Helmut Frielinghaus

Rede anlässlich der Verleihung des Paul-Scheerbart-Preises auf der Frankfurter Buchmesse 2011


Liebe Freunde, liebe Juroren,

Ich freue mich. Natürlich weiss ich nicht, ob ich diesen schönen Preis verdient habe, aber ich freue mich, dass die Juroren ihn mir zugesprochen haben. Etwas traurig bin ich, dass ich bei der Verleihung nicht dabei sein kann, aber ich freue mich und sage denen, die sich um das Wohl der Stiftung kümmern, den Juroren und der im Hintergrund wirkenden Stiftungssekretärin Ernestine von Salomon: Vielen Dank.

Sehr gern würde ich den Preis mit zwei Menschen teilen: Zum einen mit Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt. Ledig und ich sind gute Freunde gewesen und haben 15 Jahre lang zusammengearbeitet, teils in schwierigen Zeiten. Unsere Freundschaft beruhte zu einem gut Teil auf unserer Zuneigung zur Sprache. Auch HMLR hat übersetzt, Theaterstücke, Prosa und Gedichte, Gedichte von John Updike.

Und ich würde den Preis gern mit meiner Freundin und Lebensgefährtin teilen, der Übersetzerin Susanne Höbel. Wir haben viele Bücher zusammen übersetzt, darunter Faulkners „Licht im August“. Und die letzten Gedichte von John Updike. Susanne hat überdies Anteil an allen Übersetzungen, die ich allein gemacht habe.

Ich habe großes Glück: trotz meiner Krankheit ist es mir gelungen, dass ich im August eine große und schwierige Arbeit abschließen konnte: Gedichte von Raymond Carver, ein ganzes Buch, das den schönen Titel „A New Path To The Waterfall“ trägt. Susanne hat mich oft ermuntert und gemahnt weiterzumachen und hat mir, unter anderem mit der kritischen Durchsicht der Übersetzung, mehr geholfen, als ich beschreiben kann. Das Buch soll im Herbst 2012 erscheinen, ein gutes Gefühl für den Übersetzer.

Gedichte – wer Gedichte übersetzen will, muss ein feines Ohr haben. Es geht darum, der Melodie und den Sprachbewegungen des Autors nachzuspüren. Viele von Carvers Gedichten sind charakteristische amerikanische Erzählgedichte. Carver verlässt sich auf die Alltagssprache, die gesprochene Sprache. Da ist nichts Experimentelles und nie etwas Künstliches. Aber das, was „ganz normal“ zu klingen scheint, ist für den Übersetzer alles andere als einfach: er muss auf Kürze, auf den Ton, auf die Melodie und den Rhythmus der Sprache achten, und er muss mit der deutschen Syntax darauf reagieren. Winzige Umstellungen einzelner Wörter oder einzelner Satzteile können die Musik zum Vorschein bringen.

Und noch etwas: Die Übersetzung eines Gedichts ist eigentlich nie fertig. Man muss immer wieder lesen, horchen, probieren, und man wird oft noch Winzigkeiten verbessern oder zurückverbessern. Das hat mit der Größe oder Würde des Gedichts zu tun, dem die Übersetzung Immer noch näher zu kommen versucht. Ein schwieriges und schönes Spiel. Wenn die Übersetzung dann aber gedruckt ist, gewinnt das Gedicht auch in der Sprache des Übersetzers etwas Unantastbares. Und manchmal überkommt den Übersetzer ein Glücksgefühl.

Den hier anwesenden amerikanischen Freunden und Gästen möchte ich gern sagen, dass ich sieben glückliche Jahre in New York gelebt und gearbeitet habe, auch am 11. September 2001. Ich wäre gern ein New Yorker geworden. Allen Freunden möchte ich sagen, dass ich viele von ihnen vor mir sehe und gern mit ihnen allen an einem riesigen runden Tisch säße.

Ich habe ein kleines Gedicht von Carver ausgesucht, das aus meiner Sicht hierher passt, auch zu mir passt. Es hat eine traurige Note, aber zugleich einen heiteren Unterton, der mir Spaß macht:

 

The Young Girls


Forget all experiences involving wincing.

And anything to do with chamber music.

Museums on rainy Sunday afternoons, etcetera.

The old masters. All that.

Forget the young girls. Try and forget them.

The young girls. And all that.



Die jungen Mädchen


Vergiss alle Erfahrungen, bei denen du zusammenzuckst.

Und alles, was mit Kammermusik zu tun hat.

Museen an Regensonntagnachmittagen, et cetera.

Die alten Meister. All das.

Vergiss die jungen Mädchen. Versuch’s, vergiss sie.

Die jungen Mädchen. Und all das.