"Münchner Übersetzerpreis
an Burkhart Kroeber
Der mit 10.000 Euro dotierte Übersetzerpreis
der Stadt München geht in diesem Jahr an Burkhart Kroeber.
Der Münchner Übersetzerpreis zeichnet
alle drei Jahre - alternierend mit dem Literatur- und dem
Publizistikpreis - das Gesamtwerk eines Müchner Übersetzers
aus und würdigt die hohe Qualität der
Arbeiten sowie besondere Verdienste um die Vermittlung fremdsprachiger
Literatur.
"Mit ungewöhnlicher Stilsicherheit
und zupackender Prägnanz gestaltet Kroeber die deutsche
Sprachwelt
seiner Autoren; Lust am Text und Liebe zur Sprache springen
den Leser aus seinen Übersetzungen geradezu
an", heißt es in der Begründung der Jury.
I. Fünfköpfige kollektive Laudatio
1. Maja Pflug
2. Helga Pfetsch
3. Rosemarie Tietze
4. Josef Winiger
5. Friederike Hausmann
II. Dankrede des Preisträgers
| I. Fünfköpfige
kollektive Laudatio |
 |
1. Maja Pflug
Wie alles anfing
Was hat den Preisträger eigentlich dazu
gebracht, unbedingt Literaturübersetzer werden zu wollen?,
ging es mir durch den Kopf.
Als ich Burkhart Kroeber Ende der 70er Jahre
zum ersten Mal traf, war er Lektor im Hanser Verlag, ein begehrter
Job. Wir plauderten über eventuelle Projekte und sahen
uns dann längere Zeit nicht mehr. Als ich ihm eines Herbstnachmittags
auf der Frankfurter Buchmesse wieder begegnete, sah er blaß
und übernächtigt aus: beim Lesen von Umberto Ecos
Il nome della rosa hatte ihn die unbezwingbare Lust
überkommen, diesen Roman – seinen ersten (nebenbei:
auch Ecos Erstling) – ins Deutsche zu bringen. Das Übersetzungsfieber,
eine unheilbare Krankheit, hatte ihn gepackt und bewogen,
dieses Wagnis einzugehen. Sicher half ihm bei dieser Riesenarbeit
– das Original umfaßt 500 Seiten – auch
seine Erfahrung als Sachbuchübersetzer, z.B. von Henri
Lefebvre, Rossana Rossanda u.a., aber narrative Texte stellen
besondere Anforderungen. Natalia Ginzburg formulierte es im
Nachwort zu ihrer etwa um die gleiche Zeit entstandenen Übersetzung
von Madame Bovary folgendermaßen: Man lebe, schrieb
sie 1981, ständig in der Angst, das bewunderte Werk zu
ruinieren. Man müsse die Augen bei der Arbeit die ganze
Zeit fest auf die „geliebte Welt des anderen“
gerichtet halten, man müsse sich an jedes Wort klammern
wie eine Ameise an ein Blatt und gleichzeitig ungeduldig wie
ein Pferd vorpreschen, ohne je das Ganze aus den Augen zu
verlieren. Aber am Schluß dürfe nicht die Langsamkeit
der Ameise, sondern nur der schnelle Lauf des Pferdes aufscheinen.
„Übersetzen ist dienen“, lautet Ginzburgs
Devise. Insgeheim bleibe dem Diener jedoch bei dem vertrauten
Umgang mit dem Herrscher – also dem Autor bzw. dem Text
– die Souveränität und das Privileg, diesem
seinen Willen und seine Absichten von den Falten seiner Stirn
abzulesen. So weit Natalia Ginzburg.
Noch oft hat Burkhart Kroeber sich nach seinem
endgültigen Übersetzen auf die Übersetzerseite
in den Dienst verschiedener Herrscher gestellt und immer wieder
„seinem“ Eco, aber auch seinem „literarischen
Hausgott“ Italo Calvino und last not least Alessandro
Manzoni Willen und Absichten abgelauscht und die passende
Sprache für ihre Texte gefunden.
Und der Erfolg von
Der Name der Rose in und dank Burkharts Übersetzung,
die von der Kritik als „genau, ja brillant“ gerühmt
wurde, hat damals nicht nur den Preisträger in seiner
Entscheidung für die „unabhängige Literaturarbeit“
(O-Ton Kroeber) bestätigt, sondern noch ein weiteres
Phänomen angestoßen. Die Nach-Eco-Ära hat
in Deutschland eine breite Rezeption der italienischen Literatur
in Gang gesetzt und damit vielen italienischen Autoren, die
vorher als Geheimtip gehandelt wurden, zum Durchbruch, vielen
hiesigen Lesern zu Lesegenuß, vielen Kollegen zu passionierter
Arbeit und vielen Verlagen zu schönen Büchern verholfen.
2. Helga Pfetsch
„Übersetzerlegende“ war die
Nachricht von der Verleihung des Münchner Übersetzerpreises
an Burkhart Kroeber in der Frankfurter Allgemeinen überschrieben.
Ein kleines Zucken durchfuhr mich beim Lesen, bis mir klar
wurde: weder an eine fromme Sage sollte ich denken noch an
die Zeichenerklärung auf einer Karte, sondern an den
neueren Sprachgebrauch: Die Legende als ein Mensch, der Herausragendes
auf seinem Gebiet leistet oder geleistet hat und dafür
eine breite Publizität, weit über dieses Gebiet
hinaus, genießt.
