Helmut M. Braem-Preis 2002


Laudatio auf Maria Carlsson von Hans-Georg Heepe

Liebe Maria Carlsson,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Eine Vorbemerkung.
Vor einer Woche war ich bei einer Preisverleihung. Es sprach ein Ministerpräsident und ein Bürgermeister. Es sprachen drei Professoren und drei Preisträger. Die Luft im Saal wurde immer schlechter. Die Stühle wurden immer härter. Aufmerksam zuzuhören wurde immer schwieriger. Da wurde mir klar, was eine Laudatio vor allem sein muss: kurz.
Und nun zum Thema

Vielleicht wäre Helmut M. Braem zusammengezuckt, wenn er gehört hätte, dass einmal ein Übersetzerpreis, der seinen Namen trägt, ausgerechnet an Maria Carlsson verliehen werden würde. Denn sie war es gewesen, die eine seiner Übersetzungen so bearbeitet hatte, "daß der vorliegende Text so gut wie überhaupt nichts mehr mit dem unseren gemein hat. Trotz wirklich gutem Willen und trotz meiner großen Sympathie für [... den] Verlag ... war es mir unmöglich, weiter als bis Spalte 5 Ende zu lesen."

Wer da redigierend am Werk gewesen war, hatte Ledig Rowohlt seinem Stuttgarter Freunde Braem allerdings verschwiegen. Der Name hätte ihm auch nichts gesagt. Einer ganz jungen Frau, die frisch von der Schule kam, hatte Ledig Braems Übersetzung von Durrels "Justine" aus dem Alexandria-Quartett über den Schreibtisch zugeworfen und gesagt: "Machen Sie was draus!"
Und wozu hatte das geführt? Braem an den Verleger: "wirst Du es hoffentlich nicht verübeln, wenn es uns unmöglich ist, dass in dem Buch unsere Namen als Übersetzer genannt werden."

Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Maria Carlsson übersetzte die "Justine" neu - und so manche Formulierung, die sich in Braems Protestbrief an Ledig-Rowohlt findet, wurde bedacht und taucht in der gedruckten Fassung auf. Helmut M. Braem war gewissermaßen Maria Carlssons erster Lektor.

Zwei Jahre später hat er in der ZEIT ihre Übersetzung von Updikes "The Poorhouse Fair" sehr begeistert gelobt. Aber da wusste er immer noch nicht, gegen wen er in seinem Brief zur Justine-Übersetzung polemisiert hatte.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte er die Wahl der Preisträgerin vermutlich gutgeheissen.

"The Poorhouse Fair"." Das Fest am Abend", damit sind wir bei John Updike; für die deutschen Fassungen seiner Werke vor allem erhält Maria Carlsson ja diesen Preis. Und aus dieser frühen Arbeit möchte ich ein paar Zeilen zitieren, die das beachtliche Talent der jungen Übersetzerin zeigen:
"Der Regen dieses Tages verstummte; das hohe gelbe Haus hob sich hell aus den Sturzbächen; die vielen Verbindungslinien zwischen unten und oben waren ausgelöscht ... Tropfen für Tropfen streiften die bunten Birnen ihre dünnen Kleider aus Wasser ab. Ein paar von den Frauen wagten sich ins Freie; missmutig stelzten sie auf dem durchnässten Rasen umher, wo die
rundgesponnenen Netze der Grasspinnen hingen..."

Da hat Braem nur noch loben können.
Als der Verlag vor noch nicht allzu langer Zeit eine neue Taschenbuchauflage drucken wollte, hat sie den deutschen Text revidiert, denn "in der Übersetzung sind ein paar jugendliche Überschwenglichkeiten." Die mussten verschwinden. Maria Carlsson arbeitet sehr genau, und John Updike ist besonders davon angetan. In seinen Worten: "She is a perfectionist and they are always to be cherished and coddled."

Erlauben Sie mir, dazu eine kleine Geschichte zu erzählen. Updike holte mich einmal am Flughafen in Boston ab und wir fuhren aus der Stadt hinaus zu seinem Haus. Plötzlich fiel ihm ein, dass Martha, seine Frau, gesagt hatte, er solle doch bitte ein paar Stück Kuchen mitbringen. Wir kamen an eine Bäckerei vorbei, er hielt, wir gingen hinein. "Davon. Ja, und davon, und was ist das da? Hab ich noch nie gesehen. Eine Spezialität von ihnen?" "Das sind flat tires. Probieren sie mal." Und richtig, die Kuchenstücke sahen aus wie kleine Räder mit einem Reifen drumherum. Flat tires.
Wir nahmen auch davon, zahlten, gingen, fuhren weiter.
Und dann begann John Updike zu phantasieren. Wir hatten vor dem Halten über Übersetzungen gesprochen. "Imagine I would just write 'He put the flat tire in his car'. Und meine deutsche Übersetzerin würde denken: Wo im Auto sind denn flat tires? Natürlich im Kofferraum - und den würde sie öffnen. Und da findet sie dann eine Leiche. As the trunk is never opened in my book nobody knew about it. Only in translation does the corps appear. Wouldn't that be fun?" (Noch ist der Roman nicht geschrieben.)

