Noch eine Gegenrechnung (zu Barbara Kleiner)

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Leserbrief Friedrich Griese

[An die Redaktion der SZ:]

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Beitrag von Barbara Kleiner („Eine Gegenrechnung“, SZ vom 15.2.2007) beleuchtet die Situation einer Übersetzerin, die sich zwei Jahre lang der Neuübersetzung eines italienischen Romans aus dem 19. Jahrhundert gewidmet hat.

Das gibt mir Anlaß, unter ähnlichem Gesichtspunkt die in der öffentlichen Diskussion vernachlässigte Rolle der Sachbuchübersetzer zu beleuchten, zu denen ich mich zähle. Sie müssen genau wie die Belletristik-Übersetzer für ihr Werk eine gute sprachliche Form finden, einen „lesbaren“ Text herstellen. Das wird ihnen oft nicht leicht gemacht. Sachbuchautoren sind nicht immer elegante Stilisten. „Gutes Deutsch“ ist das A und O eines Sachbuchs, das am Markt reüssieren soll.

Daneben müssen Sachbuchübersetzer aber auch etwas von der Sache verstehen. Sie müssen sich, auch wenn sie die notwendigen Vorkenntnisse besitzen, um sich überhaupt an ein bestimmtes Thema zu trauen, durch umfangreiche und zeitraubende Lektüre in die Besonderheiten der Sache und der vom Autor benutzten Terminologie einarbeiten. Das kann, bevor auch nur eine Zeile übersetzt ist, etliche Wochen in Anspruch nehmen.

Sachbücher werden oft kurzfristig am amerikanischen Markt eingekauft und für den nächstmöglichen Erscheinungstermin eingeplant. Zwei Jahre wie bei Barbara Kleiners „Bekenntnissen eines Italieners“ sind hier undenkbar. Es entsteht ein enormer Zeitdruck. So kann es geschehen, daß man einen Text von 710 Normseiten über den tibetischen Buddhismus in einem halben Jahr zu liefern hat, ohne Rücksicht darauf, daß die Einarbeitung (was man in der Industrie „Rüstzeit“ nennt) schon acht Wochen kostet. Gesetzliche Feiertage und viele Sonntage werden der Arbeit geopfert, an Urlaub ist nicht zu denken, und es ist ausgeschlossen, daß man „sich mal einen Schnupfen nimmt“. Im Endeffekt leistet man in einem halben Jahr ebenso viele Stunden ab wie ein Tarifangestellter in 9,2 Monaten.

Wenn dann (bei einem Seitenhonorar von 19 Euro) ein Honorar von 13.490 Euro zusammenkommt, könnte ein Ahnungsloser die Milchmädchenrechnung aufmachen: Das in einem halben Jahr erwirtschaftet, ergibt doch ein monatliches „Einkommen“ von 2248 Euro. Nicht üppig, aber auch kein Grund zum Jammern.

In Wirklichkeit steckt hinter diesem Honorar aber, wie gesagt, die Arbeit von 9,2 Monaten. Der Erlös pro Monat reduziert sich auf 1466 Euro. Zieht man nur 30 Prozent Betriebsausgaben ab, landet man bei einem (dem Bruttoeinkommen eines Angestellten entsprechenden) Gewinn von 1026 Euro.

Das ist noch nicht alles. Ein freiberuflicher Übersetzer muß sich in seiner Arbeitszeit mit vielen Dingen befassen, die kein Geld einbringen: Archiv, Auftragsakquise, Kontatkpflege, allgemeines Informationssammeln (ausländische Literaturzeitschriften und Zeitungen lesen), Buchführung, Einkauf, Fahrten zur Bibliothek, Büroreinigung usw. Fachleute veranschlagen dafür ein Fünftel der Arbeitszeit.

Diese notwendige, aber unbezahlte Arbeit wurde in dem halben Jahr, das ich an dem Buch über den Buddhismus gearbeitet habe, bis aufs wöchentliche Büroputzen auf die Zeit hinterher verschoben. Das berücksichtigt, reduziert sich das monatliche Einkommen auf 820 Euro, etwas mehr als ein Drittel dessen, was das Milchmädchen sich als „Einkommen“ ausgerechnet hat.

Friedrich Griese
16.02.2007

Kurz-Biographie Friedrich Griese

Friedrich Griese
Der Verfasser lebt im Odenwald und übersetzte Nobelpreisträger wie Jacques Monod, François Jacob, Steven Weinberg, Leon Lederman, John C. Eccles, George Smoot, Ilya Prigogine, Gerald Edelman und Francis Crick und andere renommierte Autoren wie Stanislaw Lem, Leszek Kolakowski, Bronislaw Geremek, Raymond Aron und Karl R. Popper aus dem Englischen, Französischen und Polnischen. Letztes Jahr erschienen zwei belletristische Übersetzungen von ihm: Wojciech Kuczok, Im Kreis der Gespenster, Suhrkamp, und Tadeusz Borowski; Bei uns in Auschwitz, Schöffling.

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