Burkhart Kroeber ein Reinhold Messner, ein Franz Beckenbauer,
ein Simon Rattle des Literaturübersetzens – ein
Literaturübersetzer, der einem breiten Publikum für
seine herausragenden Leistungen bekannt ist! Wenn das so ist,
dann hat Burkhart Kroeber tatsächlich ein Stück
von dem erreicht, wofür er sich seit Jahren einsetzt:
das Thema Übersetzen ins Bewusstsein zu heben und Lesern
und Leserinnen eine Vorstellung davon zu geben, was Übersetzen
und Übersetzer sein bedeutet.
Sehr gut gefällt mir die Liste der Qualitäten,
mit denen die Jury die Vergabe des Münchner Übersetzerpreises
an Burkhart Kroeber begründet: die Brillanz, die ungewöhnliche
Stilsicherheit, die zupackende Prägnanz, die Spritzigkeit
und den Erfindungsreichtum.
Und fast noch besser gefällt mir, als
Nachfolgerin von Burkhart Kroeber im Vorsitz des Literaturübersetzerverbands,
das, was auch noch und fast in einem Atemzug damit genannt
wird: das Selbstbewusstsein und die Streitbarkeit des Preisträgers.
„Er mischt sich ein“, heißt es, „scheut
vor öffentlichen Debatten nicht zurück, polemisiert
und argumentiert mit spitzer Feder zugunsten des immer noch
unterprivilegierten Berufsstands der Literaturübersetzer
und ihrer Arbeitssituation.“
Mir ging durch den Sinn, dass vielleicht das
außergewöhnliche Übersetzertalent und das
berufspolitische Engagement dieselbe Wurzel haben könnten,
irgendwo im Kern der Persönlichkeit des Preisträgers.
In diesem Kern muss es so etwas geben wie ein Bedürfnis
nach Klärung und Klarheit, ein ungewöhnliches und
bewundernswertes Streben nach dem, was richtig und wahr ist,
und dazu eine realistische Gradlinigkeit und zielstrebige
Umsetzungsfreudigkeit.
Vor dem akustischen Hintergrund eines vielstimmigen
Übersetzer-Klagechors mit lauter Stimmführung von
„Da müsste man doch mal“, „Da sollte
doch mal einer“ habe ich Burkhart Kroeber nicht ein
einziges Mal „man sollte“ oder „jemand
müsste doch“ sagen hören, sondern ihn immer
als denjenigen erlebt, der es tatsächlich tat. Er packte
zu, er startete Initiativen, ging an die Öffentlichkeit,
mobilisierte Kollegen und zog die Sache durch.
Wie viele deutlich formulierte und treffend
begründete Briefe hat Burkhart Kroeber z.B. an Rezensenten
geschrieben, wenn in langen Besprechungen von Übersetzungen
auf die eindrucksvolle sprachliche Leistung eingegangen wurde,
jedoch nicht einmal der Name des Übersetzers erwähnt
wurde, geschweige denn die Tatsache, dass die so gelobte Sprache
ja aus seiner Feder geflossen war.
Unbefangen, natürlich und völlig
unjammerig hat er auch die Preisverleihung des Johann Heinrich
Voss-Preises genutzt, um in seiner Dankesrede neben dem Glanz
des Übersetzens, d.h. den privaten Freuden am gelingenden
Tun, auch das Elend der öffentlichen Nichtwahrnehmung
deutlich auszusprechen und zu kritisieren.
Mißstände im Umgang zwischen Verlagen
und Übersetzern ging er in der Zeit seiner Vorstandstätigkeit,
aber nicht nur während er das Amt innehatte, beherzt
und direkt an. Als in Verlagen die schleichende Aufweichung
der Normseite Schule zu machen begann, forderte er die 20
wichtigsten Verlage mit der Gretchenfrage „Wie haltet
Ihr es mit der Normseite?“ dazu heraus, Farbe zu bekennen.
Gegen drei von ihnen organisierte er kurzerhand einen Boykott,
der sich gegen unhaltbare Bedingungen in ihren Übersetzerverträgen
richtete.
Das feine Gespür für Schwammigkeiten, Tricks und
unfaires Verhalten gehört ebenso zu seinen Spezialitäten.
Riecht etwas faul, dann fackelt er nicht lange, sondern geht
an die Presse, mobilisiert die Kollegen und steht dann auch
mit seinem Namen für die Aktion ein. So im Falle Karin
Krieger, als der Piper-Verlag die von ihr übersetzen
Bücher des italienischen Autors Baricco neu übersetzen
ließ, um die ihr, Karin Krieger, zustehende Beteiligung
nicht zahlen zu müssen. Die Bedeutung dieses Schritts,
mit der das Werk einer Übersetzerin vernichtet werden
sollte, und der die Grundlage gesetzmäßiger Urheberrechte
unterlaufen wollte, hat der damalige Verbandsvorsitzende sehr
schnell erkannt, ist an die Presse gegangen, hat für
eine breite Unterstützung der Kollegen gesorgt und die
Kollegin Karin Krieger selbst durch die nicht grade leichten
gerichtlichen Schritte begleitet.
Als rings um die Novellierung des neuen Urheberrechts,
das den Übersetzern die angemessene Honorierung zusicherte,
ein Jammern und Klagen der Verleger anhub und von ihnen der
drohende Ruin des ganzen Buchwesens beschworen wurde, ließ
Burkhart Kroeber es nicht beim Pochen auf dieses Recht bewenden,
sondern hat seinerseits Vorschläge gemacht, wie dies
in der Praxis umzusetzen sei: Sein „Vorschlag zur Öffnung
der Sackgasse“, in dem er die Möglichkeit durchspielt,
eine Art Übersetzungstaxe oder Weltliteraturtaxe einzuführen,
wurde bedauerlicherweise weder aufgegriffen noch überhaupt
diskutiert. Freilich hätte das eine Gruppe von einsichtigen
und mutigen Vorreitern in der Verlagswelt erfordert, die sich
zu einem gemeinsamen Handeln zusammen hätten finden müssen.
