Reaktion auf SZ-Artikel von Henning Ahrens

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Leserbrief Christa Schuenke

Lieber Henning Ahrens,

mit Ihrem Beitrag „Auf dem dünnen Ast“ sind Sie, um im Bilde zu bleiben, schwer auf dem Holzweg, und das in mehr als einer Hinsicht. Dass Übersetzer selbstverständlich Urheber sind, erkennt schon der vor dreißig Jahren zwischen dem Börsenverein des deutschen Buchhandels und dem Verband deutscher Schriftsteller besiegelte Übersetzernormvertrag an. Das können Sie auch im Urhebergesetz nachlesen, und zwar nicht nur in der 2002 reformierten Version, sondern ebenso bereits in der alten Fassung.

Bisweilen danken Leser Übersetzern in privaten Briefen für deren Kunst, weil sie meinen, erst durch die gelungene Übersetzung habe sich Ihnen das Werk eines ausländischen Autors wirklich erschlossen. Manche Schriftsteller, zum Beispiel der irische Autor und Booker-Prize-Träger John Banville, von dem ich in den vergangenen zehn Jahren sechs Romane übersetzen durfte, erkennen die Leistung ihrer Übersetzer an. „Du weißt“, schrieb mir John Banville, als sich der Erfolg seines Romans Die See im deutschsprachigen Raum abzuzeichnen begann, „dass ich weiß, dass dieser Erfolg mindestens zur Hälfte Deiner vorzüglichen Übersetzung zu verdanken ist. Hoffentlich bekommst Du eine anständige Absatzbeteiligung, wenn nicht, dann wäre das sehr unfair.“

Dass ein Übersetzer, der überwiegend oder ausschließlich schwierige, anspruchsvolle Texte übersetzt, die auf keine hohen Auflagen hoffen können, nur schwer von seiner Arbeit leben kann, hat Barbara Kleiner überzeugend dargelegt, und Sie erkennen das ja gleichfalls an. Nur zeugt der Rat, den sie für die betreffenden Kollegen parat haben, von herzlich wenig Branchenkenntnis. Wer nämlich einmal in der Champions’ League des literarischen Übersetzens gelandet ist, der kann sich vor äußerst schwierigen, höchst anspruchsvollen, also wenig profitablen Aufträgen gar nicht mehr retten. So jemand ist auf Jahre hinaus ausgelastet, zumal etwa eine Neuübersetzung von Stendhals Rot und Schwarz oder Dostojewskis Grünem Jungen oder auch Jonathan Swifts Gullivers Reisen ihre Zeit braucht und nicht in ein paar Monaten oder auch einem Jahr erledigt ist. Dass Kollegen, die an solchen Werken arbeiten, nicht mal eben einen leichteren Trivialroman oder einen flotten Krimi fürs schnelle Geld übersetzen, um finanziell über die Runden zu kommen, oder Schafe hüten, putzen, Zeitungen verkaufen gehen und was dergleichen lukrative Nebenjobs mehr sind, zu denen Sie ja raten, liegt nicht daran, dass solche Übersetzer um irgendwelche Zacken in der Krone fürchten. Die haben einfach keine Zeit, weder für solche noch für andere Nebenjobs, weil sie zehn Stunden täglich über ihrer Arbeit hocken, die ihnen alles abverlangt.

Und das trifft keineswegs nur auf die Kollegen zu, die im Hochliteraturbereich arbeiten. Sehr viele nicht schlecht ausgelastete Übersetzer (und gerade wenn man aus dem Englischen arbeitet, wird man nur selten eine Lücke haben) auch von Unterhaltungsliteratur haben im allgemeinen eh einen Nebenjob, oder sie übersetzen sich die Finger wund und haben keine Zeit, an irgendwelchen Ästen zu sägen, sondern merken nur, der Ast, auf dem sie sitzen, treibt keinen grünen Zweig. Vor allem nicht, wenn sie ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht mehr ganz so dynamisch sind und sehen, dass ihnen, wenn sie 30 Jahre freiberuflich übersetzt und um die 130 Bücher ins Deutsche transportiert und transponiert haben, unweigerlich die Altersarmut blüht.

