritik den
Text erneut als eine immer noch gültige literarische
und moralische Bezugsgrösse des 20. Jahrhunderts gefeiert.
Ich kann mir vorstellen, dass Hermann Hesse, wenn er von der
kunstvollen Siddharta-Übersetzung von Juan José
del Solar erfahren hätte, diesen gern nach Montagnola
eingeladen hätte, um mit ihm geistvoll über die
Freude des Menschen an der Schönheit der Sprachen und
ihrer Übertragungen zu plaudern.
Für seine fruchtbare Übersetzungsarbeit ist Juan
José del Solar mehrmals ausgezeichnet worden, so mit
dem Übersetzerpreis des Aussenministeriums der Bundesrepublik
Deutschland 1985, dem Nationalen Übersetzungspreis des
spanischen Kultusministeriums 1995 und mit dem Österreichischen
Staatspreis für literarische Übersetzer 1999. Diese
Auszeichnungen sind die öffentliche Anerkennung seiner
hohen Begabung und seines ausgeprägten Instinkts, um
die Essenz, das Wesen der Wörter in ihrer Herkunftssprache
zu erfassen und ihren Sinn, die wahrgenommene Bedeutung, präzise
und schöpferisch in die Zielsprache zu übertragen
– wobei schöpferisch heisst: unter Bewahrung des
ihnen innewohnenden Rhythmus, ihres Pulsschlages, ihrer Dynamik
und Musikalität.
Als Juan José del Solar mit 17 Jahren aus seinem
Elternhaus in Lima und seiner Heimat Peru wegzog, um eine
Ausbildung in Deutschland aufzunehmen, konnte er seine berufliche
Zukunft gewiss nicht erahnen. Er war der einzige Junge und
der Jüngste unter vier Geschwistern. In Deutschkursen
am Goethe-Institut in Lima und mit Hilfe einer Freundin aus
Wien, die ihm das Libretto der Zauberflöte erklärte,
hatte er Deutsch gelernt. Es zog ihn nach Heidelberg, wo er
Germanistik und Romanistik studierte, danach nach Paris, wo
er das Studium abschloss. Seine Rückkehr nach Peru, um
sich nach einer erfüllenden beruflichen Tätigkeit
umzuschauen, war von kurzer Dauer. 1972 reiste er dann nach
Barcelona, wo er sich für volle drei Jahrzehnte als Übersetzer
niederliess.
In dieser Zeit hat er an Übersetzerseminaren in Deutschland,
Österreich und der Schweiz teilgenommen, Fahrten durch
Europa gemacht, Menschen kennengelernt, Sprachkenntnisse in
anderen Sprachen dazuerworben und einen europäischen
Freundes- und Kollegenkreis aufgebaut. Im fernen Peru waren
zurückgeblieben seine Schwester Rosita del Solar –
seine anderen beiden Schwestern sind nämlich verstorben
– und mehrere Vettern und Cousinen, Neffen und Nichten,
ausserdem seine Jugendfreunde, der Journalist und Musikdirigent
Lucho Mesa, der Schriftsteller Alonso Cueto und sein Vetter
Fernando del Solar.
Es kam dann der November 1998 und alle diese Menschen in Europa
und in Peru wurden plötzlich zutiefst aufgeschreckt,
als sie die Nachricht erfuhren, dass Juan José del
Solar bei einem Aufenthalt im Übersetzerkolleg in Straelen
am Niederrhein einen Schlaganfall erlitten hatte, mit der
Folge einer Lähmung seiner linken Körperhälfte.
Aber auch wenn sein Körper ihm zum Gefängnis wurde,
kann er doch frei denken, sprechen, die rechte Körperhälfte
bewegen und – wenn auch nur mühsam und mit Unterstützung
– die nicht abgeschlossene Canetti-Ausgabe weiter betreuen.
Vor zwei Jahren, im Dezember 2002, ist Juan José
del Solar aus Spanien nach Lima zurückgekehrt, in die
vertraute Umgebung seiner Kindheit, wo er in seinem kleinen,
freundlichen, sonnigen Haus in Miraflores lebt, nah der Küste
des Malecón. Gestützt von Angehörigen, Freunden
und Helfern (wie dem nach Calw mitgereisten Pepe) und in Gesellschaft
seines Hundes Guayito kämpft und ringt er dort tagtäglich
um – ich zitiere Hermann Hesse – „seiner
Fragwürdigkeit immer wieder Herr werden und seinem Dasein
immer wieder Sinn zuschreiben zu können“ (Hermann
Hesse, Glück, 1949).
Möge Dich, lieber Juanjo, die Verleihung des Calwer
Hermann-Hesse-Übersetzerpreises 2004 in Deinem Ringen
bestärken. Herzlichen Glückwunsch im Namen Deiner
Freunde in Spanien.
Der Jury und der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung sei Dank für
ihre Entscheidung. Und Ihnen allen für Ihre freundliche
Aufmerksamkeit.
(Dr. Hans Meinke ist Leiter des Verlages Galaxia Gutenberg
in Barcelona) |