Geändert
am 26.3.2007
Übersicht Artikel:
Barbara Kleiner (SZ)
Brigitte Große (SZ)
Burkhart Kroeber (NZZ)
Burkhart Kroeber (Perlentaucher)
Rundfunk-Beiträge:
Radio-Seite ![]()
Leserbrief zu Ahrens:
Christa Schuenke
Noch eine Gegenrechnung (zu B.Kleiner):
Friedrich Griese
Leserbrief zu Stempel:
Friedrich Griese
Leserbriefe zu Wittstock:
Friedrich Griese | Waltraud
Hüsmert |
Christa Schuenke | Klaus
Jöken |
Ingrid
Altrichter
Leserbrief zu Güntner:
Ulrich Blumenbach
Leserbriefe zu Steinfeld II.:
Ulrich Blumenbach | Angela
Plöger |
Susanne Kuhlmann-Krieg
Leserbriefe zu Steinfeld I.:
Christa Schuenke | Friedrich
Griese |
Sabine Hedinger | Nathalie
Mälzer-
Semlinger | Ingrid Altrichter |
Brigitte
Große |
Klaus Jöken |
SZ-Abonnenten
(Jürgen Bauer,
Christiane Kuby,
Andreas Löhrer, Karin von Schweder-
Schreiner, Claus Varrelmann,
Clemens
Wilhelm) |
Thomas Merk |
Susanne Baghestani | Gregor
Seferens | Olga Radetzkaja |
Werner
Richter | Andreas Tretner
Seit Anfang Februar debattieren die Feuilletons der deutschsprachigen Tageszeitungen über den sogenannten "neuen Übersetzerstreit", in dessen Mittelpunkt die seit Jahren andauernde Uneinigkeit zwischen Literaturübersetzern und Verlagen über die angemessene Honorierung der übersetzerischen Arbeit steht. Die teils sehr kontroversen und meinungslastigen Beiträge hierzu, die die überregionalen Feuilletons im Februar in schnellem Rhythmus brachten, wurden mit dem Frühlingsbeginn von gemäßigteren Tönen und einer eingehenderen Beschäftigung mit den Fakten abgelöst: Regionalzeitungen wie die Rostocker Ostseezeitung oder die Freiburger Badische Zeitung unterhalten sich mit Übersetzern über ihre Arbeit und deren Preis, und selbst das Branchenmagazin Börsenblatt bringt ein nicht nur ausführliches, sondern auch ausgewogenes Gespräch mit dem Übersetzer Frank Heibert und dem Verleger Nikolaus Hansen. (Weitere Informationen siehe unten.)
Auslöser der neuen Debatte war ein Artikel von SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld, in der SZ vom 2.2.07 ("Ein Haus für Rechthaber"), der unter den Literaturübersetzern große Empörung ausgelöst hat; Steinfeld behauptet darin, die Literaturübersetzer vergäßen das "kulturelle Apriori" ihrer Tätigkeit; ihr Wunsch nach einer angemessenen Honorierung, wie sie das Urhebervertragsrecht vorsieht, sei „pedantisch“ und „phantastisch“.
Auf Steinfelds Artikel entgegnet Burkhart Kroeber am 3.2.07 im Perlentaucher:
Stammtischgerede im Feuilleton
Zum sogenannten „neuen Übersetzerstreit“
Von Burkhart Kroeber
Auf anderen Gebieten ist es üblich und guter Brauch, daß man sich als Journalist, ehe man einen Artikel schreibt, wenigstens über die elementaren Tatsachen und Zusammenhänge der in Frage stehenden Materie kundig macht. Wer über Sozialpolitik oder die Probleme der Gesundheitsreform schreiben will, ohne sich mit den betreffenden Fakten und Zahlen beschäftigt zu haben, ist – jedenfalls in der seriösen Presse – nicht ernst zu nehmen. Dasselbe gilt für Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Sport und alle anderen Ressorts, sogar in gewissem Maß für die Klatschspalten. Frei aus der Luft gegriffene (oder aus Ressentiment geborene) Meinungen zu allen möglichen Themen sind an Stammtischen aller Art gratis zu haben, dazu braucht man keine Journalisten.
