Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung
2001
Glanz und Elend des Übersetzens
Dankrede von Burkhart Kroeber
Die Versuchung ist groß, wenn man wie ich neben der
übersetzerischen Arbeit seit vielen Jahren auch berufspolitisch
tätig ist, eine Rede wie diese zu nutzen, um vor erlauchtem
Publikum einmal so richtig über die Nöte und Sorgen
des Übersetzerdaseins zu klagen. Der Versuchung muß
selbstverständlich widerstanden werden: Diese Versammlung
ist an jenen Nöten und Sorgen am wenigsten schuld und
auch kaum in der Lage, sie zu lindern, geschweige denn abzustellen.
Umgekehrt ist aber auch die Versuchung groß, gerade
hier einmal nicht über dieses leidige Thema zu sprechen,
sondern sich ganz den schönen Seiten des Übersetzens
zu widmen und einfach nur über Literatur zu sprechen
- über Sprache und Dichtung aus der Sicht des Literaturübersetzers.
Auch dieser Versuchung muß jedoch widerstanden werden:
Es wäre nicht nur zu bequem, sondern auch unredlich,
um nicht zu sagen feige.
Also ein Kompromiß: zuerst ein paar unvermeidliche Sätze
über das Elend, das öffentliche, nicht der Übersetzung,
sondern des öffentlichen Raumes, in dem sich Übersetzungen
heute bewegen (müssen), danach ein paar mehr Sätze
über den Glanz, den eher privaten, der für viele
meiner Kollegen oft das einzige ist, was sie in die Lage versetzt,
das öffentliche Elend zu ertragen.
Glanz und Elend des Übersetzens, Miseria y esplendor
de la traducción - ich bin gewiß nicht der
erste in der langen Liste der Voßpreisträger, der
sich in seiner Dankesrede auf diese Formel von Ortega y Gasset
bezieht. Ich akzentuiere sie allerdings etwas anders als Ortega:
nicht mit Blick auf die theoretische Aporie zwischen der Unmöglichkeit
einer restlos adäquaten Übersetzung und der Notwendigkeit
einer möglichst weitgespannten Übersetzertätigkeit
zwecks Vermittlung und Dialog der Kulturen, sondern ganz praktisch
aus der Erfahrung des Übersetzenden: Der Glanz ist die
private Freude des Übersetzers an seiner Arbeit, das
Elend die öffentliche Wahrnehmung seines Tuns. Ohne erstere
wäre letztere für uns unerträglich.
Zunächst also ein paar leider notwendige Sätze zum
Elend. Danach soll dann nur noch vom Glanz die Rede sein,
denn Glück, Glanz, Glorie sind die Begriffe, die sich
bei einer Preisverleihung, zumal einer wie der heutigen, aufdrängen.
Die öffentliche Wahrnehmung der Arbeit des literarischen
Übersetzers ist in der Tat ein Elend, eine misère
noire, wie sie schwärzer kaum sein könnte, und sie
wird zur Zeit noch verschärft durch die hysterische Reaktion
der meisten Verleger auf die im Bundesjustizministerium geplante
Reform des Urheberrechts.
Stichworte zur "Lage der übersetzenden Klasse":
Wie Dieter E. Zimmer vor acht Jahren in einem großen
Zeit-Artikel anläßlich des "Übersetzerstreits"
schrieb, bewegt man sich als Übersetzer in einem weitgehend
"schalltoten Raum" - in der Regel keinerlei öffentliche
Reaktion, kein feedback, geschweige denn so etwas wie eine
ästhetisch-kritische Auseinandersetzung mit den übersetzerischen
Problemen und deren Bewältigung. Ich spreche aus eigener
Erfahrung, ich habe mir bei einigen der vielrezensierten Bücher
meines bekanntesten Autors die Mühe einer statistischen
Auszählung gemacht: Bei Romanen und anderen Formen von
erzählender Literatur gehen nicht einmal die Hälfte
aller Rezensionen auf den Umstand ein, daß es sich um
ein übersetztes Werk handelt; bei nicht-narrativen Werken,
zumal bei "Sachbüchern" ist es geradezu die
Regel, daß die Übersetzung unerwähnt und sehr
oft sogar der Name des Übersetzers ungenannt bleibt.
