Antworten von Bündnis 90/Die Grünen
I. Zur kulturellen Bedeutung von Literaturübersetzungen
1. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die literarische Übersetzung innerhalb der Kultur?
Erst die Übersetzung macht einen Großteil literarischer Werke einer breiten Leserschaft zugänglich, die der Originalsprache des Werkes nicht mächtig ist. Kunst braucht Anerkennung und Rezeption über die Grenzen der eigenen Muttersprache hinaus. Wir leben in einem regen kulturellen Austausch. Es wäre ein unvorstellbarer Verlust für unser kulturelles Selbstverständnis, wenn es nicht möglich wäre, regelmäßig von literarischen Übersetzungen sowohl ins Deutsche, als auch vom Deutschen in andere Sprachen zu profitieren. Literatur ermöglicht Einblicke in andere Kulturen und kann in einer globalisierten Welt Brücken bauen. Noch immer gibt es Kontinente, deren Literatur wir kaum zur Kenntnis nehmen – das sollte sich ändern.
2. Welchen (auch finanziellen) Stellenwert sollte Ihrer Meinung nach die Förderung der Literaturübersetzer im Verhältnis zur Förderung von Theater, Oper oder zu Filmförderung haben?
Die Bedeutung der Literaturübersetzung wird im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein leider noch unterschätzt. Nach unserer Auffassung steht die Weltliteratur bezüglich ihrer kulturellen Bedeutung den Theatern, Opern und dem Filmschaffen in nichts nach. Bereits die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ hatte deutlich auf die Ebenbürtigkeit der Literaturübersetzung mit anderen Künsten hingewiesen und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN unterstützen die diesbezüglichen Handlungsempfehlungen der Enquete. Mit unserer Zustimmung konnte so erreichen werden, dass der Deutsche Übersetzerfonds in seiner finanziellen Ausstattung aufgestockt wurde, um ihn den übrigen Kunstfonds anzupassen. Der Übersetzerfonds sollte in der finanziellen Ausstattung den anderen Fonds gleichgestellt werden, auch um neue Formen des – nationalen und internationalen – Erfahrungsaustausches und der Wissensvermittlung zu stärken.
II. Literaturübersetzen als Beruf
[VdÜ: Nach den Statistiken der Künstlersozialkasse und den Erhebungen des Verbands der Literaturübersetzer (VdÜ) verdienen erfolgreiche, vollständig ausgelastete Literaturübersetzer brutto durchschnittlich 13.000 bis 14.000 € jährlich, ihr Nettoeinkommen liegt also an oder unter der Armutsgrenze.]
3. Was sollte die Politik Ihrer Meinung nach tun, damit erfolgreiche Literaturübersetzer wenigstens das durchschnittliche Einkommen eines Handwerkers erzielen können?
Wir halten die Einkommens- und Vergütungssituation von hochqualifizierten LiteraturübersetzerInnen für prekär und – angesichts der kulturellen Bedeutung von Übersetzungen – für gänzlich unangemessen. Die Einkommenssituation muss dringend verbessert werden. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN haben sich in der vergangenen Legislatur auf verschiedenen Ebenen intensiv für eine Verbesserung der sozialen Lage von KünstlerInnen eingesetzt; etwa durch parlamentarische Initiativen zur Stärkung der Künstlersozialkasse, Anträge zur Anpassung der Sozialgesetzgebung für Kultur- und Medienschaffende und zur Stärkung der Kulturwirtschaft. Wir wollen in der kommenden Legislatur in einen konstruktiven Dialog mit den LiteraturübersetzerInnen und Verlagen treten und in Form von Fachgesprächen Marktmechanismen und die Ursachen der unzureichenden Vergütung diskutieren, um die Öffentlichkeit stärker für dieses Thema zu sensibilisieren und um gemeinsam nach Lösungen für eine Verbesserung der Situation zu suchen.
Übrigens: In unserem sog. Progressiv-Modell haben wir Grünen schon Anfang 2006 vorgeschlagen, die Sozialversicherungskosten für alle zu verringern, die mit ihrer Arbeit nur ein geringes Einkommen erzielen. Für alle – also auch Selbständige –, die lediglich bis zu 2.000 Euro im Monat verdienen, sollen die Beitragssätze künftig nur langsam ansteigen. So bleibt diesen abhängig Beschäftigten – aber auch Selbstständigen – mit geringem Einkünften ein größeres Nettoeinkommen (s. BT-Drs. 16/446 und 16/7751, S. 2).
III. Weitere Entwicklung des Urheberrechts
[VdÜ: Im Stärkungsgesetz zum Urheberrecht von 2002 wurde die übliche Vergütung bei den Literaturübersetzern ausdrücklich als unangemessen bezeichnet. Seither ist es weder durch Verhandlungen mit Verlagen noch durch Klagen einzelner Übersetzer auf Vertragsanpassung zu einer Verbesserung ihrer Honorarsituation gekommen. Im Gegenteil, seit Verabschiedung des Stärkungsgesetzes Anfang 2002 stagnierten die Honorare und sind im Verhältnis zu Lebenshaltungskosten und zur allgemeinen Einkommenssituation weiter gesunken.]
4. Erwägen Sie für die nächste Legislaturperiode weitere gesetzgeberische Schritte, um den Literaturübersetzern (und anderen Urhebern) zu angemessenen Honoraren zu verhelfen?
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wollen die Einkommenssituation von ÜbersetzerInnen deutlich verbessern. Das geltende Urheberrecht bedarf daher aus unserer Sicht von dringend einer Überarbeitung, um es den Erfordernissen des digitalen Zeitalters anzupassen. Wir werden dieses Thema unverzüglich auf die parlamentarische Tagesordnung setzen, um angemessene Vergütungs- und Leistungsschutzrechte für Urheber gesetzlich zu regeln. Davon abgesehen wird es vom unter 3. angekündigten Dialog abhängen, welche gesetzgeberischen Schritte sich als konstruktiv und realistisch herauskristallisieren werden.
IV. Kulturflatrate
5. Kennen Sie die Fragen von Übersetzer- und Schriftstellerverband sowie Börsenverein zu einer diskutierten Kulturflatrate? (http://www.vs.verdi.de/aktuelles/pressemeldungen/kulturflatrate/data/PM_090723_Fragen) Wie stehen Sie zu einer solchen?
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN begreifen die Idee einer Kulturflatrate als Chance, zu einem fairen Interessenausgleich zwischen UrheberInnen von kreativen Netzinhalten und InternetnutzerInnen zu kommen. Der von Ihnen genannte Fragenkatalog ist uns bekannt. Unsere Antworten können Sie nachlesen unter: http://www.gruene-bundestag.de/cms/netzpolitik/dok/301/301781.16_fragen_und_16_antworten.html