Sibylle Cramer
Mit anderen Worten
Zur Verleihung des Wielandpreises 2011 an Burkhart Kroeber
Die Sensibilität des Calvino-Übersetzers Burkhart Kroeber bewährt sich in der Handhabung jener Zeichen, die keine Bedeutung tragen, der Satzzeichen. Er behandelt sie als Autoritäten, die Punkte, Doppel- und Strichpunkte, die Gedankenstriche, Klammern, vor allem aber die Kommas, denen das Textlabyrinth Die unsichtbaren Städte seinen Takt verdankt. Doch dabei bleibt es nicht.
Es ist ein mikrologischer Aspekt seiner Übersetzung, der ins Zentrum der Poetik Calvinos führt, daß Burkhart Kroeber die Kommas massiv vermehrt, nicht anders übrigens als sein Vorläufer Heinz Riedt, der Übersetzer der deutschen Erstausgabe von 1977. Calvino stützt sich auf den Reisebericht Marco Polos Il Milione, der die Welt, die er bereist hat, über ihre Ränder hinaus beschreibt. Calvinos Marco Polo hingegen wählt 55 Städte aus, die er elf Themenkreisen zuordnet, so daß Wechselbeziehungen zwischen den gezeigten Orten entstehen. Nicht anders verfährt im 19. Jahrhundert der Dorfgeschichtenerzähler. Er beschreibt Schauplätze und verknüpft sie, indem er Peripherie und Zentrum bestimmt. Die geschlossene Welt, die entsteht, ist klein, aber vollkommen beschreibbar; das jedenfalls glaubte der poetische Partikularist damals.
Calvinos Erzähler hierarchisiert nicht. Er beschreibt Stadträume, indem er ihre Eigentümlichkeiten aufzählt. Die Datenkataloge, die zustande kommen, bleiben Teilmengen einer unendlichen Reihe. Die Methode dient einer Weltbeschreibung, die das innere Wesen ihres Gegenstands ebenso wenig kennt wie seine Grenzen. So kommt das Unendliche, das Unsagbare ins Spiel. Der Leser des Buchs begegnet der metaphysischen Leidenschaft des poetischen Technokraten Calvino auf Schritt und Tritt.
Dem schönen Schein organischer Einheit, eines fugenlosen Textkontinuums setzt Calvino seine Poetik der Liste entgegen, die der Logik der Aufzählung von Dingen folgt. Das Strukturgesetz seiner Prosa ist die Addition. In jedem zerklüfteten Satz ist die ordnende Hand des Erzählers spürbar, die auf das Kalkül seiner Kombinatorik zeigt: auf die Programmierung des penibel berechneten Wachstumscodes des Textes durch Selektion einer bestimmten Menge von Zeichen und ihre sinnreiche Anordnung. Unter Beobachtung unserer Interpunktionsregeln vermehrt Burkhart Kroeber diejenigen „Verkehrssignale“ ( Theodor W. Adorno) der Sprache, die Mengen ordnen, die Kommas, zu wahren Heerscharen. Gelegentlich hebt er, anders als Heinz Riedt, die Listen durch rahmende Gedankenstriche hervor, die im Original fehlen. Mit der Freiheit, die er sich nimmt, signalisiert er, daß die Sprache mehr ist als ein schlichtes Beförderungsmittel.
Burkhart Kroeber gehört in die erste Reihe jener Generation deutscher Übersetzer, denen wir die Erschließung fremdsprachiger Literaturen in einer zuvor nie gekannten Zuverlässigkeit verdanken. Bewußt ist sich dessen eine stetig wachsende Zahl von Lesern, die ihre Klassiker neu entdecken, ja, eigentlich überhaupt erst begreifen und feststellen, daß sie Homer, Hesiod, Vergil, Shakespeare, Cervantes, Manzoni in gereinigten und geglätteten, ja sogar in verfälschend wörtlichen, unkundig übersetzten Fassungen kennenlernten. Immer noch gelten das 18. und 19. Jahrhundert bei uns als Blütezeit der deutschen Übersetzungssprache, mit der Ausrufung Shakespeares zum dritten deutschen Klassiker als Höhepunkt. Die Pionierleistungen Wielands, Goethes, Schlegels, Tiecks und Voßens haben den Blick verstellt für die problematische Klassizität ihrer Übersetzungen. An der Geschichte der Shakespeare-Übersetzung hat Klaus Reichert gezeigt, wie Wieland und Schlegel die Texte im Geschmack der Weimarer Gesellschaft sublimierten und harmonisierten. Gestrichen wurden schlüpfrige und zweideutige Wortspiele, als Schmuckformen mißverstandene Metaphern und concetti und vermeintlich alberne, seichte, schwülstige Szenen. Nicht anders verhält es sich mit den Homer- und Hesiod-Übersetzungen von Voß, der zensierte, wo ihm das Original zu unzüchtig war. Hölderlins zerklüftete Übersetzungen hingegen hatten beim deutschen Bildungsbürgertum keine Chance. Die dominante Rolle der Weimarer Klassik weit über das 19. Jahrhundert hinaus und die Isolierung Deutschlands vom intellektuellen Weltgeschehen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben zu einer verspäteten Rezeption der letzten großen geistigen Zeitenwende und ihrer Theoretiker geführt, mit unübersehbaren Folgen für die Theorie und Praxis des Übersetzens.
