Otto Bayer-Elwenspoek – genannt Ött

Keineswegs die Postpferde der Bildung – wie Puschkin sagte – seien die Übersetzer, sondern „Schindmähren der Kultur“, donnerte Otto Bayer in seiner zornigen Kampfschrift, die 1989 im Übersetzer und der VS-Zeitschrift Die Feder erschien und zum Mittelpunkt der ersten Übersetzer-Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse wurde. Für diesen Text hatte Otto Bayer Berichte von Kolleginnen und Kollegen über „besonders schmähliche Behandlung“ durch Verlage gesammelt und zusammengefasst.

Es war viel Bewegung in jenen Jahren. Das Übersetzen mauserte sich von einer Liebhabertätigkeit für „Freifräuleins beiderlei Geschlechts“ (O-Ton Otto Bayer) zur professionellen Tätigkeit, zum Beruf. Daran mussten sich Verlage genauso gewöhnen wie die Übersetzer/innen selbst. Und dazu brauchte es Innovationen und Aktionen, Kampf und Aufklärung.

Vieles von dem, was inzwischen selbstverständlich ist, wurde damals von den „drei großen Bs“, von denen eines Otto Bayer war – die anderen beiden waren Klaus Birkenhauer und Ursula Brackmann –, erdacht oder ausgeheckt und umgesetzt: Erste Fortbildungsseminare fanden in Straelen statt. Kolleginnen und Kollegen erinnern sich an lehrreiche und höchst unterhaltsame Übersetzungsseminare mit Otto Bayer, u.a. zum Thema Krimiübersetzen. In Berufskundeseminaren vermittelte er einer ganzen Generation von Übersetzerinnen und Übersetzern das praktische Einmaleins für den Berufsalltag. Und der „Meister der Zahlen“, der 20 Jahre lang Schatzmeister des Verbands war, führte die Honorarumfrage ein, deren wertvolle Ergebnisse Kolleginnen und Kollegen Orientierung für ihre Verhandlungen gaben.

Wir in Heidelberg erinnern uns daran, wie Ött 1982 unseren Übersetzerstammtisch gründete. In einer Zeit vor Internet und E-Mail war das der Ort, an dem wichtige Kontakte mit Kollegen geknüpft, Übersetzungsprobleme gewälzt und Erfahrungen im Umgehen mit Verlagen besprochen werden konnten. Obwohl nach eigener Auskunft „kein großer Kneipengänger vor dem Herrn“, setzte Ött unmerklich den, wie mir erst später klar wurde, notwendigen Rahmen für das alles: Er saß vor seiner Tasse Kaffee, wenn wir auftauchten, und blieb dort sitzen, als ruhender Pol inmitten des Geschnatters, mit freundlichem Blick in die Runde bis zum Ende des Abends, und verließ immer als Letzter das Lokal.

Eine unprätentiöse Kollegialität, Solidarität mit allen Übersetzerinnen und Übersetzern, ein klarer analysierender Blick auf die berufspolitische Situation und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, das fällt mir ein, wenn ich an Ött denke. Und seine Beständigkeit, die Unermüdlichkeit und manchmal auch der Ingrimm, mit denen er wichtige Ziele verfolgte!

Zum Übersetzer wurde Otto Bayer aus Unzufriedenheit mit dem, was er vorfand. „Das kann ich besser“, habe er sich bei der Lektüre schlecht übersetzter Krimiliteratur gesagt und es dann einfach selbst probiert. Dass er es tatsächlich besser konnte, zeigt sein Werk: Übersetzungen von etwa 35 Autoren, darunter viele, die inzwischen auch in Deutschland Klassiker sind, wie Dorothy L. Sayers, Patricia Highsmith, Muriel Spark, Alison Lurie, Evelyn Waugh und Agatha Christie.

Als ihm 1980 für seine Neuübersetzung der kompletten Werke von Dorothy L. Sayers der Literaturpreis der Stadt Stuttgart verliehen wurde, war Otto Bayer der erste Übersetzer, der für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Unterhaltungsliteratur mit einem Preis geehrt wurde. Auch hier befand er sich mitten in einem Durchbruch: allmählich schwand die deutsche Angst vor der Minderwertigkeit der U-Literatur. Qualitätskriterien begannen Vorurteile aufzuweichen.

Das Preisgeld, so berichtet sein Sohn, erlaubte es Ött, sich endlich eine Reise in die USA zu finanzieren. Wie wichtig es damals für einen Übersetzer war, das Land der Ausgangssprache mit seinen Realien live entdecken zu können, ist heute, da das Internet von jedem Computer aus die Welt erschließt, kaum mehr vorstellbar. Damals waren Reisestipendien für Übersetzer/innen eine Innovation. Otto Bayer hat sie mit initiiert.

Sein eigenes Übersetzen als Brotberuf, mit dem er eine Familie ernährte, hat Otto Bayer sich nüchtern und logisch eingerichtet. Um die arbeitsaufwendige und somit schlecht honorierte Literatur übersetzen zu können, die ihm am Herzen lag, widmete er eine bestimmte Anzahl von Tagen im Monat dem Geldverdienen: mit dem Übersetzen von weniger anspruchsvollen Texten des fair honorierenden Vertragspartners Readers Digest.

Ein einmaliges Modell gelang ihm später mit dem Diogenes-Verlag, für den er die meisten Bücher übersetzte, und von dem sehr geschätzt wurde: Mit ihm konnte er einen Vertrag aushandeln, der ihm über mehrere Jahre ein festes Monatsgehalt sicherte.

Nach dem Tod seiner zweiten Frau, der Donna-Leon-Übersetzerin Monika Elwenspoek, wurde es stiller um Otto Bayer. Nach einem Jahr, in dem er nichts übersetzt hatte, um sich ganz Monika und ihrer Pflege zu widmen, war sein Name offenbar bei den Verlagen in Vergessenheit geraten – es kamen keine neuen Aufträge. Zu diesem Zeitpunkt mochte er, schon in seinen Siebzigern, „keine Klinken mehr putzen“, um dann doch nur unwürdige Bedingungen diktiert zu bekommen.

Eine schwere Herzerkrankung zwang ihn vor einigen Jahren zu täglicher Medikamentierung, nicht lange danach erkrankte er an Parkinson. Unter dieser Erkrankung hat er sehr gelitten. Die eigenen Fähigkeiten schwinden zu sehen, Worte nicht mehr sagen zu können und den Zugriff auf die Sprache verwehrt zu sehen, muss für ihn, den Sprachwerker und Künstler der Sprachfindung unsäglich schmerzlich gewesen sein.

Am 8. Dezember 2018 verstarb Otto Bayer-Elwenspoek fast 81-jährig in Tübingen.

Für uns gibt es glücklicherweise seine Sprache noch in Form seiner Werke, von denen viele immer wieder aufgelegt werden und lieferbar sind.

Helga Pfetsch