Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis


Dankesrede der Preisträgerin Anke Caroline Burger


Sehr geehrter Herr Minister Frankenberg, sehr geehrte Frau Vorsitzende Gschwend, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die Verleihung dieses wunderbaren Preises, des Christoph-Martin-Wieland-Preises. Es ist eine große Freude für mich, diesen Preis entgegennehmen zu dürfen. Ich danke Gerd Burger für seine schöne Rede, in der er eigentlich schon alles Wesentliche gesagt hat, ich werde mich also kurz fassen.

Ich fühle mich sehr geehrt, gehe jedoch davon aus, dass die Ehrung nicht nur der Übersetzung, sondern besonders auch dem Buch „Manila Bay“ des Australiers William Marshall und der genialen Reihe Metro des Unionsverlages Zürich gilt, der sich um die Weltliteratur sehr verdient gemacht hat.

Dieser Preis ist eine dankbar angenommene Anerkennung und ganz handfeste finanzielle Unterstützung für eine wunderschöne, rein wirtschaftlich allerdings nicht sehr lukrative Tätigkeit, denn das Übersetzen von Literatur ist ein sehr schöner Beruf! Wer sonst kann all seine Zeit am heimischen Schreibtisch verbringen und dort Wörterbücher, Atlanten und Reiseführer wälzen? Durch die entlegensten Ecken des World Wide Web surfen? Wer kann sich den ganzen Tag mit den Schönheiten der Sprache und den Feinheiten des Ausdrucks beschäftigen und zugleich daheim am Computer in immer wieder neue, ferne Länder reisen? Wer kann ganz allein an seinem Schreibtisch sitzen und im Kopf immer neue Welten entstehen lassen? Sich mit Informantinnen im Café treffen und sich über Karatetritte, Jazzkadenzen und die Förmlichkeit der Anrede in der pakistanischen Landessprache Urdu unterrichten lassen? Wer hat das Privileg, sich immer wieder in ganz neue Bereiche einzuarbeiten, sei es die Seidenraupenzucht in Pakistan, das Leben der Hindus im japanisch besetzten Malaysia, damals Malaya, die politischen Verhältnisse in Burundi, die Neujahrsriten der in San Francisco lebenden Chinesen oder eben der Hahnenkampf auf den Philippinen, der im hier geehrten „Manila Bay“ im Mittelpunkt steht.

Das Leben der Literaturübersetzerin ist schön, denn es gibt an jeder Ecke Entdeckungen zu machen. Sie freut sich, wenn sie Leuten auf der Straße die neuesten Ausdrücke und Redewendungen ablauschen kann. Sie wacht beglückt auf, weil ihr über Nacht eingefallen ist, dass es sich bei der bisher unerklärlich gebliebenen Muschel „sand bonnet“ um eine „Große Sturmhaube“ handeln muss, eine große, schöne, exotische Muschel.

Sie ist beglückt, wenn ein Bekanner ein Wort verwendet, daß sie seit vielen Jahren nicht gehört hat und das sie in den Tiefen des Gedächtnisses verschollen wähnte. Sie freut sich wie eine Schneekönigin, wenn sie jemanden eine Geste machen sieht, die auch in ihrem Buch vorkommt, und ihr endlich der passende Begriff dafür einfällt. Dieser Beruf gab mir auch die Möglichkeit, sieben Jahre lang meine Zelte im schönen San Francisco an der amerikanischen Westküste aufzuschlagen, wofür ich ebenfalls sehr dankbar bin, da sich durch diesen langen USA-Aufenthalt ganz andere Einblicke in die englische Sprache und amerikanische Sprachkultur eröffnet haben, als von Deutschland aus möglich gewesen wäre.

Doch bevor jetzt die Bühne gestürmt und ich mit Fragen überrannt werde, wie man nun möglichst schnell in dieses fabelhafte Gewerbe als Literaturübersetzerin oder –übersetzer einsteigen kann, möchte ich auch seine Schattenseiten nicht verschweigen, auf die ja auch Gerd Burger schon hingedeutet hat.
Als Übersetzerin lebt man von der Hand in den Mund, für nennenswerte Rücklagen reicht die Bezahlung eigentlich nie. Auf Phasen hektischer Betriebsamkeit folgen oft monatelanges, quälendes Hoffen und Bangen auf den nächsten Auftrag.

In dieser Lage fand ich mich, bevor Thomas Wörtche mir die Chance gab, als Übersetzerin in seine neue Metro-Reihe einzusteigen. Lange Monate saß ich ohne Auftrag da, hielt mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und vertrieb mir die in der rauen amerikanischen Realität durch keine Versicherung oder Sozialhilfe abgefederte Arbeitslosigkeit mit Reisen und Kinobesuchen. Ich erforschte die Mayaruinen Mexikos, die Fish-und-Chips-Kultur in Nordengland und die wilden schottischen Steilküsten.

