Dr. Inge Leipold
(17. August 1946 – 18. August 2010)
„Aus dem Amerikanischen von Inge Leipold“ – ihr letztes für den Piper Verlag übersetztes Buch hat sie nicht mehr auspacken und durchblättern können: Michio Kaku, Einsteins Würfel oder Die Revolution von Raum und Zeit.
So ganz glücklich war sie mit diesem Buch wohl nicht, sie hatte den Auftrag dennoch angenommen, weil sie gern Bücher übersetzte, die mit naturwissenschaftlichen Themen zu tun hatten. Da das Piper-Lektorat ihr einen großzügigen Zeitrahmen gegeben hatte, konnte sie den Text abschließen, obwohl sie immer wieder Pausen einlegen musste.
Wann unsere Zusammenarbeit begonnen hat, kann ich nicht genau sagen. Mehr als 25 Jahre wird es wohl zurückliegen, dass Inge Leipold nach ihrer Zeit als Lektorin im Schneekluth Verlag beim Piper-Lektorat nach Aufträgen als freie Lektorin und Übersetzerin fragte. Bestimmt aber war ich der erste Ansprechpartner im Wissenschafts- und Sachbuch-Lektorat in der Münchner Georgenstraße. Da sie in der Nähe wohnte, haben wir uns zum Kennenlernen getroffen und Buch-Erfahrungen ausgetauscht. Nachdem sie erste Aufträge bekommen hatte, sahen wir uns ziemlich regelmäßig. Wenn sie in den Verlag kam, trug sie oft einen großen schwarzen Hut. Sie war gebildet, kompetent, breit interessiert, neugierig, sicher im Urteil – und sie hatte Humor und konnte herrlich lachen. Manchmal sehr ernsthaft, manchmal auch ganz locker habe ich mit ihr über naturwissenschaftliche Themen, über klassische Musik und Ausstellungen, über Krimis und Hitchcock-Filme geredet. Das passierte meist bei einer großen Kanne Tee, bei einfachen Keksen oder Shortbread in ihrer Wohnung in der Türkenstraße. Für mich lag das auf dem Weg zu den abendlichen Chorproben in der Musikhochschule. Die Teestunde verging, ohne dass wir es merkten. Wir lachten viel, konnten uns gegenseitig auf den Arm nehmen.
Sie erzählte, woran sie gerade arbeitete, von Problemen mit dem Computer, gesundheitlichem Ärger oder einer CD, die sie vor Kurzem im Nebenhaus bei Zweitausendeins gesehen und gekauft hatte. Oder sie informierte mich über einen geplanten Aufenthalt in einem Übersetzerzentrum. Ins Übersetzer-Kollegium nach Straelen zog sie sich häufig zurück, sie war dort gern gesehen. Auch Zentren in der Schweiz und in Irland hat sie besucht. Von dort kamen dann skurrile Postkarten. Fuhr sie nach Irland, bot sie mir an, Bücher oder Tee mitzubringen. Sie wusste, dass ich meist Wünsche hatte, obwohl ich selbst oft in Irland bin. Wir tauschten unsere irischen Erfahrungen aus. Sie traf dort auch ihre Autoren – wie Gemma O’Connor oder Brendan Graham.
Natürlich fragte sie beim Tee immer auch nach dem Verlag und den Lektoren – und nach Aufträgen. Sie muss oft gefragt haben, denn sie hat für Piper viel aus dem Englischen, Amerikanischen und Französischen übersetzt – ob Romane, Biografien oder Sachbücher zu Themen aus Naturwissenschaften, Medizin, Geschichte, Politik oder Musik. Auch nach vielen Jahren schwärmte sie von manchen „ihrer“ Büchern und Autoren, so von der Biografie der Liselotte von der Pfalz (Dirk Van der Cruysse), auch von Yehudi Menuhin oder vom großen US-Physiker Richard P. Feynman. Dass sie mit Sprache umgehen konnte, versteht sich von selbst. Bei redaktionellen Eingriffen in ihre Übersetzungstexte war sie geduldig, zugleich aber selbstbewusst genug, immer wieder auch ihre Version mit guten Argumenten durchzusetzen. Notfalls lud sie die Redakteurin oder den Redakteur zum Tee, um die Dinge zu klären. In sehr wenigen Fällen spielte ich den Vermittler. Richtig gekracht haben wir uns nie, manchmal musste ich Termine anmahnen, wenn sie sich zu viel aufgepackt hatte oder nicht gesund war. Einmal hat sie unter Zeitdruck ein Buch übersetzt, in dem das Schicksal einer Haarlocke Beethovens bis in unsere Zeit erzählt wurde. Da fand ich dann am Morgen im Verlag Mails mit Textanhängen vor. Sie hatte die Mails mitten in der Nacht abgeschickt und mit „Ihre Locke“ gezeichnet. Selbst der strenge Hersteller, der auf das Manuskript warten musste, lächelte dann und gab dem Lektorat und damit ihr etwas mehr Zeit. Beim Löschen alter Mails fand ich eine Leipold-Mail vom März 2006, abgeschickt um 2.51 in der Nacht und überschrieben: „Einen schönen guten Morgen wünsche ich, werter Maestro“. Am Ende dann so etwas wie „Die etwas zerrupfte Fledermaus“. Sie müsse jetzt endlich spülen und bügeln.
Ging es um Fachliches, so konnte ich sicher sein, dass sie sich gekümmert hatte. Bei Feynman oder anderen Physikern etwa las ein befreundeter Max-Planck-Physiker für sie kritisch mit. In anderen Fällen nützte sie ihre guten Kontakte zur nahegelegenen Bayerischen Staatsbibliothek, an der sie einige Jahre in einem Forschungsprojekt tätig gewesen war. Wir haben bei über 20 von ihr übersetzten Büchern zusammengearbeitet. Fast ebenso viele hat sie für andere Piper-Lektoren übersetzt.
Dass sie sehr schwer krank war, erfuhr ich von ihr erst vor einigen Monaten, als sie mich privat anrief. Meine junge Kollegin Katharina Wulffius – sie hatte meine Piper-Projekte übernommen, Inge und sie mochten sich – und ich fuhren im Juni in eine Spezialklinik nach Oberaudorf, um sie zu besuchen. Die Berge, die sie vom Zimmer aus sehen konnte, waren ihr ein Ärgernis. Wir ahnten, dass es ihr sehr schlecht ging. Sie sei eine Kämpferin, sagte sie. Wir redeten natürlich über Bücher, über den Verlag, tranken Tee, sie war vergnügt – fast wie immer. Und sie freute sich über unseren Besuch, das mitgebrachte Obst und die erbetenen Bücher. Dann besuchte ich sie Mitte August noch einmal in einem Hospiz. Eine befreundete Übersetzerin war für drei Tage nach München gekommen, um sich um sie zu kümmern, und saß bei ihr. Wir sprachen über Vieles, über ihren Optimismus, wieder an die Arbeit gehen zu können, über geplante Therapien – und wir lachten über alle möglichen Sachen, so über die Fotos von meinen Enkeln. Das war zwei Tage vor ihrem Geburtstag, den sie nur um einen Tag überlebt hat.
Ich bin froh darüber, dass ich Inge Leipold noch einmal gesehen habe. Sie war für mich über viele Jahre eine kluge, fachlich exzellente, ironisch-vergnügte und liebenswürdige Kollegin. Sie wird den vielen Menschen, mit denen sie umging, und sie wird mir als ein besonderer Mensch in Erinnerung bleiben.
Klaus StadlerGräfelfing, im September 2010