Fotos: Momentaufnahmen vom 8. Wolfenbütteler Gespräch
8. Wolfenbütteler Gespräch
vom 17. bis 19. Juni 2011
Zum achten Mal nun kamen sie, die Damen und Herren der Übersetzerzunft nebst einigen Lektorinnen, einzeln oder in Grüppchen, aus allen Himmelsrichtungen zum Wolfenbütteler Gespräch angereist. Spätestens in der Regionalbahn von Braunschweig nach Wolfenbüttel ballten sie sich unter allgemeinem Hallo. Noch lauter ging es dann in der Kommisse her, wo ab 13.00 Uhr zum Empfang bei Keksen, Heiß- und Kaltgetränken nicht nur die Tagungsmappen ausgehändigt wurden, sondern auch die magnetischen Namensschilder, die am Ende der Tagung unbedingt wieder abzugeben ein ins Auge stechender roter Zettel gemahnte. Als etwa zwei Stunden später ganz allmählich Ruhe im Saal einkehrte, eröffnete Luis Ruby, der 2. Vorsitzende des VdÜ, die Jahrestagung der Literaturübersetzer, die 2011 vom 17. bis 19. Juni stattfand.
Er dankte Susanne Höbel, Brigitte Jakobeit, Andreas Jandl, Karen Nölle und Michael Zillgitt für die Organisation der Tagung, und gab bekannt, dass Susanne Höbel künftig ihren Platz mit Elke Link tauschen wird, die zusammen mit Stefanie Jacobs diesmal für das Lesefest am Freitagabend zuständig war. Josef Winiger, der sechzehn Mal die von ihm ins Leben gerufene Übersetzerwerkstatt Französisch und Deutsch geleitet hat, überreichte er als Dank und Anerkennung für sein Engagement die Ehrengabe des VdÜ.
Nach einem launigen Grußwort des Wolfenbütteler Stadtrats Thorsten Drahn, der sich wie schon im Vorjahr vom Bürgermeister gern zu uns hatte schicken lassen, stand Berufspolitisches auf der Tagesordnung. Hinrich Schmidt-Henkel, der 1. Vorsitzende des VdÜ, gab einen kurzen Abriss über die Entwicklung unserer Honorarsituation und die Vergütungsverhandlungen mit den Verlagen seit der Novelle des Urhebervertragsrechts im Jahr 2002 und dankte den Kolleginnen und Kollegen, die es auf sich genommen haben, den Gerichtsweg zu beschreiten. Damit es auch wirklich alle begriffen, erklärte er immer wieder, dass die vom Bundesgerichtshof vorgegebenen Mindestsätze bei den Nebenrechtsbeteiligungen einen verbindlichen Rechtsanspruch darstellten. Zwar seien die Verträge im Schnitt heute besser, lägen aber trotzdem noch unter dem, was uns laut BGH zustehe. Er prangerte die Tricksereien verschiedener Verlage an und konstatierte, dass vor allem Verlage, die Nebenrechte im eigenen Haus verwerten, wenig Neigung zu Vergütungsverhandlungen zeigten, weshalb verstärkt das Gespräch mit jenen Verlagen gesucht werden soll, für die der Verkauf von Nebenrechtslizenzen wesentlich zur Refinanzierung beitrage. Jeder und jedem Einzelnen empfiehlt er nachdrücklich, sich über unser Recht schlau zu machen und zu versuchen, es z. B. mittels Vertragsanpassung und notfalls Klage durchzusetzen - der Verband stehe allen mit Rat und Tat zur Seite.
Die Glückwünsche an Burkhart Kroeber zum Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und an Andreas Tretner zum Internationalen Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt unterstrich die Versammlung mit kräftigem Applaus, ebenso die Grüße an den erkrankten Helmut Frielinghaus. An seiner Stelle hielt nun Burkhart Kroeber den Eröffnungsvortrag, in dem er anhand der schillernden Gestalt des Ermes Marana aus Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ ein literarisches Porträt des traduttore – traditore zeichnete und vorschlug, statt Hieronymus oder Sisyphos den griechischen Gott der Kaufleute und der Reisenden, der Diebe und der Betrüger, der Redekunst und der Wissenschaft Hermes, dessen Name mit dem Quecksilber ebenso verbandelt ist wie mit der Hermeneutik, zur mythologischen Leitfigur unseres Metiers zu küren.
