Im Gehäuse
Zum Gedenken an Swetlana Geier
Im Mai 2001 hatte der Leipziger Übersetzerverein Die Fähre Swetlana Geier zu Vortrag und Gespräch über ihre Dostojewski-Neuübersetzungen eingeladen. Viel Hoffnungen, dass sie die Einladung annehmen würde, machten wir uns damals nicht – fünfhundert Kilometer Eisenbahnfahrt für einen Auftritt vor zwei Dutzend Interessierten, das darf als Zumutung gelten, wenn eine über die Siebzig ist. Frau Geier sagte zu, ohne zu zögern. Und dann geschah die banale kleine Katastrophe: Das Literaturhaus hatte zeitgleich eine andere Veranstaltung gebucht; im großen Saal nebenan, hinter einer mobilen Leichtbauwand, wurde finnischer Tango mit M.A. Numminen präsentiert. Verschlepptes Gurgeln in Moll, permanente Lachsalven – als Hintergrund für einen Dostojewski-Vortrag? Wir wären vor der Geier am liebsten in den Boden versunken. Immerhin füllte sich der kleine Raum, nervöses Summen und Scharren; gerade wollte der Moderator sich ermannen, den Gast auf die Bühne zu geleiten und zur Begrüßung nebst Huldigung und Entschuldigung anzusetzen, da begann in seinem Rücken eine helle, nicht sehr laute, eindringliche Stimme zu sprechen. Frau Geier stand, leicht gebeugt, die Hände gelassen ineinandergelegt, unterhalb der Bühne vor der ersten Reihe und hatte ihren Vortrag begonnen. Der Raum war schlagartig still, von schier überirdischer Spannung und Konzentration erfüllt. Sie sprach flüssig und frei. Als sie zu Ende kam, waren fünfzig Minuten vorüber, wir erwachten wie aus einer Trance. Ob sie den neben ihr rumpelnden finnischen Tango bemerkt, ob er überhaupt noch zu hören gewesen war, ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.
Kaum ein Übersetzer-Werk erscheint, zumal in der Rückschau, so untrennbar von der Persönlichkeit wie dieses. Anders gesagt: Swetlana Geier schien zum Übersetzen geboren, geradezu eine Inkarnation. Ein gut Teil Suggestion mochte diesen Eindruck stützen, hat sie es doch selbst im Gespräch immer wieder meisterlich verstanden, mit dem Übersetzen ihr Leben zu erklären und umgekehrt – wovon Interviewer und Porträtisten (Lerke von Saalfeld, Teja Gut, Uta Beiküfner, auch wir vor Jahren beim Drehen unserer Spurwechsel-Dokumentation und schließlich Vadim Jendreyko, dessen Film Die Frau mit den fünf Elefanten, ein erstaunlicher Erfolg, Swetlana Geier zuletzt berühmt machte), ebenso fasziniert waren wie Leser und Publikum.
Demgemäß war nicht der Fährmann für sie das treffende, sprechende Bild vom Übersetzer, sondern Hieronymus im Gehäuse. Die eigene Präsenz im Text sei kein Mangel, sondern ein Merkmal, betonte sie; man übersetze stets und ausschließlich im Rahmen seiner biographischen Gegebenheiten.
In dieser Konstellation ergab es sich und war dann nur folgerichtig, dass sie – entgegen allen Gepflogenheiten – aus ihrer Muttersprache in die übersetzte, die die fremdere für sie hätte sein müssen (wie übrigens ein halbes Jahrhundert zuvor der russisch-jüdische Kollege Alexander Eliasberg, den die Geier sehr geschätzt hat; eine große Radierung seines Sohnes Paul hängt in der Wohnstube in Günterstal). So wie sie, den Zeitläuften zum Trotz, der Logik der Geschichte zuwider, 1943 von Russland nach Deutschland kam.