Die Aufholjagd, die inzwischen eingesetzt hat, spiegelt sich in den erheblichen Veränderungen der Übersetzung Kroebers gegenüber der Riedts. In der anderen deutschen Sprache, in der wir Calvinos Die unsichtbaren Städte nun lesen, verschwindet der Erzähler nicht mehr in der Schrift. Das steife, in bildungsbürgerliche Zeiten zurückhängende Schulbuchdeutsch Riedts verflüssigt sich zu lebendiger Rede. Die Perioden Calvinos, mit denen Riedt ringt wie Herkules mit der Hydra, verflüssigen sich und ordnen sich wie von selbst im Sinne der mengenbildenden Katalogpoetik Calvinos. Ich führe stellvertretend als ein Beispiel für unzählige den Kopfsatz des Buchs an: „Non è detto che Kublai Kan creda a tutto quel che dice Marco Polo quando gli descrive le città visitate ..“. Riedt übersetzt: “Es ist nicht gesagt, daß Kublai Khan alles glaubt, was Marco Polo erzählt, wenn er die auf seinen Sendreisen besuchten Städte schildert ...“. Kroebers Richtschnur ist nicht mehr nur das Wörterbuch. Er holt die Aussage in das andere deutsche Sprech- und Denksystem: „Nicht daß Kublai Khan alles glaubt, was Marco Polo sagt, wenn er ihm die Städte beschreibt, die er auf seinen Inspektionsreisen besucht hat ...“. Seine freiere und idiomatisch sichere Übersetzung verrät die kognitive Leistung, die sich vollzogen hat, bevor er noch den ersten Satz niedergeschrieben hat. Als Übersetzer des Linguisten Eco und Calvinos, der sich in Kybernetik und Gespenster (1967) mit der strukturalistischen Linguistik auseinandergesetzt hat, sind ihm die Erkenntnisse Saussures und Roman Jakobsons geläufig.
Bertrand Russell hat die Folgen für das Sprachdenken am Beispiel des Wortes Käse erläutert. Das Wort Käse hat zum Gegenstand Käse keinerlei Beziehung. Kein Mensch kann das Wort Käse verstehen, es sei denn, er kennt den Gegenstand. Die Bedeutung der Zeichen ist das Ergebnis einer willkürlichen Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Die Sprache regelt den Zeichengebrauch autonom. Der Denkvorgang entsteht als Ergebnis von Unterscheidungen, die auf der Ebene der Sprache vorgenommen werden. Damit endet das aristotelische Verständnis von Sprache, wonach die Sprachen sich lediglich in ihrer Lexik unterscheiden. Die Übersetzung hört auf, bloßer tautologischer Sinntransport zu sein. Es endet aber auch die Illusion, es gäbe eine vollkommene Übersetzung.
Auf den Sachverhalt kommt Calvino im letzten Kapitel von Die Unsichtbaren Städte zu sprechen. Dort geht es um die Sprechweise der Gerechten der Stadt Berenike: „ ... i giusti ... si riconoscano dal modo di parlare, specialmente dalla pronuncia delle virgole e delle parentesi“. Bei Riedt heißt es: „wie die Gerechten .. sich an ihrer Redeweise erkennen, insbesondere an der Betonung der Kommata und der Klammern“. Im Original steht aber „pronuncia“, nicht „accentuare“. 25 Jahre später übersetzt Kroeber die Stelle mit traumwandlerischer Sicherheit: „wie die Gerechten sich an ihrer Sprechweise erkennen, besonders an der Art, wie sie Kommas und Klammern aussprechen“,- denn es geht um den Zusammenhang von Sprechen und Denken. Im ironischen Spiel mit religiös-archaischen Moralvorstellungen radikalisiert Calvino Adornos Betrachtung zum Zusammenhang von graphisch-syntaktischer und sprechtechnischer Phrasierung (Satzzeichen. In: Noten zur Literatur I, Frankfurt/M. 1958, S. 163). Die Wörter sind nicht einfach nur Zeichen des Gedachten, sondern das Denken erzeugt sich in der Sprache. Sprechen und Denken sind eins.
Es sind Übersetzer wie Burkhart Kroeber, deretwegen man eine Lippe riskieren und behaupten kann: wir leben in einer Blütezeit übersetzter Literatur, wenn nicht sogar in einem Zeitalter der Übersetzer. Ihr Werk, sein Werk legitimiert kühne Zeitrechnungen. Es war keinem Jahrhundert vor dem unseren so deutlich bewußt, daß wir in einer Welt mit sechstausend Sprachen leben. Wir verdanken das Wissen den Sprachforschern und Übersetzern wie Burkhart Kroeber.