Anders steht es bei kulturpolitischen Themen wie dem sog. „Übersetzerstreit“. Hier kann jeder Nachrichtenredakteur oder Kommentator ungeprüfte Behauptungen in die Welt setzen, abenteuerliche Zusammenhänge konstruieren und das Ganze zu apodiktischen Meinungen kondensieren, ohne auch nur im Ansatz irgend etwas zu recherchieren. So hat es der frischgebackene Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, gerade wieder mal exemplarisch vorgeführt. Ihm zufolge ist die Tatsache, daß die Zahl der ins Deutsche übersetzten Titel im vergangenen Jahr um fast dreißig Prozent zurückgegangen ist, auf den hartnäckigen Wunsch der Übersetzer nach besseren Honoraren zurückzuführen. Wörtlich schreibt er: „Der unmittelbare Anlaß für das plötzliche Nachlassen des Interesses an Übersetzungen ins Deutsche ist trivial genug: Seit fast fünf Jahren streitet sich der Verband deutschsprachiger Übersetzer – eine Lobby, in der sich ein Teil der Übersetzer zusammengeschlossen hat und die von der Gewerkschaft Verdi unterstützt wird – mit den Verlegern um eine ‚angemessene Vergütung’ ihrer Arbeit.“
An diesem Satz ist so gut wie nichts richtig. Von einem „plötzlichen Nachlassen“ des „Interesses an Übersetzungen“ kann keine Rede sein: die Zahl der ins Deutsche übersetzten Titel sinkt schon seit mehreren Jahren, aber das Interesse der Verlage an Übersetzungen attraktiver, erfolgversprechender Bücher ist nach wie vor groß, es werden nur vielleicht nicht mehr so viele überflüssige, des Übersetzens gar nicht werte Ex-und-hopp-Bücher übersetzt. Dies zu recherchieren wäre nicht schwer gewesen, und die tieferen Ursachen zu ergründen wäre eine vornehme Aufgabe für Kulturjournalisten. Aber nein, Steinfeld glaubt einfach ungeprüft, was ihm die Verlegerlobby einbläst (die er freilich nicht so nennt) – ebenso auch, wenn er schreibt: „Einen Kompromißvorschlag, zu dessen Einhaltung die größten deutschen Publikumsverlage sich Anfang dieses Jahres selbst verpflichteten, wurde in dieser Woche vom Verband der deutschsprachigen Übersetzer abgelehnt.“
Was für ein „Kompromißvorschlag“ das ist und warum die Übersetzer ihn abgelehnt haben, wird nicht untersucht, es wird von vornherein unterstellt, daß die Gründe nur verbandspolitische Sturheit und/oder Verblendung sein können, niemand von den Betroffenen wird gefragt, nicht einmal die Presseerklärung des Übersetzerverbands wird zitiert, dafür wird mit dem Bild vom fünfjährigen „Streit“ suggeriert, es handle sich um eine ähnlich zähe Angelegenheit wie bei den Verhandlungen über Krankenkassentarife oder dergleichen – dabei haben sich die Verleger bisher konsequent geweigert, überhaupt richtig zu verhandeln. Mit einem Wort, die vornehmste Pflicht des Berichterstatters, ein möglichst objektives Bild der Sachlage zu vermitteln (audiatur et altera pars), ist offensichtlich ersatzlos gestrichen.
Statt dessen behauptet Steinfeld – mit einem abenteuerlichen Umweg über eine in Berlin geplante Gründung eines „Hauses der deutschen Sprache“, von der man sich vergeblich fragt, was die mit dem Thema zu tun haben soll –, daß die Übersetzer ihre Arbeit nur noch als „finanzielle und bürokratische Realität“ sähen und sich keine Gedanken machten über „das kulturelle Apriori ihrer Arbeit – den ‚kulturellen Dialog’ oder wie immer man den Austausch zwischen Sprachen und Kulturen auch nennen mag“. Woher er das wissen will, bleibt sein Geheimnis, eine auch nur halbwegs als solche erkennbare Begründung sucht man vergebens. Der ganze Artikel strotzt nur so von Voreingenommenheit: gegen die Übersetzer, die nicht nach ihren Argumenten gefragt worden sind, und für die Verlage, denen er blindlings glaubt. In jedem anderen Ressort der SZ wäre solch ein schlecht recherchierter, sachlich unsauberer, wilde Zusammenhänge insinuierender Artikel zurückgewiesen worden, im Feuilleton schreibt ihn der Chef selbst.
Riskieren tut er dabei freilich nichts: Die Übersetzer können sich mangels Masse und Macht nicht gegen seine Unterstellungen wehren, und den Verlegern redet er brav nach dem Mund. Die Leser bleiben die Dummen, denn ihnen wird nicht erklärt, was es mit dem sog. „Übersetzerstreit“ auf sich hat (was ja vielleicht doch mal ganz interessant für ein Feuilleton wäre), sondern de facto nahegelegt, die ganze Sache als bloßen Streit zwischen „Lobbyisten“ abzutun. So redet man an Stammtischen: ahnungslos, aber meinungsstark.
