Nachrichten aus der Jugosphäre
Vom Glück der Jasager
Laudatio auf Mirjana und Klaus Wittmann anlässlich der Verleihung des Paul-Celan-Preises 2011 auf der Frankfurter Buchmesse.
Frankfurt, 13. Oktober 2011, 16.30 Uhr. Halle 5.0 D 963, Weltempfang - Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung
Liebe Mirjana Wittmann, lieber Klaus Wittmann, sehr geehrte Jury des Paul-Celan-Preises, werte Zuhörer,
wer etwas über das Werk von Mirjana und Klaus Wittmann sagen will, wird relativ früh auf eine Schwierigkeit stoßen. In meinem Fall stieß ich auf diese Schwierigkeit in einem Hotel in Athen. Die Szene können Sie sich ungefähr so vorstellen: Im Hintergrund rauscht romantisch die Abluftanlage der Hotelküche, aus dem Fenster ist ein grauer Hinterhof zu sehen, und an dem viel zu kleinen Schreibtisch des Zimmers 532 sitzt ein (als solcher natürlich nicht erkennbarer) Laudator, ein Notebook vor sich und ein kleines Notizheft mit über mehrere Wochen gesammelten Gedankenfetzen neben sich. Und so tippt er nun die ersten Worte für seine Laudatio in das Gerät, aber er wird nicht einmal den Einführungssatz zu Ende bringen können. Denn er schreibt:
Mirjana und Klaus Wittmann sind den Lesern in Deutschland bekannt geworden als Übersetzer aus dem …
Und hier gerät die schöne Laudatio, die sich der Laudator in einem einer Art Halbschlaf ähnlichen Gedankenrieseln nach dem Aufwachen oder an roten Fußgängerampeln wartend in den vergangenen Wochen zurechtgelegt zu haben glaubte, gleich mit dem ersten Satz ins Schlingern. Denn: Aus welcher Sprache übersetzen die Wittmanns eigentlich? Früher hieß sie einmal Serbokroatisch oder, wenn auch ziemlich selten, Kroatoserbisch. Aber wenn man die vielen neuen Namen bedenkt, die diese Sprache heute trägt, dann war das eigentlich schon damals unfair, kam doch beispielsweise das Bosnische in der früher üblichen Bezeichnung überhaupt nicht vor. So vor seinem ersten Satz sitzend, musste der Laudator an eine Szene denken, die ihm im Mai 2006 widerfahren war, und zwar vor einem Bankautomaten in der ehemaligen montenegrinischen Residenzstadt Cetinje. Wenige Tage zuvor hatte Montenegro seine Unabhängigkeit erklärt, und der Laudator wollte nun herausfinden, ob die montenegrinische Souveränität auch im Bankenwesen ihren Niederschlag gefunden habe. Bei früheren Reisen hatten montenegrinische Geldautomaten sich nach dem Einführen der Chipkarte nämlich stets höflich erkundigt, ob der Kunde auf Englisch, Deutsch, Russisch oder Serbisch bedient zu werden wünsche. In den aufgeheizten Treibhauswochen vor dem Referendum über die Unabhängigkeit forderten die hitzigsten Fürsprecher der montenegrinischen Eigenstaatlichkeit jedoch, dass Montenegro vom ersten Tag seiner neuerlichen Staatswerdung an auch seiner Sprache, die man vormals ohne große Umstände als Serbisch bezeichnet hatte, zur Selbstständigkeit verhelfen, sie mithin „Montenegrinisch“ nennen müsse. Es gab aber auch eine etwa gleichstarke Fraktion, die strikt gegen eine solche Umbenennung war und sagte, Montenegrinisch sei Serbisch beziehungsweise Serbisch Montenegrinisch – und Punkt. Der Laudator war neugierig auf das Verhalten montenegrinischer Geldautomaten, die ja unmöglich auf die Forderungen der einen Kundengruppe eingehen konnten, ohne die andere zu verärgern und womöglich in die Arme eines konkurrierenden Geldhauses zu treiben. Der Ausweg, auf den sich die montenegrinischen Automaten verständigt hatten, war jedoch von salomonischer Qualität: Der zu Testzwecken ausgewählte Automat in Cetinje erbot sich nach dem Einlesen der Geldkarte nämlich, die weitere Kommunikation in einer von wahlweise vier Sprachen zu führen: Auf Englisch, Deutsch, Russisch und „lokalni jesik“ – zu Deutsch: „Lokalsprache“.
