Jürgen Jakob Becker
Dankesrede zum Empfang der Übersetzerbarke
Frankfurter Buchmesse, 14. Oktober 2009


Die Beschäftigung mit der Übersetzerei und den Menschen, die dem Literaturübersetzen nachgehen, spielt eine ziemlich große Rolle in meinem Leben. Und das kam so: Ein paar Selbstversuche in der Studienzeit – es ging dabei um brasilianische Literatur – sind als demütigende Erfahrungen in meinem Langzeitgedächtnis abgespeichert. Berthold Zilly gehörte zwar zu meinen akademischen Lehrern, wahrscheinlich war er der erste Übersetzer, dem ich bewusst begegnet bin, aber fürs literarische Übersetzen hat es bei mir nicht gereicht. Mein Respekt war durchaus groß, als mir gleich zu Beginn meiner Praktikantenzeit im Literarischen Colloquium Berlin Karin Graf begegnete, die 1990 die erste Übersetzerwerkstatt im LCB leitete. Karin Graf war damals eine Schlüsselfigur der Berliner Übersetzerszene. Im Verein mit ein paar Mitstreitern brachte sie den Berliner Senat Ende der 80er Jahre dazu, Übersetzer in die Literaturförderung zu integrieren und sie vor allem auch in öffentlichen Veranstaltungen sichtbar werden zu lassen. Das alles spielte sich im LCB ab, und die besagte Übersetzerwerkstatt war die Krönung all dessen: schwer begehrt allein schon wegen des sensationell hoch dotierten Stipendiums, dann ein Workshop für Leute mit Talent und ersten Erfahrungen, ein Forum für den Austausch und die Arbeit am Text. Die Wochenenden, die ich dort unter Übersetzern verbrachte, „im Maschinenraum der Literatur“, wie das jemand mal genannt hat, waren lehrreich, zwischen Weltliteratur und Sprachwerkelei öffneten sich die Sinne für den lebendigen Umgang mit Literatur und all das, was man mit Sprache so alles anstellen kann. Und dann diese wunderbaren Leute: die unvergessene Elke Wehr in ihrem Furor fürs Übersetzen mit Stil. Die anschwellende Konzentration, wenn Helmut Frielinghaus das Wort ergreift, ein Mann mit Erfahrung, eindringlich und klug, ein Mentor im besten Sinne. Oder der frühe Denis Scheck, so wie wir ihn heute noch kennen: immer schüchtern, immer leise und ... nicht so ganz entschieden in seinem Urteil. Wo war ich da hineingeraten?

Mir gefiel diese Gesellschaft. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand: als Programmmacher im LCB erklärte ich mich in einem Akt der Selbstermächtigung zum Zuständigen für die Abteilung Ü. Auf nennenswerten Widerstand stieß ich dabei nicht, im Gegenteil: ein paar ermunternde Worte von Ulrich Janetzki begleiteten mein Tun. Das scheint sich seinerzeit bis nach München herumgesprochen zu haben, denn von Rosemarie Tietze kam 1995 der Vorschlag, sich vielleicht doch mal, ohne Grimm und face to face, mit Leuten aus Ministerien und Organisationen über das Thema Übersetzerförderung zu unterhalten. In einem Land, in dem die Künste nach wie vor in außergewöhnlicher Weise gefördert werden, galten Übersetzer lange Zeit als so was wie die Zuarbeiter der Literatur, gut für eine lobende Erwähnung in den Sonntagsreden zum Kulturaustausch in einer globalisierten Welt, aber zu spezifisch in ihrer Problematik, um vom Radarschirm der Kulturförderung erfasst zu werden. Zwei LCB-Konferenzen im Jahr 1996 und 1997 beackerten das Thema, wirkten als Augenöffner, wenig später wurde der Deutsche Übersetzerfonds aus der Taufe gehoben, der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Mit der Schaffung von Stipendien und der Akademie der Übersetzungskunst hat er individuelle Unterstützungen in einem Umfang möglich gemacht, der vorher ganz undenkbar war. Aber der DÜF ist weit mehr als ein Schluck aus der Pulle in ausgedörrte Übersetzerkehlen. Eine ganze Menge hat sich ja doch getan in der allgemeinen Wertschätzung der Übersetzer; in der Anerkennung ihrer Leistungen als Kulturvermittler oder als Arbeiter an der deutschen Sprache generell. Neulich schwärmte mir jemand vom „translational turn" in den Kulturwissenschaften vor – ooch juut, wie man am Wannsee sagt. Die öffentlichen Gelder jedenfalls, die „Zuwendungen“, wie es so schön auf Beamtendeutsch heißt, sind ein handfester Ausdruck für diese Anerkennung. Die wachsende Bedeutung der Bundeskulturpolitik seit 1998 war dabei eine günstige Fügung; noch jeder der bislang vier amtierenden Staatsminister für Kultur hat sich zur Übersetzerförderung nicht nur bekannt, sondern sie auch durch steigende Zuschüsse möglich werden lassen.

Als genuiner Nichtsegler habe ich nachlesen müssen, dass eine Barke ein mastloses Boot ist. Die Barke muss gerudert werden. Das zweite Ruder meiner Barke bewege ich mit den Übersetzern aus dem Deutschen. Das LCB ist ein wichtiges Zentrum für die deutschsprachige Literatur und tut seit einigen Jahren einiges für die Vermittlung deutscher Literatur in andere Länder und Sprachen. Es war für uns sehr naheliegend, der Arbeit mit den übersetzenden Kollegen im Ausland dabei eine wichtige Rolle beizumessen. Mit unserer ersten Sommerakademie für Übersetzer deutscher Literatur schufen wir im Jahr 2000 ein Angebot, das offensichtlich überfällig war. Die starke Resonanz, die wir bei der Bewirtschaftung dieses Feldes hervorrufen – mittlerweile gibt es eine Reihe von Aufenthaltsstipendien und Projekten, ein nächstes Internationales Übersetzertreffen ist für März 2010 geplant – die weltumspannende Kollegialität und Leidenschaft für die Literatur, an der man da teilhaben kann, gehört zu den schönsten Antrieben meiner Arbeit.

Übersetzer sind überaus beliebt im LCB. Den Raum, den sie in unseren Programmen mittlerweile bespielen, betritt man gerne, und verlässt ihn nie ohne Gewinn. Das ist gut so, und so wird es auch bleiben. Und wenn’s mal anders werden sollte, bleibt mir ja künftig immer noch der Barkenverleih, den ich vom sicheren Ufer aus am Großen Wannsee betreibe.

Ich danke den Weggefährten: Ulrich Janetzki, Thomas Geiger, Thorsten Dönges, Claudia Schütze und allen Kollegen im LCB, Rosemarie Tietze, Thomas Brovot, Burkhart Kroeber, Ulrich Blumenbach, Marie Luise Knott und Nina Thielicke für die gemeinsamen DÜF-Jahre, und ich danke Dorota Stroinska, dem "translational turn" in meinem Leben. Ich danke dem VdÜ, wünsche Euch Kraft und Fortune bei den anstehenden Verhandlungen mit den Verlegern, ich danke der Jury, den vielen Gratulanten und Freunden, die hierher gekommen sind.

Jürgen Jakob Becker, 14. Oktober 2009