PS: Um in aller Knappheit zu sagen, worum es tatsächlich geht: Buchübersetzer werden seit jeher (nur deswegen funktioniert es: weil es „schon immer so war“) völlig unangemessen bezahlt, wir müssen von ca. 1000 Euro pro Monat leben. Um das zu ändern, wurde vor knapp fünf Jahren ein Gesetz beschlossen, das Verhandlungen zwischen Urheber- und Verwerterverbänden – hier: zwischen Übersetzern und Verlegern – über eine „angemessene Vergütung“ der Urheber vorsieht. Diesen Verhandlungen haben sich die Verleger bis heute mit wechselnden Argumenten entzogen, offenbar in der Hoffnung, daß das ihnen unangenehme Gesetz irgendwann kassiert wird. Die jetzt bekanntgegebene „Selbstverpflichtung“ von zwölf der größten deutschen Publikumsverlage, das sog. „Münchner Modell“, das angeblich allen Übersetzern eine gestaffelte Beteiligung am Erfolg ihrer Bücher anbietet, ist eine geschickte PR-Aktion, aber reine Augenwischerei, da die Beteiligung mit dem zum „Vorschuß“ umdefinierten Seitenhonorar verrechnet werden soll. Ein paar Eingaben in den Taschenrechner genügen, um zu erkennen, daß nach diesem Modell die Übersetzer für durchschnittlich gut verkaufte Bücher keinen Cent mehr als bisher, für überdurchschnittlich erfolgreiche ein paar wenige Taler mehr, für richtige Bestseller aber ganz wesentlich weniger bekämen. Darum haben sie dieses Modell einhellig abgelehnt und fordern die Verleger weiterhin, wie nun schon seit bald fünf Jahren, zu fairen Verhandlungen auf.
Kurz-Biographie Burkhart Kroeber
Burkhart Kroeber
geb. 1940 in Potsdam; Studium Ägyptologie u.a.m.; freier Übersetzer,
u.a. von Italo Calvino, Umberto Eco, Carlo Fruttero & Franco Lucentini, Roberto
Cotroneo, Alessandro Manzoni, Charles Dickens, John Steinbeck, erhielt 2001 den
Johann-Heinrich-Voss-Preis und 2006 den Münchner Übersetzerpreis
Weitere Reaktionen auf den 1. Artikel von Thomas Steinfeld: Hier
In einem zweiten Artikel in der "Süddeutschen Zeitung"
vom 4.2.07 ("Kein fester Sockel") hat Thomas Steinfeld
auf die Kritik der Übersetzer reagiert (ohne allerdings mit einem einzigen
Wort darauf einzugehen, worin sie besteht).
Das Übersetzen, so Steinfeld, stelle keine kulturelle Selbstverständlichkeit
dar: "So sehr sich die Übersetzer auch als Sachwalter der `Weltliteratur´
begreifen, so sehr bedroht eine substanzielle Erhöhung ihrer Honorare
gerade diesen Bereich." Die Illusion der Übersetzer bestehe darin,
das umfangreiche Übersetzen fremdsprachiger Literatur für eine
feststehende, gewissermaßen einklagbare kulturelle Größe
zu halten.
Reaktionen auf den 2. Artikel von Thomas Steinfeld: Hier
Am 7.2.2007 erscheint in der NZZ unter
dem Titel "Notwendige Unterbezahlung" ein Artikel
von Joachim Güntner, in dem der Autor darauf hinweist, der von
Steinfeld in der SZ beklagte Rückgang der Zahl der Übersetzungen
aufgrund der Urheberrechtsnovelle und der in der Folge erhobenen Honorarforderungen
der Übersetzer sei eine Fiktion: Die Zahl der Übersetzungen
schwanke und sei im Jahr 2006 im Vergleich zum Vorjahr nicht gesunken,
sondern um ca. 13 Prozent gestiegen. Zugleich verlangt Güntner
von beiden Seiten ein "Ende der Zahlenspiele" und vermutet
in dem von Burkhart Kroeber im Perlentaucher genannten Übersetzereinkommen
von 1000 Euro lediglich
"Propaganda".
Auch zu diesem Artikel gibt es Widerspruch:
Leserbrief von Ulrich Blumenbach: Hier
Am 9.2.2007 druckt die NZZ eine knappe Entgegnung von Burkhart Kroeber auf Joachim Güntners Artikel:
Privilegierte Übersetzer?
Eine EntgegnungVon Burkhart Kroeber
«Wenn ein gefragter Übersetzer wie Burkhart Kroeber klagt,
'wir müssen von etwa 1000 Euro pro Monat leben', dann ruiniert er
nicht nur seine eigene Glaubwürdigkeit, sondern die der ganzen Zunft.»
