Beitrag für Kunst & Kultur über das 3. "Bensberger Gespräch" des Übersetzerverbandes (VdÜ)

Von Hinrich Schmidt-Henkel

Zweimal gab es am Wochenende 25.-27. Januar standing ovations in Bensberg nahe Köln, bei der jährlichen Arbeitstagung des Übersetzerverbandes, "Bensberger Gespräch". Am Ende gab es Bravos und eine Flasche Veuve Clicquot für Thomas Brovot, dasjenige Vorstandsmitglied, das (noch) mehr als alle anderen bei der Vorbereitung der Urheberrechtsnovelle aktiv war. Dass diese Novellierung zwar keine Garantie für Champagner bedeutet, die wirtschaftliche Situation der Literaturübersetzenden aber durchaus prickelnder werden lassen könnte, hatte Thomas Brovot zu Anfang der Tagung erläutert, als er direkt nach der Abstimmung im Bundestag eingeflogen kam. Wer ihn kennt, weiß, dass er keine großen Worte macht - und er sagte: "Heute ist ein historischer Tag". Was samt seinem "Bericht aus Berlin" zum ersten Mal für stehenden Applaus gesorgt hatte.


Marcel Bayer (2.v.l.) und seine Übersetzer (v.l.n.r.):
Takao Nagasawa, Ulla Ekblad-Forsgren und Jaroslaw Ziolkowski
Foto © Thomas Wollermann


Das "Bensberger Gespräch" ist eine Arbeitstagung, die nach bewährtem Muster und mit alljährlich (wiederum von Gertraude Krueger und Peter Klöss) neu konzipiertem Programm Workshops, Preisverleihungen, Diskussionen und anderes mehr vereint. Der Auftakt ist stets Fachvorträgen vorbehalten. So sprach die temperamentvolle Übersetzerin Ray-Güde Mertin (die deutsche Stimme von José Saramago und anderen Portugiesen) als Vertreterin eines Berufs, der ihr Haupterwerb geworden ist, als Agentin: "'Lizenz zum Handeln' - Über den Handel mit internationalen Lizenzen und seine Auswirkung auf Übersetzerverträge". Für die Übersetzerschaft wichtigste Information ihres Vortrags war wohl, dass Agenten durchaus auf Übersetzerbelange Rücksicht nehmen können - wenn sie nur wollen.

Prof. Hans Uszkoreit von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken berichtete sodann von seinen Forschungen als Computerlinguist, faszinierenden Forschungen, weil er sich Phänomenen der Sprache widmet, die für Hard- und Software kaum fassbar sind, nämlich Grammatik und vor allem Stil. Beiden mit kognitiven Erklärungsansätzen zu Leibe zu rücken, das ist der Versuch eines Brückenschlags zwischen der alltäglichen Übersetzungstätigkeit - oft theorieferner Praxis - und den wissenschaftlichen Durchdringungsbemühungen - um Theorien bestrebt, der Praxis allzu häufig fremd. Das Suchen des Wissenschaftlers nach Gesetzmäßigkeiten, die er seinem Computer einfüttern könnte, erwies sich als gar nicht so verschieden vom Suchen der Übersetzenden nach Leitlinien ihres Umgangs mit Stil und Grammatik, diesen "weichen", flexiblen Merkmalen der Sprache.

Ein Diskussionsblock nach dem Abendessen galt dem "Berufsbild des Übersetzers" - ein Austausch über Selbstbilder, Arbeitsweisen, wirtschaftliche Praxis. Es wurde eine ungewöhnlich persönliche Aussprache, die unter anderem zeigte, wie wichtig die Umsetzung des neuen Urheberrechts auch für das Selbstverständnis der Zunft sein könnte.

Ort des Geschehens war das "Kardinal-Schulte-Haus", eine geräumige, wuchtige, zu Zwecken der Kontemplation erbaute Immobilie des Erzbistums Köln, in deren Untergeschoss sich eine eher beengte Bar befindet (nachträglich eingebaut: Das Haus war früher, als es noch genügend weltfern orientierte Jugend gab, ein Priesterseminar). Übersetzer können aber auch zusammenrücken. Was sie gründlich taten, bis lange nach der Sperrstunde. Dennoch: Kritik am Tagungsort galt dem herben Charme des Baus und den eingeschränkten Möglichkeiten, sich in der drangvollen Enge dieser Bar einander mitzuteilen.

