Laudatio zur Verleihung der Übersetzerbarke 2007 an Denis Scheck

 

„Worte geraten durcheinander, verdichten sich, strömen vorbei, welches sind die richtigen, wo ist die Logik, wo trägt die Strömung?

Eine Reise beginnt in einer Sprache und endet in einer anderen.

Der Ruderer blickt zurück, während er seine ganze Kraft in die Vorwärtsbewegung umsetzt. Ausgangspunkt und Zielpunkt rücken gleichzeitig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Anstrengung.“

So lauten die Gedanken, die der Berliner Künstler Ralf Behrendt, der Gestalter der diesjährigen Übersetzerbarke, seiner Grafik beigefügt hat.

Die Komponenten seiner Arbeit sind eine verfremdete fotografische Vorlage (ein Digitalfoto mit einer Reihe von Ruderbooten), textliche Elemente – nämlich Auszüge aus der Vulgata, der ersten Bibelübersetzung ins Latein durch Hieronymus, den Schutzheiligen der Übersetzer, sowie Fragmente von Zufallstexttafeln aus einem Kinderspiel. Die Grafik thematisiert den Fluss der Worte sowie die Strömung, gegen die es für den Ruderer ans Ziel zu gelangen gilt.

Ein treffendes Bild für die derzeitige Lage und Arbeitsbedingungen der Literaturübersetzer. Denn wir haben mit einer seit Jahren immer stärker werdenden Gegenströmung zu kämpfen, die aber nicht etwa darin besteht, dass die Bücher, die wir übersetzen, immer schwieriger werden. Nein, unser Problem ist, dass wir immer noch um eine verbindliche Vergütungsregelung kämpfen müssen, obwohl uns der Gesetzgeber bereits 2002 den Anspruch auf eine „angemessene Vergütung“ unserer Urheberleistung zugestanden hat. Doch leider hat die Gesetzesnovelle die Übersetzer in den vergangenen Jahren nicht in ruhigere Gewässer geführt, sondern die widrigen Strömungen sogar noch verstärkt, gegen die wir nun anrudern, damit Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen mit den Verlegern kommt, damit wir nicht am Ende immer weiter zurückgetrieben werden.

Vor allem dieser Kampf der Literaturübersetzer gegen widrige Strömungen hat in diesem Jahr die Wahl des Barken-Preisträgers bestimmt - widrige Strömungen, die aus dem Unwillen und der Ignoranz vieler Verleger und eines Teils der Medien entstanden sind.

Wir möchten so manches Mal unseren Schutzheiligen Hieronymus anrufen, dass er uns beistehe - nicht allein, um uns Inspiration bei der Arbeit zu schenken, sondern damit er uns den Rücken stärke bei unseren Verhandlungen mit den Verlegern, auf dass sich an der - schon vor zehn Jahren vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als skandalös bezeichneten - finanziellen Situation der Literaturübersetzer endlich etwas ändern möge. Und erstaunt stellen wir fest, dass unser Schutzheiliger uns manchmal antwortet und dabei ganz unerwartete Gestalt annimmt.

So haben wir seit Jahren einen Nothelfer an unserer Seite, einen Verbündeten, von dem wir wissen, dass wir uns auf ihn verlassen können, wenn es um die Belange unseres Berufsstandes geht.

Unser guter Geist, dem wir die diesjährige Übersetzerbarke verleihen, ist Denis Scheck.

Wir kennen ihn alle als Literaturkritiker aus Funk und Fernsehen. Seit Jahren präsentiert er in der ARD in seiner Büchersendung „Druckfrisch“ diejenigen Titel, die ihm von den 200 Büchern, die er nach eigenen Angaben pro Jahr liest, besonders am Herzen liegen. Im Deutschlandfunk kann man ihn regelmäßig in der Sendung Büchermarkt hören, und einmal im Monat sind im „Tagesspiegel“ seine Kommentare zur Spiegelbestsellerliste zu lesen.

Allein die Tatsache, dass Denis Scheck in seinen Rezensionen ganz selbstverständlich die Übersetzer beim Namen nennt, regelmäßig auch auf die Qualität der Übersetzungen eingeht und dabei abgegriffene wie nichts sagende Floskeln à la diese Übersetzung „liest sich frisch“ oder sie „ist kongenial“ meidet, verdient gewürdigt zu werden. Allein die Tatsache, dass ihm bewusst ist, wie sehr es den deutschen Kritikern häufig noch an einem adäquaten Instrumentarium fehlt, um Übersetzungen kritisch zu würdigen, wäre Grund genug, ihn mit der Übersetzerbarke auszuzeichnen und als leuchtendes Vorbild seiner Zunft zu preisen. Doch ehren wir dieses Jahr nicht allein den hervorragenden Kritiker und geistreichen Moderator Denis Scheck, dessen Kommentare von ebensoviel Charme wie Sachkenntnis getragen sind, sondern vor allem den „Fürsprecher der Übersetzer“, als der er sich in der Öffentlichkeit immer wieder auch für deren finanziellen Belange stark macht.

Denn das ist durchaus nicht selbstverständlich, zumal es leider auch Kritiker gibt, die sich von den Verlegern allerlei faule Fische auftischen lassen und aus mangelnder Sachkenntnis oder schlichtem Desinteresse in ihren Artikeln ungeprüft viel dummes Gerede über unsere Lebens- und Arbeitssituation nachplappern.