So formulierte Joachim Güntner in seinem Kommentar zu dem Streit,
den in Deutschland Übersetzer und Verleger um angemessene Honorare
führen
(NZZ 7.2.07). Güntner behauptet damit, unsere Lage als Übersetzer
sei in Wahrheit rosiger, als wir sie darstellten. Leider irrt er.
Wer pro Tag im Schnitt 4 bis 5 Seiten sorgfältig übersetzt und
(wie allgemein in unserer Gesellschaft üblich) an fünf Tagen der
Woche seinem Beruf nachgeht, kommt im Monat auf maximal 100 Seiten. Ich
kann versichern, in den drei Jahrzehnten meines Übersetzerlebens nie
mehr als durchschnittlich 100 wirklich abgabereife Seiten pro Monat geschafft
zu haben. Bei einem Seitenhonorar von durchschnittlich 18 bis 19 Euro ist
leicht auszurechnen, welche Summe das monatlich ergibt. Dieser Betrag ist
wohlgemerkt nicht unser «Gewinn», welcher dem Gehalt eines Festangestellten
entspräche, sondern der durch freiberufliche Tätigkeit erwirtschaftete
«Betriebsumsatz», von dem Betriebsausgaben abgezogen werden
müssen, die an die 50 Prozent betragen, rechnet man mit, dass Übersetzer
weder Ferien- noch Krankengeld, noch ein 13. Monatsgehalt bekommen und dies
durch eigene Aufwendungen ausgleichen müssen.
Die durchschnittlich 1000 Euro sind keineswegs, wie Güntner vermutet, der von einem «Unterprivilegierten» erzielte Betrag. Sie sind das, was ein vielgefragter und in den Verlagen hochgeschätzter Übersetzer in guten Zeiten (d. h., wenn er gesund ist und kein Auftragsmangel herrscht) erwirtschaften kann. Je schwieriger eine Übersetzung ist, desto geringer wird diese Summe - bei manchen Texten schafft man nicht mehr als 2 bis 3 Seiten pro Tag.
Was meine eigene Ökonomie betrifft: Hätte ich nicht im Sommer 2006 den Übersetzerpreis der Stadt München bekommen, wäre meine Lage jetzt genauso elend, wie sie für viele meiner Kolleginnen und Kollegen leider ist. Gern wird angeführt, ich sei doch an Umberto Ecos Bestsellern beteiligt, also nun wirklich privilegiert. Jawohl, aber nachhaltig gelohnt hat sich meine Erfolgsbeteiligung in Höhe von 1 Prozent nur bei den beiden Romanen «Das Foucaultsche Pendel» und «Baudolino». Ihnen verdanke ich die glückliche Lage, über eine Altersrücklage zu verfügen - womit ich ein seltener Vogel unter uns Übersetzern bin. Und gerade diese Erfahrung lässt mich sagen: Will man die Lage der Übersetzer verbessern, wäre eine reguläre und angemessene Erfolgsbeteiligung schon ein Schritt in die richtige Richtung. Aber gerade die wollen uns die Verlage ja partout nicht zubilligen.
Kurz-Biographie Burkhart Kroeber
Burkhart Kroeber
geb. 1940 in Potsdam; Studium Ägyptologie u.a.m.; freier Übersetzer,
u.a. von Italo Calvino, Umberto Eco, Carlo Fruttero & Franco Lucentini, Roberto
Cotroneo, Alessandro Manzoni, Charles Dickens, John Steinbeck, erhielt 2001 den
Johann-Heinrich-Voss-Preis und 2006 den Münchner Übersetzerpreis
Welt-Artikel von Uwe Wittstock:
Wesentlich schärfer im Ton als Güntner ist Uwe Wittstock, der am 7.2.2007 in der Welt die Schuld am "Übersetzerstreit" dem Gesetzgeber und dessen "wenig durchdachten Eingriff in die Vertragsfreiheit der Buchbranche" gibt. Auch Wittstock sieht als Folge einen dramatischen Rückgang der Übersetzungen und zweifelt die Notwendigkeit und Möglichkeit einer materiellen Verbesserung für die Literaturübersetzer an.
Auch dieser Artikel stößt auf heftigen Widerspruch von Seiten der Übersetzer, so schreibt Friedrich Griese: "Dass Autoren und Übersetzer „angemessen und redlich“ bezahlt werden müssen, ist keine Erfindung der Ministerin Däubler-Gmelin, sondern seit dem Jahr 1900, als das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft trat, ein gesetzlich verbürgter Anspruch", und Christa Schuenke betont: Dass "Übersetzer als Urheber am Erfolg ihrer Arbeit zu beteiligen sind, also selbstverständlich auch an den Gewinnen der Verlage eine prozentuelle Beteiligung erhalten müssen, ist eine Forderung, die der Logik des Urheberrechts entspricht und auch mit noch so perfiden Hetztiraden nicht einfach vom Tisch gewischt werden kann."
