Zum Tod von Angela Praesent – Stimmen aus dem Verband
Thomas Gunkel:
Unsere Übersetzerkollegin Angela Praesent war ein vielseitiger Mensch: Ihr Talent beschränkte sich nicht aufs Übersetzen oder Lektorieren, sie trat auch als Autorin, Herausgeberin oder Jurorin beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Erscheinung.
Geboren 1945 in Mannheim, entwickelte sie sich zu einer der herausragenden Literaturübersetzerinnen Deutschlands, übertrug Harold Brodkey, John Updike und E.L. Doctorow - um nur die bekanntesten Namen zu nennen - ins Deutsche und wurde für ihre Arbeit mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt Preis und dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.
Mir persönlich war es leider erst vor wenigen Jahren vergönnt, sie kennenzulernen und unter ihrem Lektorat für den DuMont Verlag eine Neuübersetzung des Werks von John Cheever zu beginnen. Dabei habe ich nicht nur von ihrem untrüglichen Sprachgefühl und ihrem großen Wissen profitiert, sondern sie auch als Mensch zutiefst schätzen gelernt. Zwar konnte sie sich nie durchringen, dem Übersetzerverband beizutreten, aber dennoch war sie eine Netzwerkerin - die ihr eigenes Netzwerk aufbaute und mir häufig mit Rat und Tat zur Seite stand. Den Abschluss der Cheever-Neuübersetzung wird sie nun nicht mehr miterleben, aber auch ich kann mir die Arbeit daran ohne ihre Mitwirkung nur schwer vorstellen.
Sabine Hedinger:
Der Name Angela Praesent bleibt für mich untrennbar verbunden mit der "neuen frau", der Reihe, die sie ins Leben gerufen und als Herausgeberin betreut hat. Für mich verkörpert sie die neue Frau, die es vermochte, in den verschiedensten Bereichen der Literatur zu brillieren: als Übersetzerin, als Lektorin, Herausgeberin, Entdeckerin von Talenten, als Autorin und nicht zuletzt als Kritikerin (ob sie mir die vielen -ins in einer Reihe als Stilmittel hätte durchgehen lassen?) - eine Leistung, angesichts derer einem schwindlig werden kann.
Vor unserer ersten Zusammenarbeit war ich daher einigermaßen nervös; sollte sie das gemerkt haben, so ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken und nahm mir gleich beim ersten Arbeitsgespräch durch ihre neugierige, fröhlich-spöttische Art jede Befangenheit. Ich vermute, dass sie aus "ihren "Übersetzern das Beste herausgeholt hat, weil sie ihnen auf Augenhöhe begegnete, und das Beste aus jedem Text, weil sie ihn respektvoll behandelte, auch wenn sie die Schwächen genau sah und herrlich darüber lästern konnte.
"Ihre letzte große Romanübersetzung", schreibt der SPIEGEL in seinem Nachruf, "geschah 'unter Volldampf': Der von ihr bewunderte US-Autor John Updike war im Januar gestorben, und der Erscheinungstermin für seinen Roman 'Die Witwen von Eastwick' wurde vorgezogen. Sie schaffte es sogar 'früher als geplant' ...".