WERNER VON KOPPENFELS
Sprachlust und Sprachlist
Laudatio auf Burkhart Kroeber
Wenn einer einen Preis zuerkannt bekommt, und ihn auch noch
annimmt, muß er damit rechnen - so lautet die Regel
- öffentlich gelobt zu werden. Um es gleich zu sagen:
es ist mir eine Freude, und keine Pflichtübung den diesjährigen
Voß-Preisträger zu preisen - und er wird es mannhaft
zu ertragen wissen.
Ich nähere mich meinem Thema von der Peripherie her,
mit einer Vignette aus dem Alltag eines Benutzers wissenschaftlicher
Bibliotheken. Wenn man im größten Bücherhort
des deutschen Südens, der Bayerischen Staatsbibliothek,
mit dem Stichwort kroeber, burkhart am OPAC-Computer auf Titelsuche
geht, gibt einem, nach längerer Denkpause, das Gerät
im schönsten Computerdeutsch den Bescheid: "Die
Treffermenge [118] übersteigt die Sortiergrenze. Soll
trotzdem sortiert werden?" Natürlich soll sortiert
werden, aber schon die schiere Fülle des Vorhandenen
ist überwältigend, auch wenn sich naturgemäß
die Kroeberschen Bestseller wie Der Name der Rose oder Wenn
ein Reisender in einer Winternacht in vielerlei Ausgaben aufgelistet
finden.
Wie schafft man das in einem Menschenleben, oder genauer,
in den bloß drei Jahrzehnten, die seit dem Studienabschluß
des heute zu Feiernden verflossen sind? Der allgegenwärtige
Erwerbssinn, der unser globales Wirtschaften so dynamisch
in Schwung hält, kann soviel Verbalenergie kaum freigesetzt
haben, denn auch der rare Übersetzer, der die vom Urheberrecht
vorgesehene Erfolgsbeteiligung bei seinem Verlag durchsetzt,
ist damit noch lange nicht auf dem berühmten grünen
Zweig gelandet. Wie manche Verlage mit unbotmäßigen
Übersetzern umspringen, die auf diesem Recht bestehen,
führt derzeit ein Münchner Lehrstück dem staunenden
Publikum in mehreren Gerichtsinstanzen vor. Doch so garstige
Verleger hat Kroeber gottlob nie gehabt. Immerhin: Wenn er
sich öffentlich bei seiner Frau dafür bedankt, daß
sie einen vernünftigen Brotberuf ausübt, der ihm
erlaubt, sich ohne das branchenübliche Gehechel auf seine
zwei oder drei Bücher pro Jahr zu konzentrieren, beschreibt
er ganz realitätsnah, wie die Privilegierteren in der
Zunft leben. Was ihn an- und umtreibt, ist nicht der große
Gott Mammon, sondern jene altmodische Macht, die bei Dante
Sonne und Sterne am Laufen hält. Labour of love, so muß
wohl die Diagnose lauten; wörtlich übersetzt: Schwerarbeit
aus Liebe.
Wie wird man ein exemplarischer Übersetzer? Wie gradlinig
muß der Weg sein, der zu diesem paradoxen Beruf der
produktiven Rezeption und analytischen Synthese führt?
Als langjähriger Vorsitzender des Berufsverbands literarischer
Übersetzer hat Burkhart Kroeber immer eine weitreichende
Professionalisierung seines Standes gefordert: beste philologische
Ausbildung, Kenntnis modernster Hilfsmittel, lebenslange Fortbildung.
Sein eigener Werdegang ist nicht ganz so gradlinig verlaufen,
wie dieses Programm vermuten lassen könnte. Sein Studium
galt dem alten Ägypten und wurde von einer Promotion
mit den Nebenfächern Politologie und Romanische Sprachwissenschaft
gekrönt.
Von Hieroglyphen war nicht mehr die Rede, als der frischgebacke
Ägyptologe in den Siebziger Jahren mit dem Eindeutschen
progressiver, das heißt, linksliberaler Sachbücher,
wie sie damals Konjunktur hatten, begann. Es folgten fünf
Jahre als Sachbuchlektor bei Hanser, wo über dem Redigieren
rasch wechselnder Manuskripte und dem Nachkorrigieren schludriger
Übersetzungen geheime Wünsche geweckt wurden, die
sich schlecht mit der Solidität eines Lektorensessels
vertrugen.
Der Ausbruch, der ein Durchbruch war, kam, als dem Sachbuchlektor
irgendwann um 1980 ein Manuskript auf den Schreibtisch flatterte,
für das er gar nicht zuständig war: ein Wälzer
mit dem Titel Il nome della rosa, verfaßt von einem
in Fachkreisen nicht ganz unbekannten Bologneser Professor
für Semiotik. Kroeber witterte in der eigentümlichen
Verbindung von Erzählspannung und ironischer Kulturreflexion
ein Meisterwerk neuer Art, beschwor den Verlag, die deutschen
Rechte zu erwerben, und bot sich mit inspirierter Chuzpe und
- wie er freimütig bekennt - keineswegs profunden Italienischkenntnissen
als Übersetzer an. Der Rest war learning by doing, die
beste Methode, das Metier des literarischen Übersetzens
zu lernen und das einzig stichhaltige Argument gegen die plausible
Theorie von Unübersetzbarkeit der Sprachen und Literaturen.