Ebenfalls am 7.2.2007 erscheint in der SZ ein Gegenartikel zu Thomas Steinfeld von der Literaturübersetzerin Brigitte Grosse:
Kunst und Kommerz
Von Brigitte GroßeEines der schönsten und klügsten Bücher über das Deutsche ist von einem Franzosen geschrieben, der, von den Deutschen aus seinem Vaterland vertrieben, in Frankreich seine Heimat gefunden hat: Als Freud das Meer sah, von Georges-Arthur Goldschmidt. Ohne diesen aus dem Französischen übersetzten Essay wüßten wir weniger vom Deutschen. Und vom Französischen. Und von ihrer Beziehung zueinander. Denn, wie Goldschmidt sagt: „Eine Sprache ist die Zuflucht der anderen.“ Und: „Die Sprachen sehen mit anderen Augen.“ Die andere Sprache schärft den Blick für die eigene (und für das Andere). Dazu braucht man Übersetzer. Ach, wenn es denn darum ginge im sogenannten Übersetzerstreit!
In den letzten Jahren gab es fünf verschiedene Ereignisse, die diesen Titel erhielten. Drei davon zu Recht: die Diskussionen um die mangelhafte Übersetzung von „Lemprières Wörterbuch“, um die Neuübersetzungen von Werken Garcia Lorcas und von „Moby Dick“. Von Übersetzern öffentlich ausgetragene, heftige, aber durchaus fruchtbare Auseinandersetzungen um die richtige Art und Weise der Übertragung von einer Sprache in die andere, um den besten Weg des „kulturellen Dialogs“. In den beiden anderen Fällen ging und geht es um eine angemessene Vergütung für Kulturschaffende, die gesetzlich vorgeschriebene Neuregelung des Verhältnisses zwischen Urhebern und Verwertern im allgemeinen, Verlagen und Literaturübersetzern im besonderen.
Die Übersetzung des oben genannten Essays hat ein Jahr gedauert.
Da Übersetzer (Durchschnittseinkommen ca. 1000 Euro pro Monat) pro
übersetzter Seite bezahlt werden, verdienen sie umso weniger, je anspruchsvoller
und schwieriger ein Text ist. In solchen Fällen muß man nebenher
Geld verdienen, um über die Runden zu kommen, und subventioniert so
die Verlage – auch wenn der Anteil der Übersetzungskosten am
Verlagsumsatz nicht mehr als 2,8 Promille beträgt.
Die Verlage haben nun den Verhandlungstisch verlassen und über die
Presse ein neues Modell lanciert, das bei höherer Literatur, die im
allgemeinen niedrigere Auflagenzahlen hat, eine weitere Verschlechterung
der Situation bedeutet. Für dieses bei Random House (30% Marktanteil)
ausgebrütete Modell wurde öffentlich von engagierten Verlegern
kleinerer, unabhängiger Verlage geworben, die sehr viel glaubhafter
das Ende der Weltliteratur beschwören können, sofern die Forderungen
der Übersetzer sich durchsetzten. Doch für den Rückgang der
Übersetzungen (die immer noch über zwei Drittel der Spiegel-Bestsellerliste
ausmachen) sind ganz andere Gründe verantwortlich.
Etwa die Explosion der Lizenzsummen, wie Michael Naumann, jahrelang Rowohlt-Chef, später Staatsminister für Kultur, schon 1999 beklagte. Die sechs- bis siebenstelligen Summen, mit denen sich die Verlage bei telefonischen Rechte-Versteigerungen gegenseitig überbieten, rechnen sich nicht immer so gut wie etwa bei Grisham. Paradoxerweise beruht dieses finanzielle Va-banque-Spiel auf verlegerischer Ängstlichkeit: Mit Blick auf den (vermeintlich) sicheren Profit zahlt man in den großen Verlagskonzernen lieber Unsummen für Bücher, die sich anderswo bewährt haben, statt sich der langfristigen, mühsamen und unsicheren Aufgabe zu unterziehen, junge Autoren auf ihrem Weg zu begleiten. Man kann sie ja später, wenn sie erst einmal erfolgreich sind, kleineren Verlagen wegkaufen.