Als ihm diese Anekdote in den Sinn gekommen war, schrieb der Laudator den zweiten Versuch für einen ersten Satz dieser Laudatio. Er lautete:
„Mirjana und Klaus Wittmann sind den Lesern in Deutschland bekannt geworden als Übersetzer aus diversen Lokalsprachen.“
Einige Minuten lang fand er diesen Satz ziemlich gut, aber dann ließ der Laudator ihn fallen in der Furcht, das Wort Lokalsprache könne als beleidigend oder herabsetzend missverstanden werden. Stattdessen bitte ich nun um Aufmerksamkeit für den gleichsam finalen ersten Satz dieser Laudatio:
Mirjana und Klaus Wittmann sind in Deutschland bekannt geworden als Mittler von Literatur aus einem auseinandergefallenen Staat, dem seine Sprache abhanden kam – oder zumindest der gemeinsame Name für sie. Während viele Politiker dieses zerfallenen Sprachraums sich zumindest rhetorisch jedoch auch heute noch bekriegen, ist bei ihren Bürgern seit einigen Jahren eine kulturelle Wiederannäherung zu beobachten. Was dabei geschieht, hat ein kluger Beobachter unlängst auf den Punkt gebracht: Jugoslawien ist Vergangenheit, die Jugosphäre lebt. Die Jugosphäre breitet sich aus wie das Ozonloch und schwebt unantastbar und stetig wachsend über den Trümmern eines untergegangenen Vielvölkerstaates im Südosten Europas.
Mirjana und Klaus Wittmann gehören zu den wichtigsten Korrespondenten aus dem jugosphärischen Imperium – und mit ihnen der Schriftsteller David Albahari, dessen wahrhaft jugosphärische, dabei aber allgemeingültige Werke sie seit vielen Jahren ins Deutsche übertragen. „Dank ihres jahrelangen Zwiegesprächs mit den Werken Albaharis und mit einem untrüglichen Sinn für Sprachgestus, Rhythmus sowie die Klangfarbe des Originals“, so heißt es in der Begründung der Jury, „haben Mirjana und Klaus Wittmann ein eindringliches, suggestives Äquivalent in deutscher Sprache geschaffen“.
Man erkennt, wie richtig die Jury mit ihrem Lob liegt, wenn man auch nur einen Absatz in den ins Deutsche übersetzten Texten Albaharis liest. Beispielsweise in dem 1997 erschienenen Roman „Tagelanger Schneefall“. Es handelt sich um das zweite Werk dieses Autors, das in deutscher Sprache erschienen ist, und um das erste von vielen, das unsere heutigen Preisträger übersetzt haben. Das Buch, dessen Originaltitel eigentlich „Snezni covek“ (Der Schneemensch) lautet, ist übrigens um eine bibliophile Rarität, die Sie selbst bei ZVAB oder anderen Internetantiquaren nicht mehr finden werden – denn es ist hervorragende Literatur. So hervorragend, dass der Verlag nur wenige hundert Exemplare davon verkaufen konnte und den Rest dann hat einstampfen lassen. „Tagelanger Schneefall“ ist ein stark jugosphärisch angehauchtes Buch. Im Mittelpunkt steht ein jugoslawischer Emigrant, der ausgewandert ist, (nach Kanada, wie vermutet werden darf), und nun an einer Universität lehren soll. Wir beobachten ihn bei seiner Ankunft im neuen Leben:
„Der ganze Flughafen war eine einzige Ansammlung von Sätzen, aber hätte es diese Sätze nicht gegeben, wäre ich längst zu Boden gestürzt. Den Wörtern war es zu verdanken, dass ich auf den Beinen blieb. (…) Die Buchstaben hielten mich aufrecht, (…) und dank der Interpunktion konnte ich atmen. Buchstaben erschienen auf einem Band, Flugnummern wurden angezeigt, winzige Koffer flogen über die Bildfläche und verkündeten die baldige Ankunft des Gepäcks. (…)
