Laudatio
Zur Verleihung der Übersetzerbarke 2006 an Maike Albath,
gehalten von Gerlinde Schermer-Rauwolf am 4.10.2006 auf
der Frankfurter Buchmesse.
„Wer keinen Stuhl hat, muss auf der Bank sitzen“, sagt
der Volksmund. Wir Übersetzer sitzen in der öffentlichen
Wahrnehmung nach wie vor fast immer auf der letzten Bank.
Die Leser lasten jede Unstimmigkeit, über die sie in
einem Buch stolpern, per se dem Übersetzer an, der offenbar
sein Handwerk nicht beherrsche.
Bei den Verlagen und ihrer medialen Lobby stehen wir im
Verdacht, mit realitätsfernen Vergütungsforderungen
die gesamte Buchbranche in den Ruin treiben zu wollen, blind
und taub für die Warnungen wohlmeinender Verleger, die
nicht müde werden, uns vor Augen zu führen, dass
dieses von uns provozierte Ende der Literatur auch unser
eigenes Verderben wäre.
Die Verlage der Gruppe Random House machen seit einiger
Zeit in ihren Verträgen Übersetzern den juristischen
Anspruch auf korrekte Schreibung ihres Namens in veröffentlichten Übersetzungen
streitig, obwohl das einzige Werbemittel, das ein Übersetzer
hat, das er sich leisten kann, sein guter Name ist.
In Hörbüchern sucht man den Namen des Übersetzers
auf dem Cover der CD-Box vergeblich unter dem des Autors
und dem des Sprechers, auch auf der blanken Scheibe nichts
davon, dass dort ein Übersetzer mit am Werke war, der Übersetzername
findet sich erst im Kleingedruckten auf der letzten Seite
des Booklets.
Und kaum zu überbieten ist die Ignoranz, mit der das
Gros der Kritiker unserer Zunft begegnet. Da werden in den
diversen Literatursendungen im Fernsehen jeweils vier, fünf
neue Bücher vorgestellt, mindestens drei davon sind Übersetzungen,
doch das wird nicht einmal erwähnt.
Neuerscheinungen internationaler Autoren werden in allen
größeren und kleineren regionalen Tageszeitungen
ausführlich rezensiert, dabei wird nicht selten lang
und breit aus dem jeweiligen Werk zitiert, aber der Name
des Übersetzers wird nicht genannt, weder im Text selbst,
noch in den bibliographischen Angaben am Ende des Beitrags.
Und wenn doch, wie in der Regel in den Feuilletons der überregionalen
Blätter, kommt seine Nennung nicht selten einer öffentlichen
Hinrichtung gleich. Da liest man dann Sätze wie: „Abgesehen
davon, dass die Übersetzerin mit dem deutschen Konjunktiv
auf Kriegsfuß steht, ist die Lektüre dieses Romans
durchaus vergnüglich“, oder:
„Hätte der Übersetzer nicht das Wortspiel auf
Seite 234 missverstanden, könnte es ein unterhaltsames
Buch sein.“
Es gibt im deutschsprachigen Raum immerhin eine Handvoll
Verlage, die den Namen des Übersetzers auf den Schutzumschlag
des Buches drucken. Es gibt ein paar Rezensenten, die sich
verantwortungsvoll auch zu den Übersetzungen der von
ihnen besprochenen Bücher äußern ...
und es gibt unsere diesjährige Preisträgerin Maike
Albath.
Sie ragt aus dem grauen Alltag eines Umgangs mit den Übersetzern,
der zwischen Nichtbeachtung und Verächtlichmachung changiert,
als leuchtendes Beispiel heraus, denn sie ist eine, die es
sich zum Prinzip gemacht hat, in jeder ihrer Buchbesprechungen
auch die Arbeit des Übersetzers zu würdigen. Lobhudelei
ist ihre Sache nicht. Sie preist Gelungenes, weist aber auch
auf weniger oder gar nicht Geglücktes hin. Und beides
tut sie mit der gleichen Kompetenz und Sachlichkeit, vor
allem aber mit einem in der Branche leider selten anzutreffendem
Respekt vor der Person des Übersetzers und seiner Professionalität.
Lassen Sie mich ein paar Splitter aus Kritiken von Maike
Albath zitieren:
Über Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Gattopardo ,
sagt sie: „Dass Tomasi vom gattopardo spricht,
ist eine ironische Umwertung - beim gattopardo handelt
es sich nämlich um einen Pardel oder einen Ozelot ,
der, anders als der Leopard , wegen seines verknöcherten
Zungenbeins nicht mehr brüllen kann. Auf diese zoologischen
Feinheiten weist uns der neue Übersetzer Gio Waeckerlin
- Induni hin.“
Über die Ausgabe sämtlicher Gedichte von William
Butler Yeats im Luchterhand Verlag, übersetzt von Marcel
Beyer, Mirko Bonné, Gerhard Falkner, Norbert Hummelt
und Christa Schuenke, hören wir von ihr: „Yeats ist
zotiger, frecher und witziger geworden, und die Übersetzungen
haben gegenüber den bisher vorliegenden (...) an Präzision
gewonnen.“
In ihrer Kritik zu Italo Svevos Senilità lesen
wir: „Barbara Kleiner darf mit Senilità (...)