Dann erzählen Sie uns die Geschichte von dem Übersetzer, der einem Lektor Saures gab, weil der „vergessen“ habe, ihn von einer Änderung zu informieren. Das Traurige daran ist, dass Sie, selbst Übersetzer, mit dieser billigen Polemik die Leser Ihres Beitrags wissentlich in die Dumpfdenk-Ecke scheuchen wollen. Weiß doch selbst der naivste Kulinariker unter den Bücherlesern, dass literarisches Übersetzen nicht von Wörtern handelt, sondern von Texten, dass ohne Kenntnis des Zusammenhangs (Textalter, Stilregister, umgebende Wortfelder, interkontextuelle Bezüge etc.), die Frage „Vögeln“ oder „Ficken“ nicht entschieden werden kann und dass ein derart tumbes Beispiel (übrigens sind durch den Imperfekt beide Versionen gleichermaßen schlecht) allein den Zweck verfolgen kann, aus des erhabenen Autors (oder hier verkannten Lektors) Pose heraus die Übersetzer abzukanzeln. Wie billig, Herr Kollege Ahrens.

Abschließend noch ein Wort zu Ihrer These, das Original sei drei-, die Übersetzung aber zweidimensional, weil es nur wenige Werke gebe, die eine „freie Übertragung“ verlangten. Ja, wollen Sie etwa im Ernst bestreiten, dass jedes literarische Werk, selbst ein flott geschriebener Krimi, eine „freie Übertragung“ verlangt? Ich gebe Ihnen recht: jedes literarische Werk, das diese Bezeichnung verdient, ist mehrdimensional. Es auf nur drei Dimensionen festzulegen, finde ich gewagt. Und Gott bewahre uns vor zweidimensionalen Übersetzungen! Denn eine literarische Übersetzung, die diese Bezeichnung verdient, wird alle oder doch so gut wie alle Dimensionen des Originals vermitteln oder doch zumindest alles daran setzen, dass ihr dies gelingt. Ein Rest an Nichtvermittelbarem bleibt zumeist selbst bei der besten Übersetzung, das ist der „Fluch von Babel“, doch bringt die Übersetzung, wenn sie gut ist, andererseits auch Mehrwert, den mancher Originalautor durchaus zu schätzen weiß.

Sie stochern nur in dürrer Äste längst verglommener Asche, Herr Kollege Ahrens. Jedes übersetzte Werk hat zwei Urheber. Der Ersturheber ist der Autor, der das Ganze in seiner Vielfalt und Komplexität hervorgebracht hat, und dem der Zweiturheber, der Übersetzer, nach bestem Wissen und Gewissen dient.

Und dienen tut der Übersetzer oder Zweiturheber damit gleichzeitig auch dem Verleger. Er ist nämlich Urheber und Dienstleister in einem, was ihn von der Mehrzahl der Schriftsteller unterscheidet. Diese erfinden, ganz auf sich gestellt und ganz auf eigenes Risiko, Geschichten und feilen lange Figuren, Plot und Form, und das ist schwer und aller Ehren wert, doch niemand außer ihnen selbst hat sie darum gebeten und damit beauftragt. Hingegen suchen sich die meisten Übersetzer nicht aus, was sie übersetzen, sondern sie erhalten ihre Aufträge von Verlagen, die die Entscheidung, was sie übersetzen lassen, nach nahezu ausschließlich marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten treffen. Literarische Übersetzer arbeiten für eine Industrie, in der gewinnorientiert produziert wird, sie sind Auftragnehmer, deren Leistung genauso angemessen bezahlt werden muss wie die der Setzers oder Buchbinder. Doch in genau dem gleichen Maße sind sie kreative Freiberufler, interpretierende Künstler, also selbständig arbeitende Urheber, und eben dies macht die Sache so schwierig.

Christa Schuenke

Kurz-Biographie Christa Schuenke

Christa Schuenke
geb. 1948 in Weimar; Ausbildung im Hotelfach, Studium der Anglistik, Romanistik und Philosophie; übersetzt seit 30 Jahren frei- und hauptberuflich aus dem Englischen u.a. Werke von W. Shakespeare, J. Donne, B. de Mandeville, J. Keats, H. Melville; E. A. Poe, H. James, A. A. Milne, R. Bradbury, R. Dahl, E. Bond, J. Kelman, J. Banville, I. B. Singer, C. Nolan, Chang-rae Lee, D. Foster Wallace, W. Gibson, W. B. Yeats, M. Z. Danielewski, J. Swift; erhielt u.a. 1997 den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und 2003 den Übersetzerpreis der Stiftung Kunststiftung NRW

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