Das "Bensberger Gespräch" ist eine Arbeitstagung,
die nach bewährtem Muster und mit alljährlich (wiederum
von Gertraude Krueger und Peter Klöss) neu konzipiertem
Programm Workshops, Preisverleihungen, Diskussionen und anderes
mehr vereint. Der Auftakt ist stets Fachvorträgen vorbehalten.
So sprach die temperamentvolle Übersetzerin Ray-Güde
Mertin (die deutsche Stimme von José Saramago und anderen
Portugiesen) als Vertreterin eines Berufs, der ihr Haupterwerb
geworden ist, als Agentin: "'Lizenz zum Handeln' - Über
den Handel mit internationalen Lizenzen und seine Auswirkung
auf Übersetzerverträge". Für die Übersetzerschaft
wichtigste Information ihres Vortrags war wohl, dass Agenten
durchaus auf Übersetzerbelange Rücksicht nehmen
können - wenn sie nur wollen.
Prof. Hans Uszkoreit von der Universität des Saarlandes
in Saarbrücken berichtete sodann von seinen Forschungen
als Computerlinguist, faszinierenden Forschungen, weil er
sich Phänomenen der Sprache widmet, die für Hard-
und Software kaum fassbar sind, nämlich Grammatik und
vor allem Stil. Beiden mit kognitiven Erklärungsansätzen
zu Leibe zu rücken, das ist der Versuch eines Brückenschlags
zwischen der alltäglichen Übersetzungstätigkeit
- oft theorieferner Praxis - und den wissenschaftlichen Durchdringungsbemühungen
- um Theorien bestrebt, der Praxis allzu häufig fremd.
Das Suchen des Wissenschaftlers nach Gesetzmäßigkeiten,
die er seinem Computer einfüttern könnte, erwies
sich als gar nicht so verschieden vom Suchen der Übersetzenden
nach Leitlinien ihres Umgangs mit Stil und Grammatik, diesen
"weichen", flexiblen Merkmalen der Sprache.
Ein Diskussionsblock nach dem Abendessen galt dem "Berufsbild
des Übersetzers" - ein Austausch über Selbstbilder,
Arbeitsweisen, wirtschaftliche Praxis. Es wurde eine ungewöhnlich
persönliche Aussprache, die unter anderem zeigte, wie
wichtig die Umsetzung des neuen Urheberrechts auch für
das Selbstverständnis der Zunft sein könnte.
Ort des Geschehens war das "Kardinal-Schulte-Haus",
eine geräumige, wuchtige, zu Zwecken der Kontemplation
erbaute Immobilie des Erzbistums Köln, in deren Untergeschoss
sich eine eher beengte Bar befindet (nachträglich eingebaut:
Das Haus war früher, als es noch genügend weltfern
orientierte Jugend gab, ein Priesterseminar). Übersetzer
können aber auch zusammenrücken. Was sie gründlich
taten, bis lange nach der Sperrstunde. Dennoch: Kritik am
Tagungsort galt dem herben Charme des Baus und den eingeschränkten
Möglichkeiten, sich in der drangvollen Enge dieser Bar
einander mitzuteilen.
Samstag bedeutet in Bensberg Textarbeit. Die "Gespräche"
erfahren einen kontinuierlich wachsenden Zulauf, weswegen
sie einst aus Esslingen ins sauerländische Bergneustadt
und dann nach Bensberg umziehen mussten, um den jetzt mehr
als zweihundert Teilnehmer/innen Platz zu bieten. Auch die
Zahl der Workshops wuchs. 17 waren es diesmal, acht vor- und
neun nachmittags. Sprachgruppen, nicht nur Englisch und Französisch,
auch skandinavische Sprachen und sogar Hebräisch. Darüber
hinaus, wie seit einigen Jahren eingeführt, sprachenübergreifende
Workshops. Burkhard Kroeber z. B. behandelte die Tempusformen
im Deutschen; unter Vorsitz von Friederike Hausmann untersuchte
man neue Übersetzungen alter Texte; Annette Kopetzki
warf einen methodischen Blick auf das Übersetzen von
Metaphern (und musste ihren Workshop wegen der enormen Nachfrage
gleich zweimal anbieten); angeleitet von Ulrich Blumenbach
wurde "Sex in der Übersetzung" praktiziert,
präsidiert von Frank Heibert der "Treffende Ton"
gesucht. Dazu praktische Themen wie die Gestaltung von Lesungen,
die Nutzung des Internets sowie Informationen zu "Geld
und anderen Nebensachen". Miteinander zu reden und zu
arbeiten ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Tagung, und
besonders bei der Text- und Spracharbeit zeigt sich, wie förderlich
dieser Austausch ist in einem Beruf, in dem sonst jeder für
sich an seinem Schreibtisch kämpft (und oft genug auch
gegen sich). Zweimal dreieinhalb Stunden: Wieder war die Zeit
zu kurz, was niemand bedauerte.
Brigitte Große hatte die Ehre, am zweiten Abend als
bisherige Trägerin des Hieronymus-Rings - jener undotierten
Auszeichnung, die im Zweijahresrhythmus von Übersetzer
an Übersetzer weitergereicht wird - den Ring samt der
Pflicht, binnen vierundzwanzig Monaten einen Nachfolger zu
bestimmen, Hanns Grössel zu übergeben, in Anerkennung
seiner Übersetzung von Lyrik aus dem Schwedischen (Thomas
Tranströmer) und Dänischen (Inger Christensen).
Was sie mit einer bewegten und bewegenden Rede
tat. Hanns Grössel, in den sechziger Jahren Lektor bei
Rowohlt, dann viele Jahre lang Literatur-Redakteur beim WDR,
daneben akribischer und liebevoller Übersetzer, dankte
auf seine Art: mit einer an Kenntnissen reichen Rede,
in der er nicht über sich und seine Arbeit sprach, sondern
vor allem über den französischen Autor und Übersetzer
Valéry Larbaud und dessen maßgebliches Werk über
das Übersetzen "Sous l'invocation de Saint Jérôme"
(Unter Anrufung des Heiligen Hieronymus), das es noch ins
Deutsche zu übertragen gelte.
"Der Autor trifft seine Übersetzer" - die
traditionelle Sonntagmorgen-Veranstaltung, diesmal moderiert
von Bärbel Flad, führte Marcel Beyer und drei Übersetzer
seines Romans "Flughunde" zusammen: Ulla Ekblad-Forsgren
(Schwedisch), Takao Nagasawa (Japanisch) und Jaroslaw Ziolkowski
(Polnisch). Ein anspruchsvoller Text, eine Runde, die auf
hinreißende Weise die Verschiedenheiten der Kulturen
und die kommunkative Leistung des Übersetzens verkörperte.
Dazu ein Autor, der, selber als Übersetzer zeitgenössischer
englischer Lyrik bekannt, ausgesprochen sprachsensibel und
zugleich pragmatisch mit dem Ausgeliefertsein des Übersetzt-Werdens
umgeht (seinem polnischen Übersetzer stundenlang Rede
und Antwort steht und ihn dann noch bekocht). Und ein Auditorium,
das geduldig und fasziniert den Lesungen in fernen Sprachen
lauschte, das neugierig den Umgang mit Beyers ungewöhnlichen,
der Sprache abgehorchten Wendungen erkundete.
Am Schluß viel Dank, an Helga Pfetsch, Vorsitzende
des Übersetzerverbandes und geduldig strukturgebende
Tagungsleiterin, an Claus Varrelmann, den Organisator, an
alle Helfer. Und Vorfreude auf das nächste "Bensberger
Gespräch". |