Später im Dekanat (wurde) ich den Professoren vorgestellt und hörte, wie sie Sätze über die Tragödie eines Landes im Krieg sprachen, über das harte Schicksal und die Zwangsläufigkeit der Geschichte. „Vielleicht hätte man alles vermeiden können“, sagte eine zierliche schwarzhaarige Frau, eine Soziologieprofessorin. Ein Professor der politischen Wissenschaften winkte nur ab. (…)
Ich war noch nicht dazu gekommen, mich zu sammeln, auch weiterhin bestand ich aus einer Reihe von Szenen, die ein unerfahrener Cutter ungeschickt montiert hatte, als wäre mein Leben gleichzeitig mit der Geschichte meines Landes, ich muss hinzufügen: meines ehemaligen Landes, auseinandergefallen und als wäre ich jetzt nicht mehr ein Mensch, ein Lebewesen, sondern mehrere Menschen und mehrere Lebewesen, so dass ich jedes Ding zugleich aus mehreren Winkeln, in einer unendlichen Zahl von Augenblicken sah. Genauso verwandelte sich sofort jeder Gedanke in mehrere gleiche und doch verschiedene Gedanken, verschieden genug, um mich daran zu hindern, einen davon anzunehmen, was mich am Ende leer und erschöpft werden ließ wie eine Hülle, wie ein Wrack, beziehungsweise wie mehrere Hüllen und Wracks (…) „Wenn der Staat verrückt spielt“, fragte ich den Professor der politischen Wissenschaften, (…) „müssen dann nicht auch die Menschen verrückt werden?“. (…) „Meinen Sie nicht“, fragte (der Professor), „dass der Prozess umgekehrt verläuft, dass zunächst die Menschen verrückt werden und dann erst der Staat?“
Aus diesem verrückt gewordenen und dann zerfallenen Staat sind heute sieben Staaten geworden. In vier davon werden Sprachen gesprochen, die einander so ähnlich sind, dass deren Sprecher sich untereinander ohne Schwierigkeiten verständigen können – obwohl es Zeiten gab, in denen es vielleicht besser gewesen wäre, wenn die einen Chinesisch und die anderen Isländisch gesprochen hätten, aber darüber ausführlicher zu spekulieren wäre Stoff für ein Seminar. Der jugosphärischen Sprache oder den Sprachen der Jugosphäre verdanken wir jedenfalls wunderbare Literaturen, die allerdings das Schicksal anderer Literaturen aus sogenannten kleinen Sprachen teilen – man interessiert sich kaum für sie. Das Verhältnis deutscher Verlage zur serbischen Literatur beispielsweise gehört zu den Enttäuschungen unserer heutigen Preisträger: Nachdem der Krieg auf dem Balkan ausgebrochen war, wollten sowohl Zeitungen als auch Verlage möglichst viele Texte serbischer Autoren drucken, erinnert sich Mirjana Wittmann. Doch als die Lage sich gebessert hatte, sahen sie davon ab und wendeten sich Autoren aus dem Irak, Afghanistan und anderen sicheren Krisenstandorten zu.
Diese Erfahrung müssen heute leider viele Schriftsteller aus der Region machen. Wenn es nicht gerade Frankreich oder Amerika heißt, oder wenigstens Italien, muss ein Land, damit es auf sich aufmerksam machen kann, schon ein wenig Blutvergießen, Mord und Vergewaltigung zu bieten haben. Ein Massengrab hier und ein Massaker dort, eine balkanisch-grausame Messerstecherei, bei der Blut spritzt und Eingeweide beschrieben werden, ist das Mindeste, was wir von den Texten eines beispielsweise serbischen Autors erwarten dürfen. Man will schließlich etwas geboten bekommen für sein Geld.