Zu den konstruktiven Lösungen gehört
auch der Deutsche Übersetzerfonds, an dessen Gründung
Burkhart Kroeber maßgeblich beteiligt war. Ohne dass
damit die Verlage aus der Verantwortung für eine angemessene
Honorierung für Übersetzungen entlassen würden,
ermöglichen die Stipendien des Fonds es nunmehr fast
10 Jahre lang Übersetzerinnen und Übersetzern, die
für qualitätvolles Übersetzen notwendige Arbeitszeit
mitzufinanzieren.
Unrecht und Notlagen
erkennen, Wege planen, sie zu beheben, souverän mit seiner
Person dafür einzustehen und damit Zivilcourage vorzuleben,
das zeichnet Burkhart Kroeber aus. Auch damit leistet er Herausragendes
für das Gebiet des Literaturübersetzens. Wir freuen
uns nicht nur auf weitere Übersetzungen aus der Feder
der Legende, sondern auch auf weitere Beiträge zur Lage
der „übersetzenden Klasse“.
3. Rosemarie Tietze
In der Begründung der Münchner Jury
heißt es, aus Kroebers Übersetzungen sprängen
den Leser „Lust am Text und Liebe zur Sprache“
geradezu an. Ich möchte Ihnen diese Qualitäten an
zwei Sätzen vorführen, zwei Sätzen allerdings,
die sich über mehr als eine Druckseite hinziehen und
außerdem kaum von Prädikaten, diesen Stützpfeilern
des Satzbaus, getragen werden; um so deutlicher zeigt sich
die Brillanz der Kroeberschen Satzarchitektur und Wortwahl.
Das Beispiel stammt aus „Herr Palomar“ von Italo
Calvino, und Sie müssen ein wenig auf meine Stimmführung
achten, denn ich werde selbst dazwischenbrabbeln. Also: ein
Blick auf die Stadt Rom von Calvino, im Deutsch von Kroeber,
mit Tietzeschen Kommentaren:
Die wahre Form der Stadt erweist sich in
diesem Auf und Ab von Dächern, alten und neuen Ziegeln,
Hohl- und Flachpfannen, schlanken oder …
Kamine sind gemeint, was wäre der Gegensatz
zu „schlanken“? „dicken“? nein:
schlanken oder gedrungenen Kaminen, Lauben
aus Schilfrohr oder mit welligen Eternitüberdachungen,
Brüstungen, Balustraden, kleinen Pfeilern
auf die Pfeiler gehört noch etwas, und
wir Übersetzer wissen ja, wie man da was anfügt
– kleinen Relativsatz reingeschachtelt: „Pfeilern,
auf denen Vasen stehen“ … Burkhart Kroeber aber
erlaubt sich, um der Knappheit willen:
kleinen Pfeilern mit Vasen darauf, erhöhten
Wasserbehältern aus Wellblech, Luken, Mansarden, gläsernen
Oberlichtern, und über allem die Takelage der Fernsehantennen,
krumm oder gerade, blank oder rostig, Modelle verschiedener
Generationen, vielfach
tja, nun die Beschreibung, was tun? Partizipien,
vor allem nachgestellte, sind in den Stilistiken des Deutschen
ziemlich verpönt, aber was kümmert das einen Burkhart
Kroeber:
vielfach verzweigt und gehörnt und
beschirmt, doch alle dürr wie Skelette und
da setzt er sogar noch ein gewagtes Partizip
drauf:
und dräuend wie Totempfähle. Getrennt
durch unregelmäßig gezackte Buchten von Leere belauern
haben Sie es gemerkt? das ist erst das zweite
Prädikat, und bis zum dritten ist es noch lang hin!
belauern einander proletarische Dachterrassen
mit Wäscheleinen voll bunter Wäsche und Tomatenstöcken
in Zinkwannen,
allmählich häufen sich ja die Details,
aber unser Übersetzer, nicht faul, nutzt die Möglichkeit
des Deutschen, Wörter schön raumsparend kopulieren
zu lassen:
herrschaftliche Terrassen mit Kletterpflanzenspalieren
auf Holzgerüsten und weißlackierten Gartenmöbeln
aus Gußeisen unter einrollbaren Markisen, Glockentürme
die wiederholen sich, die Glocken, sehr aufdringlich,
dreimal auf engstem Raum; zartbesaitete Übersetzer würden
sie mindestens einmal weglassen, aber nein:
Glockentürme mit Glockengeläut
in der Glockenstube, Giebelfronten öffentlicher Gebäude
in Frontalansicht oder im Profil, Gesimse, Zierfassaden und
Zinnen, Attiken mit Figurenaufsatz, gesetzwidrige, aber nicht
strafbare Aufbauten, Stahlrohrgerüste
wieviel Information in den folgenden Attributen
zusammengedrängt ist!