Denis Scheck ist viel zu sehr Gourmet und ein viel zu guter Koch, als dass er sich faule Fische vorsetzen ließe.

Und er weiß, wovon er redet. Wenn er, beispielsweise gefragt nach den verkannten Helden des Literaturbetriebs, antwortet: Es seien

„die Übersetzer. Alle. Ausnahmslos“,

so ist das keine anbiedernde Geste, sondern er weiß es aus eigener Erfahrung. Weil er selbst viele Jahre zu diesen „verkannten Helden“ gehörte.

Denis Scheck begann ungewöhnlich früh zu übersetzen. Mit sechs Jahren, also in einem Alter, wo andere erst lesen und schreiben lernen, versuchte er sich bereits an der Übertragung englischer Comics ins Deutsche.

Mit zwölf wurde er dann Literaturagent und hatte sich damit als Sechzehnjähriger schon eine eigene Existenz geschaffen.

Zudem lebte er von 1989 bis 1997 in Straelen, in einer Wohnung vis-à-vis dem Europäischen Übersetzer-Kollegium, in dem er in dieser Zeit fast täglich zu Gast war.

Er weiß also, was es heißt, Übersetzer zu sein, er hat diesen Beruf tatsächlich von der Pike auf gelernt. Zu den Autoren, die er übersetzt hat, gehören Michael Chabon, Ruth Rendell und Robert Stone. Und er hat übersetzerisches Können auch vermittelt, so habe ich ihn Anfang der 90er Jahre als engagierten Workshopleiter in der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel kennen gelernt.

Aber Denis Scheck weiß auch, warum er die Seiten gewechselt hat und Literaturkritiker geworden ist. „Ich war Übersetzer aus dem Amerikanischen und weiß aus leidvoller Erfahrung, wie schlecht diese Kunst bezahlt wird. Das ist skandalös“, antwortete er, nach dem Grund gefragt, warum er das Übersetzen aufgegeben hat.

Doch auch als Kritiker hat er nicht vergessen, wie es ihm selbst ergangen ist, und er unterstützt daher, wo er kann, unsere Forderungen an die Verleger. So hat er sich in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau und in einem von Burkhard Müller-Ullrich moderierten Radio-Gespräch, an dem er zusammen mit Christa Schuenke und Gerhard Honnefelder teilnahm, für die Belange der Literaturübersetzer eingesetzt. Dabei ist er nicht um drastische Bilder verlegen und vergleicht unseren Kampf auch gerne mal - wie bei einem Podiumsgespräch auf der Leipziger Buchmesse - mit dem „Kampf der Schwarzen gegen die Sklaverei“.

Nun, Denis Scheck ist nicht nur ein für originelle Vergleiche bekannter Literaturkritiker, als bekennender Gourmet versteht er auch etwas von Fisch. So hat er in seiner Zeit in Straelen zu einem aus der gesammelten Küchenweisheit der Hausgäste zusammengestellten Kochbuch ein Rezept für Seezunge beigesteuert – was dem Buch den wunderbar doppelsinnigen Titel „Über Seezungen“ gab.

Nachdem er sich also als Fischkenner und feiner Koch geoutet hat, der zudem über eine gewisse Affinität zum Wasser verfügt – er veröffentlichte im Maro-Verlag seine „Streifzüge durch die US-Literatur“ und ist Mitherausgeber der Mare-Bibliothek im gleichnamigen Verlag -, überreichen wir ihm heute, gleichsam als verbindendes Element seiner Leidenschaften, die Übersetzerbarke 2007.

Auch wenn man zugeben muss, dass es sich bei dieser Barke nicht um einen für den Fischfang geeigneten Kutter handelt, sondern um die eingangs erwähnte Flotte kleiner Boote, die den Kritiker Denis Scheck einladen, weiter mit uns gegen den Strom zu rudern.

Ich freue mich sehr, Ihnen heute diese Auszeichnung im Namen des Verbands der deutschsprachigen Literaturübersetzer (VdÜ) verleihen zu dürfen. Natürlich hoffen wir Übersetzer auch, dass sich der eine oder andere Ihrer Kollegen ein Beispiel an Ihnen nimmt, damit unsere legitime Forderung nach einer angemessenen Bezahlung unserer kreativen Tätigkeit bald Realität wird - einer Bezahlung, die es uns endlich ermöglicht, von unserer Arbeit zu leben.

Wir sind Ihnen dankbar für Ihre Unterstützung - die wir brauchen, damit die widrigen Strömungen nicht zu stark werden, damit wir nicht irgendwann über Bord gehen oder einfach aussteigen und resigniert ans Ufer schwimmen. Dort würden wir uns nämlich möglicherweise hinsetzen, auf den Fluss sehen und uns am Ende gar noch einbilden, wir könnten - wie Sie gerne sagen - warten, bis die Leichen unserer Feinde vorbei getragen werden.

Lieber Denis Scheck, bleiben Sie unser Verbündeter und unser guter Geist und bewahren Sie uns vor solchen teuflischen Gedanken, damit wir nicht aufhören, uns in die Riemen zu legen.