(Dieser Beitrag ist in leicht gekürzter
Fassung auch in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.3.2003 erschienen.)
Vorschlag zur Öffnung der Sackgasse
Wie man das Elend der Übersetzer mit einem Schlag aufheben
könnte
Von BURKHART KROEBER
Daß die Literaturübersetzer miserabel honoriert,
entrechtet und oft genug überhaupt nicht wahrgenommen
werden, obwohl ohne sie das halbe Verlagswesen und der ganze
Literaturbetrieb zusammenbräche, ist mittlerweile so
bekannt, daß mancher - auch in den eigenen Reihen -
es schon nicht mehr hören kann. Also nichts mehr davon,
sondern hier mal ein Vorschlag zur Güte.
Seit im Juli 2002, nach jahrelangen Debatten und heftigstem
Widerstand der Verlegerseite, das reformierte Urheberrecht
in Kraft getreten ist, in dem bekanntlich eine "angemessene
Vergütung" für Urheber gefordert wird (wobei
die Literaturübersetzer ausdrücklich als Beispiel
für eine branchenübliche Honorierung genannt werden,
die "in keinem angemessenen Verhältnis zu den von
ihnen erbrachten Leistungen" steht), hat sich im Verhältnis
zwischen Übersetzern und Verlagen nichts Nennenswertes
getan - jedenfalls nichts zum Besseren. Das Gesetz wird von
den Verlagen praktisch ignoriert, sei's daß sie die
darin vorgesehenen Verhandlungen zwischen Urheber- und Verwerterverbänden
auf den Sankt-Nimmerleins-Tag hinauszuschieben versuchen,
sei's daß sie unverhüllt sagen, sie könnten
die Lage nun einmal, so leid es ihnen tue, nicht ändern.
Nichts rührt sich, alle ducken sich weg oder mauern sich
ein, derweil die Rechtsabteilungen größerer Häuser
immer restriktivere Vertragsregelungen aushecken.
Das ist freilich kein Wunder, denn aus der Sicht der einzelnen
Verlage haben sie tatsächlich recht: Nach den branchenüblichen
Kalkulationsweisen bleibt für die Übersetzung nur
ein winziges Stück vom "Kuchen", genaugenommen
gar nichts (der Posten muß in der Regel vom vorgesehenen
Anteil für den Autor abgezogen werden - weshalb es heute
auch immer heißt, für die Übersetzer sei nur
dann "mehr drin", wenn die Originalautoren oder
deren Agenten weniger verlangten), und daher erscheinen die
Übersetzungskosten als reine Zusatzbelastung, als eine
leider unvermeidliche, aber gerade deshalb ärgerliche
Extrawurst, die der Verlagskaufmann als bloßen Risikofaktor
wahrnimmt (und nicht selten den Übersetzern als den "Schuldigen"
anlastet). Hört er dann noch, daß die Buchübersetzer
sagen, sie müßten, um von ihrer Arbeit leben zu
können, außer einer regulären Absatzbeteiligung
mindestens eine Verdreifachung des bisher üblichen Seitenhonorars
bekommen (jawohl, das fordern sie in der Tat, sie benutzen
dafür die schöne Formel: "Ceterum censeo mercedulam
esse triplicandam" - mercedula ist das lateinische Wort
für Hungerlohn), dann kann man verstehen, daß er
darauf nur noch mit einem "Ihr seid ja verrückt
geworden!" reagiert.
Gleichwohl muß etwas geschehen. Die seriösen, d.h.
noch ernsthaft verlegerisch denkenden Verlage müssen
sich etwas einfallen lassen, sonst werden sie früher
oder später gerade ihre tüchtigsten Übersetzer
verlieren (was dann ihre Lektorate ausbügeln müssen
- oder sie produzieren sehr bald nur noch Schrott und verlieren
ihren Ruf, mithin ihre treueste Kundschaft).
Manche Situationen sind derart verfahren, daß nur ganz
unkonventionelle Ideen aus dem freien Raum jenseits aller
institutionellen Gleise die Erstarrung - vielleicht - lösen
können. Hier eine, die schon früher gelegentlich
vorgebracht wurde, aber heute aktueller denn je erscheint:
das Modell "Kohlepfennig" oder, für ältere
Zeitgenossen, "Notopfer Berlin", soll heißen:
ein offen als solcher deklarierter Preisaufschlag zugunsten
der Übersetzungen, der auf alle Bücher erhoben wird,
eine Art Taxe, die nicht in die allgemeine Buchpreiskalkulation
eingeht (also auch nicht den branchenüblichen Multiplikationsfaktoren
unterliegen darf), sondern allein zur angemessenen Honorierung
der Übersetzer dient.
Bis vor einigen Jahren zahlte jeder ans öffentliche Elektrizitätsnetz
angeschlossene Haushalt auf jede Kilowattstunde einen Pfennig
extra zur Rettung der Kohlewirtschaft; in den fünfziger
Jahren mußte auf jeden Brief zusätzlich zum normalen
Porto eine Zwei-Pfennig-Marke als Solidaritätsbeitrag
zur Wahrung der Freiheit Berlins geklebt werden. Beides waren
politisch gewollte Schutzmaßnahmen für ein in seiner
Existenz bedrohtes Gut - das Geschäft des Übersetzens
ist dagegen ein unverzichtbarer "Kernbereich" des
Verlagswesens, der nur deshalb so stiefmütterlich behandelt
wird, weil es "schon immer so war". Was also spräche
dagegen, für jedes neu erscheinende Buch, gleich ob übersetzt
oder nicht, einen kleinen Ü-Zuschlag zu verlangen, der
ausschließlich dazu verwendet würde, die Arbeit
der Übersetzer so zu vergüten, daß sie davon
leben können? Nach einer groben Überschlagsrechnung
anhand der jährlichen Statistiken des Börsenvereins
würde bereits ein halber Euro pro Neuerscheinung genügen,
um das Ceterum censeo der Literaturübersetzer voll und
ganz zu erfüllen.