Folgt man der aufgeklärten Sicht der Gegenwart und ihren Generalisierungen, muss dieses biographische Kapitel irritieren. Doch man sollte schon ein wenig näher hinschauen, um die Verwerfungslinien nachzuvollziehen, die zur Paradoxie führten. (Aus der sich Geschichte bekanntlich am besten erschließt.)
Ergriffen von der deutschen Sprache und Kultur in frühester Jugend (begonnen hat es mit Schillers Tell: Mit dem Pfeil, dem Bogen / Durch Gebirg und Tal,/ Kommt der Schütz gezogen /Früh im Morgenstrahl, das lernte sie noch vor der Einschulung; es folgten ein Koffer mit Courts-Mahler etc. auf der Datscha und das Regal mit deutscher Literatur des 19. Jahrhunderts beim Nachbarn, Mathematikprofessor Boris Bukrejew, Helmholtz-Schüler und Experte in nichteuklidischer Geometrie, das sie von links oben nach rechts unten durchlas), dem eigenen Land verheerend entfremdet (die russische Bauernschaft ausgemerzt, der Vater unschuldig ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und zu Tode gebracht wie Tausende andere), so in die Lage gekommen, den deutschen Okkupanten mit Hoffnung entgegenzusehen. Wozu es der Naivität der 19jährigen nicht bedurft hätte (mit den Rittern ihrer Kindheitsträume im Kopf, denen manche Offiziere zum Verwechseln ähnlich sahen und sich anfangs wohl auch so gebärdeten), denn die Mutter, die mit der sowjetischen Diktatur abgeschlossen hatte, war zum Bleiben entschlossen – wenn nicht einmal die Juden der Nachbarschaft das Weite suchten … Da war Babyn Jar gerade noch eine stille, grüne Senke vor den Toren ihrer Heimatstadt Kiew.
Mit Swetlanas Anstellung als Dolmetscherin bei einer deutschen Firma (Brückenbau! – welch schillernde, welch faule Metapher auch dies) hatten die beiden sich ausgeliefert; dem Rückzug der Deutschen mussten sie folgen, andernfalls hätte der NKWD (den sie besser kannten) mit ihnen, den „Kollaborateuren“, kurzen Prozess gemacht. Also Ostarbeiterlager in Dortmund, Gestapo-Verhöre. Alles hätte anders kommen können, doch immer noch säumten Ritter ihren Weg: Kompetenzgerangel im Ostministerium, einzelne Beamte, die die Einmischung der Gestapo nicht hinnehmen wollten und mit „der S.I.“ (das Kürzel findet sich in den Erinnerungen des Grafen Stamati, Abteilungsleiter in Rosenbergs berüchtigter Behörde) ein spätes Exempel ihrer Unabhängigkeit statuieren … So kam ein ukrainisches Mädchen, blond und blauäugig, zu einem Humboldt-Begabtenstipendium und fing in Freiburg zu studieren an.
Swetlana geborene Iwanowa auf ihrem Weg durch Europa im Krieg, gegen den Strom, mutet an wie eine Figur aus dem russischen Märchenbuch, das sie den Deutschen später übersetzte: wie Aljonuschka oder die Zarentochter, die gegen die böse Stiefmutter die Hilfe von sieben verliebten Recken in Anspruch nimmt … Das „Dritte Reich“ war kein Märchen, doch wer maßt sich an, dem Mädchen sein unverschämtes, unverschuldetes Glück vorzuwerfen, die „Flucht nach vorn“? Nennen wir es eine Anwendung der nichteuklidischen Geometrie auf die Geschichte: wenn es zu einer Geraden und einem Punkt außerhalb der Geraden keine Parallele gibt. „Das kann doch alles kein Zufall gewesen sein“, so pflegte die Geier ihre Berichte zu resümieren und sah sich von diesem Fatum zeit ihres Lebens in die Pflicht genommen. Die abzuleisten sie in Freiburg Wurzeln schlug bis zu ihrem Tode – aber nein: „Da, wo ich bin, ist Russland“. Das Gehäuse – eine Enklave. Und da liegen nun, wie der Löwe beim Hl. Hieronymus, zu ihren Füßen die fünf Elefanten.
