Swetlana Geier über das Übersetzen
(Aus der Tonaufnahme eines Gesprächs mit Pieke Biermann am 15. Februar 1987)


"Nase hoch beim Übersetzen!" - Fräulein Freymann

Aus Anstand und aus Dankbarkeit müßte ich jede Überlegung über das Übersetzen mit meiner Deutschlehrerin anfangen. Das war eine Brombergerin, die ein unüberhörbares ostdeutsches R rollte. Sie hieß Claudia Georgina Freymann. Eine große kräftige Person, eine typische "alte Jungfer" mit einem dichten Bart. Die Stunden bei ihr waren unglaublich regelmäßig und pedantisch eingeteilt. Und erst sehr viel später, als ich selber angefangen habe, zu übersetzen und zu unterrichten, habe ich verstanden, wie fabelhaft ihr Prinzip war. Und das ging so: Zuerst mußte ich etwas Auswendiggelerntes aufsagen, einen Abschnitt, ein Gedicht. Dann las man ein Stück was weiß ich - Maria Stuart. Dann kam das deutsche Adjektiv. Es wird schwach dekliniert, wenn und so weiter. Und vor allem hat es in allen Formen Ausnahmen.

Und dann kam das Übersetzen. Das war besonders schrecklich. Denn wenn wir anfingen, hieß der erste Satz und der dritte und der sechste und der neunte und so weiter: NASE HOCH BEIM ÜBERSETZEN! Was das bedeutete? Sie wollte, daß wir beim Übersetzen nicht mit der Nase über dem Text hingen und sozusagen linear, von links nach rechts, den Text erleben, vom großen Anfangsbuchstaben bis zum abschließenden Punkt. Sondern der Satz sollte im Gedächtnis sein, ich sollte eine ganz deutliche Vorstellung von ihm haben. Und diese Vorstellung sollte in die Zielsprache, also ins Deutsche, angemessen übersetzt werden.

Die Frau war ganz gewiß nicht in der Lage, abstrakt darüber nachzudenken. Für sie war das ein vielleicht angelernter, übernommener Grundsatz. Oder vielleicht eine Vorstellung aus ihrer ungeheuren Redlichkeit heraus, die in allen Dingen zum Ausdruck kam. Ich bin ganz sicher, sie war nicht sprachwissenschaftlicher oder gar sprachphilosophischer Natur. Aber es ist ein phantastischer Vorsatz, und jedesmal, wenn ich einen Studentenkreis habe, den ich über die Methoden des Übersetzens unterrichte, zitiere ich Fräulein Freymann.

Und das, was sie für einen einzigen Satz meinte, gilt eigentlich für jeden Text, wie groß der auch sein mag. Im Grunde kann man Übersetzen nur vom Allgemeinen, vom Ganzen aus verstehen. Es ist also niemals ein "Ziegelsteine-Übereinandersetzen".


Wie alles anfing...

Ich habe angefangen zu übersetzen, ohne je daran zu denken, es könnte ein Beruf dahinter sein oder überhaupt eine regelmäßige Beschäftigung, als mein Sohn laufen konnte und ich mit beiden Kindern spazierengehen mußte.

Auf diese Spaziergänge habe ich oft einen Text mitgenommen, und ich habe mich hingesetzt und mich ein bißchen damit beschäftigt. Ohne zu schreiben. Denn sobald ich ein bißchen von den Kindern freigekommen bin, also nicht mein ganzes Tun und Trachten nur auf sie gerichtet war, kehrte ich zu meiner alten Frage zurück, die mich schon immer bewegt hatte - auch zu einer Zeit, als ich sie noch gar nicht verbalisieren konnte: Was geschieht eigentlich beim Transport der Sprache aus einer in die andere? Wie sind die Verluste?

Das Wichtigste bei einer Ausbildung von Übersetzern ist die Sensibilität und die Aufmerksamkeit der eigenen Sprache gegenüber. Und die Feststellung, daß man überhaupt in den seltensten Fällen genau das sagen kann, was man sagen will - in welcher Sprache auch immer. Und daß es beinah nie passiert, daß der andere auch noch genau das versteht, was man gesagt hat. Das sind elementare Gesetze der Sprache. Und die werden natürlich aktualisiert, wenn man eine andere Sprache lernt.


Nachdenken über Texte

Eine meiner fundamentalen Erkenntnisse oder Erfahrungen, das aufregendste Abenteuer, war die Einsicht - über die viele Dichter sprechen, gerade Lyriker -, daß zwischen dem Moment der Intuition und dem Festgehaltenen auf dem Papier ein unglaublicher Unterschied besteht. Das, was auf dem Papier steht, erinnert eigentlich nur in etwa an das, was sie im Augenblick der Konzeption eines poetischen Gedankens, eines poetischen Bildes erleben.