Spekulation statt Kalkulation
In der Kalkulation der Verlage (die eher einer Spekulation auf Auflagenhöhen gleicht) stehen die Übersetzer ganz unten. Von den vermuteten Einnahmen werden zunächst die Mehrwertsteuer und die Rabatte für den Buchhandel (bei Amazon, Thalia, Weltbild, Hugendubel über 50%, bei kleineren Buchhandlungen erheblich weniger) abgezogen, Vertreterprovisionen, Herstellungskosten, Honorare, Werbung, Gemeinkosten (prozentuale Anteile von Miete und Gehältern) usw. be- und die Lizenzvergaben gegengerechnet. Dann erst kommen die Übersetzer. Und da immer mehr Leute immer mehr vom Kuchen abhaben wollen, den die Urheber (Autoren als Schöpfer des Originals, Übersetzer als Schöpfer der deutschen Fassung) schaffen, bekommen die Urheber, ohne die es die ganze Branche nicht gäbe, immer weniger davon ab.
Die gestiegenen Kosten beim schwächsten Glied der Kette, den Übersetzern
nämlich, wieder hereinholen zu wollen, ist so unredlich, als würde
ein Manager, der sich verspekuliert hat, das Geld an der Putzfrau einsparen
wollen. Mit einem großen Unterschied: Urheber und Verwerter brauchen
einander, um ihr Metier überhaupt ausüben zu können. Autoren
und Übersetzer sind die Existenzgrundlage und –berechtigung der
Verlage. Ohne (Welt-)Literatur gibt es auch keinen Buchmarkt.
Brigitte Große
geb. 1957 in Wien; Studium der Philosophie und Musikwissenschaft,
Soziologie und Psychologie; freie Lektorin, Redakteurin und Übersetzerin
aus dem Französischen und Englischen, u.a. von Éliette Abécassis,
Jacqueline Harpman, Linda Lê, Frédéric Beigbeder, Georges-Arthur
Goldschmidt, Elie Wiesel; ausgezeichnet mit dem Förderpreis für
literarische Übersetzungen der Stadt Hamburg 1994 und dem Hieronymus-Ring
1999
SZ-Artikel von Dirk Stempel:
Am 10.2.2007 antwortet darauf wiederum in der SZ Dirk Stempel, Leiter der Lizenzabteilung des Carl Hanser Verlags ("Versöhnung nicht in Sicht"). Wie Wittstock wettert auch Stempel gegen die "Gutmenschen der SPD" wegen der "realitätsfernen" Durchsetzung der Urheberrechtsnovelle. Die in der Begründung dieser Gesetzesnovelle ausdrücklich festgestellte Unangemessenheit gängiger Honorare für Literaturübersetzer weist Stempel kategorisch zurück, verwechselt allerdings in seiner Argumentation Umsatz mit Einkommen und verschweigt, dass Übersetzer als selbständige Unternehmer in die Berechnung ihrer Arbeitszeit auch Büroführung, Akquise, Werbung, Fortbildung etc. mit aufnehmen müssen und folglich nicht jede Stunde zur Produktion übersetzter Seiten verwenden können. Stempels aus diesen falschen Prämissen abgeleitete Unterstellung, schlecht verdienende Übersetzer seien lediglich faul und/oder unfähig, markiert den bisherigen Tiefpunkt der Debatte.
Gegen die Veröffentlichung des Artikels protestiert Friedrich Griese in einem Brief an der Feuilletonchef der SZ:
Leserbrief von Friedrich Griese: Hier
FAZ-Artikel von Franziska Bossy:
Deutlich ausgewogener als ihre Kollegen bei SZ und
Welt beleuchtet Franziska Bossy von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
die Situation ("Her mit den Krümeln! Den Kuchen essen andere: Übersetzer
und ihr Einkommen",
FAZ vom 14.2.2007). Bossy hat mit Vertretern der Verlage Kiepenheuer und Witsch
und Random House gesprochen, aber auch die Übersetzer Olaf Kühl, Thomas Brovot,
Christa Schuenke und Burkhart Kroeber zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrer Einschätzung
des vor kurzem von Verlegerseite lancierten "Münchner Modells" befragt, in dem
sich für Schuenke eine "Zwangsenteignung" von Bestsellerübersetzern verbirgt.
Helge Malchow, Verlagsleiter bei Kiepenheuer und Witsch, zitiert der Artikel
mit dem vorsichtigen Zugeständnis, die urheberische Leistung der Übersetzer sei "bisher
unterbewertet".
Diskussion auf Webseiten:
Inzwischen wird die Diskussion um den sogenannten "Übersetzerstreit"
auch auf mehreren Webseiten und Blogs thematisiert, etwa in dem
Online-Magazin Telepolis
oder auf literaturcafe.de.
