Kraftvoll im Hintergrund
Dankesrede anlässlich der Weitergabe des Hieronymusrings
Wolfenbüttel, zum 18. Juni 2011
Karin Krieger
Lieber Ulrich,
meine Damen, meine Herren,
liebe Mitmenschen,
es gibt wunderbare Autoren, kluge Lektoren und sensible Verleger, denen ich in Dankbarkeit verbunden bin. Doch heute, zu diesem freudigen Ereignis, denke ich vor allem an die Übersetzer, die mir als loyale Einzelpersonen auf meinem Weg durch die Niederungen des Literaturgeschäfts geholfen haben. Es waren viele. Ihre Solidarität, ihre Mitmenschlichkeit, halte ich für das Kulturvollste, was unser Berufsstand zu bieten hat. - Herzlichen Dank!
Seit ich denken kann, versuche ich, der Unergründlichkeit der Welt mit einem sicheren Wort beizukommen. Auch die "ewige Mangelhaftigkeit der Dinge"1 zu akzeptieren, wie der für mich erstaunliche Philosoph Carlo Michelstaedter es nannte, fiel mir in jungen Jahren schwer.
Das Übersetzen wurde für mich zur Lebensschule. Es lehrte mich, daß das Original stets unerreicht bleibt und daß es Vollkommenheit nicht gibt. Es lehrte mich, dies zunächst tapfer und später sogar gelassen anzuerkennen.
Ich lernte, mich zu begrenzen: Nicht alles zu tun, was ich tun könnte, sondern das Notwendige, und den Teil von mir wegzulassen, der dem Werk schadet. Oft ist eine Übersetzung gelungen, weil man bestimmte Dinge eben besser vermeidet.
Die eigene Person dabei in den Hintergrund treten zu lassen, ist für mich kein Ausdruck von Bescheidenheit. Ich tue es aus einer vergnügten Überzeugung heraus und zwinkere dem zuvor erwähnten T.S. Eliot zu, der Kunst als ein fortgesetztes Auslöschen der Persönlichkeit, hin zur Objektivität, begriff.
Für eine gute Übersetzung ist die Unsichtbarkeit des Kraftaufwands unerläßlich. Danach zu streben, lernte ich als kleines Mädchen im Ballettunterricht. Die Leichtigkeit des Tanzes läßt sich nur genießen, wenn man das Schnaufen dahinter nicht hört. Und was ist eleganter als nach einem kraftvollen Sprung lautlos auf dem Boden zu landen?
Dieser Gedanke führt mich zurück zu dem armen Löwen, der nicht mehr springt, sondern unserem verehrten Schutzpatron Hieronymus - völlig gegen die eigene Natur - zahm zu Füßen sitzt.
In meinem Arbeitszimmer sitzt nichts Zahmes, sondern nur die Sprache: ein schwer zu bändigendes Lebewesen, das mich manchmal beschützt und manchmal angreift. Mit leider mehr als einem Dorn in der Tatze.
Und nie sitzt sie still.
Hieronymus war ein Heiliger. Das bin ich natürlich nicht. Allerdings bin ich oft von heiligem Zorn erfüllt, wenn ich sehe, wie meine Muttersprache mißbraucht wird. Früher litt ich darunter, daß aus einem freundlichen Gruß ein "sozialistischer" wurde. Heute werde ich wütend, wenn - um vieles subtiler - aus einem Risiko ein "Restrisiko" wird. Da mache ich nicht mit. Wer die Sprache beschädigt, beschädigt auch das Denken.
Ich versuche etwas dagegenzuhalten, zu retten, was zu retten ist, und mich nicht von der Ohnmacht gegen die Arroganz der Verständnislosen unterkriegen zu lassen. Für manche Menschen ist die Sprache ein Fluchtfahrzeug. Mich führt sie mitten ins Geschehen hinein. Sie hilft mir bei der Suche nach Wahrhaftigkeit, und dies immer in Verbindung mit der "vertrauten Panik, mißverstanden zu werden"2, wie es im "Unendlichen Spaß" von David Foster Wallace heißt.
In meinem Leben, in meiner Arbeit als Übersetzerin, habe ich die Ohnmacht, doch auch die Macht der Wörter gründlich kennengelernt. Mein großes Vorbild Kurt Tucholsky schrieb einmal: "Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst."3
Trotzdem höre ich jetzt auf zu reden. Ich lese statt dessen ein Stück aus Alessandro Bariccos erstem Roman "Castelli di rabbia" (deutsch: "Land aus Glas"4), denn darin jagt ein Musiker einem Ton hinterher, so wie ich wohl zeitlebens den Wörtern hinterherjagen werde.
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1 Carlo Michelstaedter "Überzeugung und Rhetorik" aus dem Italienischen von Federico Gerratana und Sabine Mainberger, Verlag Neue Kritik Frankfurt am Main 1999
2 David Foster Wallace "Unendlicher Spaß" aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach, Verlag Kiepenheuer und Witsch Köln 2009
3 aus dem Aufsatz "Mir fehlt ein Wort" von Kurt Tucholsky in "Lerne lachen ohne zu weinen" Verlag Volk und Welt Berlin 1981
4 Alessandro Baricco "Land aus Glas" Carl Hanser Verlag München 2009, Lesung S.90-94