Der serbische Schriftsteller Dragan Velikic hat diese Erwartungshaltung vor einigen Jahren in einem Essay trefflich beschrieben. Er führte das Beispiel einer serbischen Schriftstellerin an, deren Roman in ihrer Heimat eine große Leserschaft gefunden und Ende der neunziger Jahre das Interesse eines deutschen Verlegers geweckt hatte, der auch eine Übersetzung in Auftrag gab. Als das Buch dann schließlich veröffentlicht werden sollte, war in Belgrad der Gewaltherrscher Milosevic gestürzt und auf dem Balkan der Frieden eingezogen. Da habe der Verlag sein Vorhaben plötzlich aufgegeben mit der Begründung, dass an einem Roman aus Serbien kein politisches Interesse mehr bestehe. Man suche jetzt nach einem afghanischen Schriftsteller.
Ähnliches war vor vielen Jahren Danilo Kis aufgefallen, einem serbischen Schriftsteller aus der Vojvodina, Sohn einer Montenegrinerin und eines ungarischen Juden. Kis, der viele Jahre seines Lebens in Paris verbrachte, äußerte die Ansicht, dass man in Frankreich kaum Interesse am Liebesroman eines Serben oder eines Bulgaren haben würde, denn derlei sei für französische Autoren reserviert. Von einem osteuropäischen Schriftsteller wünsche man sich ein Zeugnis aus der sozialistischen Hölle, dafür sei der Osten schließlich gut. Dragan Velikic beschreibt die verbreitete westliche Erwartungshaltung gegenüber einem serbischen Schriftsteller ähnlich:
„…die Aufgabe des Schriftstellers aus Osteuropa ist, der andere zu sein und zu bleiben. Wie kann ein serbischer Schriftsteller über unsere Welt schreiben? Er möge sich doch bitte an seine Exotik und Folklore halten, wir wünschen uns ein bisschen orientalisches Flair, ein bisschen balkanisches Menschengewimmel – und nebenbei soll das Thema Menschenrechte deutlich herausgearbeitet sein. (…) In dieser Literatur feiert der Westen sich selbst narzisstisch als unerreichbares Objekt der Begierde des anderen.“
Das ist hart, wohl sogar übermäßig hart geurteilt, so treffend die Analyse im Grunde ist. Denn wenn Autoren wie David Albahari, dessen Arbeit nicht dieser Erwartungshaltung entspricht, in Deutschland verlegt und gelesen werden, zeugt das ja auch davon, dass es Ausnahmen zu der von Velikic und anderen beobachteten Regel gibt. Dass die Konjunktur eines politischen, oberflächlichen Interesses am Balkan erloschen ist, hat außerdem etwas Gutes. Jetzt werde das Interesse zum Glück wieder literarisch, man frage also nicht nach Kriegsthemen, sondern nach guter Literatur, ganz gleich welchem Sujet sie sich widmet, sagt Mirjana Wittmann.
Sie, die uns gemeinsam mit ihrem Mann David Albahari und viele andere Produzenten hervorragender Literatur aus der Jugosphäre nahegebracht hat, wurde in Sarajevo geboren, wuchs aber in Belgrad auf und machte dort das Abitur. Der Vater war Diplomingenieur, die Mutter Hochschuldozentin für Italienisch. Die entscheidenden Weichen für ihr späteres Leben wurden gestellt, als sich die Eltern nach Mirjanas Abitur dazu entschlossen, nach Deutschland zu gehen. In dem neuen Land schrieb sie sich an der Heidelberger Universität ein und belegte einen Deutschkursus. In Heidelberg lernte sie auch ihren späteren Ehemann und, so darf man das in diesem Fall wohl durchaus sagen, Kollegen kennen. Er stammt aus Krefeld und studierte Jura, trug aber, von einem Ziehonkel inspiriert, eine ähnliche Passion für Belletristik durchs Leben wie seine spätere Frau. Klaus Wittmann hat sich dann später allein ein wenig Serbisch beigebracht, und er kann sich auch in dieser Sprache unterhalten, tut das aber nur, wenn seine Frau nicht in der Nähe ist. Ist sie es, bittet er sie, ihm auszuhelfen. Wozu ist man schließlich mit einer Übersetzerin verheiratet?
