Zum Tod unserer Kollegin Angelika Gundlach

Am 18. August 2019 ist mit Angelika Gundlach eine der profiliertesten literarischen Übersetzerinnen des 20. Jahrhunderts plötzlich verstorben. Bekannt wurde sie vor allem für ihre hoch angesehenen Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen, besonders der Stücke von Norén, Ibsen und Strindberg. Der Rowohlt Theater Verlag schreibt in seinem Nachruf:

Angelika Gundlach, eine der profiliertesten Übersetzerinnen Deutschlands, ist völlig überraschend im Alter von 69 Jahren gestorben. Wir trauern um eine wunderbare Kollegin, die nicht nur mit ihren Neuübersetzungen der Stücke von Henrik Ibsen und August Strindberg die deutschsprachige Theaterlandschaft der letzten Jahrzehnte geprägt hat; für den Rowohlt Theater Verlag hat sie zudem fast alle Stücke des schwedischen Dramatikers Lars Norén ins Deutsche übertragen sowie zahlreiche Werke von William Shakespeare. In der Prosa war Angelika Gundlach die deutsche Stimme von so renommierten Autoren wie Per Olov Enquist, Peter Høeg, Jan Kjaerstad, Peer Hultberg, Olof Lagercrantz und vielen anderen mehr. 1996 wurde sie mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.
Unser Mitgefühl gilt Angelika Gundlachs Mann, dem Regisseur Heinz Kreidl, ihrer Familie und allen, die sich ihr – wie wir – verbunden fühlen.

Angelika und ich haben uns 1977 in Frankfurt bei den Skandinavisten in einem Seminar zur norwegischen Literatur kennengelernt. Angelika fiel sofort durch die makellose, strenge Eleganz ihrer Garderobe auf, das war in jenen Jahren an einer deutschen Universität sehr ungewöhnlich. Das Seminar lief über viele Semester, wir lasen die Klassiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mitunter übersetzten die Teilnehmerinnen zusammen. Es war bald klar, dass auch Angelikas Textinterpretationen und Übersetzungen makellos und elegant waren, sie spielte in einer ganz anderen Liga als wir anderen. Sie begann noch während des Studiums, als Übersetzerin für Suhrkamp zu arbeiten, ihre erste veröffentlichte Übersetzung war, wenn ich mich recht erinnere, Ibsens Puppenheim. Das war kein Zufall, ihre große Zuneigung gehörte immer dem Theater. In den vierzig Jahren ihrer Ehe hat ihr Mann Heinz Kreidl viele ihrer Übersetzungen in bemerkenswerten Inszenierungen auf die Bühne gebracht.

Angelika übersetzte von Anfang an „große Namen“ – Lars Norén, Olof Lagerkrantz, Per Olov Enquist und immer wieder August Strindberg. In den neunziger Jahren wurde sie Herausgeberin einer vielbändigen Gesamtausgabe seiner Werke im Suhrkamp Verlag, von der seinerzeit leider nur einige Bände erschienen.

Als ich ihr Anfang der achtziger Jahre einmal von einem amerikanischen Buch vorschwärmte, sagte sie sofort: „Das musst du übersetzen“, vermittelte den Kontakt zu Suhrkamp und steuerte mich freundschaftlich und kollegial durch die Klippen meiner ersten Übersetzung. Sie wurde auch auf einem anderen Gebiet zum Vorbild: Angelika baute ihre berufliche Existenz von Anfang an mit einer Professionalität auf, die heute in Seminaren unterrichtet wird, damals machte das niemand – außer ihr.

Wer ihr auf ihrem Weg zusah, begriff schnell, dass Übersetzen für sie nie etwas war, was sie „mal jetzt so“ machte, sondern ein wichtiger und beglückender Beruf, ein großer Lebensentwurf.

Ebba D. Drolshagen