Nach leiblicher Stärkung im Wok-In ging es am Abend zum traditionellen Lesefest in die Schünemannsche Mühle, wo Kolleginnen und Kollegen an vier verschiedenen Stellen geistige Nahrung boten. Die reichte vom „Tischlein, deck dich!“ im Mühlenfoyer, über „Scheidewege“ im Wintergarten im ersten Stock und „Komisches in der Religion“ im Wintergarten im zweiten Stock bis hinauf zum Theaterdach, wo etwas über die „Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten“ zu erfahren war. Bei diesem Lesereigen sollen sogar Einheimische gesichtet worden sein. Wie schon in den Jahren zuvor klang auch dieser erste Abend über dem gnadenlos rauschenden Mühlbach mit Gesprächen bei Wein und Wasser aus.
Am Samstagmorgen dann sah man sie, die Damen und Herren der Übersetzerzunft nebst einigen Lektoren, einzeln oder in Grüppchen, aus allen Himmelsrichtungen ihren Werkstätten zustreben. Im Ratssaal übten sie englisch Freischwimmen, ließen im Theaterdach den Körper erwachen und den Geist spielen, setzten sich im Schlossfoyer mit Fragen des Stils auseinander und lasen im Mühlenfoyer gekonnt vor, berieten in der Kommisse über Sparmaßnahmen, schlugen sich im Rathaus mit fremden Sprachen in der Fremdsprache herum, bloggten im Bürgermeisterzimmer und richteten im Fraktionsraum ihren Computer ein. Mittags trafen sie sich dann zum Laufen, plauschten in der Mühle, ließen sich durch die Stadt oder die Herzog-August-Bibliothek führen, oder sie entflohen dem Trubel und machten sich mit einem Mittagsschläfchen für den Rest des Tages fit. Nachmittags ging es nämlich im Mühlenfoyer mit Niederländisch und in der Kommisse „total plemplem oder hochgradig dement“ mit stilistischen Entscheidungen weiter; am runden Tisch im Rathaus wurde über Transkriptionspolitik und im Ratssaal über Ergonomie am Arbeitsplatz verhandelt, während man sich im Fraktionsraum weiter der Einrichtung von Computern widmete; im Theaterdach wollte man wissen, wer um Himmels willen Chick-Lit lese, aus dem Bürgermeisterzimmer drang es „Quietsch, bumm, zack!“ und im Schlossfoyer probten die Stimmgewaltigen „glockenhell hoch bis bodenlos tief“ für den musikalischen Rahmen der Feierlichkeit am Abend in der KuBa-Halle.
Diese begann mit Rücksicht auf knurrende Mägen eine halbe Stunde früher als bislang und stand im Zeichen der Weitergabe des Hieronymusrings von Ulrich Blumenbach an Karin Krieger. Nach einem „Jubilate“ des Chors rühmte der bisherige Ringträger seine „Hieronymustochter“ für das politische Standing in ihrer Auseinandersetzung mit dem Piper Verlag und ernannte das Ungeheuer von Loch Ness zu ihrem Symboltier. Als Trägerin des Hieronymusrings für würdig erachtete er sie jedoch wegen ihrer großartigen Übersetzungen aus dem Italienischen, in denen sie stets die Balance zwischen hohem Ton und Schwulst zu halten wisse. Ihre Demut gegenüber dem Original sei kein Ausdruck der Unterwürfigkeit, sondern resultiere aus Können und Selbstbewusstsein. Karin Krieger bekannte, das Leben habe sie gelehrt, dass es keine Vollkommenheit gebe und das Original stets unerreichbar sei. Einer guten Übersetzung dürfe der Kraftaufwand nicht anzumerken sein. Sie zürne jenen, die ihre Muttersprache missbrauchten und beschädigten, da dies auch zu einer Beschädigung des Denkens führe, sprach über die Macht und Ohnmacht der Wörter und las abschließend eine Passage aus Alessandro Bariccos „Land aus Glas“. Zum guten Ende wünschte der Chor „Guten Abend, gut’ Nacht“.
Bis es allerdings so weit war, dass alle unter die Deck’ schlupften, verging noch so manche Stunde. Schließlich hieß es vorher mit dem vom Hanser Verlag spendierten Sekt auf die neue Hieroymusringträgerin anstoßen, das wie gewohnt üppige Büffet stürmen, schmausen und süffeln und sich den vom bewährten DJ-Team Lang & Scheidt aufgelegten Rhythmen tänzerischen Ausdrucksformen hingeben.
Am Sonntagmorgen dann sah man sie wieder, die Damen und Herren der Übersetzerzunft nebst einigen Lektorinnen, einzeln oder in Grüppchen und mehr oder weniger munter, aus allen Himmelsrichtungen der Kommisse zuschleichen, um sich in guter Tradition zur Abschlussveranstaltung „Eine Autorin trifft ihre Übersetzer“ zu versammeln. Diesmal befragte Rosemarie Tietze als Moderatorin die argentinische Kollegin Isa Baricco und den bulgarischen Kollegen Ljubomir Iliev nach den Tücken der Übersetzung von Sibylle Lewitscharoffs in Bulgarien angesiedeltem Roman „Apostoloff“, worin uns in der Figur des Rumen erneut ein Hermes begegnete. Der Roman wurde in den Herkunftsländern der beiden erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aufgenommen. Aufs Tapet kamen Wortspiele wie Gemach, Gemächt, gemacht oder die sexuelle Konnotation eines religiösen Begriffs wie Hodigitria ebenso wie die leicht verschobene deutsche Idiomatik in „wie in den Wind sprechen“ und dialektal Eingefärbtes wie Herrgottzack, die Fülle von Schallverben, Vorsilben und Substantivierungen im Deutschen ebenso wie literarische Anspielungen auf Stifters „Witiko“ oder die „Häschenschule“. Sowohl Isa Baricco als auch Ljubomir Iliev lobten Sibylle Lewitscharoffs Offenheit für Übersetzungsprobleme und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Sibylle Lewitscharoff gab dieses Lob zurück und betonte, dass es ihr eine große Ehre sei, wenn sich jemand aus einer anderen Sprache über ihren Text beuge. Als Autorin müsse sie das Buch in die Welt entlassen, die damit mache, was sie wolle. Leser wie Übersetzer dürfen es frei interpretieren. Sie bescheinigte deutschen Übersetzungen allerdings eine gewisse Perfektionitis und forderte die versammelte Übersetzerzunft unter großem Applaus auf, sich bei der Arbeit durchaus Freiheiten zu nehmen und in erster Linie den Rhythmus eines Buches zu beachten, „weil der ans Herz geht“.
Zum Abschluss der Tagung dankte Hinrich Schmidt-Henkel allen Beteiligten, der Stadt Wolfenbüttel und der Bundesakademie für kulturelle Bildung. Katrin Harlaß bat die Kolleginnen und Kollegen, sich am Internationalen Übersetzertag am 30. September zu beteiligen und sich wegen Plakaten an sie zu wenden. Das nächste Wolfenbütteler Gespräch, zum dem das Organisationsteam gern Anregungen entgegennimmt, findet vom 15. bis 17. Juni 2012 statt.
Am Sonntagmittag dann sah man sie, die Damen und Herren der Übersetzerzunft nebst einigen Lektorinnen, einzeln oder in Grüppchen, dem Bahnhof zustreben, wo sie sich wieder ballten und spätestens in Braunschweig in alle Himmelsrichtungen zerstreuten.
Hedwig M. Binder