Kroeber hatte seinen Autor, Eco seinen Übersetzer gefunden.
Und mit dem Trumpf der Rose im Ärmel wagte dieser (um
meine Metaphern ein wenig zu mischen) den Sprung zurück
ins kalte Wasser des freien Übersetzertums, das ihm nach
der Zimmertemperatur seines Lektorats höchst anregend
für den geistigen Kreislauf vorkamen.
Es folgten weitere Autoren, die Kroeber zu den seinen machte,
besonders Italo Calvino und das geistreiche Krimi-Duo Fruttero
und Lucentini. Wie schon bei Eco war es ihm auch hier eine
besondere Lust, die dem Deutschen so heilige Demarkationslinie
von E- und U-Literatur mutwillig in beiden Richtungen zu überschreiten.
Die freundliche Fügung, die ihn zum ersten deutschen
Leser von Ecos Rosenroman bestimmt hatte, erinnert von ferne
an die Art, wie anderthalb Jahrhunderte zuvor der klassische
Roman des neuen Italien als erstem Deutschen einem Leser von
ebenfalls beachtlichem literarischen Spürsinn in die
Hände fiel, und was daraus wurde. Allessandro Manzoni
hatte seine Promessi Sposi unmittelbar nach Erscheinen dem
verehrten Herrn von Goethe in Weimar mit einer artigen Widmung
zugesandt, der sogleich ihrem Zauber verfiel und das umfängliche
Werk in wenigen Tagen zuende las. Mit seiner Begeisterung
regte er die erste deutsche Übertragung an, der noch
viele folgen sollten, bis Burkart Kroeber im einprägsamen
Jahr 2000 die "Brautleute" von den Schlacken deutscher
Steifheit und Behäbigkeit reinigte, um ihrer Syntax den
ureigenen Rhythmus und ihren Dialogen die natürliche
Sprechbarkeit zurückzugeben.
Manzoni, der sich nur als Bearbeiter eines alten Manuskripts
unbekannter Verfasserschaft ausgibt, verabschiedet sich am
Ende der langen gemeinsamen Reise von seinen Lesern mit den
Worten "La quale [storia] se v'ha dato qualche diletto,
vogliatene bene all'anonimo e anche un po' al suo racconciatore."
Der Übersetzer schmuggelt sich nun, unter den Augen stirnrunzelnder
Kritiker, an dieser Stelle parenthetisch selbst in den Text
ein: "Wenn diese [Geschichte] euch nun nicht gänzlich
mißfallen hat, so bleibt dem gewogen, der sie geschrieben,
und ein bißchen auch dem, der sie neu eingerichtet hat
(und ein kleines bißchen auch dem, der sie neu übersetzt
hat)."
Das Selbstbewußtsein, das sich in diesem symbolischen
Autogramm äußert, legt Burkhart Kroeber auch dann
an den Tag, wenn er für seinen Berufsstand spricht, dessen
Rolle als Kulturmittler auch heute noch in erstaunlichem Gegensatz
zu seiner gesellschaftlichen Unsichtbarkeit und materiellen
Marginalisierung steht. Burkhart Kroeber ist weder zu übersehen
noch zu überhören, wenn er das Wort ergreift, und
das nicht nur dank seiner Körpergröße und
seinem Stimmvolumen. Er spricht mit der gebotenen Deutlichkeit
aus der Autorität seiner Berufserfahrung nach beiden
Seiten: zu den Verlagen, die den Übersetzer in Zeiten
harter Konkurrenz gern als am ehesten reduzierbaren Kostenfaktor
betrachten, und zu den Berufskollegen, wenn es um die Standards
der Zunft und ihr Bild in der Öffentlichkeit geht.
Beim sogenannten Münchner Übersetzerstreit etwa
galt sein nachdrücklicher Einspruch nicht so sehr dem
strittigen Text, einem durchaus qualitätvollen, aber
miserabel übersetzten englischen Roman, als vielmehr
zwei, wie ihm schien, skandalösen Begleitumständen.
Der erste bezog sich auf das völlige Versagen des Rezensionsbetriebs,
der im Sog einer üppigen Werbekampagne das Buch landauf
landab in den Himmel hob, ohne sich im geringsten am ungeschlachten
Stil der deutschen Fassung zu stoßen; eine frappante
Bestätigung dessen, was manche von uns längst argwöhnen,
daß nämlich Rezensenten die Bücher nicht unbedingt
lesen, die sie besprechen. Der zweite Skandal bestand in der
Argumentation, die von betroffener Seite vorgebracht wurde,
nachdem das Gejaule über die angebliche Unkollegialität
solcher Kollegenschelte den Protest nicht abwürgen konnte:
die handfeste Verballhornung des Originals sei in Wirklichkeit
ein Akt schöpferischer Sprachverfremdung in der großen
Tradition von Humboldt und Schleiermacher. Diesem arg postmodernen
Relativismus gegenüber hielt Kroeber an der kritischen
Unterscheidbarkeit von defizienter und kreativer Sprachfremdheit
fest, ohne die in der Tat alle Übersetzungskritik völlig
illusorisch wäre.
