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von der Jahrestagung ]
Deutsch für Fortgeschrittene - Jahrestagung der Literaturübersetzer
in Wolfenbüttel 2005
"Ich habe lauter Leute vom Verein der Übersetzer
im Auto gehabt. Alles Dolmetscher! Und die können besser
Deutsch als die meisten Fahrgäste!", teilte ein
Wolfenbütteler Taxifahrer seine Verblüffung über
Funk den Kollegen mit – sehr zur Erheiterung anderer
taxifahrender Literaturübersetzer, die zur Jahrestagung
des VdÜ, dem in ver.di organisierten Verband deutschsprachiger
Übersetzer, vom 16. bis 18. September in die Lessingstadt
reisten. Die Übersetzer kamen gerne in das Fachwerkstädtchen
zurück, das ihnen bereits im Vorjahr gastfreundliche
Aufnahme geboten hatte, zumal sie in seinem literarischen
Patron auch einen Kollegen sehen können – Lessing
hat Diderot und Voltaire ins Deutsche gebracht. Außerdem
war er ein Vordenker und Vorkämpfer für ein modernes
Urheberrecht, worauf Gerlinde Schermer-Rauwolf, die Vorsitzende
des VdÜ, in ihrer Eröffnungsansprache hinwies. Ohne
faire und klare Regeln, so erlebte es der Dichter, der sich
in Wolfenbüttel seinen Lebensunterhalt als Bibliothekar
verdiente, zahlen die Verleger den kreativen Köpfen bloß
"einen traurigen Dukaten für den Bogen" und
machen die guten Geschäfte alleine. "Dieser Situation
ein Ende zu machen, ist ein Ziel unseres Verbandes",
erklärte Gerlinde Schermer-Rauwolf.
Im Mittelpunkt der Jahrestagung des VdÜ - glänzend
organisiert von Gertraude Krueger und ihrem Team, Thomas Gunkel,
Kristian Lutze, Nathalie Mälzer-Semlinger, Susanna Mende
und Claudia Steinitz - steht aber traditionell nicht die Berufspolitik,
sondern Fortbildung und Information. Am ersten Tag der dreitägigen
Veranstaltung stellten sich zwei "nichtliterarische"
Ü-Verbände vor. Barbara Böer Alves erläuterte
die Arbeit des BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und
Übersetzer e.V.), Frank Petzold und Anke Lutz berichteten
aus dem AdÜ (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer
in Norddeutschland e.V.). Auf großes Interesse stieß
der sich anschließende Vortrag von Dr. Alexander Geyken.
Er präsentierte das Projekt DWDS der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften, das Digitale Wörterbuch
der deutschen Sprache des 20. und 21. Jahrhunderts. Erstmals
werden zur Erschließung des deutschen Wortschatzes riesige
Textcorpora elektronisch durchsucht, die Ergebnisse auf vielschichtige
Weise abrufbar gemacht. Alexander Geyken eröffnete den
versammelten Übersetzern die verlockende Aussicht, in
nicht allzu ferner Zukunft bequem vom Arbeitsplatz online
auf die gesamte deutsche Sprache zugreifen zu können.
Am Abend boten die Übersetzer und Übersetzerinnen
Wolfenbüttel ein "Lesefest". Die Herzogstadt
zeigte sich aufgeschlossen, auch im Wortsinn, und öffnete
ihren historischen Fachwerk-Ratssaal dem Verbrechen - wenn
auch bloß in der domestizierten Variante der Krimilesung.
Für romantischere Seelen kam an anderem Ort Liebesprosa
und -lyrik zum Vortrag.
Am Samstag vertieften sich die Übersetzer in vielfältige
Spezialthemen und –probleme, wie sie bei der täglichen
Arbeit anfallen. Wer wollte, konnte beispielsweise im Seminar
den "konstruktiven Umgang mit Kritik" einüben,
wer sein Temperament nicht so zügeln mochte, wählte
vielleicht als Alternative den Workshop "Schimpfen und
Fluchen". Ein Baseball-Schiedsrichter half allen, die
schon einmal an der korrekten Übertragung der rätselhaften
Vorgänge auf einem amerikanischen "field of dreams"
verzweifelt waren, und eine leibhaftige Kriminalkommissarin
packte für die Krimiübersetzer ihren "Spusiko"
(Spurensicherungskoffer) aus. Andere versuchten sich sich
mit der Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf an der witzigen
Betextung von Sprechblasen.
Zum sonntäglichen Abschluß ging es dann noch
einmal um ein "Wörterbuch", diesmal in Form
der Novelle von Jenny Erpenbeck. Die Autorin sprach mit Ulrika
Wallenström und Renata Makarska, ihren Übersetzerinnen
ins Schwedische und Polnische. Wie findet man in einer anderen
Sprache ein Äquivalent für das diffuse Unbehagen,
das es bei einem Kind auslöst, wenn im deutschen Schlaflied
die Decke "mit Näglein bestickt" ist, auch
wenn damit eigentlich bloß "Nelken" gemeint
sind? "Der Text ist voll von begrabenen Hunden",
meinte Ulrika Wallenström – sie sorgfältig
umzubetten, das Alltagsgeschäft des Literaturübersetzens,
könnte man ergänzen. Literaturübersetzer betonen
oft, daß man dazu die eigene Sprache, die Zielsprache,
besonders gut beherrschen muß. Da wird was dran sein,
wenn es sogar den Taxifahrern gleich auffällt, daß
die Leute von diesem "Verein" besonders gut Deutsch
können. Und nach diesen drei Tagen in Wolfenbüttel
sicher noch etwas besser.
Thomas Wollermann
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