zum zweiten Mal ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Insgesamt wird Kleiners Übertragung den stilistischen
Eigenarten Svevos wie seinem Satzrhythmus und der Syntaxstruktur
gerecht und ist in vielen Punkten der bisher vorliegenden Übersetzung
Piero Rismondis überlegen.“ Es folgt eine lange Aufzählung
solch positiver Punkte, an die sich ein paar kritische Bemerkungen
anschließen. Da heißt es etwa: „Ähnliche
Stilbrüche unterlaufen ihr mehrfach“, . und auch hier
wird wieder nichts behauptet, ohne überzeugend belegt
zu werden. „Aber“, so schließt Maike Albath, „Barbara
Kleiners Übersetzung ist ein Anlass, den ersten modernen
Liebesroman der italienischen Literatur wieder zu entdecken.“
Doch auch da, wo ihr das Ergebnis übersetzerischen
Tuns zweifelhaft oder gar unbefriedigend erscheint, wie im
Falle eines Bandes mit Gedichten von Andrea Zanzotto, schreibt
sie sachlich und ohne Häme: „Wie soll man ein derartiges
Buch übersetzen? Nach der Lektüre des wagemutigen
Unterfangens von Peter Waterhouse, Maria Fehringer, Donatella
Capaldi und Ludwig Paulmichl stellt sich die Erkenntnis ein:
vielleicht gar nicht. (...) Wiederzuerkennen ist die atemberaubende
Stimme Zanzottos in der deutschen Ausgabe häufig nicht.“ Und
Maike Albath – von Hause aus Italianistin – begründet
auch dieses Urteil in einem ausführlichen, analytischen
Beitrag in der Frankfurter Rundschau .
Maike Albath, und das ist das Besondere an dieser Kritikerin,
bleibt immer fair, auch dann, wenn sie an einer Übersetzung
etwas zu beanstanden hat. Und sie beherrscht nicht nur das
Andante der bedachtsamen Einwanderhebung, sondern ebenso
das Allegro des Lobens, das jeden Übersetzer freut,
etwa, wenn sie über Alessandro Manzonis Brautleute schreibt: „Für
den deutschen Leser ist Kroebers Übersetzung ein Glücksfall
(...)
Sie weiß, wie existentiell wichtig für den Übersetzer
die korrekte öffentliche Nennung seines Namens ist.
Und sie weiß auch, dass die Öffentlichkeit beim
Kritiker endet, dass der Übersetzer kein Forum hat,
um sich gegen eine undifferenziert negative Kritik zu wehren,
und dass ein fahrlässiger, unausgewogener Verriss unter
Umständen seine berufliche Existenz vernichten kann.
Deswegen geht die Kritikerin Maike Albath mit Umsicht und
Behutsamkeit zu Werke.
Wenn ich sage, Maike Albath sagt, oder wir hören von
ihr, so ist das oft wortwörtlich zu verstehen. Den meisten
von uns war nämlich, ehe wir sie zum ersten Mal leibhaftig
sahen, ihre sympathische, ganz unverwechselbare, präzise
artikulierende Stimme längst aus dem Radio bekannt,
etwa aus der Sendung "Büchermarkt" des Deutschlandfunks
oder als Moderatorin des Studio LCB im nämlichen Sender,
oder auch aus ihren lebendigen, nicht selten durch Interviews
mit Autoren, aber auch mit Übersetzern ergänzten
Buchbesprechungen im Deutschlandradio Kultur.
Aber Maike Albath schreibt auch: in der Frankfurter
Rundschau , im Berliner Tagesspiegel , in
der Neuen Zürcher Zeitung . Und sie stellt
sich bereitwillig bei Veranstaltungen unseres Übersetzerverbands
(VdÜ) als Moderatorin zur Verfügung, leitet Übersetzerworkshops,
tritt bei Übersetzerpreisverleihungen als Laudatorin
in Erscheinung und nimmt überhaupt in einem Maße
Anteil an den Aktivitäten und den Geschicken der Literaturübersetzer,
das für eine Vertreterin der Kritikergilde durchaus
bemerkenswert ist.
„Der Unzufriedene findet keinen bequemen Stuhl“, sagt Benjamin
Franklin. Wir Übersetzer sind sehr zufrieden mit dem
kritischen Wirken unser Preisträgerin Maike Albath,
gehört sie doch zu dem kleinen, erlesenen Kreis von
Menschen, die unsere Zunft ein wenig mehr ins Licht zu rücken
helfen.
Ob der Stuhl, der die Übersetzerbarke des Jahres 2006
trägt und den die Berliner Künstlerin Inka Gierden
gestaltet hat , ein bequemer Stuhl ist? Für Menschen
mit sitzender Beschäftigung und dementsprechend geschundenem
Rücken, Kritikerinnen beispielsweise oder auch Übersetzer,
wohl kaum. Aber sieht er nicht ein bisschen aus wie ein Thron?
Und gleicht die kleine Barke darauf – mit etwas Phantasie – nicht
einer goldenen Krone?
Liebe Maike Albath, wir danken Ihnen für Ihre Fairness,
Ihren Respekt und Ihr waches Interesse an der Arbeit der
Literaturübersetzer.
Wir hoffen, dass Sie uns gewogen bleiben, und wünschen
uns von Ihren Zunftkollegen, dass sie Ihrem Beispiel folgen
mögen.
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