Zum Tod von Fritz Vogelgsang - Ein Nachruf von Helmut Frielinghaus
Im Herbst 1952 erschien eines Tages ein schmaler junger Mann in der legendären Madrider Librería Buchholz, der mit leicht schwäbischem Akzent erklärte, er wolle Antonio Machado ins Deutsche übersetzen, und um allerlei Auskünfte bat. Er hatte weder einen Verlagsvertrag noch irgendwelche Kenntnisse über den Umgang mit Autoren-Rechten und Verlegern, er hatte wenig Geld und keine vernünftige Unterkunft für die Monate, die er in Madrid zu bleiben gedachte. Unsere Einwände schienen ihn nicht zu beunruhigen. Er hatte keine Zweifel: er wollte, er würde Antonio Machado übersetzen.
Diese scheinbar naive Unbeirrbarkeit, diese Zielstrebigkeit ist etwas, das dem Übersetzer Fritz Vogelgsang sein Leben lang blieb, sie ist das, womit er riesige, schwierigste Übersetzungsvorhaben auf sich nahm und bewältigte, für die er offenkundig auch immer einen Verleger fand: es war schwer, seiner eindringlichen literarischen Fürsprache für seine Projekte, für seine spanischen, seine lateinamerikanischen Dichter zu widerstehen. Die Aufträge holte er sich gewissermaßen: meistens war er derjenige, der Verlegern erklärte, was übersetzt werden musste und was er für sie übersetzen wollte.
Damals in Madrid hielten wir, die Angestellten der Buchhandlung, ihn anfangs für einen Träumer. Das war er wohl auch, vor allem in materiellen Dingen – wir halfen ihm, wo es ging, gaben ihm einen Arbeitsplatz, wo er manchmal saß und übersetzte, wenn er nicht in der Biblioteca Nacional studierte, nahmen ihn abends mit ins nahe Literatencafé -, aber seine Liebe zur spanischen Dichtung hatte etwas Gewinnendes, das uns, wie später seine Verleger, überzeugte. Ich erfuhr mehr von dieser ausgeprägten Seite, als wir, beide Anfang zwanzig, über Weihnachten oder Sylvester jenes Jahres zwei Tage in der tief verschneiten Sierra Guadarrama verbrachten. Seine zielstrebige Liebe hatte auch in anderen Dingen etwas Beharrliches: er hatte als dilettierender, aber belesener Archäologe in der Schwäbischen Alb mit einigem Erfolg an den richtigen Stellen gegraben, zusammen mit einer sehr viel jüngeren Schülerin, von der er mit Bestimmtheit wusste, dass er sie, die damals noch ein Kind, ein junges Mädchen war, heiraten würde - Gudrun Vogelgsang, Mutter seiner fünf Kinder, war bis zu seinem Tod seine Gefährtin. Ebenso beständig war seine Liebe zum Land seiner Dichter: von spanischen Preisgeldern erwarb er ein Haus in der Provinz Castellón. Dort verbrachten er und seine Frau seit langen Jahren den Sommer, dort wurde „an einem schönen Fleck“, wie sein Sohn sagt, seine Asche verstreut.
In der von Hildegard Grosche geleiteten Jury des Wieland-Preises begegneten wir uns in den siebziger Jahren wieder – bis wir ihn aus der Jury ausschließen mussten, weil wir 1979 unbedingt ihm für seine Übersetzung von Gedichten des mexikanischen Dichters Octavio Paz den Wieland-Preis geben wollten.
Fritz Vogelgsang übersetzte nicht nur spanische und lateinamerikanische Lyrik, sondern auch katalanische und altkatalanische Dichtung, so den Lyriker Salvador Espriu und den aus allen Rahmen fallenden dreibändigen Roman vom Weißen Ritter Tirant lo Blanc von Joanot Martoral – beides Erstübersetzungen ins Deutsche. Er war längst ein Gelehrter geworden. 1984 wurde ihm der Premio Nacional de Fomento de Autores Españoles, 1985 der Premio de Literatura Catalana verliehen, zwei Auszeichnungen, über die er sich besonders gefreut haben dürfte. Er erhielt weitere deutsche Übersetzerpreise, darunter 1991 den Johann Heinrich Voss-Preis. Aber es ist verwunderlich, dass er bei uns einer der großen unbekannten Übersetzer blieb, so wie es verwundert, dass die gegenwärtigen deutschen Romanisten, deren Vorläufern wir bedeutende Übersetzungen spanischer Literatur verdanken, ihn, den ungewöhnlichen Außenseiter, nie geholt, nie geehrt haben. Ihn selbst kümmerte dergleichen nicht. Er liebte seine Arbeit, die mit den Jahren sichtbar zu einem ungewöhnlich reichen und runden Lebenswerk wuchs. Eine ganz besondere, ihm gerecht werdende Ehrung ist der Nachruf, den einer seiner Verleger auf ihn schrieb, Egon Ammann.
Eine seltsame, freundliche Fügung des Schicksals wollte es, dass Fritz Vogelgsang, der einst auszog, Antonio Machado ins Deutsche zu übersetzen, kurz vor seinem Tod den fünften und letzten Band seiner Übersetzung der gesammelten Werke des spanischen Dichters abschließen konnte.
November 2009 Helmut Frielinghaus