Wenn wir den Wittmanns bei der Arbeit über die Schulter blicken, werden wir Zeugen einer äußerst produktiven und erfüllten Schaffensgemeinschaft. Selten dürfte die Ansicht, dass eine Ehe immer auch Arbeit sei, so im engeren Sinne des Wortes zugetroffen haben wie in diesem Fall. Im Laufe der Jahre haben die beiden fast zwei Dutzend Romane übersetzt, zum Beispiel Bora Cosics wunderbares Werk „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“, erschienen 1994 bei Rowohlt Berlin. Auch hier zeigt sich jener Sinn für Sprachgestus, Rhythmus und Klangfarbe, den die Jury des Paul-Celan-Preises der Wittmanschen Übersetzungsarbeit zuerkennt. Der Schwung, die oft unglaublich komische Verknappung der Sprache, dieses ständige Stopp and go des Originals, lesen sich in der Übersetzung so, als sei dieser Text ursprünglich auf Deutsch geschrieben worden. Ein größeres Kompliment lässt sich der Arbeit von Übersetzern schwerlich machen. Auf Cosic folgten viele weitere Übersetzungen. Zu nennen ist etwa der 2003 in der Edition Büchergilde erschienene Roman „Lagum“ von Svetlana Velmar-Jankovi? oder zuletzt, anlässlich des Serbien-Schwerpunkts der Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr, der Essay „Iris Berlina“ von Miloš Crnjanski. Hinzu kommen mehr als 30 Hörspiele und Theaterstücke, unter anderem von Biljana Srbljanovi?. Vor allem aber, und immer wieder: David Albahari. Mirjana und Klaus Wittmann haben alle der bei Eichborn erschienenen Romane übersetzt, „Mutterland“ zum Beispiel, „Götz und Meyer“ oder „Die Ohrfeige“. Dass alle diese Werke vom deutschsprachigen Feuilleton in höchsten Tönen gelobt wurden, dass die „Neue Zürcher Zeitung“ Albahari gar seit Jahren als Kandidaten für den Literaturnobelpreis bezeichnet oder ihn gern als solchen bezeichnet sähe, ist zwar zunächst der herausragenden Qualität des Originals zu verdanken – aber eben kaum minder der glücklichen Fügung, dass dieses Original von zwei kongenialen Korrespondenten aus dem Reich der Jugosphäre ins Deutsche gebettet wurde. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: David Albahari, der übrigens durch einen biographischen Zufall im Kosovo geboren wurde, dem siebten und jüngsten Staat, der aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorging, ist kein Autor, den man auf den jugosphärischen Hintergrund seiner Texte reduzieren könnte. Seine Literatur hat einen solchen Hintergrund, aber sie kann in Köln oder Frankfurt genauso gelesen und verstanden werden wie in Banja Luka oder Novi Sad, denn was Albahari schreibt, geht uns alle an.
Damit es uns etwas angehen kann, hat sich die Wittmannsche Übersetzungsmanufaktur einen komplizierten und aufwendigen Produktionsprozess angeeignet. Das Endprodukt entsteht in mehreren Herstellungsphasen. Zunächst liefert Mirjana Wittmann die Rohübersetzung, die dann von ihrem Mann überarbeitet wird. Danach wird das bearbeitete Produkt, der sprachliche Rohstahl sozusagen, in gemeinsamer Arbeit weiterentwickelt. Schließlich vergleichen beide die korrigierte Übersetzung mit dem Original. Dabei handelt es sich um die wichtigste Phase der Arbeit, weil dann im Wortsinne vieles zur Sprache kommt. In einer abschließenden, fünften und sechsten Phase, feilen beide nochmals an dem Produkt, schreiben Änderungen an den Rand und diskutieren schwierige Passagen, die mitunter nur aus einem Halbsatz, einem Wort, gar einer einzigen Silbe bestehen können.