Die "Farbe der Fremdheit", auf die es beim literarischen
Übersetzen so entscheidend ankommt, hat er mit Lust und
List stets zu bewahren verstanden. Dabei gab es immer wieder
vertrackte Probleme zu lösen, etwa bei dem barock stilisierten
dritten Roman Ecos, Die Insel des vorigen Tages. Eine der
Figuren, der überaus gelehrte Jesuitenpater Caspar, spricht
beispielsweise ein tedesco maccaronico, ein Italienisch mit
markant deutscher Wortstellung. In den Handreichungen an seine
Übersetzer, die eine Spezialität des Autors Eco
darstellen, merkt dieser an, solche syntaktische Fremdheit
lasse sich in jeder Sprache mühelos herstellen - nur
der deutsche Übersetzer habe da möglicherweise ein
Problem. ("per il traduttore tedesco, cavoli suoi";
eigentlich: 'seine Kohlköpfe'). Kroeber entschloß
sich, wie er in seinen Notaten zur Übersetzung sagt,
den Pater historisch zu regionalisieren, indem er ihm ein
parodistisches Barockdeutsch mit sorgsam dosierten Gestelztheiten
und Latinismen verpaßte.
An einer Stelle freilich tat sich der Übersetzer ausnahmsweise
ganz leicht, weil sein Autor einen Auszug aus Harsdörffers
Frauenzimmer-Gesprächsspielen ins Italienische übertragen
hatte. Es geht dabei um das berühmte Lob der teutschen
Sprach, von der es heißt, sie "sauset mit den Winden,
brauset mit den Wellen, brüllet wie der Löw, plerret
wie der Ochs, brummet wie der Bär...gruntzet wie das
Schwein..." und vieles andere mehr. Kurioserweise fühlte
sich ein Rezensent just an dieser Stelle bemüßigt,
die übersetzerische Korrektheit der Passage anzuzweifeln.
Der literarhistorische Horizont, den sein Metier einem guten
Übersetzer abverlangt, stünde auch der Kritikerzunft
nicht übel an.
Sprache, das verraten uns alte Bezeichnungen wie glossa und
lingua, ist letztlich Zunge. Ein Übersetzer muß
die Originalsprache schmecken, um mehr als nur einen fernen
Nachgeschmack davon zu verbreiten. Burkhart Kroeber ist ein
sinnlicher Übersetzer, ein kundiger Abschmecker und Wahrer
der Würze, und seine Autoren haben dem sprachlichen Gaumen
einiges zu bieten. Zum Beweis noch schnell einen kleinen Auszug
aus Calvinos letzten Erzählungen, lauter Ausflügen
in das Reich der Sinne. Die Geschichte Unter der Jaguar-Sonne
feiert den Geschmackssinn mit einer Entdeckungsreise, die
ein verliebtes Paar mit geheimer kannibalischer Lust in die
verborgenen Regionen mexikanischer Koch- und Eßkultur
unternimmt:
Olivias Lippen hielten mitten im Kauen inne, bis sie beinahe
zum Stillstand kamen, ohne jedoch die Kaubewegung völlig
zu unterbrechen, vielmehr sehr langsam weiterkauend, als horchte
sie einem inneren Echo nach... "Spürst du? hast
du gespürt?" fragte sie mich mit einer Art banger
Freude, als hätten genau in jenem Moment unsere Schneidezähne
einen Bissen von identischer Komposition zerteilt, als hätten
die Rezeptoren meiner und ihrer Zunge soeben dasselbe Aromatröpfchen
empfangen. "Ob das der xilantro ist? Spürst du nicht
den xilantro?" fragte sie weiter und meinte damit ein
Würzkraut, das wir bisher anhand des lokalen Namens noch
nicht sicher zu identifizieren vermocht hatten (vielleicht
Dillfenchel?), von dem jedoch eine winzige Spur in dem gerade
gekauten Bissen genügte, um der Nase ein angenehm stechendes
Prickeln zu übertragen, etwas wie einen Anflug von Trunkenheit.
Verbales Prickeln, ein Anflug von Logomanie und Logomagie
- dieser Übersetzer versteht es, seine Lust am fremden
Text auf der eigenen Zunge in die eigene Zunge hinüberzubringen.
Übertragung erweist sich in solchem Glücksfall als
dionysischer Akt und als - durchaus rauschhafte - Teilhabe
am Wunder der Sprachen. |