Übersetzen sei menschlich, insofern es endlich sei, unvollkommen, verlustbehaftet, auf Kompromisse angewiesen. Darin verkörpert die Sehnsucht nach dem unerreichten Ideal. Andererseits eine Form von Bewusstwerdung, eine notwendige Stufe dorthin. „So gesehen, haben die eigentlichen Sünden beim Übersetzen nicht mit ungenügender Sprachkenntnis oder mit der Schwierigkeit des betreffenden Textes zu tun, sondern sie liegen an der Unvollkommenheit des Bewusstseins und an den Trägheitsgesetzen, die sich darin behaupten. Man muss einfach immer dabei sein; mehr ist gar nicht nötig.“
Es ging, wie man sieht, bei Swetlana Geier stets ums Ganze, aber nie bloß ums Prinzip.
Mit dieser Einstellung stand sie den deutschen Romantikern nahe, zitierte gern und oft den Novalis-Satz, dass „am Ende alle Poesie Übersetzung“ sei. Und immer wieder Goethe (schon um Puschkin zu erklären), Schiller (dessen Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen ihr ein Leitfaden waren). „Als gewitzte Übersetzerin schöpft sie das unerschütterliche Fundament der deutschen Klassik aus, um es im Denken der Gegenwart als Ausdruck von Moderne zu beleben“, schrieb Lerke von Saalfeld und hat damit die Geiersche Poetik schön auf den Punkt gebracht.
Swetlana Geiers Übersetzungsmethode ist legendär: Exzessive mentale Vorbereitung bis an die Grenze zum Auswendiglernen, dann Diktat „vom Blatt“ des Originals in die Schreibmaschine der Sekretärin, dann Redaktion der Abschrift über das Ohr, das heißt, während ein Dritter sie ihr vorlas … Hierin ist nicht nur der berühmte Imperativ der alten Kiewer Deutschlehrerin: „Nase hoch beim Übersetzen!“ Technik geworden; die Übersetzungen bergen wohlkalkulierte Spuren mündlichen Sprechens, der Entstehung des Gedankens in der Formulierung, und nicht zuletzt die vitale Hinwendung an ein Gegenüber, Dialogizität, von Bachtin wie von Buber her, wofür Dostojewskis Romane erwiesenermaßen der ideale Gegenstand sind. An manchen Stellen wird die Mündlichkeit in Geiers Übersetzungen so offenbar, dass man sich bei der logischen Betonung des Satzes vertut, wenn man ihn nicht wenigstens stumm vor sich herliest.
Was an ihrem Stil außerdem verblüfft, ist der außerordentliche phraseologische Reichtum, der ja doch nicht aus der „Muttermilch“ zugeflossen ist.
Beim ersten Mal war's die Pflicht des Rezensenten, seither ist es für mich eine wiederkehrende Freude, die Dostojewski-Übersetzungen meiner maßgeblichen Lehrer Hartmut Herboth und Günter Dalitz (Dämonen, Jüngling, Idiot ... die Aufbau-Ausgabe) mit denen von Swetlana Geier zu vergleichen. Zu sehen, wie sie auf gleicher Höhe dahinziehen/-schweben, mal dem einen die geniale Detaillösung gelingt, mal der anderen; ich wüsste nicht zu sagen, welcher insgesamt der Vorzug zu geben wäre, was ich sehe, ist, dass es mehrere gleich gute und angemessene geben kann. Nur in einem scheinen mir Geiers Entwürfe unübertroffen: in der Kunst der Periode, der Architektur des Absatzes, dem, was man eben – ganz unmetaphorisch – als den Atem des Textes wahrzunehmen meint – er ist die entscheidende Qualität ihrer Arbeit, die es tatsächlich ermöglicht, Dostojewski heute neu zu lesen – ein Eindruck, den viele, die es getan und nicht nur darüber geredet haben, teilen.
