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Leserbrief von Friedrich Griese:
Sehr geehrter Herr Steinfeld,
Erbarmen mit der SZ! Auf welchem Niveau sind Sie gelandet?
Ein Mensch, der sich wie der Herr von Hanser nicht scheut, in der Öffentlichkeit
zu behaupten, der Umsatz sei gleich dem Gewinn, hätte in der Zeit, als
Volksschüler (acht Klassen) noch zu Kaufleuten ausgebildet wurden, keine
Chance gehabt, auch nur einen Lehrvertrag zu bekommen. Daß solche Leute
heute in führenden Stellungen sind, spricht für die Qualität
der einstigen Volksschule und die Strenge der Auswahl der einstigen Lehrherren
und gegen die Personalpolitik heutiger Verlage.
Vom Umsatz müssen die Betriebskosten abgezogen werden, um den Gewinn
zu ermitteln. Je niedriger der Umsatz, desto höher der Anteil der Betriebskosten.
Bei Übersetzern betragen sie gut 30 Prozent. Also: Gewinn gleich 70 Prozent
vom Umsatz.
Wer obendrein die sog. „unbezahlte Arbeit“ (Archiv, Buchhaltung,
Kontaktpflege [darunter Messebesuche], allgemeines Informationssammeln, Einkauf,
Rechnungen schreiben usw.), die bei Freiberuflern anfällt, unter den
Tisch fallen läßt, zeigt, daß er von der Realität im
Wirtschaftsleben keine Ahnung hat.Diese notwendige „unproduktive Arbeit“ wird
von Fachleuten auf 20 Prozent der Arbeiszeit veranschlagt. Also: „Übersetzungszeit“ gleich
80 Prozent der Arbeitszeit.
Alle Texte sind nicht gleich. Die Anteile von schweren, mittelschweren
und leichten Texten mit je einem Drittel veranschlagt, benötigt man bei
diesem Mix für die 648 Normseiten, die in der Modellrechnung bei einem
Seitenhonorar von 18,50 Euro für einen Umsatz (!) von 12.000 Euro zu
übersetzen sind, 1080 Stunden.
Das sind 70 Prozent der effektiven Jahresarbeitszeit (Tarifarbeitszeit
minus Urlaub minus Krankentage) des Hanser-Angestellten. Der bei voller Auslastung
und einer sehr achtbaren Leistung von 0,6 Seiten pro Stunde erzielbare Jahresumsatz
beträgt dann 17.140 Euro. Davon die Betriebsausgaben mit 30 Prozent abgezogen,
kommen wir auf einen Gewinn von 12.000 Euro.
Daß gefragte Übersetzer nicht nur 2000, sondern in etlichen Fällen
auch 2500 Stunden und mehr pro Jahr arbeiten, um über die Runden zu kommen,
kann für Vergleiche nicht herangezogen werden.
Sie, sehr geehrter Herr Steinfeld, sollten die Leute, die Sie in der SZ
publizieren lassen, sorgfältiger auf ihre Qualifikation prüfen.
Die SZ hat einen Ruf zu verlieren.
Friedrich Griese
Kurz-Biographie Friedrich Griese
Friedrich Griese
Studium Philosophie und Soziologie. Freier Übersetzer
seit 1971, Schwerpunkt Sachbuch (Natur- und Geisteswissenschaften), aber auch
Belletristik. Sprachen: Englisch, Polnisch, Französisch. Stipendiat der
Villa Decius in Krakau, Brockes-Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds. Übersetzte
Autoren u.a.: Monod, Lem, Kolakowski, Eccles, Popper, Gates, Goleman, Wieseltier,
Kuczok, Borowski, Gould, Lightman, Geremek.
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