Die Force der großen Übersetzerin
Laudatio auf Karin Krieger
anlässlich der Weitergabe des Hieronymusrings
Wolfenbüttel, 18. Juni 2011
Ulrich Blumenbach
Liebe Karin,
liebe KollegInnen und Kollegen.
Wir haben es bei der Weitergabe des Hieronymusrings ja traditionell mit den Tieren. Meine Hieronymusmutter Susanne Lange beschwor vor vier Jahren den Löwen herauf, dem unser Schutzheiliger einen Dorn aus der Pfote zog, ich kam vor zwei Jahren mit dem pinguinähnlichen Globi aus Schweizer Kinderbüchern an, und für meine Hieronymustochter Karin Krieger möchte ich unsere imaginäre Menagerie um ein weiteres Fabelwesen bereichern, das Literaturübersetzerinnen als Wappentier dienen kann: das Ungeheuer von Loch Ness. Bei Karin hängt eine Karikatur in der Wohnung, auf der Nessie ausnahmsweise mal nicht abtaucht, sondern oben auf einem Felsen liegt und genüsslich auf die Kameraleute und Photographen hinabblickt, die es wieder einmal vergeblich suchen. Nessie verkörpert ein Wunschbild vieler Literaturübersetzer: Über den Dingen stehend (oder eben liegend), lassen wir uns selten blicken, aber alle suchen uns.
Nessie hat, wie sich das für ein anständiges Monster gehört, etwas Bedrohliches, und hier besteht eine Parallele zu Karin, die vor zwölf Jahren eine halbe Branche das Fürchten lehrte (die andere Hälfte zeigte sich glücklicherweise mit ihr solidarisch). Karin hatte für den Piper-Verlag Alessandro Bariccos neoromantischen Roman Seide übersetzt und das leider übliche mickrige Honorar bekommen. Als 100.000 Exemplare verkauft waren, bat sie unter Berufung auf den Bestseller-Paragraphen um eine Erfolgsbeteiligung. Piper wollte sie mit 1.200 Mark abspeisen, Karin nahm sich, von dem dürftigen Angebot brüskiert, einen Anwalt, der außergerichtlich eine Beteiligung aushandelte, und Karin bekam ein Vielfaches der vom Verlag gebotenen Summe. Damit ging die Perfidie aber erst los. Karin erhielt die Nachricht, um sich ‚kaufmännisch zu schützen’, würden Bariccos Romane künftig in Neuübersetzungen erscheinen. In einem Portrait von Karin zitierte die Süddeutsche Zeitung den Piper-Verleger Viktor Niemann damals mit dem Satz, er arbeite lieber mit Leuten zusammen, für die das Übersetzen eine intellektuelle Herausforderung sei und nicht eine finanzielle Bedrohung, was die Süddeutsche mit dem Satz kommentierte, dies sei ein kleiner Mord an den guten Übersetzern.1 Karin ließ sich die kreative Enteignung nicht bieten, reichte Klage ein, und die Urteile der Gerichte bis hoch zum Bundesgerichtshof waren schallende Ohrfeigen für den Verlag: Kriegers Übersetzungen seien „persönliche geistige Schöpfungen“, und Piper müsse Baricco in ihren Übersetzungen veröffentlichen, solange dafür eine „branchenüblich ausreichende Nachfrage“ bestehe. Und das ist der Kasus Knacksus: Es ging um unseren Status als Urheber und Schöpfer. Es ging um den Schutz und die Erhaltung unserer Bücher. Es ging darum, dass diese nicht einfach im Rahmen einer Strafaktion für eine unbotmäßige Übersetzerin vom Markt genommen werden können. Karin hat damals einen Musterprozess durchgefochten, von dem wir alle profitiert haben und ohne den wir nicht da wären, wo wir heute sind. Auch wenn das BGH-Urteil vom Januar diesen Jahres branchenweiten Bekakelungsbedarf geschaffen hat: Damals war so etwas noch ein Traum. Andere Übersetzer hätten vielleicht den kleinen Scheck genommen und die Klappe gehalten; Karin ist das Risiko eingegangen, von niemandem mehr einen Auftrag zu bekommen, und hat sich nicht kleinkriegen lassen.