Unmöglich! höre ich schon die ganze Verlagsbranche
aufschreien. Vollkommen unpraktizierbar! Wer würde die
nochmals verteuerten Bücher noch kaufen? Und der bürokratische
Aufwand! Wer soll das verwalten, wer kontrollieren? Und sähe
das nicht nach Almosen aus? Subventionen für leidende
Branchen sind doch zu recht in Verruf gekommen! Und überhaupt...
Also gut, machen wir einen Schritt zurück und sagen:
Der Zuschlag ist noch kein richtiger "Soli", er
wird nicht auf alle Bücher erhoben, sondern nur auf die
übersetzten. Da seit vielen Jahren knapp die Hälfte
aller belletristischen Neuerscheinungen (wozu jedoch in literarischen
Publikumsverlagen auch die sog. Sachbücher gehören)
hierzulande Übersetzungen sind, müßte er dann
eben statt eines halben einen ganzen Euro betragen. Natürlich
könnte die Einführung nur funktionieren, wenn eine
Reihe bekannter und angesehener Verlage sich zusammentäte,
um das Modell gemeinsam zu propagieren, dem Publikum durch
eine gut gemachte Werbekampagne das Wie und Warum zu erklären
- Tenor: übersetzte Bücher haben zwei Autoren, einen
Erst- und einen Zweitautor, eben den Übersetzer, und
deshalb müssen sie etwas mehr kosten. Angenommen, eine
Gruppe führender Literatur- und Sachbuchverlage würde
mit einer solchen Kampagne an die Öffentlichkeit treten,
am besten zur Zeit der Buchmesse, wenn das größte
Medienecho zu erreichen ist - glaubt jemand im Ernst, daß
eine nennenswerte Zahl von kaufwilligen Bücherfreunden
das neue Werk des amerikanischen, schwedischen, italienischen
etc. Autors X nicht kaufen würde, bloß weil es
statt 23,90 jetzt 24,90 € kostet? Zumal wenn dieser Aufschlag
mit guten Argumenten begründet wird, so daß er
sinnvoll erscheint und eben nicht bloß als weitere Preiserhöhung?
Im Gegenteil, ich bin überzeugt, daß die Verlage
mit einer solchen Aktion an Prestige gewönnen, so daß
sich bald andere anschließen würden. Der Ü-Zuschlag,
vielleicht in Gestalt eines pfiffigen Aufklebers, könnte
zu einer Art Qualitätssiegel werden - während diejenigen
Verlage, die sich nicht an der Aktion beteiligen, in den Ruch
kämen, daß ihnen an einer guten Übersetzung
nichts liegt.
Organisatorisch wäre das Ganze im Zeitalter des Computers
kaum ein Problem. Von einem bürokratischen Aufwand kann
im Ernst nur die Rede sein, wenn das Modell zu einem echten
Ü-Solidaritätszuschlag auf alle Neuerscheinungen
erweitert würde, womöglich mit Gründung eines
brancheneigenen Fonds zur Verwaltung und Verteilung der Gelder.
Wie solch ein Fonds aussehen könnte, braucht hier nicht
erörtert zu werden, das ist Zukunftsmusik, Modelle dafür
gäbe es in den Niederlanden, in Frankreich und anderswo.
Aber das muß gar nicht sein, es wäre schon viel
gewonnen, wenn die Verlage - jeder für sich - den Ü-Zuschlag
aus der üblichen Kalkulation herausnähmen und allein
zur "Refinanzierung" der angemessenen Übersetzerhonorare
benutzten. Hier ist ein Minimum an organisatorischer Phantasie
gefragt, aber an dieser Frage kann das Projekt nicht scheitern
- immer vorausgesetzt, die Verlage wollen ernstlich etwas
erreichen.
Schließlich der Einwand, ein Preisaufschlag sähe
zu sehr nach Almosen aus und Subventionen seien heute passé.
Ach ja? Wer so redet, muß sich fragen lassen, wie er
sonst die Misere beheben will. Daß die Frage jedenfalls
nicht dem "reinen Markt" überlassen bleiben
kann, so wenig wie auf jedem anderen Gebiet der Kunst &
Kultur, sollte inzwischen klar sein. Der gesamte Musik- und
Theaterbetrieb lebt von Subventionen, auch der Literaturbetrieb
wäre ohne die vielen Preise und Förderstipendien
nicht lebensfähig, einzig bei dem kleinen Sektor der
Buchübersetzer soll davon nicht einmal branchenintern
die Rede sein? O Sancta Simplicitas!
Wahr ist freilich, daß die ganze Idee nur funktionieren
kann, wenn sich unter den Verlegern eine Handvoll ebenso einsichtiger
wie mutig-entschlossener Vorreiter findet, die den ersten
Schritt wagen. Und zwar gemeinsam, nicht gegeneinander. Und
da liegt natürlich ein Problem. Aber wie gesagt, irgend
etwas muß geschehen, der gegenwärtige Zustand des
allgemeinen Abwartens und/oder Wagenburgbauens ist unerträglich.
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