Die Bücher und Teilnehmer im Einzelnen
Mittwoch, 31. Oktober 2007
ÜBERSETZER PACKEN AUS
Die Sache mit dem Tod
Übersetzer von Kinder- und Jugendliteratur berichten aus ihrer Werkstatt
Der neunjährige Bruno verlässt mit seiner Familie Anfang der vierziger Jahre Berlin und zieht an einen Ort, an dem hinter Stacheldraht viele Menschen hausen. Er geht den Zaun entlang und trifft auf Schmuel ... Im heutigen England läuft der zehnjährige Danny von zu Hause fort, weil er nicht weiß, wie das Leben ohne seinen tödlich verunglückten Zwillingsbruder weitergehen soll. John Boyne („Der Junge im gestreiften Pyjama“, Fischer Verlag 2007) und Tom Kelly („Die Sache mit Finn“, Carlsen Verlag 2007) haben zwei anspruchsvolle und bewegende Jugendbücher zu den Themen Holocaust und Tod geschrieben.
Ihre deutschen Übersetzer, Brigitte Jakobeit und Ingo Herzke, berichten von den spezifischen Herausforderungen beim Übersetzen dieser Bücher, präsentieren Ausschnitte aus den Werken und beantworten Fragen aus dem Publikum. Moderation: Katharina Gerhardt. Organisation: Birgit Schmitz.
Eine Veranstaltung des Hamburger Übersetzertreffens, mit freundlicher Unterstützung der Hamburger Kulturbehörde und des Buchladens in der Osterstraße.
Datum: 31. Oktober 2007 Ort: Buchladen in der Osterstraße, Osterstraße 171
Zeit: 20.00 Uhr Eintritt: 5 Euro
Karten können telefonisch reserviert werden. Telefon: 040 - 4919560
Die Bücher und Teilnehmer im Einzelnen:
John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama
(Originaltitel: The Boy in
the Striped Pyjamas)
Übersetzung: Brigitte Jakobeit
S. Fischer Verlag 2007
Es ist ein hässlicher Ort, an den Bruno 1942 mit Vater, Mutter und Schwester ziehen muss. Er versteht die Welt nicht mehr. Im neuen Haus ist es kalt, in der Familie herrscht emotionaler Stillstand. Und draußen ist es öde, nur ein riesiger Zaun und schmutzige Menschen dahinter. Bruno, der nichts lieber tut als Dinge zu erforschen, begibt sich auf den Weg zum Zaun und versucht zu erkunden, was dahinter geschieht. Er trifft Schmuel, und trotz aller Widrigkeiten entspinnt sich eine zarte Freundschaft, die Bruno viele Fragen stellen lässt und ihm viele Rätsel aufgibt.
Ist es zulässig, den „Stoff“ Auschwitz und Holocaust als „Fabel“ in ein Kinderbuch umzusetzen? Der Ire John Boyne hat es getan, und die Geschichte Brunos konsequent aus der Perspektive eines Neunjährigen erzählt. Er verzichtet auf brutale Szenen, sprachliche Girlanden, pompöse Bilder. Es ist ein minimalistischer Text, subtil komponiert und gebaut auf der unschuldigen Wahrnehmung eines Kindes – und wirkt damit umso direkter.
„Der Junge im gestreiften Pyjama“ will nicht realistisch darstellen, und spaltet gerade deshalb die deutsche Kritik. In Irland führt er seit einem Jahr die Bestsellerliste an, ist in 25 Sprachen übersetzt und wird derzeit verfilmt von Mark Herman, dem Regisseur der Sozialkomödie „Brassed Off“. Wie schwierig und schön es war, Brunos Geschichte im Deutschen Gestalt zu geben und bis ans Ende zu folgen, auch davon wird an diesem Abend die Rede sein.
Brigitte Jakobeit hat in Berlin und Hamburg Anglistik/Romanistik und Germanistik/ Biologie studiert, nach dem Studium als Journalistin gearbeitet und übersetzt seit vielen Jahren literarische Jugend- und Erwachsenenbücher (u.a. Audrey Niffenegger, William Trevor, Lois Lowry, Meg Rosoff).
Tom Kelly: Die Sache mit Finn
(Originaltitel: The Thing with Finn)
Übersetzung: Ingo Herzke
Carlsen Verlag 2007
Seit die Sache mit seinem Zwillingsbruder Finn passiert ist, läuft bei Danny, dem zehnjährigen Erzähler, zuhause alles schief. So schief, dass er wegzulaufen beschließt. Dann müssen seine Eltern und seine kleine Schwester Angela nicht jedes Mal an Finn denken, wenn sie ihn ansehen, und vielleicht wird dann sogar wieder gelacht. Zuerst also schmeißt er einen Backstein ins Fenster des alten Nachbarn, um den blöden ausgestopften Otter plattzumachen, dann packt er ein paar Sachen zusammen und bricht auf.
Es wird eine Reise, auf der Danny sehr viel über sich und die Welt lernt, Menschen trifft, die ihm Schwierigkeiten machen, aber auch andere, die ihm weiterhelfen, und schließlich herausfindet, was er eigentlich tun will und muss, um die Sache mit Finn vielleicht nicht hinter sich zu bringen, aber immerhin zu „bearbeiten“. Und was es mit den Ottern auf sich hat, wird am Ende auch geklärt.
Ein Buch, das in der Sprache eines Zehnjährigen große und schwere Dinge verhandelt (die drei Teile der Erzählung tragen die Überschriften DENKEN, SEIN und TUN), dabei aber nie in falsche Töne rutscht, außerdem noch ziemlich viel Spaß macht, mal zum Lachen und mal zum Weinen ist – keine leichte, aber eine schöne Herausforderung für den Übersetzer.
Ingo Herzke hat in Göttingen und Glasgow Anglistik und Geschichte studiert und lebt seit einigen Jahren mit Frau und Kindern als Übersetzer (u. a. A. L. Kennedy, Paula Fox, Rick Moody) in Hamburg.
Katharina Gerhardt, Moderation, hat in Frankfurt und Pavia Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert. Nach einigen Jahren als Verlagslektorin arbeitet sie heute als freie Lektorin, Übersetzerin und Rezensentin in Hamburg.