Fotos: Momentaufnahmen vom 5. Wolfenbütteler Gespräch
5. Wolfenbütteler Gespräch 2008
„Ach so, Sie gehören zu den Übersetzern! Dann viel Spaß heute
Abend!“ Nicht nur die freundliche Eisverkäuferin, die einigen
Tagungsteilnehmern den Weg zur KuBa-Halle erklärte, auch andere Wolfenbütteler
signalisierten mit interessierten Blicken, dass sie von unserer Jahrestagung
in ihrer Stadt wussten. Wir scheinen im fünften Jahr also endlich
angekommen in diesem an kulturellen Veranstaltungen und Begegnungen nicht
eben armen Ort. Wer weiß, vielleicht haben ja sogar ein paar Wolfenbütteler
bei unserem Lesefest am ersten Abend im Publikum gesessen? Danach gab es
jedenfalls mit Sicherheit den engsten Kontakt zur Bevölkerung: In
den Kneipen um die Schünemannsche Mühle haben fußballbegeisterte Übersetzer
und Wolfenbütteler Bürger das phantastische Spiel der Holländer
gemeinsam bejubelt.
Zunächst aber genügten wir uns selbst. Der Auftakt in der Kommisse ist immer wieder einer der aufregendsten Momente der Tagung. Der Lärmpegel ist gewaltig, man ruft sich nach allen Seiten Begrüßungen zu und muss doch bald Platz nehmen, um den einleitenden Zeremonien Genüge zu tun. Gerlinde Schermer-Rauwolf eröffnete die Tagung und zog als Dank für das Organisationsteam und in feinsinniger Anspielung auf die Welt des kommenden Vortrags gepfefferte Schokoladen hervor. Die Kulturvermittlerin der Stadt fand schöne Worte für die kulturvermittelnde Tätigkeit der Übersetzer, dann trat Rosemarie Tietze ans Mikrophon, um im Namen des DÜF einen dringenden Appell an uns zu richten: Die Statistik, aus der ein akuter Mangel an Bewerbungen spricht, droht eine Erhöhung des Budgets für den DÜF zu vereiteln! Verbessern wir also die Statistik, um uns diese lebenswichtige Förderung zu erhalten. Wie ein ironischer Kommentar musste darauf der Untertitel von Hartmut Fähndrichs Vortrag klingen: „Von der erleuchtenden und geschichtsmächtigen Funktion des Übersetzers“. Ja, so viel galten die Übersetzer während der sogenannten Renaissance des Mittelalters in Toledo, wohin im 12. Jahrhundert die „Jugend der Welt“ strömte, um unter idealen Bedingungen arabische, lateinische und griechische Texte zu übersetzen. Sie mussten nicht einmal Arabisch können: Es gab nämlich den sogenannten „Zwischenübersetzer“, eine Figur, die im Publikum auf besonderes Interesse stieß. Das waren Araber, die für die angereisten Gelehrten nicht nur die wichtigsten Werke auswählten, sondern sie auch in eines der vulgärlateinischen Idiome übersetzten, aus dem die „Hauptübersetzer“ sie dann ins klassische Latein übertrugen – und sich Ruhm und Ehre erwarben. Der anregende Vortrag lässt sich hier nicht zusammenfassen, doch eines muss gesagt sein: Wer zugehört hat, fand eine Tradition bestätigt. Die Vorträge am ersten Wolfenbüttel-Tag haben mit erstaunlicher Verlässlichkeit ein hohes Niveau.
Mit dem anschließenden Lesefest beginnen die Probleme der Berichterstatterin: Ubiquität hätte sie sich an diesem Abend, wie am folgenden Tag gewünscht, stattdessen muss das pars pro toto gelten. Zwischen Action, Kitsch und Debüts gab es sicherlich viel Hörenswertes, berichten kann ich nur über die Klangereignisse in der zum ersten Mal überfüllten Lyrik-Ecke. Hier entfalteten Scott Fitzgerald, Andy Warhol und Nanni Balestrini auch in ihren deutschen Fassungen rhythmische und lautliche Qualitäten, die das Publikum begeisterten. Beifall erhob sich auch von unten bis in unsere offenen Fenster – zwei Stockwerke tiefer freute man sich über spannende Szenen aus übersetzten Krimis. Danach wurde gefeiert, angeregt durch die lustvolle Präsentation eigener Arbeiten, eine offenbar unerschöpfliche Weinquelle und nicht zuletzt durch die mächtig rauschende Oker, über der man sich eben nur in lebhaftester Tonlage verständigen kann. Die „Geselligkeit in und vor der Schünemannschen Mühle“, scheint sich, nach den müde-beseligten Gesichtern am Frühstückstisch zu urteilen, wohl bis weit nach Mitternacht hingezogen zu haben.