Damit möchte ich die Gefechte der Vergangenheit allerdings auf sich beruhen lassen. Wir stehen alle in Karins Schuld, aber der Hieronymus-Ring ist weniger eine Auszeichnung für politisch integres Verhalten als eine Ehrung und ein Dank für die Erschaffung bleibender Literatur. Bei Baricco möchte ich allerdings noch kurz bleiben. In einer Rezension hieß es damals, Baricco schreibe „Poesiealben für Erwachsene“2. Das ist eine herrlich doppelsinnige Formulierung, denn es gibt kaum eine Textsorte, die durch das angestrebte und gelegentlich verfehlte Pathos dermaßen ausrutschen und auf der Schnauze landen kann wie Texte für Poesiealben. Hier die Gratwanderung zwischen hohem Ton und Schwulst zu schaffen, ist harte Arbeit. In Workshops habe ich Karins Ringen um die Stimmigkeit einzelner Formulierungen ebenso erlebt wie die Leidenschaft, die sie versprüht, wenn sie über Sprache und Literatur spricht. Bei Karin kann man lernen, welche Ausdruckskraft die deutsche Sprache hat und wie man verantwortungsbewusst mit ihr umgeht. Kein Wunder, dass ein Gustav Seibt ihr bescheinigte, „daß sie immer das zu Herz gehende Zauberwort findet“3. Ich erinnere mich auch an Karins anschauliche Schilderungen, welche zusätzliche Transformationsarbeit beim Übersetzen aus dem Italienischen nötig ist. Italienische Autoren neigen oft zu einem Stil, der, eins zu eins übertragen, im Deutschen als überladen ankäme. Dieser Stil muss runtergedimmt, muss gedämpft werden, um nicht unfreiwillig komisch zu wirken. T.S. Eliot hat über Ezra Pound mal geschrieben – und ich erlaube mir, das Wort „Dichter“ hier durch „Übersetzer“ zu ersetzen –: „Die Aufgabe des Übersetzers liegt darin, sich seiner eigenen Sprache bewußter zu sein als andere Menschen, empfindsamer zu sein für die Gefühlswerte und Bedeutungsnuancen eines jeden Wortes, das er gebraucht, sich mehr als andere Menschen der Sprach- und der Wortgeschichte jeder einzelnen Wendung bewußt zu sein und auf sie zu achten.“4
Mit dauerhaften Formulierungen für flüchtige Texte hinterlässt Karin Fußspuren im Flugsand der Zeit, aber ihre nachweltfähigen Werke ragen – um im Bild zu bleiben – aus dem Sand empor wie der Arm der Freiheitsstatue, den Charlton Heston am Ende vom Planeten der Affen am Horizont erblickt: Da ist Claudio Magris, dessen schopenhauerischer Roman Ein anderes Meer eines jener Bücher ist, in denen „das eigentliche Leben wohnt, jenes, das nicht vergeht“5. Das ist eine elegische, von Liedern und Reimen durchzogene Prosa, die sich noch Zeit nimmt und das Zeithaben ebenso schildert wie Seemannsgeschichten und Hafenfolklore. Ein anderes Meer wäre übrigens auch eine passende Überschrift für ein Kapitel aus Karins Leben: Nach dem Fall der Mauer und damit nach einer Kindheit, Jugend und frühen Berufstätigkeit, in der sie allenfalls die Ostsee zu sehen bekam, gierte sie förmlich danach, das Land ihrer Bücher und die Realia ihrer Autoren mit eigenen Augen zu sehen, und es scheint eine prägende Erfahrung für sie gewesen zu sein, beim Landeanflug nach Palermo erstmals das Mittelmeer unter sich liegen zu sehen.
Zu Karins nachweltfähigen Werken gehören auch die philosophischen Kurztexte in Armando Massarentis Zwergenweitwurf, die ganz in der Tradition der abendländischen Philosophie keine Antworten liefern, sondern einem ständig den Boden der Erkenntnis unter den Füßen wegziehen. Die Bandbreite der zitierten Figuren reicht übrigens von Hitler, Woody Allen, Papst Benedikt XVI. und Shrek über den Weihnachtsmann, Hannah Arendt, Noam Chomsky und – David Foster Wallace bis hin zu üblichen Verdächtigen wie Wittgenstein, Lessing, Kant und Sartre. Man kann sich ausmalen, lässt es aber lieber bleiben, welch eine Titanenaufgabe es gewesen sein muss, da allein die Zitate zu recherchieren.
