Zum Gedenken an Gisela Perlet


Sie war die Doyenne der deutschen Dänisch-Übersetzer: Gisela Perlet aus Rostock. Wie erst Anfang dieses Jahres bekannt wurde, verstarb sie am Heiligen Abend 2010.

Geboren wurde sie 1942 in Magdeburg, aber ihre Kindheit hat sie in einem malerischen Dorf nicht weit davon verbracht, in Gutenswegen in der Börde. Dort wurde sie im Februar auch bestattet. Das zeugt von Heimatverbundenheit. Sie war mit dem Norden verwurzelt, aber in ihrem Kopf war eine ganze Welt. Sie hatte in Greifswald studiert, von dort kamen die Nordisten der DDR. Lange Jahre war sie Lektorin im Rostocker Hinstorff Verlag gewesen, ihr „wichtigster Lehrer“, wie sie selbst sagte, war der früh verstorbene Kurt Batt, Cheflektor bei Hinstorff, auch ein eingefleischter Norddeutscher. Er hatte bedeutende ostdeutsche Autoren zum Verlag geholt, er war ein Marxist, „dessen Berufung die kritische Literaturanalyse war“. Er war Gisela Perlets Vorbild, aber imitiert hat sie ihn nicht, die aktuelle Literatur interessierte sie weniger, sie übersetzte überwiegend Klassiker. Daß dies keineswegs Sicherheit vor eifrigen Politwächtern garantierte, zeigte sich drei Jahre nach Batts Tod: 1978 wollte sie eine Auswahl aus Kierkegaards Entweder-Oder neu übersetzen und herausgeben, das erfüllte den stellvertretenden Kulturminister der DDR Klaus Höpcke mit großem Unmut. Seine Vorwürfe kann man heute mit einem Lachen quittieren, für Gisela Perlet war es weniger lustig, ihr wurde gekündigt. Künftig mußte sie sich als freie Übersetzerin behaupten.

Sie schrieb auch Essays, aber die Übersetzungen waren ihr Hauptwerk. Gisela Perlet, unter anderem mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis und dem Dänischen Übersetzerpreis (als erste überhaupt) ausgezeichnet, war der lebende Beweis, daß auch Übersetzer ein Werk haben können. Ihre Publikationsliste ist respekteinflößend: unter anderen Søren Kierkegaard, der in jeder Hinsicht anomale, systematische Antisystematiker, Steen Steensen Blicher, der royalistisch-liberale, realistische Aufklärer, Tania Blixen, die adlig-provokante Antirealistin, Herman Bang, der formbewußte, melancholische Dandy, und nicht zuletzt Hans Christian Andersen, immer wieder Andersen, der weltberühmte Märchendichter und – das wird viel zuwenig beachtet – überragende Reiseschriftsteller.

Gisela Perlet hatte die unschätzbare Begabung, ein Schicksal wie das des kleinen Mädchens mit den Schwefelhölzchen anrührend, ja herzzerreißend, aber eben nicht sentimental zu schildern. Andererseits wurde sie nicht prosaischer als nötig. Was sie auszeichnete, war ihr Vermögen, die alten Texte nicht aus ideologischen Gründen nüchtern oder sachlich (und dadurch eben auch geheimnislos) zu machen, sondern ihnen ihren alten Charme zu belassen, ohne einen altfränkischen Ton anzuschlagen. Dank ihrer Kunst gehören uns diese alten Texte wieder, ohne wiederum der Zeit, aus der sie stammen, gänzlich weggenommen worden zu sein. Ihre Übersetzung von den siebzig wichtigsten Andersen-Märchen, 1996 bei Diederichs erschienen, ist noch heute die beste überhaupt. 2000 gab sie dann eine treffsichere Auswahl seiner Tagebücher heraus.

Eine Voraussetzung des Übersetzerglücks sei die „Affinität zum jeweiligen Autor“, hat Gisela Perlet gesagt. Es ist bestimmt kein Zufall, daß sie sich die oben genannten Dichter aussuchte, eher formbewußte Einzelgänger, Antiideologen durch die Bank. Mit denen sie dann ihre Gespräche führte, die manchmal auch Streitgespräche werden konnten, wie sie einmal sagte.

Wer sie etwas kannte, konnte sich gut vorstellen, daß man sich bestimmt hervorragend mit ihr streiten konnte. Denn sie war ehrlich und engagiert, und sie hatte diesen sehr norddeutschen trockenen Humor und Witz. Der ihr auch half, den gnadenlosen Kampf gegen den Krebs zu führen, dem sie noch viele Jahre abringen konnte und der sie dann schließlich doch besiegte. Ihre letzte Arbeit war die Übersetzung eines „Romans in 111 Stücken“ von Arthur Krasilnikoff, einem Dänen mit russischem Urgroßvater. In diesem Buch mit dem Titel Das Auge des Wals schildert Krasilnikoff die Jahre seiner Kindheit auf den Färöern. Das möge ein Trost sein, daß diese schwerkranke Frau zuletzt einen Text übersetzte, in dem ein Mann, etwa gleich alt wie Gisela Perlet, von seinen Kinderjahren auf dem Lande erzählt und von seiner Entdeckung der Phantasie. Manchmal kann man bei der Lektüre nämlich den Eindruck bekommen, die Übersetzerin habe sich an sich selbst erinnert, an die kleine Gisela und ihre Kinderjahre in jenem Dorf in der Magdeburger Börde, wo sie vielleicht auch die Poesie in den Dingen, Steinen, Büschen, entdeckte, so wie es Krasilnikoff auf den Inseln im Nordatlantik erging.

Peter Urban-Halle