Stahlrohrgerüste von laufenden oder
halbfertig abgebrochenen Bauarbeiten, breite Salonfenster
mit Gardinen und schmale Klofenster, ocker- und sienafarbene
Mauern,
und wie lang wir in diesem Stadtbild schon unterwegs
sind! doch erst nun kommt der erste Relativsatz, und das bei
einer Übersetzung aus einer romanischen Sprache!
schimmlige Mauern, aus deren Ritzen Grasbüschel
wachsen mit hängenden Halmen, klobige Fahrstuhltürme,
achten Sie da mal auf die Klangharmonie in den
Adjektiven!
klobige Fahrstuhltürme, gotische Kirchentürme
mit durchbrochenen Doppel- und Dreibogenfenstern, nadelspitze
Fialen auf Strebepfeilern mit Madonnen darauf, Pferdestatuen
und Quadrigen, Dachbehausungen, die zu Schuppen verfallen
sind, Schuppen, die zu Maisonetten ausgebaut wurden –
und überall wölben sich Kuppeln zum Himmel, in jeder
Richtung und jeder Entfernung, wie um die Weiblichkeit, das
junonische Wesen der Stadt zu bekräftigen: Kuppeln in
Weiß oder Rosa oder auch Violett, je nach der Tageszeit
und dem Licht, geädert mit feinem Rippenwerk und gekrönt
mit Laternen,
und erst jetzt, auf
der Zielgeraden, dürfen wir in einem langsameren Relativsatz
zur Ruhe kommen:
gekrönt mit Laternen, auf denen sich
wiederum kleine Kuppeln erheben.
4. Josef Winiger
Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Schöner läßt sich ja das Übersetzungsziel
nicht benennen: „... in mein geliebtes Deutsch“.
Aber dieses Bild von Faust im Studierzimmer, dem „Befriedigung
nicht mehr aus dem Busen quillen“ will (der Pudel rumort
auch schon herum) – ist es nicht das hehre Idealbild
des Übersetzers, wie es heute noch manchmal durch das
Feuilleton geistert? Es ist das Bild des – höchst
achtenswerten – Literaten, der jene alte Empfehlung
beherzigt, wie sie auch Martin Opitz im frühen 17. Jahrhundert
gegeben hat: „Eine guete art der vbung aber ist / das
wir vns zueweilen auß den Griechischen vnd Lateinischen
Poeten etwas zue vbersetzen vornemen.“ Dieses Übersetzen
verlief allerdings fast ausschließlich „vertikal“,
wie das damals hieß, d.h. von der höheren Sprache
– Griechisch, Latein, gegebenenfalls Hebräisch
– in die niedrigere Gemeinsprache. Das Übersetzte
waren also Werke der Antike, oder, wie eben im Faust,
die Bibel.
Aber schon damals, als Goethe die Studierzimmerszene
konzipierte, gab es den anderen Übersetzer, den,
der dafür sorgte, daß die literarische Produktion
der Zeit die Sprachgrenzen überschritt. Es gab ihn schon
in großer Zahl, denn in Deutschland – schon damals
– wurde gewaltig viel horizontal übersetzt:
Zeitgenössische Literatur aus dem Französischen,
Englischen, Italienischen, Spanischen, Russischen, Niederländischen.
Die Urheber der Übersetzungen blieben allerdings im Schatten.
Mittlerweile beginnen diese „anderen“
Übersetzer, die heute als Beruf „Literaturübersetzer“
angeben, sich von ihrem schattenhaften Dasein zu emanzipieren.
Ihr Bild unterscheidet sich deutlich vom Bild, das Faust in
der Studierstube suggeriert. Ein erster Unterschied: Sie streben
in aller Regel nicht danach, als Dichter in die Literaturgeschichte
einzugehen, sie wollen Übersetzer, ganz und gar Übersetzer
sein. Wichtiger ist ein zweiter Unterschied, nämlich
die Art und Weise, wie sie an das Original herangehen. Burkhart
Kroeber hat es neulich in einer spontanen Wendung auf den
Punkt gebracht: „Ich habe mich einfach dem Text anvertraut.“
Das Übersetzen wird also zum Abenteuer, zum Wagnis. Der
Ausgang ist ungewiß, und hinter strategischen Festlegungen
– von der Art: den Autor zum Leser oder den Leser zum
Autor hinüberbringen – mag man sich nicht mehr
verschanzen. Entscheidend ist aber wohl ein dritter Unterschied:
Dieser Übersetzer vertraut nicht mehr, wie Faust, auf
ein „redliches Gefühl“, er setzt auf handwerkliches
Können, das er durch lange berufliche Übung
erwirbt und perfektioniert, anders gesagt, auf Professionalität.
Burkhart Kroeber verkörpert dieses Bild
des professionellen Literaturübersetzers in herausragendem
Maße: Er hat in drei Jahrzehnten der Berufsausübung
60 Titel oder mehr übersetzt, und wie, das hören
wir heute abend. Doch das ist nicht alles: Er besitzt einige
Vorzüge oder, doch, ja, nennen wir es Tugenden, durch
die er geradezu das Wunsch-Bild des Literaturübersetzers
abgibt. Erste Tugend: Er kann mit robustem Selbstvertrauen
in der Öffentlichkeit auftreten. Was er aber, wie wir
von Helga Pfetsch gehört haben, nicht als Konkurrenzvorteil
nutzt, sondern in den Dienst des Berufsstandes stellt. Zweite
Tugend: Seit langem engagiert er sich für die Aus- und
Fortbildung der Literaturübersetzer, mit einer Begründung,
wie sie nicht plausibler sein könnte: „Warum sollen
Übersetzer ihr durch jahrzehntelange Berufspraxis erworbenes
Können mit ins Grab nehmen, anstatt es an die Jüngeren
weiterzugeben?“ Dritte Tugend – eine Tugend ist
das sehr wohl, denn es gehört zum Wunsch-Bild:
wie vielen Meisterinnen und Meister des Fachs würde man
es wünschen! – er hat einige Berühmtheit erreicht.
Die ihn übrigens nicht im mindestens davon abhält,
zu den fleißigsten Besuchern von Übersetzertreffen,
auch Fortbildungstreffen, zu zählen, einschließlich
der Runde danach beim Glas Wein.
Als Burkhart Kroeber
den VdÜ-Vorsitz übernommen und zum ersten Mal das
jährliche Bergneustädter Gespräch zu eröffnen
hatte, tat er das mit den Worten: „Wir begrüßen
uns selbst.“ Er wird also nichts dagegen haben, daß
wir Kolleginnen und Kollegen, nachdem wir herzlich ihm gratuliert
haben, auch uns ein wenig gratulieren, dazu nämlich,
daß die Stadt München in ihm einen Wunsch-Kandidaten
ausgezeichnet hat.
5. Friederike Hausmann
Was macht die Neuübersetzung eines Klassikers
lebendig?
Nicht ganz hundert Jahre nach dem ersten Erscheinen
von Alessandro Manzonis historischem Roman I promessi Sposi
schrieb der große Dichter Giovanni Pascoli: „Ich
kehre zu Manzoni und den Promessi Sposi zurück!
Wie lebendig ist dieses Buch, wie frisch, wie neu! …
Zum ersten Mal habe ich diesen unsterblichen Roman in einem
August wie diesem gelesen, in Bergen wie diesen, vor vielen,
vielen Jahren. Ich las ihn damals nach dem Ende der Schule
und der Prüfungen in jenen ersten Ferientagen, die mit
ihrem unsagbaren Frieden für viele Monate der Mühe
und Unterwerfung belohnen...“ [G. Pascoli, Pensieri
e discorsi, Bologna 1914, eigene Übersetzung].
Ein ähnliches Erlebnis hat mir –
und sicher all seinen Lesern – ein weiteres Jahrhundert
später die Lektüre von Burkhart Kroebers Neuübersetzung
der Promessi Sposi unter dem neuen Titel Die Brautleute
beschert. Auch ich hatte den Roman vor vielen, vielen Jahren
zum ersten Mal gelesen, noch während des Studiums. Anders
als Pascoli war mir damals die Lektüre schwer gefallen,
und ich hatte manches überschlagen. Auch der Griff zu
einer Übersetzung (ich weiß nicht mehr, welcher)
hatte mir damals nichts gebracht, eher im Gegenteil. Als ich
mir nun, selbst Übersetzerin geworden, Burkharts Neuübersetzung
für die Sommerferien vornahm, las ich sie in einem Zug
durch, nahm dann immer wieder das Original zur Hand und stellte
verblüfft fest: Das Original ist ja genauso gut wie die
Übersetzung: So lebendig, so frisch, so neu!
Einige Geheimnisse dieser Lebendigkeit der
Neuübersetzung eines Klassikers hat Burkhart im Nachwort
vor seinen Lesern andeutungsweise gelüftet. Für
uns Literaturübersetzer hat er damit neue Perspektiven
eröffnet, aber auch viele Fragen aufgeworfen, die uns
täglich vor neue Herausforderungen stellen. Wenn die
Übersetzer nicht so überaus zivilisierte und zurückhaltende
Menschen wären, könnte man sicher von einem handfesten
„Übersetzerstreit“ sprechen. Ein Beispiel
für die Tragweite der Differenzen ist die Aussage eines
Dozenten an einer der wenigen universitären Lehrgänge
für literarisches Übersetzen, bei ihm wäre
„dieser Kroeber“ glatt durchgefallen.
Den Kern des Problems hat Milan Kundera in einem
wunderschönen Text in Verratene Vermächtnisse
am Beispiel einer Übersetzung aus dem Deutschen ins Französische
erläutert: „Die oberste Autorität für
einen Übersetzer sollte der persönliche Stil des
Autors sein. Doch die meisten Übersetzer gehorchen einer
anderen Autorität: der des allgemein anerkannten Stils...
des schönen Französisch (des schönen Deutsch,
des schönen Englisch) ... Hier liegt der Irrtum: jeder
Autor von einem gewissen Wert überschreitet den schönen
Stil, und in dieser Überschreitung liegt die Originalität
(und, davon ausgehend, die Daseinsberechtigung seiner Kunst).
Die erste Anstrengung des Übersetzers sollte darin bestehen,
diese Überschreitung zu verstehen.“ [M. Kundera,
Verratende Vermächtnisse, Frankfurt/Main 1996,
S. 107. Aus dem Französischen von S. Roth].
Diesen Grundgedanken hat Burkhart verwirklicht
und ihn sozusagen in Übersetzungstechnik „übersetzt“,
wenn er in seinem Nachwort zu Manzoni schreibt: „Was
meine Übersetzung vielleicht am deutlichsten von den
meisten früheren unterscheidet, ist mehr als die Wortwahl
das Bemühen, die Wortfolge, also den Satzbau des Originals,
so exakt wie möglich nachzubilden.“ [In: A.. Manzoni,
Die Brautleute, München 2000, S. 864.] Durch die
Wortfolge nämlich, durch die langen, scheinbar verschachtelten
Sätze Manzonis werden Emotionen aufgebaut und gelenkt,
entstehen Bilder und Bildabfolgen, die man nicht einfach umkehren
kann.
So gesagt, erscheint diese Aussage eigentlich
selbstverständlich, ja geradezu zwingend. Warum haben
nicht alle Übersetzer das schon immer beachtet? Bei genauerem
Hinsehen zeigt sich allerdings erst die wahre Schwierigkeit:
Was genau ist eine Wortfolge? Sicher nicht die im strengen
wörtlichen Sinn, sondern, wie Burkhart differenzierend
formuliert, die der Satzteile oder die „Syntagmenabfolge“.