Apropos: Wenn jemand von den neuen Geierschen Dostojewski-Übersetzungen sonst nichts weiß – eines ist ihm bekannt: Sie ist „die, die die alten Titel ändert“. Hoffart? Allüre?! – Nichts davon. Nur das Wissen darum, was ein Titel ist und bewirkt. Die Summe des Ganzen. Auf das es ankommt. Ihre Argumentationen sind jeweils klar und schlüssig. Ganz abgesehen davon, dass sie mit Verbrechen und Strafe nur zur Version ihres schon erwähnten „Ahnen“ Alexander Eliasberg aus dem Jahr 1924 zurückkehrte.
Dostojewski stand im Zentrum ihres Lebenswerkes als Übersetzerin (erstmals Anfang der 60er, dann systematisch ab Anfang 90er, die „Elefantentour“), doch ist in den über 50 Jahren seit ihrem ersten Buch (Leonid Andrejews Erzählungen von Judas und Lazarus – Swetlana Geier hat es im Wald übersetzt, auf einem Baumstumpf sitzend, während die Kinder spielten) noch etliches mehr entstanden. Ein aufwändiges Projekt, „für die Ewigkeit“, war Afanassjews Volksmärchensammlung, später noch einmal deren kluge kulturologische Ausdeutung durch Andrej Sinjawski (Iwan der Dumme). Außerdem übersetzte sie Solshenizyn (ungern, aber tapfer), noch mehr Sinjawski (mit großer Zuneigung), Platonow (seltsam distanziert, uninspiriert – wohl nicht ihr Autor, nicht ihre Welt), Katajews Kubik (ein kleines Juwel, zum Strahlen gebracht), Tschukowskaja, Ginsburg …
Doch vermute ich – jener Leipziger Begegnung gedenkend –, dass es nicht nur ihre Übersetzungen sind, die bleiben. Denn da sind noch die vielen Kernlein, die sie säte in die Menschen, die ihr in ebenso vielen Jahren Sprachunterricht und Lektüreseminaren unterkamen, in Freiburg, Witten und einmal wöchentlich in Karlsruhe, seit 1964 bis ganz zuletzt. Rührend mitanzusehen, wie regelmäßig nach ihren Lesungen, wo auch immer, erwachsene Leute feierlich auf sie zutraten, um sich nach kürzester Phase des Wiedererkennens von ihr die Haare wuscheln zu lassen. Einem Freund, heute namhafter Osteuropa-Historiker, der in Freiburg Anfang der 80er dabei war, als an Geiers großem Stubentisch Verbrechen und Strafe gelesen wurde, verdanke ich kostbare Einblicke: „Ich erinnere mich an Geiers Insistenz, dass jedem kleinsten Detail bei Dostojewski große Bedeutung zukam, was sie mit einer Szene illustrierte, in der eine Figur einen Knopf vom Mantel verliert, was sie in Bezug zu setzen vermochte zu anderen Stellen, an denen Knöpfe, diese wichtigen Werkzeuge, die unsere zivilisatorische Erscheinung in Form von Mänteln und Jacken zusammenhalten, verloren gehen oder zumindest Element der Beschreibung sind … “ Knöpfe sortieren durfte mit ihr aber nur, wer zuvor die Initiation eines Sprachkurses durchlaufen hatte – mit der Maßgabe, fünf oder sieben Vokabeln pro Tag zu lernen und Puschkin im Chor zu rezitieren, um den Wohlklang seiner Sprache auf der Zunge zu spüren: Schto sa jabloko! Ono / Soku spelogo polno / Tak swesho i tak dushisto / Tak rumjano, solotisto / Budto mjodom nalilos / Widny semetschki naskwos … das Russische als ein duftender, saftiger, honigsüßer rotgoldener Apfel, dessen Kernlein im Gehäuse man zu sehen meint, und die Verse sind aus dem Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken.
Nun sehen wir ihr hinterher.
Andreas Tretner
Giovanni di Paolo Der hl. Hieronymus erscheint dem hl. Augustinus. 1465
Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie