Hinrich Schmidt-Henkel
Rede zur Eröffnung des Übersetzerzentrums
auf der Frankfurter Buchmesse 2009 und
zur Überreichung der Übersetzerbarke an Jürgen J. Becker
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lieber Jürgen Jakob Becker, meine Damen und Herren,
das Übersetzerzentrum auf der Buchmesse ist eine Heimstatt von uns Übersetzenden, ein Ruhepunkt und Ort der Begegnung, und ein Ort, an dem wir für die Buchmessenbesucher sichtbar und erlebbar werden. Herzlichen Dank an Antje te Brake, die bei der Buchmesse für das Übersetzerzentrum zuständig ist, herzlichen Dank an alle Kolleginnen und Kollegen, die das Übersetzerzentrum planen und es während der Buchmesse betreuen oder hier auftreten. Das Zentrum ist eine Kooperation unseres Verbandes, des Verbandes der deutschsprachigen Literaturübersetzer VdÜ, der Bundesparte Übersetzer im Schriftstellerverband in ver.di, eine Kooperation mit unserem Schwesterverband, dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer BDÜ, sowie mit dem Deutschen Übersetzerfonds und der Buchmesse, die vor dem Auswärtigen Amt der größte Geldgeber für dieses uns sehr wichtige Projekt ist.
Miete für diesen großen, schönen Stand entrichten wir nicht nur in klingender Münze, sondern in noch etwas sehr viel Klangvollerem, nämlich einem vielseitigen Publikumsprogramm, das jeden Tag der Buchmesse von morgens bis abends füllt. Das ist keine kleine Sache.
Auf der Titelseite unseres Programmes stehen nicht nur die Partner und Förderer, sondern auch „Gastland China“. Sieben Veranstaltungen dieser Woche widmen sich China, vor allem den ganzen Freitagvormittag hindurch. Wir sind in der bequemen Situation, dass wir nicht in der Begegnung mit offiziellen Vertretern des Gastlandes die schwierige Balance zwischen der Rolle als Gastgeberland und dringend notwendigen Hinweisen auf Meinungs- und Äußerungsfreiheit bewältigen müssen. Ich glaube, niemand beneidet die Vertreterinnen der Buchmesse um diesen Drahtseilakt, bei dem ein völliges Gelingen wahrscheinlich so gut wie unmöglich ist.
Es ist mir aber ein Bedürfnis, hier daran zu erinnern, dass in China Autoren und Übersetzern Veröffentlichungsverbot oder Schreibverbot droht. Das kann uns nicht egal sein. Für diejenigen, die schöpferisch mit dem Wort umgehen, ist diese erzwungene Wortlosigkeit etwas schier Tödliches, nämlich ein Mundtot-Gemachtsein. Es gehört wahrlich nicht viel Mut dazu, das an diesem Ort zu sagen, gesagt werden muss es gleichwohl.
Das Übersetzerzentrum ist ein schönes Beispiel dafür, dass unsere Zunft in den letzten Jahren sehr viel sichtbarer geworden ist, und die Übersetzerbarke, jener Preis, den wir einmal im Jahr verleihen, gilt Personen, die die Sache der Übersetzer in besonderer Weise gefördert haben. Oft sind das Verlage, es waren aber auch schon Journalisten. Dieses Jahr zeichnet die Jury – sie besteht aus unseren Kollegen Eva Moldenhauer, Grete Osterwald und Reinhard Kaiser – Jürgen Jakob Becker aus, den stellvertretenden Geschäftsführer des LCB, des Literarischen Colloquiums Berlin und Geschäftsführer des Deutschen Übersetzerfonds.
Jürgen Becker setzt sich seit vielen Jahren auf die für ihn typische, nämlich sowohl stille als auch effiziente Weise für die Belange der literarischen Übersetzer ein. Er sorgt dafür, dass das LCB, diese eminente, europa- und weltweit wirkende Institution, die sich vormals eher der deutschsprachigen Literatur widmete, auch ein Zuhause für die Weltsprache der Literatur geworden ist, nämlich für die Übersetzung, sei es durch die Erfindung der Übersetzerwerkstätten im LCB, die es seit bald 20 Jahren dort gibt, seien es die Vorarbeiten zum Deutschen Übersetzerfonds und dessen Gründung, seien es die Tagungen mit ausländischen Übersetzern deutscher Literatur.
Jürgen Jakob Becker ist studierter Germanist und Lateinamerikanist. Er hat an der FU in Berlin unter anderem bei unserem Übersetzerkollegen Bertold Zilly studiert, und er hat 1990 im LCB als Praktikant begonnen. Nun könnte man meinen, es sei doch ein wenig sehr pro domo, die Übersetzerbarke jemandem zuzuerkennen, der als Geschäftsführer des Übersetzerfonds sowieso das tun muss, wofür er jetzt ausgezeichnet wird. Der Meinung kann man sein, übersieht dabei jedoch, dass seine Funktion beim Deutschen Übersetzerfonds eine Folge seines vielfältigen Engagements für uns Übersetzende ist und nicht die Bedingung dafür.
Die Barke besteht in diesem Jahr aus einem Kunstwerk, das in vielfältiger Weise als Übersetzungslandschaft angelegt ist und in seiner perspektivischen Tiefe wie dem Spiel mit Schrift, Sprachen und Worten das Hin und Her unserer Arbeit versinnbildlicht. Lieber Jürgen Jakob Becker, von uns allen vielen Dank und herzlichen Glückwunsch!
Hinrich Schmidt-Henkel