Was jedoch ein Syntagma ist – so belehrt uns das Lexikon
der grammatischen Terminologie – „muss von
Fall zu Fall entschieden werden“. [Lexikon der grammatischen
Terminologie, hg. v. O. Bohusch, Donauwörth, 1972,
s. v.] Diese Entscheidungen zu treffen, dem Text in allen
Einzelheiten nachzuspüren, seiner inneren Logik, Emotionalität
und seinem Rhythmus, darin besteht ein wesentlicher Teil des
literarischen Übersetzens als Kunst, wie sie Burkhart
meisterhaft beherrscht.
Am Beispiel des berühmten ersten Kapitels,
in dem Manzoni die Beschreibung des Comersees wie in einer
langen Kamerafahrt aus einer Totalen immer mehr auf den Ort
des Geschehens zoomt, hat Burkhart selbst sein Vorgehen äußerst
spannend beschrieben. Ich möchte als Beispiel einen ganz
kurzen Satz am Schluß des Buches aufgreifen: Dort heißt
es: „Questa conclusione, benchè trovata da povera
gente, c’è parsa così giusta, che abbiam
pensato di metterla qui, come il sugo di tutta la storia.“
Den Regeln des „schönen Stils“ und auch gängigen
Übersetzungstheorien folgend müsste dieser Satz
lauten: „Obwohl dieser Schluß von einfachen Leuten
gezogen worden ist, scheint er uns so richtig, daß wir
ihn als Kern der ganzen Geschichte hierher setzen wollen.“
Auf diese Weise verlöre der Satz jedoch seine innere
Logik, seinen Rhythmus und sein Gewicht als Schlußstein
und Quintessenz des ganzen Romans. Denn im Italienischen wird
durch die Alliteration von „Questa conclusione“
und „qui“ ein deutlicher Spannungsbogen hergestellt,
der diesen Schluß doppelt betont, um dann in dem „sugo“
noch einmal auf die Gesamtheit zurückzuweisen. Es ensteht
eine Art Dreiklang. Eine schematische
Übernahme der Wortfolge würde jedoch manieriert
wirken, denn aus „dieser“ für „questa“
und „hier“ für „qui“ kann man
beim besten Willen keinen Spannungsbogen bauen. Burkharts
Lösung, bei der er, so stelle ich mir vor, mit dem Lektor
ganz schön gerungen haben könnte, lautet folgendermaßen:
„Dieser Schluß scheint uns so richtig,
obwohl er von einfachen Leuten gezogen worden ist, daß
wir ihn hier ans Ende setzen wollen, gleichsam
als den Kern der ganzen Geschichte.“ Genial einfach
und einfach genial! Ein Vergnügen für den Leser
und eine Herausforderung für all seine Kollegen. Dafür
danken wir dir.
| II. Dankrede von Burkhart Kroeber |
 |
Ich freue mich sehr, hier meinen Dank für
die Verleihung des Übersetzerpreises der Stadt München
abstatten zu dürfen, zumal ich als ein – wie jeder
hören kann – nicht in München Geborener inzwischen
mehr als die Hälfte meines Lebens in München verbracht
habe und mich hier sehr wohl fühle. Ich danke also der
Stadt, die mir zur Wahlheimat geworden ist, und der Jury für
die Verleihung des Preises und hoffe, mich seiner auch in
Zukunft würdig zu erweisen.
Vielleicht ist dies eine gute Gelegenheit, ein
paar Gedanken zu einem Thema zu äußern, das den
Kern des literarischen Übersetzens berührt und zugleich
bei den Übersetzenden selbst immer wieder heftige Debatten
auslöst: die berühmten Thesen von Friedrich Schleiermacher
über die zwei Wege des Übersetzens.
Bekanntlich hat Schleiermacher in seiner Abhandlung „Ueber
die verschiedenen Methoden des Uebersezens“, die er
am 24. Juni 1813 in der Königlichen Akademie der Wissenschaften
zu Berlin verlas, die These aufgestellt: Für den „eigentlichen
Übersetzer“ (der sich nicht auf die bloße
„Paraphrase oder Nachbildung“ des Originals beschränkt,
sondern „vom Wert eines fremden Meisterwerkes durchdrungen“
ist und daher „den Wirkungskreis desselben über
seine Sprachgenossen verbreiten will“ – mit anderen
Worten: der seinen Landsleuten das fremde Werk so vollkommen
wie möglich in der eigenen Sprache präsentieren
will – gebe es letztlich nur zwei Wege, dieses Ziel
zu erreichen. Nämlich: „Entweder der Übersetzer
läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe
und bewegt den Leser ihm entgegen, oder er läßt
den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller
ihm entgegen.“ Beide Wege seien „so gänzlich
voneinander verschieden, daß durchaus einer von beiden
so streng als möglich muß verfolgt werden, aus
jeder Vermischung aber ein höchst unzuverlässiges
Resultat hervorgeht, und zu befürchten ist, daß
Schriftsteller und Leser sich gänzlich verfehlen“.
Mit dieser These geht Schleiermacher weit über
die seit alters bekannten Entweder-Oder-Formeln hinaus, nach
denen man – so bereits Kirchenvater (und Übersetzer-Patron)
Hieronymus – entweder verbum pro verbo oder sensus
pro sensu übersetzt, also entweder wortgetreu oder
sinngemäß, oder auch – wie es seit dem 18.