Der Samstag, unser Arbeitstag, führt immer wieder anschaulich vor Augen, dass das Spektrum der für unser Wirken notwendigen Kenntnisse enzyklopädische Ausmaße hat. Vom amerikanischen Bildungswesen über biologische Fachtermini bis zum Pokerboom erstreckte es sich diesmal, und wer weiß, wie viele Realia und Kulturalia noch hinzugekommen wären, hätte der Schwerpunkt nicht auf praktischen, handwerklichen Fragen gelegen. Aber auch hier reichte die Bandbreite von den klassischen Sprachenworkshops (Anglizismen-Fallen im Skandinavischen, argentinisches Spanisch, frankophone Echos, russische Syntax) über berufsspezifische Konfliktsituationen (Lektorat! Öffentliche Auftritte! Verspannung am Schreibtisch!), Sprachfertigkeitstraining mit Schüttelreim oder Limerick einerseits und beherztem Kürzen selbst verfertigter Sätze andererseits, bis hin zum sensationell neuen Übersetzen unserer Kopf- in rhythmische Fußarbeit. Bei den beiden zuletzt erwähnten Workshops habe ich erlebt, dass die übersetzende Zunft sich sowohl konzentriert und selbstkritisch über eigene Redundanzen beugen, als auch begeistert sprachliche Rhythmen auf den Boden des Wolfenbütteler Schlossfoyers stampfen kann – was auch die darunter feiernde, anfangs etwas trübsinnige Hochzeitsgesellschaft durchaus belebte.
Wer zwischen so intensivem, gemeinsamem Lernen auch mit Kollegen entspannen wollte, fand mittags in der Lounge der Mühle freundliche Gastgeber, Erdbeeren und periodische Regengüsse, die die Runde in Bewegung hielten.
Der traditionelle Höhepunkt unserer Tagung, die festlich umrahmte Verleihung der wichtigsten Übersetzerpreise – diesmal der Helmut-M.-Braem-Preis – mit anschließendem Büffet und Party war in jeder Hinsicht gelungen. Eingebettet in artige Flötenduette hielt zunächst Joachim Kalka eine vor Gelehrtheit funkelnde Laudatio, dann berichtete der Preisträger Michael Walther von seiner preisgekrönten Arbeit an Lewis Carrolls zweitem großem Meisterwerk „Sylvie und Bruno“, würdigte die Übersetzung der Gedichte durch Sabine Hübner und dankte für den Preis, der ihn, wie er sagte, für die mangelnde Aufmerksamkeit in den Medien entschädige. In diesem Moment war die festliche Stimmung und Genugtuung, einen großen Kollegen geehrt zu sehen, im Saal mit Händen zu greifen. Nachdem Susanne Höbel sich als neue Präsidentin des Freundeskreises vorgestellt hatte, war der offizielle Teil beendet. Gestärkt durch das Büffet, das allgemeinen Zeittendenzen zum Trotz immer üppiger zu werden scheint, wagten die am Vormittag rhythmisch geschulten Übersetzer sich dann früher als gewohnt auf die Tanzfläche, was sicher auch an der höchst konsensfähigen Musikauswahl lag. Zum ersten Mal sah man mehr Übersetzer tanzen – und endlich einmal nicht in Ketten! – als sitzen.
Die abschließende Veranstaltung, das Treffen zwischen einer deutschen Autorin und ihren Übersetzerinnen, gehörte für mich zu den Glanzpunkten der Tagung. Alle, die auf dem Podium saßen, hatten ihren Anteil daran: Judith Hermann, die sehr aufrichtig über angenehme und befremdende Erfahrungen mit ihren übersetzten Werken sprach, die Übersetzerinnen aus Spanien und der Ukraine – beide mit einer stattlichen backlist deutscher Autoren –, die ganz unterschiedliche Herangehensweisen offenbarten, und nicht zuletzt der Moderator Bernhard Robben, dessen gut strukturierte Fragen aus dem Gespräch eine hochinteressante Lehrstunde über die Unterschiede zwischen Schreiben und Übersetzen machten. Kurzum: Gebanntes Zuhören in einer wunderbar intensiven und gleichzeitig gelösten Atmosphäre.
Beim ersten kleinen Jubiläum des „Wolfenbütteler Gesprächs“ darf man schon von Traditionen sprechen: Bewährt und bewahrenswert erscheinen mir neben den unerlässlichen Workshops der Vortrag am ersten und die Podiumsdiskussion am letzten Tag. Aber Traditionen verpflichten, und mit jeder Tagung, die rundherum so gut gelingt wie diese, steigen die Erwartungen. Keine leichte Aufgabe für das Wolfenbüttel-Team, dessen zahlreiche Helfer im Hintergrund abschließend auch einmal genannt und beklatscht wurden. Euch allen sei herzlich gedankt für diesen belebenden, erhebenden Höhepunkt im Jahr!
Annette Kopetzki