Letzteres ist für mich eine eklatante Gedankenlosigkeit,
nur zu erklären durch geistige Trägheit. Aber auch
auf die häufig von Kritikern geäußerte Schutzbehauptung,
sie könnten unmöglich die Qualität einer Übersetzung
bewerten, sei es auch nur aus Unkenntnis der Originalsprache,
gibt es eine einfache Antwort. Auch ohne spezielle Kenntnisse
müßte für jeden Literaturkritiker die Maxime
gelten: Wenn er sich veranlaßt sieht, nicht nur über
Thema und Inhalt eines Buches, sondern auch über dessen
Sprache etwas zu sagen, dann sollte es eine Selbstverständlichkeit
sein, die Rolle des Übersetzers wahrzunehmen und den
Leser darauf hinzuweisen, daß diese Sprache in ihrer
vorliegenden Form das Werk eines Übersetzers ist.
In jedem Fall ist es ein Unding, wenn Kritiker sich rühmend
über die Sprache eines Werkes äußern, ohne
auf die Urheber ebendieser gerühmten Sprache hinzuweisen
- als hätte der Autor sein Werk direkt auf deutsch geschrieben.
Der Übersetzer als unsichtbare Person in einem schalltoten
Raum, der zudem in den meisten Fällen für Honorare
arbeiten muß, die auf Monatseinkommen umgerechnet in
der Nähe des Sozialhilfesatzes liegen, dazu nicht selten
unter Vertragsbedingungen, die in ihrer von Juristen erdachten
Form oft geradezu demütigend klingen und in der Praxis
den Übersetzer zum reinen Bittsteller degradieren (der
froh sein darf, wenn er es mit einem kollegialen Lektor zu
tun hat) - das ist die seit langem "normale" Lage.
Verschärft wird nun diese Lage noch durch die wachsende
Hysterie, mit der die Mehrheit der deutschen Verleger zur
Zeit - jedenfalls nach den einschlägigen Stellungnahmen
in Feuilleton- und vor allem in Börsenblatt-Artikeln
zu urteilen - auf die geplante Reform des Urheberrechts reagiert.
Glaubt man diesen Stellungnahmen, so ist eine sinistre Verschwörung
von gewerkschaftlichen Interessenvertretern und sozialromantisch
verblendeten Marktregulierern im Verein mit weltfremden Urheberrechtsfundamentalisten
dabei, den Standort Deutschland nachhaltig zu beschädigen
- die Übersetzungen prospektiver Bestseller werde man
künftig zusammen mit den Lizenzen direkt bei den amerikanischen
Agenten einkaufen, wurde ernstlich und unwidersprochen von
Verlegerseite behauptet. Man fühlt sich sehr an die Reaktion
der Automobilindustrie bei der Einführung des Katalysators
erinnert; auch damals war der Standort Deutschland gefährdet.
Den schärfsten Angriff auf die Übersetzer fährt
aber - es muß dies leider als Gipfel der gegenwärtigen
Reaktion genannt werden - der Münchner Piper Verlag mit
seinem Vorgehen gegen die Übersetzerin Karin Krieger
und insbesondere seiner Entscheidung, gegen das zweitinstanzliche
Urteil des OLG München Revision einzulegen. Laut Presseberichten
will der Verlag dem Bundesgerichtshof die Frage vorlegen,
ob Übersetzerverträge nicht eigentlich bloß
"Bestellverträge" seien. Bestellverträge
sind solche, bei denen die Form der Arbeit vom Besteller detailliert
vorgeschrieben wird (also Schulbücher, Lexikonartikel
und dergl.). Man bedenke, was das in der Praxis für literarische
Übersetzungen bedeuten würde. Ich kann nicht umhin,
darin eine Kriegserklärung gegen das ganze Übersetzerwesen
zu sehen. Sollte der Piper Verlag mit seiner Auffassung vor
dem BGH Recht bekommen, würde es in absehbarer Zeit keine
literarischen Übersetzungen mehr geben - und dann würden
sich, folgerichtig, auch Preisverleihungen wie die heutige
erübrigen. Der "kulturelle Vandalismus", als
welcher das Vorgehen des Piper Verlags treffend bezeichnet
worden ist, wäre damit vollendet.
Nun aber Schluß mit der Rede über das Elend. Es
mußte angesprochen werden, ich denke, die Deutsche Akademie
für Sprache und Dichtung sollte diese Dinge wissen und
diese Realitäten im Auge behalten, aber jetzt zu dem,
was unsereinem dieses Elend wenigstens hin und wieder erträglich
macht: Worin zeigt sich, wenn es ihn denn gibt, der Glanz
des Übersetzens?