Eine Titanenaufgabe war es auch, die 800 Seiten von Margaret Mazzantinis Roman Das schönste Wort der Welt für Dumont ins Deutsche zu stemmen. Spätestens in dieser Chronik der nationalistischen Massaker im zerfallenden Jugoslawien ist mir ein großer Unterschied zwischen Karins und meiner Ästhetik des Übersetzens aufgefallen: Wallace ist im Unendlichen Spaß von einer solchen Präzisionsekstase und Beschreibungswut, dass ich beim Übersetzen in die Vollen gehen, meinem Affen stilistischen Zucker geben konnte. Karin dagegen nimmt nie einfach das stärkste Wort – sie entscheidet sich für das richtige, und das muss oft ganz leise und unauffällig sein. Sie selbst hat für diesen Anspruch wiederholt den Begriff „Demut“ gebraucht, aber dabei handelt es sich um eine Demut, die aus Selbstbewusstsein und Können entspringt. Mit einem Vergleich gesagt: Wenn ich Wallace übersetze, bin ich Harald Schmidt, der in seiner Late Night Show brilliert, herumfratzt, Witze reißt etcetera. Wenn Karin Mazzantini übersetzt, ist sie Harald Schmidt, der am Bochumer Schauspielhaus den Lucky in Samuel Becketts Warten auf Godot spielt und keine Miene verziehen darf. Ars est celare artem: Wahre Kunst besteht darin, die Kunsthaftigkeit zu verbergen.
Ihren Höhepunkt erreicht Karins Übersetzungskunst für mich in Ugo Riccarellis Roman Der vollkommene Schmerz, einem Epos über mehrere Generationen zweier Familien, die in einem Dorf in der Toskana unter Nationalismus, Industrialisierung und Faschismus zu leiden haben. Riccarelli erzählt neben dem Schicksal der beiden Familien vom Verlust gewachsener Traditionen, vom Verschwinden landschaftlicher Vertrautheit und Geborgenheit. Ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, wie macht er das bloß, von Schmerz, Verlust und Tod so zu erzählen, dass man sie als Teile des Lebens akzeptiert? Und wie hat Karin es bloß geschafft, diese existentiellen Grenzerfahrungen – noch dazu in einem für sie persönlich sehr schweren Jahr – zu übersetzen? Die Antwort liefert der Roman selbst, denn da kommt es zu einer ganz seltsamen magisch-realistischen Szene: Eine Frau ist von ihrem Schwager vergewaltigt und geschwängert worden. Bei der Geburt des Kindes kommt es zu Komplikationen, der Neffe der Frau und Sohn des Vergewaltigers setzt sich ans Bett der Gebärenden, und dann heißt es in Karins Übersetzung:
Der Junge umfing die Tante mit seiner Liebe, glättete all ihre Unebenheiten, setzte Adverbien, Präpositionen und Substantive dagegen, schliff damit jede Rauheit ab und errichtete schließlich ein weiches Lager, auf dem Mena sich entspannt ausstreckte und das bißchen Leben zur Welt brachte, das sie in acht Monaten der Schwangerschaft nicht in ihrem Schmerz erstickt hatte.6
Die Sprache wird zur Hebamme, und Riccarelli hat mit dieser Szene ein wuchtiges Bild für die Funktion von Literatur gefunden: Das Grauen der Vergewaltigung kann der Junge nicht aus der Welt schaffen, aber er kann das Leiden an ihr lindern. Mit Nietzsche gesagt: „Der große Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt.“7 Riccarelli und Nietzsche sprechen damit auch über Karins und unser aller Tun, denn die übersetzerische Quadratur des Kreises besteht ja darin, das Original rundzulutschen, ohne ihm seine Kantigkeit zu nehmen.
Als Karin nach Italien reiste, hatte sie einen großen Vorgänger, und es macht sich ja immer noch gut, in einer Rede Klassikerzitate unterzubringen. Goethe also spricht in der Italienischen Reise von der „Force des großen Dichters, der aus Wahrheit und Lüge ein Drittes bildet, dessen erborgtes Dasein uns bezaubert.“8 Gemeint ist kein Schriftsteller, sondern der Architekt Palladio, also kann ich umformulieren: Karin hat die Gabe der großen Übersetzerin, die aus Original und Muttersprache ein Drittes bildet, dessen erborgtes Dasein uns bezaubert. Dafür danke ich Dir.
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1 Vgl. Birk Meinhardt, „Vom Glück, das richtige Wort zu treffen“, Süddeutsche Zeitung 22.-24.4.2000, S. 3.
2 Zitiert nach ebd.
3 Gustav Seibt, „Seide und Glas, Kitsch und Haß“, Berliner Zeitung 7.5.1999.
4 T.S. Eliot, „Ezra Pound“ (1946), übersetzt von Norbert Hummelt, Schreibheft 69 (Oktober 2007): 31-37, S. 37.
5 Claudio Magris, Ein anderes Meer, München: Hanser 1992, S. 86.
6 Ugo Riccarelli, Der vollkommene Schmerz (2004), aus dem Italienischen von Karin Krieger, Wien: Paul Zsolnay 2006, erneut München: dtv 2008, S. 176.
7 Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Bd. II, Nr. 96, Schlechta I: 918.
8 Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Band 11, Autobiographische Schriften III, München: C.H. Beck, 1981, erneut München: dtv 1982, S. 53.