Albahari legt jedes Wort auf die Goldwaage, schätzt es, nimmt Maß – und wird es für zu leicht befunden, muss es weichen. Er ist von einen der Qualität seiner Literatur höchst förderlichen Wortgeiz besessen. Ein ähnlich produktiver Geiz herrscht in der Wittmannschen Übersetzungsmanufaktur. Hier treten die Worte so lange zur Prüfung an, bis eine für tauglich befundene Entsprechung gefunden ist. Mirjana Wittmann hat einmal gesagt, dass sie und ihr Mann von manchen Ausdrücken (beziehungsweise von ihrer Abwesenheit) regelrecht verfolgt werden. Aber manchmal, in Gesellschaft, beim Anschauen eines Films, vielleicht auch beim Hören der Nachrichten, brauchen die beiden sich dann nur anzusehen und wissen: Soeben ist der Halbsatz ausgesprochen worden, ist das Wort gefallen, hat sich die Silbe gezeigt ist die lange gesuchte Kombination von Buchstaben aufgetaucht.
Wir haben es also mit einer filigranen Handwerksarbeit zu tun, die eigentlich kaum noch zu bezahlen ist und ja auch dementsprechend schlecht bezahlt wird. Zum Glück liegt es in der Natur dieser Handwerkskunst, dass sie nicht nach China ausgelagert werden kann, jedenfalls noch nicht. Es ist auch klar, dass sich dieser Aufgabe nur verschrieben kann, wer nicht auf die Höhe des Stundenlohns achtet. Als ich unlängst einen befreundeten Schriftsteller fragte, wie er finanziell über die Runden komme, antwortete er, dass er nicht viel brauche – schließlich betreibe er kein teures Hobby, er habe keine Segeljacht und spiele auch nicht Golf. Nachdem ich ihm entgegnet hatte, dass Schreiben unterm Strich eine weitaus teurere Beschäftigung sei als Segeln oder Golfspielen, überlegte er eine Weile und gab mir dann Recht.
Mit dem Übersetzen ist es genauso. Von literarischen Übersetzungen kann man nicht leben, und es ist empfehlenswert, nicht daran zu denken, wie der eigene Kontostand aussehen könnte, hätte man die in Übersetzungen investierte Arbeitszeit damit zugebracht, einer menschenwürdig bezahlten Beschäftigung nachzugehen. Als Mirjana und Klaus Wittmann in den sechziger Jahren angetragen wurde, einen Roman aus dem Montenegrinischen zu übersetzen (wie man heute vielleicht sage würde), lehnten sie das Angebot ab, denn sie hätten dafür Urlaub nehmen müssen. Damals nahmen sie sich vor, literarische Übersetzungen zu machen, wenn sie finanziell gesichert sind und viel Zeit haben. „Dieser Traum“, sagt Mirjana Wittmann heute, „ist völlig in Erfüllung gegangen.“ Wie glücklich der Mensch, der so etwas von sich sagen kann. Wie glücklich diejenigen, die Steve Jobs berühmte Fragen: „Tust Du, was Du liebst? Liebst Du, was Du tust? bejahen können. Heute haben wir es mit zwei Menschen zu tun, die im Sinne dieser Frage Jasager sind. Etwas Besseres kann niemandem widerfahren.
Mögen diesem Preis an Mirjana und Klaus Wittmann viele weitere folgen. Vor allem aber warten wir gespannt und dankbar auf neue Nachrichten aus der Jugosphäre.
Michael Martens