Es gibt einen großen russischen Lyriker dieses Jahrhunderts namens Alexander Blok, der meint, der Moment der Inspiration ist ein ungeheures Farb- und Ton-Erlebnis, und nachher steht man beinah angewidert, auf jeden Fall erschrocken einer "Puppe im Glassarg" gegenüber. Das ist für ihn das Gedicht. Ein unglaubliches Bild.

Das hat mich sehr umgetrieben. Und als ich praktisch zwei Muttersprachen hatte (Russisch und Deutsch), fragte ich mich wieder danach: Was bleibt immer draußen? Was kann man nicht hinüberretten? Laut Blok entweicht das ganze Leben.

Das möchte ich nun aber unserer Zunft nicht in die Schuhe schieben, daß wir am Ende nur noch die toten Raupen vor uns haben! Aber natürlich, der Verlust ist immens. Besonders in der Lyrik.

Im Moment, nachdem ich mich wieder verstärkt mit Puschkin beschäftigt habe, glaube ich, Lyrik ist unübersetzbar. Es können nur gleichbedeutende Gedichte geschaffen werden, die in etwa an das Original-Gedicht erinnern. Ich habe nie Lyrik übersetzt.

Ich schreibe wenig. Ich komme nicht dazu. Ich könnte mehr schreiben. Ich habe eine ganze Reihe Essays zum Verständnis des Werkes jeweils geschrieben. Dostojewski vor allem. Wenn man gezwungen ist, Leuten immer wieder etwas beizubringen, kann man das auch auf dem Papier. Literaturtheoretisches.


Vom Glück, das(s) man nicht lernen kann

Ich habe nicht mit Menschen gesprochen, die eine Übersetzerausbildung absolviert haben, aber ich glaube eher, daß für literarisches Übersetzen jeder sich seine Art zusammenexperimentieren muß. Wenn man eine Einstellung dazu hat, dann muß man die auch finden. Die kann man nicht lernen. Ich bin ausschließlich literarische Übersetzerin.

Ich habe Glück gehabt. Ich habe in meinem Leben noch nie jemanden übersetzt, der mich nicht interessierte. Und das ist großes Glück. Sicher, ich nehme nicht alles. Aber der Umstand, daß man nicht alles zu nehmen braucht, ist ja auch schon eine Gnade. Ich muß gestehen, ich versüße mir das Leben dadurch, daß ich einfach sehr vieles als Geschenk empfinde. Man kann nicht alles verdienen oder bewirken. Ich glaube schon, daß man positive Komponenten, wohlwollende Komponenten im weitesten Sinne um sich herum finden sollte. Das nenne ich Glück. Vielleicht ist das eine schützende Fiktion, aber sie hilft mir.

Ganz besonderes Glück ist unter den modernen mein Lieblingsautor, und ich halte ihn auch für den interessantesten lebenden russischen Autor - Abram Terz/Andrej Sinjawski.


Wie Belyj zu mir kam, oder: Russische Literatur hört nicht mit Blok auf!

Ich hatte bei meiner Beschäftigung mit der Literatur gewisse Hypothesen entwickelt. Ich glaube, daß der Beginn des 20. Jahrhunderts in Rußland mit die interessanteste Zeit war. In Rußland als einem Teil Europas, wenn man es ganz kurz sagen will. Wesentliche Komponenten der deutschen idealistischen und romantischen Philosophie und der deutschen Romantik - nicht als literarische Schule, sondern als Lebenshaltung - sind damals in Rußland zum Blühen gekommen. Unter dem Namen "russischer Symbolismus" (man muß diesen Begriff in Anführungszeichen setzen). Und diese produktive und schöpferische Assimilation ging bis Anfang der 20er Jahre, über Krieg und Revolution hinaus. Wobei die Revolution am Anfang ungeheuer zupaß kam - es ging ja um eine Revolution. Allerdings nicht auf sozialem oder politischem Gebiet. Es ging um die Revolutionierung des menschlichen Bewußtseins.

Mit dem Tod von Alexander Blok (1921) hörte diese Entwicklung auf. Es gab dann eigentlich bald nur noch die offiziöse, repräsentative Kunst des sozialistischen Realismus. Und ich habe immer vermutet: Da muß eine Fortsetzung sein! So etwas kann nicht einfach aufhören. Ich hatte sogar eine kleine Zeichnung gemacht, und zwischen Anfang 1920 und heute bewegte sich nur eine punktierte Linie. Es war eben nichts wahrzunehmen. Aber die Impulse waren so wesentlich, und sie entsprachen so sehr den Grundstrukturen des russischen Denkens, daß mir ganz klar war: So etwas muß es geben!

Und dann war sehr interessant, daß sich zwischen 1900 und 1930 fast ausnahmslos alle russischen Künstler mit der Anthroposophie von Rudolf Steiner auseinandergesetzt haben. Besonders dramatisch ein bedeutender Prosaiker und Lyriker, der Wortführer dieses "neuen Rußland", Andrej Belyj. Der hat sich Steiner zugewandt, und hysterisch und dramatisch wie er war, dann wieder abgewandt...