Bekanntlich geht es in allen theoretischen Erörterungen
über das literarische Übersetzen und seine Methoden
seit altersher, seit Cicero und Hieronymus, im deutschen Sprachraum
besonders seit Schleiermacher und Goethe, um ein Entweder/Oder,
das in der Regel als scharfer Gegensatz, ja manchmal geradezu
als Dichotomie beschrieben wird: entweder man übersetzt
wortgetreu oder sinngemäß, entweder verbum pro
verbo oder sensus pro sensu, entweder - so die Formel von
Schleiermacher - der Übersetzer läßt den Autor
möglichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen,
oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und
bewegt den Autor ihm entgegen; kurzum: entweder man übersetzt
verfremdend oder man übersetzt eingemeindend - ein Entweder-Oder,
das auch Ortega y Gasset wie eine Selbstverständlichkeit
anführt, ergänzt um die These, daß man nur
entweder schön oder treu übersetzen könne -
prägnant ausgedrückt in der Rede von der belle infidèle,
der schönen Treulosen, der von seiten der Kritiker so
gern die "häßliche Treue" vorgezogen
wird (in dem erwähnten sog. "Übersetzerstreit"
wurde dieses Argument sogar zur Verteidigung einer offenkundigen
Mißgeburt verwendet).
Ich bin nun aufgrund nicht nur meiner eigenen Erfahrung, sondern
auch aus Kenntnis der Arbeit vieler anderer und zahlreicher
Diskussionen mit Kollegen der Überzeugung, daß
dieses Entweder/Oder keineswegs ein Naturgesetz ist, sondern
sich tendenziell wenn nicht überwinden, so doch wesentlich
abmildern läßt. Ob eine annähernd wortgetreue
Übersetzung (und wortgetreu heißt für mich
nicht, isn't it mit "ist es nicht" oder qu'est-ce
que c'est mit "was ist das, was das ist" zu übersetzen,
wohl aber die Wortfolge oder jedenfalls die Satzteilfolge
des Originals so weit wie möglich zu berücksichtigen),
ob eine solche Übersetzung zwangsläufig "häßlich"
wird, oder ob, umgekehrt, eine "schöne" Übersetzung
immer treulos sein muß, ist meines Erachtens, jedenfalls
bei Vorhandensein eines gewissen Talents, eine Frage des Trainings,
der Übung oder sagen wir: des Übens. Ich finde den
Vergleich zwischen Übersetzern und ausübenden Musikern
immer sehr hilfreich. Wenn Sie bedenken: Was im 19. Jahrhundert
nur ein vielbestaunter Franz Liszt am Klavier oder Paganini
an der Geige vollbrachten, können heutzutage, technisch
gesehen, Hunderte von Pianisten und Geigern. Durch entsprechendes
Kopfstimmen-Training kann man ja inzwischen sogar die einst
so beliebten Kastratenstimmen ersetzen. Ich behaupte nun:
auch die Übersetzerei ist, wie das Musizieren, eine durch
intensives Training verbesserbare Kunst. Ortega y Gasset meinte
noch, eine genaue und, wie er sagte, "ganz klare"
Übersetzung müsse gleichsam naturgemäß
"unschön" sein, sie könne "keine
literarische Anmut" beanspruchen und werde "nicht
leicht zu lesen" sein, der Leser müsse von vornherein
wissen, "daß, wenn er eine Übersetzung liest,
er kein vom literarischen Standpunkt aus schönes Buch
liest, sondern ein ziemlich beschwerliches Hilfsmittel benützt".
- Ich glaube sagen zu können: Heute sind wir literarischen
Übersetzer dank intensiver Bemühungen, ausgiebiger
Diskussionen im Kollegenkreis und eben geduldigen Übens
- ganz technisch-praktisch, wie Musiker üben, wie Pianisten
sich über Fingersätze verständigen - sehr viel
weitergekommen: genau muß beim Übersetzen nicht
mehr zwangsläufig das Synonym für häßlich
oder umständlich, schön oder elegant nicht mehr
gleichbedeutend mit untreu sein.