SZ-Artikel von Barbara Kleiner:
Am 15.2.2007 antwortet Barbara Kleiner in der SZ mit einer
"Gegenrechnung" auf Dirk Stempels Zahlen (s. SZ
vom 10.2.2007):
Eine Gegenrechnung
Wie viel ich als Übersetzerin verdiene
Richtig an den von Dirk Stempel in seinem Artikel "Versöhnung nicht in Sicht" vorgelegten Zahlen ist die Angabe des Seitenhonorars für einen literarischen Übersetzer mit durchschnittlich 18,50 Euro (Siehe SZ vom 11.2.2006). Im Übrigen aber gleichen seine Berechnungen eher denen des sprichwörtlichen Milchmädchens als fundierten Kalkulationen eine erfahrenen Verlagsmannes.
Grundlage für die Berechnung eines Übersetzereinkommens ist neben dem Seitenhonorar allein der Schwierigkeitsgrad des zu übersetzenden Textes, denn an ihm bemisst sich die aufzuwendende Arbeitszeit. Bei anspruchsvolleren, zeitgenössischen literarischen Texten ist es allgemeiner Erfahrungswert, dass mehr als fünf Seiten am Tag nicht zu bewältigen sind. In diese Arbeitszeit sind eingerechnet Aufwände für Recherche und Fahnenkorrektur. Fünf Seiten satzfertiges Manuskript am Tag bei 20 Arbeitstagen ergeben etwa 100 Seiten pro Monat, mithin ein Honorar von 1850 Euro im Durchschnitt. Diese 1850 Euro sind jedoch bloß die Einnahmen, von denen die Betriebskosten abgezogen werden müssen, um das reale Einkommen zu ermitteln. Die Betriebskosten eines freiberuflichen Übersetzer machen etwa dreißig Prozent seiner Einnahmen aus; überdies muss der Übersetzer als Freiberufler Rücklagen bilden für den Krankheitsfall, für Urlaub und auftragslose Zeiten, dafür sind noch einmal etwa zwanzig Prozent zu veranschlagen. Sodass von den Einnahmen nur etwa die Hälfte als reales Einkommen übrigbleibt. Die durchschnittlichen 1000 Euro Einkommen auch bei renommierten und gefragten Übersetzern sind also durchaus keine Mär; manche Übersetzer haben freilich das Glück, an auflagenstarken Büchern erfolgsbeteiligt zu sein, und das ermöglicht ihnen dann einen aufwendigeren Urlaub, teure Anschaffungen oder eine ordentliche Alterssicherung.
Selbstverständlich ist die Schwierigkeitsskala der Texte nach oben offen, die des Übersetzereinkommens mithin nach unten. Bei der Übersetzung von älteren oder besonders experimentellen Texten - Melville, Flaubert, Pynchon, Gadda seien hier nur beispielhaft genannt - liegt die Tagesproduktion fallweise eher bei einer als bei drei Seiten, und was das an Einkommen ergibt, kann sich nun jeder ohne weiteres ausrechnen.
Als konkretes Beispiel erlaube ich mir, mich selbst anzuführen: Die Neuübersetzung von Ippolito Nievos Roman "Bekenntnisse eines Italieners" (Manesse, 2005) umfasste 1400 Normseiten: Bei einem Seitenhonorar von 18,50 Euro betrug das Gesamthonorar also knapp 26 000 Euro. Gebraucht habe ich für die Arbeit 24 Monate, inbegriffen die Erstellung eines Anmerkungsapparats, der allerdings mit 1500 Euro separat abgegolten wurde. Dieser historische Text hat einen sehr besonderen Sprachduktus, den wiederzugeben Sinn und Anliegen der Neuübersetzung war; das erforderte zahlreiche historische Recherchen, die teils notwendig waren, um ihn überhaupt zu verstehen. Unter diesen Bedingungen waren mehr als etwa drei Seiten am Tag nicht zu bewältigen, und ich bin überzeugt, dass das bei den Anforderungen des Textes noch ein guter Schnitt ist. Mein monatliches Einkommen in dieser Zeit betrug folglich nach obigen Kriterien berechnet 570 Euro.
In derselben oder einer vergleichbaren Lage offener Armut befinden sich all jene Kollegen, die es bei einem durchschnittlichen Seitenhonorar von 18,50 Euro mit komplexeren, älteren oder schwierigen Texten aufnehmen wollen. Wie die Mehrzahl der Übersetzer es schafft, dennoch ein Dach über dem Kopf und zu essen zu haben und im äußeren Erscheinungsbild nicht durch Verwahrlosung aufzufallen, ist eine Frage der Geschicklichkeit jedes Einzelnen, in jedem Fall aber wiederum Ergebnis von Arbeit und Mühe; es fällt aber nicht unter die betriebswirtschaftliche Rechnung, die hier aufzumachen war. Die Einkommenslage der literarischen Übersetzer sieht aus wie geschildert. Dass eine derartige Vergütung einer kulturell Wert schöpfenden Arbeit weder redlich noch angemessen genannt zu werden verdient, liegt, glaube ich, auf der Hand.