Jh. mit der leicht anzüglichen Formel von der belle
infidèle ausgedrückt wird, der „schönen
Treulosen“, der noch Ortega y Gasset in seinem vielzitierten
Aufsatz vom „Glanz und Elend des Übersetzens“
huldigt – man übersetzt entweder schön
oder treu, beides gleichzeitig gehe nicht. Seit Schleiermacher
lautet die gängige Alternative nun: entweder man übersetzt,
indem man das Fremde einbürgert, oder indem man
das Eigene verfremdet – wodurch die Übersetzung
dann zwangsläufig sperrig und schwer verständlich
werde, aber das Original so genau wie möglich wiedergebe
(eine Qualität, für die manche Kritiker heute gern
die „häßliche Treue“ in Kauf nehmen,
wie kürzlich erst wieder in der Debatte um die angemessene
Übersetzung des Moby-Dick).
Schleiermachers These wurde noch im selben
Jahr von keinem Geringeren als Goethe aufgegriffen, der in
einem Nachruf auf Christoph Martin Wieland schrieb: „Es
gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß
der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht
werde, dergestalt, daß wir ihn als den Unsrigen ansehen
können; die andere hingegen […], daß wir
uns zu dem Fremden hinüber begeben und uns in seine Zustände,
seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen.“
Während jedoch Schleiermacher sich sehr dezidiert für
die zweite Maxime ausgesprochen hatte und keinen Mittelweg
gelten ließ, fährt Goethe fort: „Die Vorzüge
von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten
Menschen genugsam bekannt. Unser Freund [also Wieland], der
auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht,
doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften
Fällen die erste Maxime vor.“
Mir scheint, daß Goethe hier etwas klarer
gesehen hat als Schleiermacher, auf den sich heute manche
Übersetzungstheoretiker gerne berufen: Schleiermacher
formulierte zwar ein apodiktisches Entweder-Oder, ließ
aber letztlich nur die verfremdende Übersetzung gelten;
er verlangte, daß der Übersetzer bemüht sei,
„durch seine Arbeit dem Leser das Verstehen der Ursprache,
die ihm fehlt, zu ersetzen“, also den Leser „zum
Fremden hinüberzubewegen“, und für die entgegengesetzte
Methode des einbürgernden Übersetzens hatte er letztlich
nur beißenden Spott übrig, so wenn er schreibt:
„Ja, was will man einwenden, wenn ein Übersetzer
dem Leser sagt: Hier bringe ich dir das Buch, wie der Mann
es würde geschrieben haben, wenn er es deutsch geschrieben
hätte; und der Leser ihm antwortet: Ich bin dir ebenso
verbunden, als ob du mir das Bild des Mannes gebracht hättest,
wie er aussehen würde, wenn seine Mutter ihn mit einem
andern Vater erzeugt hätte?“
Goethe dagegen anerkennt, daß beide Methoden
ihre Vorzüge haben, deren „musterhafte Beispiele“
hinreichend bekannt seien, und spricht nicht nur allgemein
von einem Mittelweg, sondern läßt sogar durchblicken,
daß er selbst durchaus eine Vorliebe für die einbürgernde
Übersetzung hat – wenn er deren Vertreter Wieland
als einen „Mann von Gefühl und Geschmack“
bezeichnet.
Ich bin nun seit längerem überzeugt,
daß der angebliche Gegensatz zwischen einbürgern
und verfremden durch intensives Training überwindbar
ist – ähnlich wie in der ausübenden Musik,
wo Stücke, die früher als fast unspielbar galten,
inzwischen zum Standardprogramm junger Solisten gehören
und es ja sogar schon gelungen ist, durch entsprechendes Kopfstimmen-Training
die einst so beliebten Kastratenstimmen zu ersetzen.
Neuerdings denke ich aber auch, daß dieses
angebliche Entweder-Oder in Wahrheit gar keine Beschreibung
zweier real existierender Methoden oder Schulen des Übersetzens
ist, bei denen man sich für eine entscheiden muß
wie etwa bei der Wahl zwischen katholisch und protestantisch.
Mir scheint, es handelt sich eher um eine analytische Unterscheidung
zweier Register oder Haltungen oder, wenn Sie so wollen, Gestimmtheiten
oder Stimmungslagen des Übersetzens, die sich in der
Praxis permanent und organisch mischen. Um noch einmal den
Vergleich mit der Musik zu bemühen: Es verhält sich
damit vielleicht ein bißchen so wie mit Dur und Moll:
Niemand käme auf den Gedanken, hier von zwei Methoden
des Komponierens zu sprechen, die sich gegenseitig ausschlössen;
keine nicht ganz banale Komposition ist durchgängig nur
in Dur oder Moll gehalten, und in den größeren
mischen sich beide Tonarten permanent und organisch.
Nicht anders ist es beim Übersetzen: Ich
beschließe nicht, entweder einbürgernd oder
verfremdend zu übersetzen, sondern ich tue je nach Textsorte,
je nach Text und sogar innerhalb eines Textes je nach Lage
mal mehr das eine, mal mehr das andere, und die Entscheidung
treffe ich in der Regel nicht aufgrund irgendwelcher Prinzipien,
sondern instinktiv oder allenfalls durch Versuch & Irrtum.
Um ein Beispiel zu geben: Wenn ich einen Autor wie Alessandro
Manzoni übersetze und am Anfang seines Romans eine Beschreibung
der Landschaft am Comer See habe, die das Beschriebene, also
die Ufer des Comer Sees, in langen verschachtelten Satzperioden
so nachzeichnet, wie es sich dem Auge des Betrachters aus
der Vogelschau darbietet, dann bemühe ich mich, die Syntax
des Originals so genau wie möglich im Deutschen nachzubilden
und übersetze also in gewissem Sinne verfremdend,
denn nach den Regeln der deutschen Stilistik, die wir in der
Schule gelernt haben, müßten die Satzteile anders
geordnet werden (z.B. eine adverbiale Bestimmung besser am
Anfang statt am Ende etc.). Ich verlange also vom Leser, eine
gewisse Fremdheit in Kauf zu nehmen. Andererseits will ich
aber natürlich nicht, daß der Leser durch diese
Fremdheit gleich auf den ersten Seiten des Buches abgeschreckt
wird und das Buch genervt aus der Hand legt, sondern ich will
im Gegenteil, daß er – wie der italienische Leser
des Originals – in den Roman hineingezogen wird und
möglichst das ganze erste Kapitel in einem Rutsch liest.