Im übrigen haben auch die beiden Autoren, die so oft
als Kronzeugen für das Entweder/Oder zitiert werden,
nämlich Schleiermacher und Goethe, durchaus gesehen und
anerkannt, daß der Gegensatz in glücklichen Fällen
aufhebbar ist: Der so gern zitierte Satz von Goethe - "Es
gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß
der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht
werde ..., die andere ..., daß wir uns zu dem Fremden
hinüber begeben ..." - steht schließlich in
einem Nachruf auf Christoph Martin Wieland ("Zu brüderlichem
Andenken Wielands", 1813) und geht folgendermaßen
weiter: "Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte,
war beide zu verbinden bemüht, doch zog er als Mann von
Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die
erste Maxime vor."
Dieser Haltung möchte ich mich gerne anschließen.
Was mich beim Neuübersetzen der Promessi Sposi angetrieben
hat, war der Wunsch, dem deutschen Leser möglichst viel
von dem zu vermitteln, was den Reiz dieses Romans im italienischen
Original ausmacht, also den Text so vorzuführen, daß
der deutsche Leser nicht nur den Inhalt, sondern auch die
Art seines Vortrags erfährt, nicht nur das Was, sondern
auch und vor allem das Wie der Erzählung. Daß dies
bei einem Autor wie Manzoni durch eine möglichst getreue
Wiedergabe der Syntax bzw. der Syntagmenfolge möglich
sein müßte, war gewissermaßen meine Wette.
Ich wollte zeigen, daß der Roman alles andere als behäbig
erzählt ist, vielmehr passagenweise geradezu rasant und
jedenfalls immer sehr anschaulich. Daher hat es mich besonders
gefreut, wenn ich von Lesern und Kritikern hörte, daß
meine Übersetzung "leicht lesbar" sei und sich
"in einem Rutsch verschlingen" lasse. Das wollte
ich erreichen, das war meine Wette. Wenn ich diese Wette gewonnen
habe, dann allerdings nicht dadurch, daß ich mir - wie
manche Kritiker meinen, es sei bei solchen Neuübersetzungen
üblich - aus der zeitlichen Distanz zum Text eine größere
Freiheit genommen hätte, sondern im Gegenteil dadurch,
daß ich mir mit dem Vorsatz, die langen Satzperioden
des Originals möglichst genau nachzubilden, um die narrative
Logik und Psychologik mitzuübersetzen, geradezu selber
Fesseln angelegt hatte.
Um abschließend so etwas wie ein übersetzerisches
"Ideal" zu formulieren, kann ich noch einmal Ortega
y Gasset zitieren. Er beendet seinen Aufsatz mit den Worten
[in der Übersetzung von Gustav Kilpper, Ges. Werke Bd.
4, Stuttgart, 1956, S. 177]:
"Es ist klar, daß das Publikum eines Landes eine
im Stile seiner eigenen Sprache gehaltene Übersetzung
nicht besonders schätzt, denn das besitzt es im Überfluß
in der Produktion der einheimischen Autoren. Was es schätzt,
ist das Gegenteil: daß die dem übersetzten Autor
eigentümliche Ausdrucksweise in einer Übersetzung
durchscheint, in der die Möglichkeiten der eigenen Sprache
bis zur äußersten Grenze der Verständlichkeit
ausgenutzt wurden. Die deutschen Übersetzungen meiner
Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. In wenigen
Jahren sind mehr als fünfzehn Auflagen erschienen. Der
Fall wäre unverständlich, wenn er nicht zu vier
Fünfteln der gelungenen Übersetzung zuzuschreiben
wäre. Meine Übersetzerin [Helene Weyl, 1948] hat
nämlich die grammatikalische Toleranz der deutschen Sprache
bis an ihre Grenze gezwungen, um genau das zu übertragen,
was in meiner Art zu reden nicht deutsch ist. Auf diese Weise
sieht sich der Leser mühelos geistige Gebärden ausführen,
die in Wirklichkeit spanische sind. Er erholt sich so ein
wenig von sich selbst, und es belustigt ihn, sich einmal als
ein anderer zu fühlen."
Solche Worte aus berufenem Munde zu hören, einschließlich
der für mich höchsten Lobesworte, daß die
Lektüre für den Leser "mühelos" und
"belustigend" sei, das ist der Glanz im Dasein des
Übersetzers.
Ich danke Ihnen für die Zuerkennung des Johann-Heinrich-Voß-Preises. |