Und ich sah mir ungeheuer viele Filme an und war sogar als ehrenamtliche Kartenabreißerin beim San Francisco Film Festival tätig, um noch mehr Filme sehen zu können. Es war das Jahr von „Fear and Loathing in Las Vegas“ mit Johny Depp, „Central Station“ aus Brasilien, „Velvet Goldmine“ von Todd Haynes, der japanische „After Life“, der damals wegweisende „Matrix“ und natürlich „Eyes Wide Shut“, der letzte Film des genialen Stanley Kubrick. Ich sah Filme aus Tuva, Indien, Holland, Deutschland und Rumänien und natürlich von den Philippinnen.
Ich glaube, dass es besonders diese eigenen Erfahrungen auf Reisen und die im Kinosessel miterlebten Abenteuer waren, die meine Übersetzung von „Manila Bay“ beeinflusst haben. Besonders hervorzuheben ist der hervorragende Film „Megacities“ des Österreichers Michael Glawogger.

In seinen Porträts der Riesenstädte der Welt kommt Manila zwar nicht vor, doch einige der „zwölf Geschichten vom Überleben“ aus Mexico City und Bombay lassen sich gut auf den Moloch Manila übertragen. Glawogger hat mit diesem ästhetisch unglaublich ansprechenden und menschlich nicht minder erschütternden Film eine sehr interessante Form des Dokumentarfilms geschaffen, die die Grenze zwischen Fakt und Fiktion immer wieder überschreitet und dadurch besonders deutlich werden lässt.

Wie übersetzt man nun ein Buch über ein Land, in dem man noch nie war und das auch sehr weit weg ist? Für mich sind es die Bilder im Kopf, die zählen, das „geistige Kino“, wie mein Vater es nennt.
Anhand von Filmen wie „Megacities“, meinen Besuchen in Riesenstädten wie Mexico City, New York, Lima oder London, Zeitungsberichten und Büchern malte ich mir aus, wie das Leben in Manila auf den Philippinen sein muss.

Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sich der kreischende Polizist Ambrosio hinten im Taxi verzweifelt an etwas festzuhalten versucht, während der vom Teufel gerittene Taxifahrer Martinez auf drei Rädern um die Kurven hoffnungslos verstopfter Straßen rast.
Ich sah vor Augen, wie der Polizist Bontoc vom wilden Kopfjägerstamm der Bontoc mit dem Hackebeil zwischen den Zähnen auf einem Ast hockt und japanischen Touristen auflauert, während ihn der Obergärtner anfleht, nicht die Blätter von seinen Bäumen zu fressen.
Ich hörte geradezu den gregorianischen Gesang in der katholischen Kathedrale, an deren Seitenkapelle der Mörder dem zum Heiligen Petrus betenden Hahnenkämpfer Chinakracher auf zuschnappenden Mausefallen vor die Füße wirft.
Und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie der naive Junge Nitz mit zerschmetterter Wirbelsäule unter den Trümmern des eingestürzten Hahnenspitals liegt und sterbend in den Himmel schaut, dorthin, wo Sekunden vorher noch die Decke des Spitals gewesen war.
Ich konnte mir die Brutalität des Lebens in der Megacity Manila ausmalen, als wäre ich dort gewesen. Und für weitere Ausflüge in den brodelnden, bunten, stinkenden, schreiend komischen Hexenkessel dieser Stadt kann ich Ihnen nur die Lektüre des Buches „Manila Bay“ empfehlen, denn es gibt nichts Schöneres als selbst lesen!

Und damit komme ich zum Abschluss und eigentlichen Anliegen meiner Rede, den Danksagungen!

Ich danke dem Freundeskreis zur internationalen Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen und der Jury für die Wertschätzung meiner Arbeit.

Ich danke dem Land Baden-Württemberg und dessen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst für die großzügige Stiftung dieses Preises.

Ich danke der Stadt Biberach und ihren Mitarbeitern für den wunderbar feierlichen Rahmen dieser und der gestrigen Veranstaltung.

Ich danke Gerd Burger für seine enorm freundliche Rede und die Starthilfe in den Übersetzerberuf, damals vor 12 Jahren.

Ich danke Thomas Wörtche dafür, dass er mich über den grünen Klee gelobt und so zu übersetzerischen Höchstleistungen angespornt hat.

Ich danke all meinen Freunden und Freundinnen, die mir im Laufe der Jahre bei meinen Übersetzungen geholfen haben, und ich habe viel Hilfe bekommen!

Meine Gedanken gehen auch an alle Freunde und Verwandten, die heute nicht hier sein können.

An diese Stelle gehört auch besonders der Dank an meine Eltern für ihre liebevolle und umfangreiche Unertstützung meiner Arbeit.

Und ich bedanke mich bei meinem Mann Chris für Ansporn und Ermutigung. Vielen Dank!