Hinrich Schmidt-Henkel
Rede zur Eröffnung des Zentrums
„Weltempfang – Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung“
auf der Frankfurter Buchmesse 2010 und
zur Überreichung der Übersetzerbarke an Jürgen Dormagen
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Antje te Brake, lieber Jürgen Dormagen, meine Damen und Herren,
wenn ich den Anfang meiner kleinen Rede des letzten Jahres sinngemäß übernommen hätte, würde ich jetzt sagen: Ich begrüße Sie zur diesjährigen Eröffnung des Übersetzerzentrums – aber nein, Sie wissen es, das Übersetzerzentrum gibt es nicht mehr, nicht in der sieben Jahre lang bewährten Form. Das Auswärtige Amt, einer der Förderer des Übersetzerzentrums, hat unter neuer Führung nach der Bundestagswahl 2009 Einsparmöglichkeiten erkundet und gefunden, und auch die Buchmesse sah sich aus wirtschaftlichen Erwägungen zu Abstrichen genötigt. Darum befinden wir uns nun erstmals im neuen Zentrum: „Weltempfang – Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung“ – „Welt“ und „Übersetzung“: Die beiden Begriffe bilden ja eine gute Klammer für den Namen so eines Zentrums.
Unser Literaturübersetzerverband VdÜ und der Verband der Übersetzer und Dolmetscher BdÜ sind auch im neuen Zentrum mit einem vielfältigen Publikums- und Fachprogramm präsent, dazu mit dem bewährten, faszinierenden „Gläsernen Übersetzer“. Wir danken den Ausrichtern und Geldgebern des Zentrums dafür, dass sie so viel Wert auf weitere deutliche Präsenz der Übersetzer gelegt haben. Das wiegt den Verlust des Übersetzerzentrums nicht auf, aber es lindert die Schmerzen. Und wie Sie im Programm sehen, tun wir das Unsrige, um auch das neue Zentrum mit Leben und Inhalt zu füllen.
Darum herzlichen Dank an die Verantwortlichen der gastgebenden Buchmesse, an Tobias Voss, den in der Messeleitung Zuständigen, und zumal an Antje te Brake, unser bewährtes Gegenüber auf Seiten der Buchmesse. Dank den vielen Kolleginnen und Kollegen, die an der Vorbereitung und Durchführung mitwirken, Dank an Annette Kopetzki und Ingo Herzke, die für den Verband der Literaturübersetzer federführend den Übersetzerbeitrag zum neuen Zentrum koordinieren, Dank den Frankfurter Kolleginnen, die die ständige Präsenz am Info-Stand gewährleisten und überhaupt unglaublich viel Detailarbeit bei der Vorbereitung und während der Messe leisten. Ich glaube, wir haben alle keine Ahnung – ich auch nicht! -, wie aufwändig das ist. Von den Frankfurter Kolleginnen sei stellvertretend, aber auch ganz persönlich, Andrea von Struve gedankt, die, so ist zu hören, in den letzten Wochen und Monaten enorm viel Zeit und Energie in die Vorbereitung inivestiert hat.
Die Übersetzerbarke ist die Auszeichnung des Literaturübersetzerverbandes für Verlage oder Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um das Übersetzen oder die Literaturübersetzer verdient gemacht haben. In diesem Jahr hat unsere Jury die Barke erstmals einem Verlagslektor zugedacht, nämlich Jürgen Dormagen, der viele Jahre lang im Suhrkamp-Verlag vor allem spanische und lateinamerikanische Literatur und deren Übersetzungen betreut. Er geht jetzt in Rente – aber wir würden Suhrkamp beglückwünschen, wenn es dem Hause gelingt, ihn weiter an den Verlag zu binden. Immerhin ist Jürgen Dormagen so beweglich und Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, dass er an diesem Punkt seiner Biographie den Umzug von Frankfurt nach Berlin mitgemacht hat.
Jürgen Dormagen ist als Lektor im allerbesten Sinne „Old School“. Wer mit ihm gearbeitet hat, ist voll der Bewunderung und des Lobes. Stupendes Wissen, Gespür für Texte, pädagogischer Eros, persönliche Integrität - all diese Eigenschaften werden an ihm geschätzt. Sein Respekt gegenüber dem Text, aber auch gegenüber der Arbeit und der Person der Übersetzenden ist Legende. Beispielhaft für sein Engagement über die engere Arbeit als Verlagslektor hinaus sind Seminare des Deutschen Übersetzerfonds, bei denen Übersetzer und Lektoren gemeinsam am Text arbeiten, und die er seit Jahren leitet. Die Zusammenarbeit mit ihm, ob nun imVerlag oder bei den Seminaren, ist ein großer Gewinn, so sagen es alle. Bei dieser Zusammenarbeit haben viele Übersetzer lernen können, Berufsneulinge und Erfahrene – und auch er ist immer zum Dazulernen offen und bei aller punktgenauer Sorgfalt und zeitaufwändigen Differenziertheit von blitzender Neugier.
Lieber Jürgen Dormagen, die Übersetzerbarke, dieses Fahrzeug des Fährmanns, ist eine undotierte Auszeichnung, aber eine handfeste; sie besteht in einem Kunstwerk, das ich Ihnen gleich mit großem Vergnügen im Namen meines Verbandes überreichen wede. Diese Auszeichnung kommt direkt aus der Übersetzerschaft, die Ihnen, dem Lektor und Literaturmenschen, viel verdankt. Herzlichen Glückwunsch!