A propos Auto.
Ich sage Ihnen als bewährten Praktikern nichts Neues, wenn ich
erwähne, dass Übersetzen bildet. Updikes Wagen war trotz Harry Angstroms Gewerbe kein Toyota. Aber nach vier, mit Rabbit Remembered inzwischen fünf Rabbit - Romanen weiss Maria Carlsson vermutlich sehr viel über den Autohandel und mehr über Toyotas als die Affen, die im Fernsehen dafür Reklame machten. Sowie viel über Basketball, Golf, Tennis, protestantische Theologie und last not least über die zahlreichen süßen Leckereien, die Harry Angstroms Leben verkürzen. Andere Bücher führten zu Nachforschungen über James Buchanan, den fünfzehnten Präsidenten der Vereinigten Staaten, von dem Sie nachher glaube ich noch etwas hören werden, übers Gärtnern - da hat die begeisterte Gärtnerin allerdings schon eine gewisse Vorbildung -, über die wahre Geschichte Hamlets und die Kunst, mit Falken zu jagen. Der Roman, an dem sie gerade arbeitet, hat moderne Malerei zum Hintergrund. Immer nur einen Autor zu übersetzen sei langweilig?

Abwechslung genug.

Und dabei fehlt noch, wie man Worte der Liebe und erotische Szenen, unverblümt sexuelle Szenen, ins Deutsche bekommt, ohne ihren besonderen updikeschen Reiz zu zerstören?

(An dieser Stelle ein Beiseit. Maria Carlsson hat auch "Lady Chatterley" übersetzt. Ledig-Rowohlt erteilte den Auftrag so: "Übersetzen Sie einfach. Die Obszönitäten macht dann Grischa Rezzori rein." Rezzori hatte übrigens nicht viel zu tun.)

Eine Laudatio muss loben, sonst hat sie das Recht auf ihren Namen verwirkt.

Im MONAT vom November 1969 rühmt Christoph Schwerin zunächst den Autor, spricht von seiner Beobachtungsgabe, die von Proustscher Sensibilität sei, Sprache und Darstellung seien äußerst nuanciert und gebrochen, voller innerer Widersprüche, mit dem Mut zu lyrischen Prätentionen, jede Vereinfachung, jedes psycholgische Klischee seien ihm fremd. Und nun wörtlich "Hinzu kam auch, was seinen literarischen Erfolg bei uns bestimmte, dass Updike in Deutschland das gleiche Glück hatte wie seiner Zeit Thomas Wolfe: er fand in Maria Carlsson eine Übersetzerin, deren überragendes Sprachvermögen seiner Begabung als Schriftsteller nicht nachsteht ... Mit schlafwandlerischer Sicherheit findet sie die deutsche Entsprechung zu jedem Ausdruck, jeder Satz hat eine innere Musikalität, eine Spannung, die auf den nächsten Satz verweist, so als wären die Wörter elastisch, federnd und spielten sich einander zu. Hatte die große Übersetzerin früher Updikes Freude am seltenen Wort durch einen leichten, sehr reizvollen syntaktischen Manierismus ersetzt, so gibt sie die neue Sprache Updikes " - ich unterbreche das Zitat, der Rezensent mag den Roman "Ehepaare" nicht besonders - "die neue Sprache Updikes durch eine Mischung von Trockenheit und Sensibilität wieder, die Bewunderung abverlangt."

Und nun ein Zeitsprung.

Reinhard Baumgart 2001 in der ZEIT über "Gertrude und Claudius".
"Pracht und Prunk der Gemächer, Stoffe, Rüstungen, Geschenke, Gesten, Zeremonien und vor allem der Gespräche werden in ausladenden Satzkaskaden immer wieder beschworen, in einer Sprache, die geschmeidig und gespannt bleibt, nie verkommt in pedantischem Beschreiben oder bloßer Stilkunst. Hier kann Maria Carlsson zeigen, was sie seit Jahrzehnten mit und bei John Updike gelernt hat: Ihre deutsche Version klingt und leuchtet kongenial und liest sich zuweilen so spielerisch üppig und gravitätisch wie der historisierende Stil des späten Thomas Mann. Ganz gleich, ob sie reden lässt von Prinz Hamlets heikler Gemütsverfassung, Zitat‚das wirklichkeitsfern Hochtrabende, das äußerlich Ungünstige, welches mit dem Beginn des Mannstums einhergeht, einmal beiseitegelassen' oder von Engeln in alten Handschriftenbildern, ‚Zitat, ‚die der Menschheit Miniaturschriftrollen überbrachten oder vergoldete Trompeten bliesen oder großäugig und dringlich Zeige- und Mittelfinger erhoben', oder ob sie dänische Herbst-, Sommer-, Winterlandschaften in Sprache aufrollt, als wären sie von alten Meistern gemalt. Das alles sorgt für reiches Lesevergnügen."

"Gertrude und Claudius", dieser Roman, der "mit der Vorliebe für lange Sätze und dem Vermeiden allzu moderner Wörter" (John Updike) geschrieben ist, war für die Jury der eigentliche Anstoß, Maria Carlsson den Helmut M. Braem-Übersetzerpreis zuzusprechen, zu dem ich Ihnen, liebe Maria herzlich gratuliere.

Ihr Autor hat es so gesagt:
"What you need on the translation is Maria Carlsson, in all her glitter and semantic elegance. Tell her I asked for her personally."

Dem ist nichts hinzuzufügen.