Noch eine Gegenrechnung: Leserbrief von Friedrich Griese: Hier
SZ-Artikel 'Auf dem dünnen Ast' von Henning Ahrens:
Am 17.2. vergleicht daraufhin Henning Ahrens in der SZ Äpfel und Birnen, pardon, Übersetzer und Autoren. Dabei geht es ihm weniger um die Frage einer angemessenen Entlohnung als um "Probleme von Rang und Anerkennung". Nach Ansicht Ahrens' sollten Übersetzer nicht besser verdienen als (deutsche) Autoren, da ihre Arbeit nicht denselben schöpferischen Stellenwert besitze. Die Inhalte der Debatte souverän ignorierend, unterstellt er den Übersetzern "Pauschalforderungen" und kann sich nicht entscheiden, ob deren Auftreten nun gewerkschafterlich oder divenhaft sei. Als Autor und Übersetzer in Personalunion findet er schließlich, dass "die Frage des Urheberrechts in gewisser Weise absurd ist - denn Urheber ist und bleibt der Autor." Und Obst ist und bleibt der Apfel.
Rundfunk-Beiträge:
Die Diskussion um die Übersetzerhonorare beschränkt sich nicht auf Printmedien, auch der Rundfunk hat sich des Themas in verschiedenen Gesprächen bereits angenommen. Übersicht auf der Radio-Seite.
DIE ZEIT-Artikel 'Sie zicken wie die Diven' von Ulrich Greiner:
Am 22.2.2007 referiert Ulrich Greiner in der ZEIT ("Sie zicken wie die Diven") noch einmal Ahrens' Grundthese vom Widerspruch, in den die Übersetzer angeblich verstrickt seien - einerseits "Künstler eigenen Rechts" sein und andererseits "von ihrer Arbeit leben" zu wollen. Aus diesem Widerspruch versucht Greiner sich vergeblich zu befreien, indem er ihn einfach umkehrt: Er bescheinigt den Übersetzern zwar, ihre Arbeit sei nun einmal "sekundär", verlangt aber im selben Atemzug, sie sollten wie Autoren die "Risiken freier Kreativität" tragen.
Aktualisierungen im März:
Am 16. 03. 2007 fasst Dennis Jung in der Rostocker Ostsee-Zeitung unter dem Titel "Alle zwei Monate ein Buch ausspucken" den Stand der Debatte kurz zusammen und vergleicht die darin vorgebrachten Argumente mit den Erfahrungen der Rostocker Finnisch-Übersetzerin Renate Pirschel, die den durch die niedrigen Übersetzerhonorare generierten Zeitdruck (und den damit drohenden Qualitätsverlust) beklagt.
Die Freiburger Badische Zeitung bringt am 21. März ein Gespräch mit den Freiburger Übersetzern Cornelia Holfelder-von der Tann, Tobias Scheffel und Christoph Trunk, die sich sowohl zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrer finanziellen Situation äußern, als auch zum Stand der Auseinandersetzungen zwischen Verlegern und Übersetzern, zu anhängigen Gerichtsverfahren und zu Auswegen aus der verfahrenen Lage, die so ausweglos vielleicht doch nicht ist ("In Frankreich kriegen unsere Kollegen 30 bis 50 Prozent mehr, und ich habe vom Untergang der französischen Kultur noch nichts gehört", so Tobias Scheffel.)
Auch das Magazin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bringt in der Woche der Leipziger Buchmesse ein langes Gespräch mit dem Übersetzer Frank Heibert und dem marebuch-Verleger Nikolaus Hansen ("Kurs auf einen Kompromiss", Börsenblatt 12/2007, als PDF abrufbar), in dem beide Seiten ihre Argumente noch einmal darlegen, den Schwerpunkt aber auf die konstruktive gemeinsame Suche nach Lösungen legen. Dennoch bleibt Nikolaus Hansen bei seiner Ansicht, Übersetzer könnten nicht sowohl garantierte (und angemessene) Grundhonorare UND eine Umsatzbeteiligung fordern, und Frank Heibert betont, dass es eine kostenneutrale Lösung für die Verlage - wie das sogenannte Münchner Modell sie darstelle - nicht geben werde. Einig sind sich die Gesprächspartner in ihrer Betonung des Urheberstatus' der Übersetzer und darin, dass sie den zeitweisen Rückgang von Übersetzungen auf dem deutschen Buchmarkt nicht auf die finanziellen Forderungen der Übersetzer zurückführen.