Samstag bedeutet in Bensberg Textarbeit. Die "Gespräche" erfahren einen kontinuierlich wachsenden Zulauf, weswegen sie einst aus Esslingen ins sauerländische Bergneustadt und dann nach Bensberg umziehen mussten, um den jetzt mehr als zweihundert Teilnehmer/innen Platz zu bieten. Auch die Zahl der Workshops wuchs. 17 waren es diesmal, acht vor- und neun nachmittags. Sprachgruppen, nicht nur Englisch und Französisch, auch skandinavische Sprachen und sogar Hebräisch. Darüber hinaus, wie seit einigen Jahren eingeführt, sprachenübergreifende Workshops. Burkhard Kroeber z. B. behandelte die Tempusformen im Deutschen; unter Vorsitz von Friederike Hausmann untersuchte man neue Übersetzungen alter Texte; Annette Kopetzki warf einen methodischen Blick auf das Übersetzen von Metaphern (und musste ihren Workshop wegen der enormen Nachfrage gleich zweimal anbieten); angeleitet von Ulrich Blumenbach wurde "Sex in der Übersetzung" praktiziert, präsidiert von Frank Heibert der "Treffende Ton" gesucht. Dazu praktische Themen wie die Gestaltung von Lesungen, die Nutzung des Internets sowie Informationen zu "Geld und anderen Nebensachen". Miteinander zu reden und zu arbeiten ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Tagung, und besonders bei der Text- und Spracharbeit zeigt sich, wie förderlich dieser Austausch ist in einem Beruf, in dem sonst jeder für sich an seinem Schreibtisch kämpft (und oft genug auch gegen sich). Zweimal dreieinhalb Stunden: Wieder war die Zeit zu kurz, was niemand bedauerte.

Brigitte Große hatte die Ehre, am zweiten Abend als bisherige Trägerin des Hieronymus-Rings - jener undotierten Auszeichnung, die im Zweijahresrhythmus von Übersetzer an Übersetzer weitergereicht wird - den Ring samt der Pflicht, binnen vierundzwanzig Monaten einen Nachfolger zu bestimmen, Hanns Grössel zu übergeben, in Anerkennung seiner Übersetzung von Lyrik aus dem Schwedischen (Thomas Tranströmer) und Dänischen (Inger Christensen). Was sie mit einer bewegten und bewegenden Rede tat. Hanns Grössel, in den sechziger Jahren Lektor bei Rowohlt, dann viele Jahre lang Literatur-Redakteur beim WDR, daneben akribischer und liebevoller Übersetzer, dankte auf seine Art: mit einer an Kenntnissen reichen Rede, in der er nicht über sich und seine Arbeit sprach, sondern vor allem über den französischen Autor und Übersetzer Valéry Larbaud und dessen maßgebliches Werk über das Übersetzen "Sous l'invocation de Saint Jérôme" (Unter Anrufung des Heiligen Hieronymus), das es noch ins Deutsche zu übertragen gelte.

"Der Autor trifft seine Übersetzer" - die traditionelle Sonntagmorgen-Veranstaltung, diesmal moderiert von Bärbel Flad, führte Marcel Beyer und drei Übersetzer seines Romans "Flughunde" zusammen: Ulla Ekblad-Forsgren (Schwedisch), Takao Nagasawa (Japanisch) und Jaroslaw Ziolkowski (Polnisch). Ein anspruchsvoller Text, eine Runde, die auf hinreißende Weise die Verschiedenheiten der Kulturen und die kommunkative Leistung des Übersetzens verkörperte. Dazu ein Autor, der, selber als Übersetzer zeitgenössischer englischer Lyrik bekannt, ausgesprochen sprachsensibel und zugleich pragmatisch mit dem Ausgeliefertsein des Übersetzt-Werdens umgeht (seinem polnischen Übersetzer stundenlang Rede und Antwort steht und ihn dann noch bekocht). Und ein Auditorium, das geduldig und fasziniert den Lesungen in fernen Sprachen lauschte, das neugierig den Umgang mit Beyers ungewöhnlichen, der Sprache abgehorchten Wendungen erkundete.

Am Schluß viel Dank, an Helga Pfetsch, Vorsitzende des Übersetzerverbandes und geduldig strukturgebende Tagungsleiterin, an Claus Varrelmann, den Organisator, an alle Helfer. Und Vorfreude auf das nächste "Bensberger Gespräch".