Ich muß also das Fremde am Text, den etwas ungewohnten
Satzbau, durch die Wortwahl, den Rhythmus, die Tonlage oder
etwas anderes kompensieren, so daß ein Reiz entsteht,
der den Leser hineinzieht – und so bemühe ich mich
eben bei der Wortwahl und im Rhythmus um möglichst suggestive
Lösungen im Deutschen, das heißt, ich bringe
das Fremde zum deutschen Leser herüber, während
ich in der Syntax den Leser ein Stückweit zum Autor hinüber
bemüht habe. Das Beispiel macht vielleicht deutlich,
wie eng die beiden Haltungen oder Register miteinander verschränkt
sein können, ganz wie die Tonarten Dur und Moll, die
bei Mozart oder Bach oder Schubert manchmal innerhalb weniger
Takte wechseln.
Natürlich gibt es auch Übersetzungen,
die klarer und über längere Strecken nur einer
der beiden Haltungen folgen (ebenso wie es Musikstücke
gibt, die eindeutig Dur oder Moll sind), aber ich denke, das
tun sie nicht, weil sie sich vorab für eine bestimmte
Methode entschieden haben, sondern weil ihnen der Originaltext
eine bestimmte Haltung nahelegt, und wenn sie gelungen sind
(und der Originaltext eine gewisse stilistische Komplexität
hat), wird das Ergebnis immer eine Mischung aus einbürgernder
und verfremdender Übersetzung sein. Ja, man könnte
vielleicht sogar sagen, die Qualität einer literarischen
Übersetzung bemißt sich am Mischungsverhältnis
der beiden Register und am Grad ihrer wechselseitigen Integration.
„Schlecht“ ist jedenfalls eine Übersetzung,
die nur eine der beiden Haltungen gelten läßt und
dogmatisch entweder nur verfremdend oder nur
einbürgernd vorzugehen versucht. So etwas wird immer
Krampf.
Allerdings möchte ich hier auch bekennen,
daß es mir, wenn ich die Wahl zwischen einbürgern
und verfemden habe, meistens wie dem vor 193 Jahren gestorbenen
großen Kollegen Wieland geht: In Zweifelsfällen
neige auch ich dazu, das Fremde möglichst ins Deutsche
hereinzuholen, jedenfalls bei mehr oder minder standardisierten
Redewendungen, etwa in Fällen wie dem von Luther in seinem
„Sendbrief vom Dolmetschen“ zitierten Jesuswort
[Matth. 12, 34] Ex abundantia cordis os loquitur, das
er bekanntlich nicht verfremdend mit „Aus dem Überfluß
des Herzens redet der Mund“ übersetzt hat, sondern
gut deutsch mit „Wes das Herz voll ist, des gehet der
Mund über.“ Die Sorge, es könne bei solch
einbürgender Übersetzung das Fremde zu sehr verschwinden,
habe ich nie gehabt: Das Fremde schlägt sowieso immer
durch, in jeder Übersetzung, davon bin ich seit jeher
überzeugt gewesen, das Fremde läßt sich gar
nicht ausräumen, selbst wenn man das wollte, dafür
sorgt die ganze Anlage und Struktur des Originals, vom Sujet
bis zum Stil. Man kann das Fremde nur besser oder schlechter
aufnehmen, ihm Steine in den Weg rollen oder ihm die Tore
öffnen, aber auch wenn man es freundlich hereinbittet,
bleibt es das Fremde.
Darum ist die bewußt verfremdende Übersetzung,
wie Schleiermacher sie wollte, in jedem Fall ein großes
Risiko, das besonders viel Fingerspitzengefühl und –
wenn ich das sagen darf – auch besonderes Talent verlangt.
Schleiermachers eigene Übersetzungen der Dialoge Platons
sind kein sehr überzeugendes Beispiel. Den Leser zum
Fremden hinzuführen, ohne daß er sich bevormundet
oder gar terrorisiert fühlt, erfordert geradezu psychoanalytische
Fähigkeiten oder jedenfalls großes sprachpsychologisches
Feingefühl. Das sollte jeder wissen, der sich so etwas
vornimmt.
Also hören wir auf, den Gegensatz von Einbürgerung
und Verfremdung als eine Art Konfessionsfrage zu betrachten,
und wenden wir uns lieber den realen Problemen des Übersetzens
zu. Von denen gibt es genug, aber die kann ich hier nicht
behandeln. Ich kann Ihnen nur zum Abschluß verraten:
Immer wenn mir scheint, daß ich für ein besonders
kniffliges Problem eine gute Lösung gefunden habe –
das kann von der Übersetzung eines einzelnen Wortes bis
zum Nachbau ganzer Syntaxgebäude wie bei Manzonis großem
Roman reichen –, dann vollführe ich innerlich einen
mindestens so schönen Freudensalto wie neulich Miroslav
Klose nach seinem ersten Tor gegen Ecuador.
Und jetzt schauen wir mal, ob er vielleicht
wieder einen macht…
(Die Verleihung fand am 4. Juli 2006 im Münchner
Literaturhaus statt, unmittelbar vor dem
WM-Halbfinale Italien gegen Deutschland.)
|