Und ich mit meinem angeborenen Mißtrauen wissenschaftlichen Publikationen gegenüber habe sehr daran gezweifelt. Und eines Tages bekam ich ein Paket. Ich habe mir das angesehen. Es war ein unveröffentlichtes Manuskript von Belyj aus den 30er Jahren, kurz vor seinem Tod geschrieben. Er hat darin einen Überblick geliefert über die Beziehungen der geistigen russischen Revolution und Rudolf Steiners. Das Buch ist weitschweifig, man merkt, daß es unter ungeheurer Pression geschrieben ist. Der Mann wollte, bevor er verhaftet wird oder stirbt oder beides, etwas in Ordnung bringen.

Und das war ganz interessant. Da kam etwas, womit ich gerechnet hatte, auf abenteuerlichen Wegen auf meinen Schreibtisch. Von selbst.


Wie ich zu Terz kam, oder: Man kann Schriftsteller ausrechnen...

Auf dieselbe Weise bekam ich eines Tages ein Manuskript von Terz. Und auch der ist jemand, den ich mir sozusagen "ausgerechnet" habe. Bei dem mir deutlich war: Den muß es geben. Und der stellt sich auch ganz bewußt in die Nachfolge der deutschen Romantik in Rußland.

Als ich sein erstes Buch zu Ende hatte, setzte ich mich nachts in den Zug und fuhr nach Paris, wo er lebt. Wir haben gefrühstückt, und ich war nachmittags wieder zu Hause in Freiburg. Ich mußte diesen Mann sehen. Ich brauchte ihn sozusagen - er war die lebendige Bestätigung einer meiner Ideen.

Inzwischen verweisen sowohl er als auch seine Frau manche Leute bei Fragen an seine deutsche Übersetzerin. Ich bin bei ihm geblieben. Wir verstehen uns ganz vorzüglich.


Ein Leben zwischen zwei Sprachen

Meine emotionale Sprache ist Russisch, und das wird mindestens solange so bleiben, wie meine Mutter bei mir lebt. Ich sage nicht auf Deutsch: "Verdammt nochmal, jetzt ist dir die Milch angebrannt!" Das kommt auf Russisch.

Ich bin Lektorin für Russisch an der Freiburger Universität. In Karlsruhe habe ich einen Lehrauftrag. Das nehme ich ernst, und ich arbeite doch wohl mit einigem Erfolg an der Uni. Für den Puschkin-Abend neulich sind Studenten, die ich vor 25 Jahren ausgebildet hatte, gekommen. Und die haben sich alle eingesetzt, hatten rasendes Lampenfieber. Und alles ohne Schein.

Ich kann gar nicht genau sagen, wie sich meine Zeit zwischen Übersetzen und Lehren aufteilt. Ich mache ja an der Uni keine Schuhe - das geht ja auch Hand in Hand. Ich beschäftige mich auch da mit den gleichen Problemen - wenn auch nicht unbedingt mit denselben Texten.

Der Blick, der ständig auf die Sprache gerichtet ist - das ist vielleicht der Nenner, auf dem mein Leben ruht. Mir fällt zum Beispiel mitten in einer Unterhaltung mit meiner Mutter beim Einkaufen auf dem Freiburger Wochenmarkt irgendeine Lösung für ein Übersetzungsproblem ein. Plötzlich fällt's einem ein.


Wer übersetzt, wird unterschätzt

Frauen werden vor allem in Sprachen ausgebildet, beziehungsweise in Geisteswissenschaften. Das muß noch immer der alte Aberglaube sein, daß die höheren Töchter Literatur und Kunstgeschichte studieren müssen. Es gilt doch immer noch - obwohl es nicht mehr so viele höhere Töchter gibt -, daß Mathematik schwer ist, Sprachen dagegen leicht.

Es ist ein so fundamentaler Fehler! Und es ist abzusehen, daß die Welt im Begriff ist, diesen Fehler teuer zu bezahlen. So vieles, was uns heute bedroht, hängt damit zusammen, daß die Leute meinen, Denken und Sprechen sei leicht, aber Rechnen sei schwer. Ein intelligenter Mensch studiert Mathematik und Informatik und Elektronik und Nachrichtentechnik, und was weiß ich was. Und die netten Mädchen, die gern ein schönes Buch lesen, studieren Philologie. Und leider ist die Universität so eingerichtet, daß man mit dieser Einstellung Examen machen kann.

Dabei kommen dann solche Damen heraus, die glauben, du kannst Englisch oder Französisch, du könntest dir ein bißchen Geld dazuverdienen - werd Übersetzerin! Die können sich nicht vorstellen, dass das eine ganz harte, erbarmungslose Arbeit ist, die Konsequenz, Überblick, Gedächtnis und was weiß ich alles verlangt. Die machen das dann vielleicht nur einmal, aber es gibt immer wieder neue.


© 1987.02.15 Pieke Biermann